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Weihnachtsansprache 1989 von Bundespräsident Richard von Weizsäcker

In der Weihnachtsgeschichte beginnt der Engel seine Freudenbotschaft mit den Worten: Fürchtet Euch nicht! Die Hirten auf dem Felde bei Bethlehem haben Angst vor dem überwältigenden Licht.

Auch wir heutigen Menschen wissen, wie es ist, von Freude und Furcht zugleich ergriffen zu sein. Was wir in diesen Tagen in Europa und in Deutschland miterleben, ist keine Botschaft des Himmels, sondern das Werk friedlicher und tapferer Menschen. Es ist etwas, das wir herbeigesehnt und doch nicht erwartet hatten. Es drängt uns zu neuem Denken und verantwortlichen Handeln. Da ist es gut, im Lichte von Weihnachten innezuhalten, die tiefe Freude zu empfinden und auf die Worte zu hören: Fürchtet Euch nicht.

In wenigen Tagen gehen die achtziger Jahre zu Ende. Erinnern wir uns noch, wie sie begannen? Einmarsch in Afghanistan, Kriegsrecht in Polen, Aufrüstung und Nachrüstung in Ost und West mit ihren Gefahren für den äußeren und inneren Frieden.

Nun gehen wir unter dem Eindruck bewegender menschlicher Erlebnisse und großer Aufgaben in die letzte Dekade unseres von so viel Schrecken und Leid geprägten Jahrhunderts. Werden wir die Kraft haben, ihm einen guten Abschluß zu geben?

Weihnachten 1989 steht für uns Deutsche im Zeichen tiefer Freude und Dankbarkeit. Jahr für Jahr haben meine Vorgänger und ich in den Feiertagen unsere Landsleute drüben nur über den Äther hinweg grüßen können. Heute sind Familien und Freunde selbst zusammen. Für eine ganze Generation war dies unvorstellbar geworden. Nun ist es Wirklichkeit, und es bewegt unsere Herzen.

Solange ich denken kann, habe ich nie zuvor wie dieses Mal erlebt, daß buchstäblich die ganze Welt Anteil nimmt an unserer Freude des Wiedersehens. Die Aufmerksamkeit, die uns Deutschen galt, war zu meinen bisherigen Lebzeiten oft von anderen Gefühlen begleitet. Und auch heute tun wir gut daran, die Maßstäbe unserer Nachbarn nicht aus den Augen zu verlieren. Aber was wir in diesen Tagen am Brandenburger Tor in Berlin und überall in Deutschland erleben, das verbindet die Herzen der ganzen Welt. Journalisten aus der Sowjetunion, der Bürgermeister von Jerusalem, westliche Staatsoberhäupter und viele andere schrieben oder riefen an, um ihre Mitfreude auszudrücken. Menschen sind in ihren Gefühlen einander nahegekommen.

Wie kam es zu den Ereignissen? Zum ersten Mal in der Geschichte Europas erleben wir eine Revolution, die allein vom Willen des Volkes getragen ist, eine wahrhaft demokratische Revolution.

In der DDR konnte der Freiheitswille sich ohne Gewalt durchsetzen. Er wurde unwiderstehlich. Die Menschen fürchteten sich nicht mehr. Neues Zutrauen wuchs dem Frieden zu, Rechtssicherheit wurde zur besten Staatssicherheit, und so gab es Kerzen vor den Stasi-Gebäuden und Blumen für die Polizei.

In kirchlichen Räumen hatte es begonnen. Nur sie waren staatsfrei und öffentlich zugänglich. Seit Jahren hatte man sich zu Friedensgebeten versammelt, um die Hoffnung lebendig zu erhalten und wach zu sein. Namen von Kirchen kamen in aller Munde, die Leipziger Nikolai-Kirche, die Dresdner Kreuzkirche, Gethsemane am Prenzlauer Berg in Berlin und andere.

Nun geht es am runden Tisch in jenem Haus der Kirche voran, das den Namen von Dietrich Bonhoeffer trägt, dem Mann, der die auf Gott vertrauende Ethik des Widerstandes mit dem Opfer seines Lebens bezeugte.

Wenn wir zu Weihnachten um die Kraft zum Frieden mit dem Nächsten bitten, dann stehen uns auch in der Bundesrepublik Deutschland ermutigende Erfahrungen vor Augen. Während der kritischen Tage gab es Helfer in Budapest und Prag, in Warschau, Wien und bei uns zu Hause, die bis zur Erschöpfung für andere arbeiteten. Sie wollen diese Erlebnisse gewiß nicht aus ihrer Erinnerung löschen. Denn sie haben eines wieder gelernt: wer für andere da ist, mit ihnen teilt und von ihnen wirklich gebraucht wird, der gewinnt für sein eigenes Leben neuen Mut und tiefen Sinn .

In übertragener Bedeutung geht es auch politisch darum, mit anderen zu teilen. Wir suchen keinen deutschen Sonderweg in eine isolierte Zukunft. Naturgemäß sind wir Deutschen hüben und drüben einander näher als andere Europäer. Wir Deutschen sind ein Volk. Aber es geht zugleich um einen gemeinsamen großen Aufbruch nach Europa, in dem einer dem anderen weiterhelfen kann. Ein Erfolg der Perestroika in der Sowjetunion liegt in unser aller Interesse. Je besser den Ungarn, den Polen, den Tschechen und Slowaken und nun auch den leidgeprüften Rumänen die Schritte in der Freiheit gelingen, desto besser auch für uns Deutsche. Die Freiheitsbewegungen haben denselben Kampf gekämpft. Nun sind sie im Aufbau der Demokratie und auf dem Weg zur wirtschaftlichen Reform untereinander verbunden. Sie suchen für ihre Zukunft die Gemeinsamkeit mit uns Deutschen. Zwei Beispiele will ich dafür nennen.

Der tschechische Freiheitskämpfer Vaclav Havel, der diesjährige Träger unseres Friedenspreises, durfte im Oktober noch nicht zur Feier in die Frankfurter Paulskirche kommen. Dafür schrieb er mir schon Anfang November aus Prag einen wahrhaft denkwürdigen Bief, aus dem ich zitiere: "Ich persönlich - ebenso wie viele meiner Freunde - verurteilen die Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg. Sie erschien mir immer als eine zutiefst unmoralische Tat, die nicht nur den Deutschen, sondern vielleicht in noch größerem Maße den Tschechen selbst Schaden zugefügt hat, und zwar sowohl moralisch als auch materiell. Auf Böses wiederum mit neuem Bösen zu antworten, bedeutet, das Böse nicht zu beseitigen, sondern es auszuweiten."

Soweit diese bewegenden Worte aus Prag. Es zeugt von sittlicher Kraft und menschlicher Weisheit. Als Havel sie schrieb, stand er noch unter Staatsaufsicht. In wenigen Tagen wird er wohl zum Präsidenten unseres Nachbarlandes gewählt werden.

Mein zweites Beispiel kommt aus Polen. Eine der maßgeblichen Persönlichkeiten der Solidarnosc-Bewegung, Professor Geremek, sagte unlängst, man habe zwar in Polen schlechte Erinnerungen an einen großen und starken westlichen Nachbarn Deutschland. Es ginge aber in Polen und in Deutschland um dieselbe freie Menschenwürde, und so habe man Zutrauen zu dem Weg, den die Deutschen in Freiheit gehen werden. Man bitte uns nur, nach all dem Unrecht hinüber und herüber keine Unruhe um der Grenzen willen am Leben zu erhalten. Hat er nicht Recht? In altem deutschen Land leben nun seit Jahrzehnten polnische Bürger. Auch wenn keiner von uns für einen gesamtdeutschen Souverän zu sprechen vermag, so können, müssen und wollen wir doch für uns selbst klar und eindeutig reden: Und das heißt, an der heutigen polnischen Westgrenze wird sich nach dem Willen von uns Deutschen jetzt und in der Zukunft nichts ändern. So hat es auch der Bundestag gesagt. Und so steht es auf den Plakaten in Leipzig, Dresden und anderswo.

Und wie geht es nun zwischen den beiden deutschen Staaten weiter? Wir werden hier jeden aufnehmen, der zu uns herüber kommt, ohne nach seinen Motiven zu fragen. Wir sind bereit zu jeder Hilfe, die drüben willkommen und nützlich ist. Die Gefahr, daß Hilfe nicht wirksam wird, ist weit geringer, als daß sie zu spät kommt. Wir wollen mit unserer Hilfe nicht erst einen erfolgreichen Abschluß der Reform belohnen, sondern alles in unseren Kräften Stehende tun, damit die Reform gelingt. Unzählige Mitbürger bei uns wollen persönlich dazu beitragen. Sie schreiben mir in diesem Sinne, schicken kleine und große Beträge und nehmen ihnen unbekannte Landsleute aus der DDR bei sich zu Hause über die Feiertage auf. Dafür sei ihnen herzlich gedankt.

Aber wir wollen nicht nur helfen. Wir haben allen Grund, den Deutschen in der DDR mit wahrer Achtung zu begegnen. Dazu gehört es, ihnen nicht ungebeten dreinzureden, sondern ihre Sorgen ernst zu nehmen und ihnen den Raum und die Zeit zu lassen, die sie brauchen, um ihren Weg zu erkennen. Nach jahrzehntelangem erzwungenem Schweigen muß sich der freie Wille des Volkes selbst finden, das ist schwer genug.

Der Zorn über die frühere Zeit drüben ist nur allzu verständlich. Der Rechtsstaat muß sich durchsetzen. Aber wichtiger als die Akten der Vergangenheit ist das Zutrauen zur Zukunft.

Die meisten haben dort ein Menschenalter zusammengelebt, gearbeitet und ihren Anteil an der Entwicklung ihrer Nachbarschaft gehabt. So hat sich eine Schicksalsgemeinschaft gebildet; man lebte in großer politischer Unfreiheit und oft in Not, aber es war ein Leben von Menschen mit ihrer eigenen Würde.

Uns hier hat man seinerseit zunächst einmal die Freiheit geschenkt. Die Deutschen in der DDR aber haben sie sich selbst friedlich erkämpft. Wir haben hohen Respekt davor.

Im demokratischen Neubeginn wollen sie sich nicht nach ideologischen Worthülsen richten wie Kapitalismus und Sozialismus, Begriffe, die die Wirklichkeit hüben und drüben nicht zutreffend beschreiben. Sie suchen nach einem Leistungsgedanken, der die Lasten und Früchte der Arbeit so human und solidarisch wie möglich aufteilen läßt. Ihre Bewegung zielt auf die Freiheit. Jeder weiß, daß es bald gelingen muß, einen erfahrbaren Zusammenhang von Freiheit und wirtschaftlichem Aufschwung herzustellen. Das geht nicht ohne ein nüchternes Augenmaß und ohne Geduld. Davon haben sich die beiden Regierungschefs bei ihrem Treffen in Dresden verantwortlich leiten lassen. Das ist ein gutes Zeichen für alle.

Wir in der Bundesrepublik wollen unseren Beitrag dazu leisten, das Vertrauen in die politische und in die wirtschaftliche Reform der DDR zu bestärken. So stark der Drang der Menschen zueinander in Deutschland ist, so gehört es doch auch zu unserer Aufgabe, die europäische Dynamik nicht hinter die deutsche zurückfallen zu lassen und auch die Sicherheitsinteressen aller Beteiligten nicht zu übergehen.

Frieden, Europa, Einheit - das sind die Ziele, auf die uns der erste Satz unseres Grundgesetzes verpflichtet. Die Zeit in der wir heute leben, gibt uns die große Chance, ihnen ernsthaft nahezukommen. Seien wir dankbar, jeder an seinem Platz, für die Verantwortung, die sie uns abverlangt. Mögen wir uns der Größe der Aufgabe würdig erweisen und ihr gewachsen sein.

Und so grüße ich Sie zusammen mit meiner Frau von ganzem Herzen - Sie alle in Ost und West -, und wir wünschen Ihnen eine gesegnete Weihnachtszeit.