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Weihnachtsansprache 1986 von Bundespräsident Richard von Weizsäcker

Weihnachten, liebe Landsleute in der Nähe und in der Ferne, ist zunächst ein religiöses Fest. In Kirchen und in vielen Wohnungen sind Krippen aufgebaut. Wir feiern die Geburt eines Kindes in seiner Familie. Für den gläubigen Christen ist es die Geburt des Erlösers in der heiligen Familie.

Bei uns herrscht Glaubensfreiheit. Jeder folgt seinen persönlichen Überzeugungen. Doch unser Familienverständnis ist, ob wir uns dessen bewußt sind oder nicht, christlich geprägt. Die Menschen haben sich ein Bild gemacht von der Geburt, wie sie im einfachen und einzigartig schönen Weihnachtsevangelium beschrieben ist.

Das Bild ist zum Vorbild geworden. Und so feiern wir zu Weihnachten die Geburt Jesu und zugleich das Fest der Familie.

Über die Feiertage reisen viele Menschen zu ihren Eltern und ihren Kindern. Zu Weihnachten empfinden wir besonders stark, wie eng wir in der Familie zusammengehören und was wir ihr verdanken.

Ist dies nur ein Festtagsgefühl? Ich glaube es nicht. Die Familie ist ganz gewiß keine Sonntagsveranstaltung, kein Paradies. Ihre eigentliche Probe besteht sie in den Sorgen und Nöten des Alltags.

So sollte uns das Familienbild der Weihnachtsbotschaft nicht dazu verleiten, die Familie und die Ehe zu idealisieren. Beide müssen sich in der Welt von heute bewähren, und das ist gar nicht leicht.

In früheren Zeiten sprachen die Eltern und Familien ein ganz gewichtiges Wort mit, um eine Ehe zustande zu bringen. Die Erwartungen der Brautleute an die Ehe waren oft weniger hochgespannt, vielleicht wirklichkeitsnäher. Heute sind die Beziehungen der Menschen freier, vor allem auch bei der Wahl eines Ehepartners. Das ist ein großes Glück, mit dem wir sorgfältig umgehen müssen.

Freiheit erfordert Verantwortung und Reife. Wer den Himmel auf Erden erwartet und den idealen Menschen als Partner sucht, muß lange warten. Oder er wendet sich in der Ehe nach den ersten Enttäuschungen ab. Die hohe Zahl der Scheidungen zeigt es an.

Es ist auch eine Gefahr, wenn Gesellschaft, Werbung und manche Medien ein Ehe- und Familienbild als reine Freizeitpartnerschaft vermitteln. Gewiß, Übereinstimmung beim Hobby ist etwas Schönes. Nur reicht sie nicht aus, um Krisen zu überstehen. Wer sich mit einem anderen Menschen fürs Leben verbindet, muß wissen, daß er arbeitslos oder krank werden kann oder daß er Fehler macht. In solchen Belastungen, von denen kaum ein Leben verschont bleibt, zeigt sich erst der tiefe Wert der Familie. Jeder Mensch hat seine Stärken und Schwächen. Jeder stößt an Grenzen. In der Familie hat er die Chance, so angenommen zu werden, wie er ist - mit allem Licht und Schatten.

Leicht ist das nicht. Es gibt keine konfliktfreie Familie, keine problemlose Ehe. Sie sind mit Schwierigkeiten, Mühen und Opfern angefüllt. Gerade deshalb spürt jeder natürlich empfindende Mensch - ob Alt oder Jung - Zuneigung und Achtung vor einem alten Ehepaar: zwei Menschen haben in ihrer Ehe die Probe des Menschlichen bestanden.

Auch für Kinder ist es nicht leicht. Unsere Gesellschaft ist nicht kinderfeindlich, aber oft kinderentwöhnt. Es gibt große Gebäude für Schulen und Krankenpflege, jedoch zumeist recht kleine Familienwohnungen. Früher war es die beste Altersversorgung, viele Kinder zu haben. Heute sind wir froh, eine Sozialversicherung zu besitzen, die für das Alter sorgt.

Aber Kinder zu haben, darf deshalb doch heute nicht zu einem Luxus werden, den sich nur Besserverdienende leisten können. Dem Wohlstand der Gesellschaft darf nicht die Familie mit Durchschnittseinkommen gegenüberstehen, die zum Sozialfall wird, wenn sie mehrere Kinder hat.

Der Staat hat keine Bevölkerungspolitik zu betreiben. Es geht nur um die Freiheit, sich ohne wirtschaftliche Not für Kinder entscheiden zu können. Nach unserem Menschenbild steht nicht die Gesellschaft im Vordergrund, sondern das Kind. Auch das ist eine Botschaft der Weihnachtsgeschichte.

Jung und Alt machen in der Familie wichtigste Erfahrungen fürs Leben. Kinder empfangen Liebe und Vertrauen, sie lernen Rücksicht. Ihr Gedächtnis an die Kindheit bleibt lebenslang frisch. Es erinnert sie stets mit Gewißheit daran, was gut und böse, wahr und unwahr ist.

Auch die Älteren können ständig lernen. Ihre besten Erzieher sind ihre eigenen Kinder. Geben und Nehmen ist für alle die Grundlage des familiären Zusammenlebens.

Die Älteren erweitern ganz allgemein ihren Horizont in der Auseinandersetzung mit der heranwachsenden Generation. Sie gewinnen wichtigste Einsichten in die Gegenwart und Zukunft, zum Beispiel in den Umweltschutz: "Wir haben die Natur von unseren Eltern geerbt. Wir haben sie aber auch von unseren Kindern geliehen." Wer Kinder hat, versteht ganz gut, was gemeint ist.

Die Entwicklung der Geburtenrate wird auch von der Zuversicht in die Zukunft beeinflußt und damit von den Fragen der sogenannten großen Politik.

- Wie steht es mit den Chancen für Ausbildung und Beruf?
- Kann es uns gelingen, die Umwelt, Natur und Schöpfung zu schützen und zu bewahren?
- Wie sind die Aussichten auf ein friedliches Zusammenleben mit unseren Nachbarn in jeder Himmelsrichtung?

Alle diese Fragen finden sich auch in ganz privaten Familienentscheidungen wieder.

Schwierig ist es vor allem oft für die Frauen. Mit Recht wollen sie in Ausbildung und Beruf nicht zurückstehen. Aber sie wollen sich nicht zu einer Wahl zwischen Beruf oder Familie gezwungen sehen. Entscheiden sie sich für beides, dann tragen sie, so wie sich unsere Gesellschaft entwickelt hat, nach wie vor in unzumutbarer Weise die Last.


Arbeitsteilung, Teilzeitarbeit und Chancen zur Berufsrückkehr nach längerer Familienpause sind immer noch unzureichend. Es gilt, nicht nur das Leben in der Familie den Anforderungen der Arbeitswelt anzupassen, sondern vor allem umgekehrt die Arbeitswelt so zu gestalten, daß sie das Familienleben nicht in die Ecke drängt.

Es wird Zeit, besser verstehen zu lernen, daß es Arbeit auch außerhalb der beruflichen Erwerbsarbeit gibt, vor allem die Familienarbeit. Wir sollten Abschied nehmen von der Vorstellung, als wäre unser ganzes Gemeinwesen lediglich eine Erwerbsgesellschaft, als wäre die Erwerbswelt unser ganzes Leben. Damit wird nur ein Ausschnitt des menschlichen Zusammenlebens erfaßt. Und außerdem benachteiligt es unaufhörlich die Frauen.

Unglaublich viel Gutes geschieht in den Familien. Ist uns bewußt, daß ungefähr 90 Prozent der alten oder pflegebedürftigen Menschen nicht erwerbsberuflich betreut werden, sondern von ihren Angehörigen? Weiß man, daß diese selbstlose Pflegeleistung ganz überwiegend von Frauen erbracht wird, von Müttern, Schwestern, Töchtern und Schwiegertöchtern?

Sie tun es aus Zuneigung und fürsorglicher Verantwortung. Nach Entgelt wird nicht gefragt. Sie wollen nicht die Arbeit in der Familie den Grundsätzen des Erwerbslebens anpassen. Aber die Belastungen müssen zumutbar bleiben. Vor allem für die eigene soziale Sicherung muß gesorgt werden.

Nicht die allein vorherrschende Erwerbsgesellschaft, sondern die Verbindung von Beruf und Privatleben entspricht

dem menschlichen Bedürfnis. Sie wird gelingen, wenn die Frauen besser entlastet werden, die Männer sich stärker an den Familienaufgaben beteiligen.

Familien wollen nicht bevormundet werden. Was sie brauchen, ist unterstützende Hilfe. Ganz besonders Alleinstehende, alleinerziehende Mütter und Väter sind darauf angewiesen.

Die Familie ist immer wieder schweren Belastungen ausgesetzt. Und doch erweist sie sich stets von neuem als wichtigste Quelle unserer Kraft. In ihr lernen wir die Probe des Lebens bestehen. Daraus kann menschliches Glück erwachsen. Es wird größer, wenn man es mit anderen teilt.

So möge das Fest der Familie, das wir heute feiern, allen etwas geben - auch denen, die nicht in einer Familie leben können oder wollen.

Ich grüße alle deutschen Landsleute, wo immer sie leben. Mein Gruß gilt unseren Nachbarn in Nord und Süd und Ost und West. Meine Frau und ich wünschen Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest.