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Weihnachtsansprache 1985 von Bundespräsident Richard von Weizsäcker

Heute wende ich mich an Sie, liebe Landsleute in der Nähe und in der Ferne, und grüße Sie herzlich zu Weihnachten.

So wie in den Kirchen, so sind auch in vielen Wohnungen Krippen aufgebaut. Der Christ sagt: Gott ist Mensch geworden. Er kommt zu uns in Liebe: Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Er schaut auf uns durch ein Kind.

Jedes Kind blickt uns an und fragt: Was werdet Ihr aus mir machen? Habt Ihr Platz für mich? Heute? Und später im Leben, in der Schule, der Ausbildung, im Beruf? Oder laßt Ihr mich draußen? Nehmt Ihr mich wie ich bin, oder wollt Ihr mich umformen nach Euren Vorstellungen? Hinterlaßt Ihr mir eine Welt, in der ich leben kann? Werdet Ihr dem Frieden dienen? Werdet Ihr vielleicht meinetwegen unter Euch Frie­den halten?

Zahlreiche Kinder und Jugendliche schreiben mir im Laufe des Jahres, und so etwa verstehe ich ihre Fragen. Was halten wir für sie bereit?

Meine Frau und ich treffen das ganze Jahr über mit vielen Menschen in allen Teilen des Landes zusammen. Diese Begegnungen sind für uns besonders wichtig. Sie geben uns nicht nur reichen Grund zur Dankbarkeit für die herzliche Aufnahme, sondern sie lassen uns immer wieder Zuversicht gewinnen. Denn viele Erfahrungen bestätigen denselben Eindruck:

Die meisten unserer Bürger nehmen sich ihrer Mitmenschen an. Sie helfen den Nachbarn, den Einsamen oder Pflegebedürftigen. Sie finden sich in zahlreichen Initiativen und Vereinen zusammen. Sie sind aktiv in der Selbsthilfe und in der Zuwendung zu anderen. Sie wissen, wie gut es uns geht, zumal wenn sie auf die Not in der Welt blicken. Um so mehr kommt es uns zu, nicht nur die eigene Bequemlichkeit zu suchen, sondern für andere dazusein.

Unsere Türen sollten offenstehen, wenn angeklopft wird. Denken wir, heute an Weihnachten, einmal an die Obdachlosen. Auch die Heilige Familie war obdachlos, "denn sie hatten keinen Raum in der Herberge". Unsere Obdachlosen sind keine Heiligen. Aber es sind 100 000 Menschen, und es werden zur Zeit immer mehr, mit einem wachsenden Anteil an Frauen und Jugendlichen.

Sind das alles Penner, Stadtstreicher, Faulenzer, die selbst daran schuld sind?

Gewiß ist jeder für sein Leben verantwortlich. Aber viele von ihnen haben ohne eigene Schuld kein Zuhause. Viele warten vergeblich auf Arbeit vor Betrieben, in denen man zwar viele Überstunden macht, aber keine Arbeitsplätze für die schafft, die draußen stehen. So verlieren sie allmählich den menschlichen Anschluß.

Um so wichtiger ist es, daß wir nicht fortfahren damit, einen Bogen um sie zu machen und sie auszusperren. Jeder sollte immer wieder seine Chance bekommen. Jeder Mensch ist der Einmalige, der Unverwechselbare oder, wie es im christ­lichen Glauben heißt, der persönlich von Gott Gerufene. Jeder Mensch hat sein Recht. Seine Würden ist unantastbar und unabhängig von Erfolg oder Mißerfolg.

Das ist auch der Kern dessen, was wir unter Frieden verstehen. Einstimmig haben die Vereinten Nationen das kommende Jahr 1986 zum Internationalen Friedensjahr erklärt. Ihre Botschaft wendet sich an die Mächtigen der Welt - und an jeden von uns.

Zum Frieden gehören das Schweigen der Waffen im Atomzeitalter, die Verminderung der Waffen und Waffenexporte, die humanere Verwendung unserer Mittel. Das ist schon schwer genug, aber es reicht nicht aus. Es geht darum, Frieden nicht nur zu fordern und zu sichern, sondern Frieden zu geben, also das Antlitz des Mitmenschen zu achten, sein Recht auf sein eigenes Leben zu schützen.

Seit über 23 Jahren sitzt Nelson Mandela im Gefängnis, weil er, entgegen den in Südafrika herrschenden Gesetzen, dafür eintrat, daß alle Menschen vor Gott und dem Recht gleich sind. Es wird, um des Friedens willen, Zeit, ihm die Frei­heit zu geben.

Ich hoffe, daß der schwerkranke Andrej Sacharow, den ich kenne und hoch achte, bald die Gelegenheit bekommt, sich in die Behandlung der Ärzte seines Vertrauens begeben zu können. Er ist ein Freund des Friedens und eine Hoffnung für uns alle.

Ich möchte aber auch von einem ganz anderen Thema berichten, über das ich vor ein paar Tagen auf einem Weihnachtsmarkt mit Berlinern Mitbürgern sprach.

Die Rede war von Rudolf Heß im Spandauer Gefängnis. Er war wahrscheinlich kein Kämpfer für Menschenrecht und Freiheit. Als Hitlers Stellvertreter wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Das entspricht unserem Rechtsempfinden. Doch nun verbüßt er seine Strafe seit 44 Jahren. Er ist ein 92-jähriger Greis. Er hat keine irdischen Hoffnungen mehr. Welchem Gefühl, welchem menschlichen Wert soll so ein Strafvollzug noch dienen?

In der Hitlerzeit gab es keine Gnade. Und heute? Barmherzigkeit würde das Urteil über begangene Untaten nicht aufheben, sondern nur noch bekräftigen.

"Gnade ist die Stütze der Gerechtigkeit", so sagt es ein tiefes und großherziges russisches Sprichwort. Sie sollte ihm zuteil werden im Friedensjahr 1986.

Wir denken an die Menschenrechte überall in der Welt - auch bei uns in Europa. Die Teilung lastet auf Berlin, auf unserem Land und auf unserem Kontinent. Zu Weihnachten gehen unsere Gedanken vor allem zu den Deutschen auf der anderen Seite.

Ich grüße sie von ganzem Herzen. Wir wollen auf beiden Seiten beitragen, den Grenzen ihren trennenden Charakter für die Menschen zu nehmen, so wie es vor zehn Jahren in Helsinki von allen Regierungen bekräftigt wurde.

Politisch gehört dazu, weder blind zu vertrauen noch Feindbilder zu pflegen. Wir wollen nicht gesundbeten und nicht verteufeln. Wir müssen zu unseren Werten, zu unserem Bild vom Menschen und seinen Rechten stehen.

Wir dürfen Menschenrechtsverletzungen nicht verschweigen, nur um die Atmosphäre eines politischen Gesprächs zu er­leichtern. Aber es geht nicht darum, sich moralisch zu entrüsten oder ideologische Fronten zu pflegen, die nur abgrenzen. Es gilt, unseren Grundsätzen mit Vernunft und Humanität zu dienen. Geduldige Vertrauensarbeit ist vonnö­ten.

Jeder Besuch über Grenzen hinaus, jedes Gespräch kann dazu bei­tragen. Wir wollen uns nicht mit Prinzipien gegenseitig ausgrenzen, sondern über die Praxis miteinander sprechen. Die Menschen drüben sind uns für jeden Beitrag zur Entspannung dankbar. Darin sehen sie für sich selbst die beste Chance. Das sollten wir immer wieder ernst nehmen.

Die Sehnsucht nach Frieden ist tief im Herzen der Menschen verwurzelt. Die vielen Zeichen der Friedlosigkeit in der Welt ver­stärken sie nur. Die Weihnachtsbotschaft stützt sich nicht auf Angst, sondern auf Vertrauen, auf Hoffnung und Liebe. In der Liebe ist mehr Kraft als in irgendeiner anderen Macht. Jeder Mensch kann sie erfahren, sie einem anderen zugänglich machen. Sie ist der Frieden.

Meine Frau und ich wünschen Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest!