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Weihnachtsansprache 1992 von Bundespräsident Richard von Weizsäcker

"Fürchtet Euch nicht", so spricht der Engel die Menschen auf Erden an. Das verstehen wir alle, ob wir Christen sind oder nicht, denn jeder kennt die Angst.

Weihnachten berichtet von der Geburt eines Kindes in Armut und bald auf der Flucht, wehrlos und hilfsbedürftig, wie jeder Mensch am Anfang, am Ende und oft auch mitten im Leben, zumal in der Einsamkeit.

Doch Weihnachten lädt uns zur Gemeinsamkeit ein, zum Nehmen und Geben, zum Zuhören und Verstehen.

Diese Einladung haben wir alle nötig. Ein Herbst voller Unruhe liegt hinter uns. Furcht und Angst sind in viele Herzen eingezogen. Es brodelt in der Gesellschaft, die nach Orientierung sucht. Wir erleben eine Krise im Zusammenleben, im Zuge der Vereinigung, mit der Jugend und vor allem mit Ausländern. Zugleich bedrückt uns die Frage, was wir beitragen können, um der erschütternden Brutalität und menschlichen Not im ehemaligen Jugoslawien, in Somalia und anderwärts ein Ende zu machen. Dies alles wollen wir gerade um des lieben Friedens willen nicht verdrängen, sondern in ruhigen Tagen über unser Zusammenleben nachdenken.

Vor drei Jahren erfüllte uns an Weihnachten tiefe Freude über die Wende. Und heute? Deutschland ist nicht nur größer, sondern auch anders geworden. Einheit kann ja nicht bedeuten, daß im Westen alles beim Alten bleibt und im Osten alles anders werden muß. Jahrzehntelang haben die Menschen im Osten die Unfreiheit ertragen. Sie haben gezeigt, was Courage ist, als sie schutzlos mit Lichtern gegen die Diktatur demonstrierten.

Im Zuge des Wandels sind heute viele Landsleute im Osten an der Grenze ihrer Belastbarkeit, zumal wenn ihnen beim Umgang mit einer schweren Vergangenheit zugemutet wird, ihr halbes Leben in Frage stellen zu lassen. Damit sollten wir behutsam sein, vor allem vom Westen aus. Das, was wir jetzt zu bewältigen haben, ist die Gegenwart, in erster Linie die bedrückende Arbeitslosigkeit. Ein wirtschaftlich schwieriges Jahr 1993 steht uns bevor. Wir werden es nur meistern, wenn wir nach einem gerechten Maßstab alle dazu beitragen. Niemand will den Aufschwung Ost auf Kosten eines Abschwunges West. Aber noch haben wir in den öffentlichen und privaten Ausgaben und Investitionen nicht genügend umdisponiert. Unsere Aufgabe ist eindeutig: Energischer Aufbau Ost vor weiterem Ausbau West.

In der jungen Generation finden sich viele in unserer Gesellschaft nicht zurecht. Was sind die Gründe? Ist es so, wie mir eine Lehrerin nach der großen Berliner Novem
ber-Demonstration schrieb: "Eltern kaufen sich frei. Lehrer resignieren. Politiker wohnen im Elfenbeinturm."? Welchen Einflüssen ist die Jugend ausgesetzt? Erziehung ist Vorbild und Liebe, sagt Pestalozzi. Doch Erwachsene, die vor allem ihre eigenen Interessen wahrnehmen, statt Interesse und Zeit für andere zu haben, sind kein Vorbild. Außerdem haben sie es schwer genug gegenüber einem übermächtigen, kommerziell gesteuerten und oft enthemmenden Angebot auf dem Markt der Medien, Moden und Drogen.

Sind also die Älteren hilflos gegenüber einer radikalen Jugendszene? Es gibt ermutigende Gegenbeispiele: Ein alleinerziehender Vater hat sein Leben verändert, um sein Kind aus der straffälligen Skinhead-Umgebung herauszulösen. Er verringerte seine leitende berufliche Tätigkeit auf eine Teilzeitarbeit. Er vermittelte dem Kind durch Schul- und Wohnungswechsel erstmals wieder Erfolge und neue Bindungen, ließ aber bei sich zu Hause Begegnungen mit den alten Skin-Freunden zu, um seinem Kind selbst freien Vergleich und Entscheidung zu ermöglichen. Hier wurde nicht ausgegrenzt, hier wurde ein Konflikt verständnisvoll ausgetragen. Anders läßt sich eine Krise im Zusammenleben auch nicht überwinden. Wir können die junge Generation nicht in die Ecke stellen, ohne selbst ins Abseits zu geraten.

Grausam war die Lehre des Herbstes mit seinen brutalen Gewaltakten. Brandstifter und Totschläger terrorisierten hilflose Opfer. Unser aller Menschenwürde wurde aufs Spiel gesetzt.

Aus Bürgerkriegen und Elend flüchten viele zu uns in eine von ihnen hier erhoffte bessere Zukunft. Wer wollte ihnen denn daraus einen persönlichen Vorwurf machen? Ebenso verständlich ist, daß wir unmöglich alle aufnehmen können. Also müssen wir vernünftige, klare und humane Regelungen finden, aber wir dürfen uns doch nicht zu einer Kampagne gegen entwurzelte Menschen in Not hinreißen lassen. Fremdenfeindlichkeit zeugt nur von eigener Schwäche.

Wer zählte zu den Opfern der Gewalt? Ein Jugoslawe, der seit zweiundzwanzig Jahren unter uns lebte, ein polnischer Saisonarbeiter, ein deutscher Obdachloser. Und dann die zehnjährige Yeliz Arslan, die mit ihren Verwandten getötet wurde. Sie war bei uns geboren und hatte nie anderswo gelebt. In unseren Medien aber hieß es einfach: "Drei Türken". Schon diese Sprache, die sich ausschließlich am Paß orientiert, sie suggeriert, wer fremd bleiben soll. Dabei gehörten die drei in Mölln doch zu uns!

Natürlich wollen wir uns in Deutschland zu Hause fühlen. Sind wir uns aber auch genügend darüber im klaren, wer was dazu beiträgt, damit dieses Zuhause gut funktioniert? In München, um ein Beispiel zu nennen, sind 20 Prozent der Mitarbeiter in den Krankenhäusern Ausländer, in Gaststätten sind es mehr als ein Drittel, in Monteur- und Metallberufen knapp 50 Prozent, bei der Straßenreinigung gar über 70 Prozent. Was ausländische Arbeitnehmer seit Jahrzehnten bei uns leisten, das nehmen wir gerne in Anspruch. Da wäre es unmenschlich und töricht, wollten wir sie ausgrenzen. Würden wir denen, die es wünschen, den Zugang zur deutschen Staatsangehörigkeit erleichtern - und sei es neben ihrer bisherigen -, dann würden wir ihre

Lebenslage verbessern und unser Zusammenleben fördern. So habe ich es schon vor über zehn Jahren als Berliner Bürgermeister erfahren. Es ist unser eigenes, unser deutsches Interesse.

Der Herbst ist an niemandem spurlos vorübergegangen. Neubesinnung hat eingesetzt. Die Erkenntnis breitet sich aus, daß es nicht genügt, nur den eigenen privaten Belangen nachzugehen und alles andere den staatlichen Organen zu überlassen. Das beste Mittel gegen Verdrossenheit ist es, sich selbst zu aktivieren.

Es gibt ungezählte neue Initiativen. Junge Leute haben hervorragende eigene Ideen. Schüler sammeln bei Erwachsenen Unterschriften gegen den Rechtsextremismus. Betriebe, Verbände und Vereine praktizieren gutes Zusammenleben. In den Fußballstadien wird unter großem Applaus der Jugendlichen für die Freundschaft mit Ausländern geworben. Vier junge Mitbürger mobilisieren privat eine ganze deutsche Millionenstadt, und Hunderttausende zünden gemeinsam ihre Lichter an gegen das Dunkel von Haß und Gewalt. Gewiß, damit ist noch lange nicht alles Notwendige geschehen. Aber das Wichtigste kommt in Gang: die Gleichgültigkeit zu überwinden.

Die freudige Erfahrung wächst, daß man gebraucht wird, zusammen mit anderen etwas tun kann, den Nachbarn zu helfen vermag. So ist es ja auch zu Weihnachten, wenn wir spüren, wie andere sich über unsere Gaben ganz besonders freuen.

Meine Frau und ich wünschen Ihnen allen und allen Menschen, die in diesen Tagen in Deutschland zusammen leben, ein frohes und friedliches Weihnachtsfest.