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Weihnachtsansprache 1991 von Bundespräsident Richard von Weizsäcker

Heute wünsche ich Ihnen, liebe Landsleute, und allen, die bei uns in Deutschland leben, ein frohes Weihnachtsfest. Ich hoffe von ganzem Herzen, daß die Festtage Sie Ihren Mitmenschen nahebringen und Ihnen Kraft und Zuversicht geben mögen.

Es wird schwer sein, jeden unter Ihnen mit diesem Wunsch innerlich zu erreichen. Ich denke an Ihre Sorgen, wenn Sie arbeitslos sind und nicht wissen, wie es weitergeht. Oder Sie fühlen sich allein in einer Welt, die Sie oft mehr mit Reizen überflutet als mit Sinn erfüllt. Und mancher lebt in bedrückenden Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit im SED-Staat.

Die christliche Weihnachtsgeschichte berichtet von der Heiligen Familie, die im Haus keine Bleibe findet, sondern nur einen Stall mit einer Krippe. Der Geburt des Erlösers geht die Suche nach der Herberge voraus. Die Sorge um die Unterkunft verbindet uns an Weihnachten besonders mit kinderreichen Familien und Rentnern, mit Beschäftigungslosen oder Obdachlosen, mit Studenten, mit alleinerziehenden Müttern oder Vätern, die in Schwierigkeiten sind wegen ihrer Wohnung oder ihres Zimmers, in Angst vor Mieter höhung, vor Kündigung oder unwürdigem Quartier. Die Herberge, von der die Weihnachtsgeschichte spricht, bedeutet Geborgenheit und Sicherheit. Bedrückende Wohnverhältnisse gefährden den Frieden unter den Menschen. Daran sollten wir alle an Weihnachten denken, und als Politiker haben wir allen Grund, uns mit Nachdruck mahnen zu lassen.

Geborgenheit und Schutz bieten sich im Glauben, in der Familie, aber auch im täglichen menschlichen Umfeld. Dort können wir nicht nur Geborgenheit finden, sondern vor allem auch geben - durch die Bereitschaft zur Verständigung. Manchmal genügt schon etwas mehr Zeit füreinander, eine spontane Hilfe in einer Notlage, ein Gruß oder einfach ein offenes, freundliches Gesicht für den unbekannten Nachbarn.

Der militärische Gruß mit der Hand an der Mütze geht der Legende nach auf den gerüsteten Ritter zurück, der sein Visier aufklappt, um seinem Gegenüber sein Gesicht und seine Bereitschaft zur Verständigung und Hilfe zu signalisieren. Wir leben nicht mehr im Mittelalter, aber auch heute umgeben wir uns oft mit einem unsichtbaren Panzer. Um so mehr Gutes kann ein Zeichen bewirken, im Stau auf der Straße, im Laden an der Ecke oder am Arbeitsplatz. Es soll ja nur sagen: Wir sind uns fremd, aber nicht feind. Wir sind beide Bewohner derselben Erde.

Wir Menschen reagieren stark auf Unterschiede zwischen Vertrautem und Fremdem, zwischen Gewohntem und Unbekanntem. Das braucht durchaus nicht an der Hautfarbe, an der Religion oder Nationalität zu liegen. Vertraut ist uns, wer in der Ordnung unseres Lebens seinen gewohnten Platz ausfüllt, so auch der ausländische Kollege am Arbeitsplatz, der Gastwirt in der Pizzeria, der bei uns stationierte Soldat eines befreundeten Landes. Dagegen ist uns das Verhalten von Hooligans und radikalen Rowdies fremd, auch wenn sie unsere Landsleute sind. Umso weniger sollte es uns in seinen Ursachen und Folgen gleichgültig sein.

Und da sind Ausländer im Wohnheim, am Stadtrand. Bei ihnen besteht die Gefahr, daß wir sie ausgrenzen oder daß wir sie als bedrohlich empfinden. Womöglich konkurrieren sie um unseren Arbeitsplatz, unsere Wohnungen und bekommen alles umsonst von unserer Sozialhilfe?

Zwei Aufgaben stellen sich, eine persönliche und eine politische. Unser eigenes Verhalten gegenüber Ausländern ist nicht eine Frage der Politik, sondern unserer Menschlichkeit und nicht zuletzt unserer eigenen Würde. Es ist ein Gebot unserer Selbstachtung, dem Schwächeren gewaltlos zu begegnen und ihm zu helfen, mag er nun Ausländer sein oder nicht.

Aufgabe der Politik ist es, die langfristigen deutschen Interessen zu erkennen und konsequent zu vertreten. Dazu gehört auch die Frage nach den großen Flüchtlingsbewegungen in Europa und in der Welt und nach dem Leben von Ausländern unter uns.

Politisch leben wir in einer Zeit, wie sie die Geschichte in Europa zuvor nie gekannt hat. Es gibt heute kaum ernsthafte außenpolitische Spannungen. Dafür sind aber innerhalb vieler Staaten die Probleme gewaltig gewachsen, zum Teil bis zu wahren Zerreißproben und Bürgerkriegen.

Wir Deutschen stehen inmitten grossen und schwierigen Aufgaben. Im Ausland gibt es manche Sorge vor neuer deutscher Stärke. Zugleich steigen aber auch die Anforderungen von allen Seiten an uns und unsere Hilfsbereitschaft.

Ohne Zweifel ist unsere Verantwortung gewachsen. Daß wir sie ernst nehmen, zeigt sich ja auch in den Leistungen, die wir erbringen. Aus Deutschland kommt bisher mehr als die Hälfte dessen, was die westliche Welt für die Republiken der bisherigen Sowjetunion leistet. Und es muss weitergehen: Im hereingebrochenen Winter wollen wir mit allen Kräften zur Linderung der Not für Millionen Menschen beitragen. Von uns kommt auch der größte Teil der gemeinsamen westlichen Unterstützung für die schwierigen Reformprozesse der anderen mittel-, ost- und südosteuropäischen Länder.

Ferner schärft sich bei uns allmählich das Bewußtsein für die Erkenntnis, daß wir Deutschen im Kreise der Industrieländer mit ihrer wirtschaftlichen und technischen Überlegenheit unseren Wohlstand nicht immer weiter auf Kosten der Dritten Welt ausbauen dürfen, sondern uns öffnen müssen.

Die deutsche Regierung hat sich mit entscheidendem Nachdruck und mit Erfolg für unwiderrufliche Fortschritte im Zusammenwachsen der Europäischen Gemeinschaft eingesetzt. Wir suchen keine Sonderrolle für uns, sondern eine gestärkte Gemeinschaft und Partnerschaft in Europa und in der Welt.

Auf diese Weise wächst Vertrauen zu uns Deutschen. Gerade dort, wo es wahrlich Grund zu böser Erinnerung an die Vergangenheit mit uns gab, habe ich in jüngster Zeit Zeichen solchen Zutrauens zu uns gefunden: vor zwei Wochen in Jerusalem, kurz davor im niederländischen Rotterdam und bei unseren tschechoslowakischen Nachbarn.

Dies sind positive Zeichen, denen wir auch mit der Entwicklung in unserem eigenen Land gerecht werden müssen. Unter großen Anstrengungen sind wir unterwegs, um eins zu werden in Deutschland. Die Vergangenheit ist noch nicht verarbeitet, die Zukunft für viele ungeklärt. Es fällt uns oft schwer, einander zuzuhören, eine gemeinsame Sprache zu finden, sich verstehen zu lernen.

Die deutsche Einheit ist kein bloßer politischer Mechanismus der Verteilung. Unser Selbstvertrauen wächst am besten, wenn wir nicht nur auf den Staat warten, sondern die Freiräume in unserer Bürgergesellschaft suchen und nutzen. Der Mensch kann das Wichtigste dazu beitragen, unsere Gesellschaft lebenswert zu machen. Weihnachten ist das Fest der Herberge und des Friedens. Am schönsten feiern wir es, wenn jeder hilft, dem Nächsten ein Gefühl der Geborgenheit zu geben.

Meine Frau und ich grüßen Sie alle und wünschen Ihnen eine gesegnete Weihnachtszeit.