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Ansprache von Bundespräsident Richard von Weizsäcker bei einem Abendessen, gegeben von Königin Beatrix und Prinz Claus im Königlichen Palais Op de Dam

Ihr freundliches Willkommen, Ihre so persönlichen Worte der Begrüßung, Majestät, haben uns sehr berührt. Meine Frau und ich danken Ihnen herzlich dafür.

Ihr erster großer Staatsbesuch galt unserem Land. Diese Geste ist bei uns unvergessen. Um so glücklicher bin ich, daß Ihre liebenswürdige Einladung meiner Frau und mir die Gelegenheit gibt, in meinem ersten Amtsjahr unsere niederländischen Nachbarn zu besuchen, mit denen wir uns so eng verbunden fühlen.

Wir freuen uns über das Wiedersehen mit Ihnen, Majestät, und mit Prinz Claus. Wir sind dankbar dafür, daß wir mit Ihnen und Ihren Landsleuten Gespräche über die Fragen führen können, die den politischen und gesellschaftlichen Tagesthemen in Europa zugrunde liegen - notwendige Gespräche unter Nachbarn, die in so vielem aufeinander angewiesen sind.

Wir leben in einer Welt, in der uns ferne Völker immer näher rücken, in der wir, wie ich glaube zu Recht, immer tiefer in weltweite Aufgaben und Verantwortung hineinwachsen. Ihr Land hat dabei immer eine Vorreiterrolle in Europa gespielt. Wir erfahren aber gleichzeitig, daß wir - im Leben der Völker wie der Bürger - unsere eigentliche Kraft aus dem Umgang mit unseren Nachbarn schöpfen.

So erleben Deutsche und Niederländer täglich, was ihre Zusammenarbeit für ihren wirtschaftlichen Wohlstand bedeutet, für die Bewältigung ihrer politischen und sozialen Probleme, für ihre kulturelle Entwicklung. Sie haben ein solides Fundament gutnachbarlicher Beziehungen gelegt. In allen Lebensbereichen arbeiten sie vertrauensvoll zusammen. Sie haben damit auch den Boden bereitet, auf dem Freundschaft wächst.

Vielleicht ist es charakteristisch für die enge deutsch-niederländische Partnerschaft, daß man wenig über sie redet und um so selbstverständlicher mit ihr lebt. Das entspricht der bewährten niederländischen Tradition, die sich an Taten orientiert, nicht an Worten.

Wir wissen in Deutschland sehr wohl, wie wenig selbstverständlich es war, daß diese gute Nachbarschaft aufgebaut werden konnte.

Am 8. Mai dieses Jahres haben wir bei uns des Tages gedacht, an dem vor 40 Jahren der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Wir Deutschen werden die Wunden nicht vergessen, die von Deutschen unseren Nachbarn zugefügt wurden. Wir denken daran, wie das Völkerrecht mit Füßen getreten, Menschen verfolgt, in ihrer Würde verletzt und deportiert wurden, wie viele den Tod fanden.

Wir sind uns wohl bewußt, wie lange die Folgen der schweren Zeit schmerzen. Wir wissen, welche Rolle sie in einer eindrucksvollen und vielgelesenen Gegenwartsliteratur Ihres Landes spielen - einer Literatur, von der ich mir wünschen würde, daß mehr von ihr in deutscher Übersetzung zu lesen wäre.

Wir wissen, welchen Rang die Erinnerung für die Gegenwart hat. Vor dem Hintergrund der Vergangenheit gibt es um so mehr Grund zur Dankbarkeit und zur deutlichen Hervorhebung dessen, was in den letzten Jahrzehnten erreicht wurde. Die gemeinsame Vision eines vereinten Europa hat den Aufbau unserer Beziehungen nach dem Krieg politisch ermöglicht und menschlich entscheidend gefördert. Deutsche und Niederländer haben die Chance genutzt, die das Atlantische Bündnis und die Europäische Gemeinschaft zwei Nachbarvölkern bietet. Die multilaterale Gemeinschaft und die bilaterale Partnerschaft ergänzen und stärken einander.

Eine gute Nachbarschaft ist entstanden, die die beiderseitigen Interessen in einen politischen und wirtschaftlichen, einen sozialen und geistigen Sinnzusammenhang stellt. Dies gilt für die großen europäischen Ziele ebenso wie für die tägliche Praxis im grenznahen Bereich, die ich im Anschluß an das offizielle Programm zu meiner Freude bei Groningen am Samstag erleben werde.

Beide Völker wissen, daß sie voneinander lernen können, wenn es um die sich ständig wandelnden Herausforderungen der modernen Industriegesellschaft geht. Es wird immer selbstverständlicher, über die Grenzen zu blicken, um zu sehen, was man beim Nachbarn im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit macht, was man über Neuverteilung von Lohnarbeit, Eigenarbeit und Freizeit denkt, wie man das Zusammenwachsen mit Ausländern beurteilt, wie man des Drogenmißbrauchs Herr wird, welche ethischen und sozialen Antworten man auf revolutionäre Neuerungen in Wissenschaft und Technik braucht.

Es ist ein Austausch der Ideen und Erfahrungen nicht nur unter Parlamentariern, unter Regierungsmitgliedern, sondern auch unter Bürgern aller Schichten und Berufe, vor allem unter Jugendlichen.

Je enger die Zusammenarbeit wird, desto deutlicher stößt man auf die Eigenheiten des Nachbarn, auf seine geschichtlichen Erfahrungen, seine kulturellen Reichtümer, seinen sozialen Charakter.

In Ihrem Lande, Majestät, kann man lernen, wie ernst seine Bürger den Rechtsstaat nehmen, aber noch ernster den Gerechtigkeitsstaat. Bei Ihnen gibt es eine ausgeprägte Erfahrung mit Bürgerinitiativen und sozialem Protest. Der Nonkonformist wird geachtet, auch wenn er radikale Überzeugungen vertritt. Es gibt wenig Verherrlichung und daher auch wenig Verachtung des Staates.

Die niederländische Gesellschaft verfügt über eine große moralische Kraft. Nicht durch Meinungseinheit ist sie zur Solidarität befähigt, sondern durch Aktivität und Toleranz. Es ist keine bequeme, aber eine gewissensbezogene Gesellschaft, in der sich glaubwürdige Lebensformen Respekt verschaffen. Holland, so konnte Hellmuth Plessner sagen, "glaubt an die Verträglichkeit von Vernunft und Barmherzigkeit".

Das ist ein großes Erlebnis für seine Nachbarn, so wie die Kultur der Niederlande uns von jeher in ungewöhnlichem Maße bereichert hat: mit ihrer unvergleichlichen Malerei, mit ihren Zentren der Wissenschaft, mit der Universität Leyden, diesem Ruhm Europas, mit dem von Hugo Grotius geprägten Völkerrecht, mit dem tiefen Einfluß Spinozas auf Lessing, Goethe und den Geist in Deutschland, aber auch mit seinem entscheidenden Einfluß auf die ökumenische Bewegung in der Christenheit; ich nenne nur den von mir hochverehrten Willem Visser't Hooft. Und erlauben Sie mir, Majestät, ganz persönlich hinzuzufügen, daß meine Lieblingsfrauengestalt in der deutschen Dichtung, die edle Natalie im Kleist'schen Drama des Prinzen von Homburg, einem Vorbild des Hauses Oranien, entnommen ist.

Ihr Land, Majestät, tritt nicht durch geographische Weite hervor, aber als eine Großmacht des europäischen Geistes, im religiösen, künstlerischen und wissenschaftlichen, ebenso wie im technischen und wirtschaftlichen Sinn. Wir alle verdanken ihm viel, mehr als mancher bei uns weiß. Im letzten Jahr erschien in Deutschland ein Buch unter dem Titel "Das unbekannte Holland" - vielleicht nicht ohne Grund. Möge dieses Buch und möge auch dieser Besuch ein Beitrag dazu sein, daß nicht die Lektüre des Buches, aber der Buchtitel bei uns allmählich seine Berechtigung verliert.

Es gibt eine weitere, für uns alle wichtige Qualität der Niederländer: ihre architektonische Stadtkultur, die Art und Weise, wie sie es fertigbringen, durch Bauen menschlichen Zusammenhang herzustellen, Häuser aneinander zu reihen, ohne dabei zu vergessen, in Häusern mit zwei Stockwerken, das obere mit eigener Treppe, direkt und unabhängig, zugänglich zu machen. Das ist ein gutes Modell für Europa: zusammenzuwachsen, ohne den Reichtum der Vielfalt aus dem Auge zu verlieren.

Ein "Europa grauer Einförmigkeit", vor dem Sie, Majestät, vor drei Jahren in Bonn mit Recht gewarnt haben, wird es nicht geben. Unsere Erfahrung in der Gemeinschaft und in den deutsch-niederländischen Beziehungen zeigt: Die Einigung Europas braucht neben den Baumeistern auch Gärtner, die behutsam umgehen mit lebendigen Überlieferungen.

Diese Einsicht verlangt viel Wissen und viel Erfahrung im Umgang mit den Nachbarn und nicht nur europäische Überzeugung und guten Willen. Deshalb wäre es gut, an unseren Universitäten die systematische Beschäftigung in Forschung und Lehre mit dem Nachbarland zu fördern. Der Austausch junger Menschen zwischen unseren Ländern sollte zunehmen. Es ist zwar nützlich, aber es genügt nicht, wenn unsere jungen Leute parallel zueinander nach Amerika fahren. Ein Europäer wird man erst durch eigene gründliche Erfahrung mit einem europäischen Partnerland, mit seiner Sprache, seiner Kultur, seiner Politik.

Da wir Nachbarn sind, sind wir in der glücklichen Lage, daß sich vieles unmittelbar zwischen unseren Schulen und Universitäten regeln läßt, vermutlich mit verhältnismäßig geringem Aufwand. Wir sollten alles tun, damit unsere Kinder die Sprache des Nachbarlandes lernen können, die ihnen den Zugang zu dessen geistiger Tradition öffnet.

Die Einigung des freien Europa ist das hohe Ziel der nationalen Politik unserer beiden Länder. Fortschritte sind dringend nötig.

Die Niederlande bringen Entscheidendes in die Europäische Gemeinschaft ein: - die Solidität einer alten bewährten Demokratie, - den kritischen Geist einer wachen Öffentlichkeit, - die Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Anderslebenden, - historisch gewachsene weltweite Verbindungen und eine Weltoffenheit, die das Bewußtsein für die Probleme der Dritten Welt geschärft hat, - eine geistige Atmosphäre, von der Johan Huizinga meinte, sie mache die Niederländer zur skeptischen Kritik, aber auch zur Pflege hoffnungsvoller Gedanken besonders geeignet.

"Europa", so hatte Ihr mutiger und weitsichtiger Landsmann Hendrik Brugmans auf dem Haager Kongreß der Europäischen Bewegung im Mai 1948 gesagt, "das ist die Philosophie derjenigen, die sich nicht gleichschalten lassen, das ist die Welt der Menschen, die ständig mit sich selbst im Kampf liegen, wo keine Gewißheit als Wahrheit hingenommen wird, wenn sie nicht ständig von neuem entdeckt wird ... Überall wird das Banner Europas das Banner der Freiheit sein".

An diesen Maßstäben werden uns unsere Nachfahren in Europa messen. Mögen wir uns vor ihnen bewähren!

Meine Damen und Herren, ich erhebe mein Glas und trinke auf das Wohl Ihrer Majestät, auf das Wohl Eurer Königlichen Hoheit, auf das Wohl der Königlichen Familie und auf eine glückliche Zukunft Ihres ganzen Volkes in einem Europa, das uns miteinander vereint.