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Weihnachtsansprache 1993 von Bundespräsident Richard von Weizsäcker

Zu Weihnachten grüße ich Sie, liebe Landsleute, und alle Menschen, die bei uns leben, woher sie auch kommen.

Über die Feiertage suchen wir Ruhe und Frieden. Wir wollen uns besinnen angesichts einer Flut von widersprüchlichen Nachrichten. Tägliche Berichte sprechen von Kriegen und Gewalttaten, von Katastrophen und endlosem Leiden bei Hunger und Kälte, von Drogen, Armut und Obdachlosigkeit.

Zugleich erfahren wir etwas von einer wahrhaft bewegenden Mitmenschlichkeit, die sich der Not in aller Welt zuwendet. Als ich vor kurzem wieder einen unserer großen Verbände mit seinen vielen ehrenamtlichen Helfern besuchte, da dachte ich, man sollte wirklich einmal eine Geschichte der Völker schreiben, wie sie sich uns zum Beispiel bei den Einsätzen des Roten Kreuzes zeigt, bei denen es um Leid und Not, um Tod und Leben geht. Da lernen wir etwas über den Sinn unserer Existenz. Da klären sich unsere Maßstäbe für das, was wirklich wichtig ist in unserem Leben, überzeugender als bei so manchen politischen Debatten, die doch zumeist stärker im Rampenlicht stehen.

In Deutschland gibt es wunderbare Selbsthilfegruppen und Bürgerinitiativen, mehr als hunderttausend. Sie helfen den Kranken und Schwachen und machen den Einsamen eine Freude. Oft arbeiten Zwanzig- und Siebzigjährige Hand in Hand. Tut einer etwas freiwillig für andere, dann erprobt er die alte Wahrheit: "Wer gibt, dem wird gegeben."

Während der Feiertage denken wir aber auch an die wirtschaftlichen und sozialen Sorgen. Vor uns liegt ein schwieriges Jahr, ein Jahr der Bewährung. Geprüft wird, ob wir politisch hellwach, in unserem vereinigten Lande solidarisch und ob wir menschlich einander zugewandt sind. Viele haben ihren Arbeitsplatz verloren. Andere befürchten für sich das gleiche Schicksal. Über zahlreiche ABM-Plätze herrscht Unsicherheit. Der Staat muß denen helfen, die es alleine nicht können. Zusammen tragen wir aber auch die Verantwortung für die Rahmenbedingungen, die die Wirtschaft benötigt, damit sie Arbeitsplätze bereitstellen und im verschärften internationalen Wettbewerb bestehen kann. Es geht um harte Einsichten.

Im Osten brauchen wir viel Geduld, im Westen die Bereitschaft zur Einschränkung und zur Beweglichkeit. Es gibt Branchen mit guten und mit geringen Zukunftsaussichten. Wir können sie nicht gleich behandeln, ebensowenig wie die verschiedenen Standorte. Beschäftigung läßt sich nur sichern, wenn wir an unterschiedlichen Arbeitsplätzen Unterschiede für Arbeitszeit und -lohn gelten lassen. Manche werden länger, andere kürzer arbeiten oder ihren Arbeitsplatz zu teilen haben, wie es zum Beispiel bei unseren holländischen Nachbarn seit langem geschieht. Um konkurrenzfähig zu sein, müssen wir die Kosten mindern. Nur wenn wir den Zusammen
hang von Ertrag, von Lohn und Arbeitszeit beachten, können wir den Arbeitssuchenden helfen.

Oft heißt es, Politiker und Tarifpartner könnten sich mit solchen Gedanken bei ihren Wählern und Mitgliedern kaum verständlich machen. Mein Eindruck ist ein anderer. Die große Mehrheit unserer Bürger beurteilt sehr nüchtern, worauf es langfristig ankommt. Allen privaten Wünschen zum Trotz sind sie zur Politik bereit, das heißt zur Teilnahme am gemeinen Wohl. Sie wissen, daß der Staat keine Dienstleistungsagentur ist, die wachsende Ansprüche auf bessere Leistungen für weniger Geld befriedigen kann. Deshalb warten die Bürger auf Wahlkämpfe, bei denen die Parteien nicht mit Billigangeboten werben, so als wären sie Supermärkte.

Wenn wir uns in einer Krise zu bewähren haben, dann werden uns auch die Kräfte zuwachsen. Das haben wir schon im vergangenen Winterhalbjahr erfahren, als es um den guten Ruf der Toleranz in Deutschland ging. Auf private Initiative entstand eine Massenbewegung in unseren Städten, die Lichterketten. Es war keine außerparlamentarische Opposition, aber eine Art großes Volksbegehren, eine Mahnung und Ermunterung für die Politik, mit aller Kraft für die Würde eines jeden Menschen einzutreten. Und überdies ist es ein wichtiger Beweis dafür, daß sich die schweigende Mehrheit sehr wohl zu Wort melden kann und daß sie mit dem demagogischen oder gar gewalttätigen rechten Rand nichts gemein hat.

Bewähren können wir uns erst recht, indem wir uns einander persönlich zuwenden. Andere warten und hoffen darauf, zumal wenn sie den Anschluß verloren haben, sei es mit oder ohne

eigenes Verschulden. Wie viele, die als Kinder zuwenig Liebe und Förderung erfahren haben, sind später den Gefahren der Straße, der Gewalt und der Drogen ausgesetzt. Doch eines Tages suchen sie die Umkehr in ein neues Leben. Unter gewaltigen Anstrengungen von Körper und Seele kämpfen sie um den Ausstieg aus der Sucht, um den Wiedereinstieg in unsere Gesellschaft. Dann hängt es doch von uns ab, ob sie den nötigen Halt finden. Wenn sie neun Schritte auf uns zugehen, sollten wir ihnen nicht einen großen Schritt entgegengehen? Was sie brauchen, ist ein Vorschuß an Vertrauen.

Es macht unser Leben reicher, wenn wir uns gegenseitig dabei helfen, aus Fehlern zu lernen und wieder zusammenzufinden. So ist es auch in der Geschichte und Politik. Wir wollen doch die staatliche Einheit menschlich vollenden.

Die besten Mittel, um mit einer schweren Vergangenheit fertig zu werden, sind nicht Abrechnung und Strafe, sondern offene und befreiende Aussprachen über persönliche Schicksale in bitteren Zeiten.

Die Dichterin Ilse Aichinger hat einmal gesagt: "Man kann ja ohne sehr viel leben. Man kann leben, ohne etwas zu haben. Aber man kann nicht leben, ohne etwas vor sich zu haben. Man kann nicht ohne Hoffnung leben."

Jeder von uns kann ein Zeichen der Hoffnung geben. Wenn jeder auch nur e i n e m anderen seine bisher verschlossene Tür öffnet, dann hilft er dem Frieden unter den Menschen einen Schritt voran. Darauf wollen wir uns in diesen Tagen besinnen. Dann können wir auch auf unsere Kraft für das vor uns liegende Jahr der Bewährung vertrauen.

Meine Frau und ich wünschen Ihnen eine gesegnete Weihnachtszeit.