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Weihnachtsansprache 1990 von Bundespräsident Richard von Weizsäcker

Vor ein paar Tagen, liebe Landsleute, habe ich einen Besuch im Ostzipfel des vereinten Deutschlands gemacht. Ich war in der sächsischen Oberlausitz, in Zittau und Herrnhut. Von beiden Städten gehen Botschaften aus, die uns alle in Deutschland angehen.

In Herrnhut lebt und wirkt die aus Böhmen stammende Brüdergemeine. Ihre Mitglieder tragen heute, wie jedes Jahr um diese Zeit, leuchtende Kerzen aus der Kirche hinaus auf die Straßen und in die Häuser hinein. "Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht", so heißt es im Neuen Testament. Das Licht ist ihr Zeichen der Liebe. Sie bringen es zu Weihnachten, dem Fest der Liebe, an dem sich nach christlichem Glauben Gott als Mensch der Welt zuwendet.

Viele Menschen fragen nach diesem Licht in ihrem Alltag. Sie haben handfeste Sorgen. Zumal in den wiedergegründeten fünf Bundesländern gibt es Unsicherheit um die Ausbildung, die "Abwicklung", den Arbeitsplatz und das Eigentum, um Notstände in der Pflege, um die Alten und die Kinder. Das frühere System, unter dem man so viele Jahre gelitten hatte, ist zusammengebrochen. Das neue wächst jedoch nicht über Nacht heran. Als es noch darum ging, die Freiheit zu erringen, wußte man sehr gut, wen man zu fürchten hatte und was man dagegen tun konnte. Nun ist die Freiheit errungen, und es gilt, in ihr zu bestehen. Das ist eine ebenso großartige wie harte Aufgabe. Die Freiheit ist voller Chancen, aber sie birgt auch ungewohnte Anforderungen und Risiken in sich. Sie ist eine ständige Herausforderung an die eigenen inneren Kräfte.

Das Tempo strapaziert die Menschen auf ganz widersprüchliche Weise. Das halte ich für sehr begreiflich. Neulich schrieb mir ein Mitbürger, die wirtschaftliche Reform ginge nicht schnell genug, fügte aber hinzu: "Mit unseren Seelen sind wir noch nicht bei euch angekommen." Darüber sollten wir alle nachdenken. Er bei uns angekommen? Warum nicht wir bei ihm? Soll er den ganzen Weg alleine gehen? Wie weit sind wir ihm denn schon entgegengegangen? Noch heißt es allzu abgrenzend "wir und sie", "hüben und drüben", "die alten und die neuen Bürger". Aber wir wollen doch einander wirklich begegnen und eins werden. Da sollte niemand warten, bis der andere angekommen ist, sondern lieber auf ihn zu gehen.

Staat und Währung können nicht alles schaffen. Das Entscheidende bringen wir Menschen am besten selbst zustande. Wichtig sind die kleinen, die überschaubaren Lebensbereiche, die Familien, die Nachbarn, die Freundeskreise, die Vereine, die Gemeinden. Da kennt und hilft man sich untereinander. Alt und Jung ermutigen sich gegenseitig. Rechts und Links arbeiten ohne Fraktionszwang zusammen.

Verschwisterung im Bruderland, so werden sehr treffend die Aufgaben der vielen Städtepartnerschaften genannt. Sie können jetzt erst richtig zum Zuge kommen, nachdem sie vom Ballast einer menschenfernen Ideologie befreit sind.

Von keiner geringeren Bedeutung sind die Länder. Wir Deutschen sind von Hause aus Föderalisten. Aus der Vielfalt der regionalen Verwurzelung haben wir in unserer Geschichte oft unsere besten Kräfte bezogen. So wollen wir es auch im vereinten Deutschland halten. Einen zentralistischen Einheitsstaat wird es nicht geben. Ebensowenig aber werden wir in alte Kleinstaaterei zurückfallen, in der jeder nur an sich denkt, ohne Mitverantwortung für das Ganze. Das hieße ja nur, den Föderalismus gründlich mißzuverstehen.

Die Vereinigung wird um so besser gelingen als sich die westlichen Bundesländer mit ihrem ganzen Gewicht an den Lasten beteiligen. Sie können maßgeblich zur Verwaltung, zur Infrastruktur und zur Kultur beitragen, und sie tun es bereits. Sie können mithelfen, damit die Wirtschaft nicht nur vom gestiegenen Verkauf profitiert, sondern auch mehr investiert. Sie können für die fünf Länder mehr Richter und Lehrer freistellen. Das sind nur Beispiele für Beiträge an dieser großen gemeinsamen Aufgabe der Bundesrepublik. Unser Föderalismus ist, zumal heute im Zeichen Europas, ein wahrhaft kostbares Gut. Wenn er die Pflichten des ganzen Deutschland nach innen und außen verantwortlich mitträgt, dann zeigt er sich von seiner besten Seite.

Damit bin ich bei der Botschaft aus Zittau. Es liegt genau am Dreiländereck von Polen, der Tschechoslowakei und Deutschland. Einst war es eine blühende Handelsstadt in der Mitte Europas. Dann wurde es Grenzstadt im Schatten des gespaltenen Kontinents. Wirtschaft und Verkehr verkümmerten. Das einzige, was gnadenlos die Grenzen überquerte, waren schwere Umweltschäden. Doch nun blühen dort neue Hoffnungen auf. Ich war dabei, als sich die Bürgermeister der Nachbarstädte aus den drei Ländern verabredeten. Wir wollen ihnen helfen, und sie können uns helfen.

Wir Deutschen verdanken unsere Vereinigung der friedlichen Revolution in ganz Europa. Ihrem guten Gelingen sind wir verpflichtet. In der Mitte Europa fängt es an. Was wir dort gemeinsam fertigbringen, kommt uns allen zugute.

Die Aufgaben gehen weit über die Mitte Europas hinaus. Die Sorgen sind groß. Ein harter Winter steht bevor. Heftige Auseinandersetzungen sind im Gange. Im Westen fürchtet man eine neue Völkerwanderung aus dem Osten, und dort geht die Angst vor neuen westlichen Wohlstandsmauern um. Um so mehr gilt es, den Problemen an der Quelle zu Leibe zu rücken. Die Europäische Gemeinschaft hat die Initiative unserer Bundesregierung zu gemeinsamem Handeln positiv aufgenommen. Die spontane Hilfe unserer Bevölkerung für notleidende Menschen in der Sowjetunion ist ein weiteres gutes Zeichen. Sie kommt von Herzen. Auch mit den Russen, wie schon früher mit unseren unmittelbaren Nachbarn, wollen wir die tiefen Spuren des Krieges überwinden. Wir haben dankbare Gefühle für die historische Entscheidung der sowjetischen Führung, die Freiheit der Deutschen zur staatlichen Einheit anzuerkennen.

Es gibt ein ungeheures Bündel von Problemen in der Sowjetunion. Unsere Hilfe kann das nicht lösen, sie soll jedoch den Willen zum Erfolg und zur eigenen Anstrengung der Menschen dort ermutigen. Dieses weite Land muß auf seine eigenen Kräfte vertrauen und sie einsetzen. Wir nehmen den lebhaftesten Anteil an seinem Schicksal und wollen dies beweisen.

Lew Kopelew, der unter uns lebende große Russe und Freund, sagte: "Ein brennendes Zimmer kann das europäische Haus zerstören. Wir werden zusammen leben oder zusammen untergehen."

Zusammen wohnen können heißt, die Unterkunft nicht verkommen lassen, sie kultivieren, zu deutsch: sie pflegen, vor allem Not und Hunger überwinden. Dort, wo wir dem Nachbarn mit Hilfe begegnen, erfüllen wir unser Haus in Europa mit Leben.

Das zu Ende gehende Jahr hat gewaltige politische Veränderungen mit sich gebracht. Die Zwangsordnung des Kalten Krieges ist gewichen. Sie macht der bisher ungeahnten Chance Platz, in freier Vereinbarung Frieden für Europa zu schaffen und ihn auf andere Teile der Welt ausstrahlen zu lassen, auch auf die Golfregion. Der Weg dorthin ist noch weit. Als Menschen in unserem eigenen Umkreis können wir aber dabei helfen, indem wir den Blick für die größeren Zusammenhänge bewahren, auch dem Fremden mit Achtung und Toleranz begegnen und uns einander ohne inneren Vorbehalt zuwenden.

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Wie oft hadern wir, weil die politische Ordnung, weil der Alltag, weil wir selbst hinter der Liebe zurückbleiben. Aber wer sie erlebt, der spürt, daß sie uns die Angst nehmen und frei machen kann. Sie kämpft nicht um Rechte, sie gilt jedem, gerade auch dem Schwachen und Ausgestoßenen. Liebe befähigt uns, mit dem Herzen zu sehen, zu hören und zu handeln. In ihr ist eine Kraft verborgen, über die keine andere Macht gebietet. Laßt uns deshalb mit den Herrnhutern das Licht der Liebe in jedes Haus tragen und in jedem Haus empfangen.

Meine Frau und ich wünschen Ihnen eine gesegnete Weihnachtszeit.