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Ansprache von Bundespräsident Roman Herzog beim DIHT-Kongreß 1994

Man zitiert mich zwar häufig mit dem Ausspruch, ich sei "mein eigenes Unternehmen", und natürlich bekenne ich mich auch dazu. Aber als Eintrittskarte in eine deutsche Industrie- und Handelskammer reicht das wohl doch nicht ganz.

Wenn ich also heute etwas über die deutsche Wirtschaft in ihrer Beziehung zur Politik und Gesellschaft sage, so gehe ich das Risiko ein, mich in ein nicht völlig bekanntes Terrain vorzuwagen. Aber ich bin zuversichtlich, daß Sie mir das nicht übel nehmen werden. Denn das Eingehen von Risiko ist ja etwas, was man in Industrie und Handel überall auf der Welt täglich tut.

Die Entwicklungen in Politik und Gesellschaft, die mich fast täglich bewegen, verändern unser Leben, und damit auch unser Wirtschaften so, daß kaum noch etwas ist, wie es immer war. Wirtschaftswissenschaftler, die es gewohnt sind, in Gleichgewichtskategorien zu denken, nennen so etwas "externe Schocks".

Der erste Schock, den ich erwähnen möchte, ist der Schock der Zeitenwende von 1989. Es war und bleibt - trotz aller Risiken - ein positiver Schock, nämlich ein befreiender für den Osten und ein heilsamer für den Westen. Er bedeutet nicht etwa die bloße Ausdehnung der im Westen gewohnten Verhältnisse nach Osten. Im Gegenteil, die eindeutigen Fronten des bipolaren Systems wurden abgelöst durch neue Ungewißheiten, und zwar im Westen ebenso wie im Osten.

Diese Ungewißheiten bergen Chancen und Risiken zugleich. Die Risiken sind überwiegend nicht-militärisch und nicht mit traditionellen Mitteln der Außenpolitik abwendbar. Am Anfang des Jahrhunderts hat jemand gesagt, die Außenpolitik sei unser Schicksal. Das ist heute mindestens so wahr wie damals. Nur haben sich Ziele und Mittel der Außenpolitik inzwischen grundlegend geändert.

Vor einigen Wochen war Israels Außenminister Schimon Peres bei mir zu Besuch. Er hat mit großer Eindringlichkeit beschrieben, wie schon die Knappheit des Wassers in seiner Region den nahöstlichen Konfliktparteien letztlich keine andere Wahl läßt, als sich zu einer friedlichen regionalen Bewirtschaftung zusammenzufinden. "Soft power", die Macht der Argumente, der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemlösungen, tritt in Konkurrenz zur "hard power", der Macht im klassischen Sinne, die nur in Territorien, Bevölkerungszahlen, Armeen und Flotten denken konnte. Daß das gerade für Deutschland eine Chance ist, müßte auf der Hand liegen! Jetzt kommt uns zugute, daß die Bonner Republik vierzig Jahre lang ihren Ehrgeiz nicht in die Wiedererlangung eines militärischen Großmachtstatus, sondern in eine produktive und stabile Wirtschaft und Gesellschaft gesetzt hat.

Auf die "soft power" der Wirtschaft kommt es besonders im Hinblick auf den Reformprozeß im Osten Europas und in Rußland an. Wenn wir den Osten nicht stabilisieren, destabilisiert der Osten uns. Das Schicksal des Westens entscheidet sich im Osten, Vaclav Havel hat es zutreffend auf den Punkt gebracht. Daß sich die Hoffnungen des Ostens gerade auch auf die deutsche Wirtschaft und damit auf die deutsche Unternehmerschaft richten, wissen Sie.

Worauf ich heute nur noch einmal mit aller Klarheit hinweisen möchte, ist, daß in diesem Fall risikoscheues Nichthandeln - sowohl auf Seiten der Wirtschaft wie auf Seiten des Staates - auf Dauer risikoreicher sein kann als risikobereites Handeln. Und ich möchte hinzufügen, daß Osteuropa und Rußland außerordentliche Reichtümer bergen, nicht nur an Rohstoffen, sondern vor allem auch an Menschen. Sie alle warten nur darauf, daß man mit ihnen arbeitet, bei ihnen investiert, ihre Kenntnisse nutzt oder ihnen Kenntnisse vermittelt im eigenen Interesse des unternehmerischen Pioniers ebenso wie im allgemeinen Interesse der globalen Sicherheit. Selten war dieser Zusammenhang so deutlich wie heute, nach dem Ende des Kalten Krieges.

Der zweite externe Schock, der uns zur Anpassung zwingt, hängt mit dem ersten zusammen. Man kann ihn den Vereinigungsschock der Weltwirtschaft nennen. Es handelt sich um die Integration von mehr als zwei Milliarden Menschen des früheren Ostblocks und des Südens der Welt in die marktwirtschaftlich organisierte Weltwirtschaft. Unweigerlich erhöht das Angebot dynamisch wachsender Volkswirtschaften mit der Mehrheit der Weltbevölkerung - über eine Milliarde allein in China, achthundert Millionen in Indien - den globalen Wettbewerb der Proukte, der Arbeitskosten und der Standorte.

Drittens kommt hinzu der Technologieschock. Er zeichnete sich schon lange vor der Wende im Osten ab. Nicht nur der Siegeszug der schlanken Produktion im japanischen Stil, sondern auch die gewaltigen Fortschritte der Mikroelektronik führten für uns und unsere Konkurrenten zu erhöhter und verbilligter Produktion bei gleichzeitig reduziertem Arbeitskräfteeinsatz. Dem kann sich kein einzelnes Land, kein einzelner Industriesektor auf Dauer entziehen.

Viertens und letztens müssen wir uns früher oder später alle auf den Schock einer neuen industriellen Revolution einstellen. Ähnlich wie die traditionelle Industrie vor 100 Jahren die Landwirtschaft als wichtigsten Wirtschaftszweig ablöste, so werden die Informationsindustrie, der Umweltschutz und der Dienstleistungssektor zunehmend höhere Anteile am Bruttosozialprodukt erwirtschaften als die traditionelle Industrie. Daß Amerika und Japan diesen Prozeß früher begannen als Europa, war für uns Deutsche, die wir so lange an die Überlegenheit der Industrie "made in Germany" gewöhnt waren, besonders hart.

Andererseits ist festzustellen, daß das Problem bei uns inzwischen zumindest erkannt ist. Die Unternehmen sind mit bemerkenswerter Konsequenz ihre Kosten- und Strukturprobleme angegangen. Sie haben sich schlankere Strukturen verschafft und manche haben sich auch schon neue Tätigkeitsfelder gesucht. Auch bei den Tarifparteien ist einiges in Gang gekommen. Das läßt uns Mut für die Zukunft schöpfen. Man fragt sich nur, ob es ratsam ist, immer erst auf die Krise zu warten, um nach neuen Wegen zu suchen. Nicht nur die Wirtschaftsgeschichte, sondern auch die Lebenserfahrung lehrt uns doch, daß vorausschauendes Handeln größere Erfolge, größere Gewinne, aber auch größere Sicherheiten bringt als rein reaktives Handeln. Das gilt für Unternehmen und Tarifparteien gleichermaßen.

Die größte Anpassungsleistung wurde dort erbracht, wo der Anpassungsschock am tiefsten traf, nämlich in Ostdeutschland. Aus der Not des Kollapses der Planwirtschaft machten die neuen Bundesländer die Tugend, zur Innovationswerkstatt der Nation zu werden. In diesem Punkt sind sie weiter als der Westen, dem der Abschied von liebgewordenen Gewohnheiten weithin noch bevorsteht.

Unwillkürlich ist man an die Lage der westdeutschen Wirtschaft nach dem Kriege erinnert. Damals hatten die Westdeutschen die Chance, aus der Not des totalen Neubeginns die Tugend ungeahnter Energien zu entwickeln. Aus Ruinen mußten vollständig neue Industrien aufgebaut und ihre Produktion erstmals seit langer Zeit auf einem freien Weltmarkt angeboten werden. Daraus erwuchsen außerordentliche Wettbewerbsvorteile gegenüber den damals etablierten Konkurrenten in Westeuropa. Das war das Geheimnis des Wirtschaftswunders.

In absehbarer Zeit wird im Osten vieles moderner, neuer und wettbewerbsfähiger sein als im Westen Deutschlands und Europas. Es wird nicht so schnell gehen, wie wir alle vor vier Jahren dachten, aber gehen wird es doch, wenn wir es nur alle wollen und weil wir es alle wollen.

Zumindest verbal wollen das auch unsere politischen Parteien. Denn ich stelle fest, daß sie gleichermaßen von Innovation in Deutschland sprechen. Worüber man sich bis heute streitet, sind die Ziele der Innovation und die Mittel, die zu ihrer Erreichung eingesetzt werden können, müssen oder dürfen. Und dann geht es wie üblich. Kaum sind neue Vorschläge der einen Seite auf dem Tisch, mobilisieren sich bereits die Besitzstandswahrer, Bedenkenträger und Dogmatiker auf der anderen Seite. Zuweilen habe ich den Eindruck, man vergißt im Getümmel des Streites, daß die Zukunft nicht wartet, bis man sich geeinigt hat. Aber das betrifft nicht nur die politischen Parteien, es betrifft auch Sie, die Sie hier im Saal sitzen.

Besonders auffällig ist der Streit unter denen, die eigentlich als Pioniere, Förderer oder Träger der Innovation in Betracht kommen, nämlich den Wissenschaftlern, den Unternehmen, den Gewerkschaftlern und den Politikern. Wenn der eine Sektor von Innovation spricht, meint er allzu oft nur die Innovationsbereitschaft des anderen, die Gewerkschaften die Innovationsbereitschaft der Arbeitgeber und umgekehrt, die Unternehmer die Innovationsbereitschaft des Staates und umgekehrt, der Staat die Innovationsbereitschaft der Wissenschaft und umgekehrt.

Ich habe mir heute vorgenommen, zumindest gedanklich alle streitenden Sektoren unter einen Hut zu bringen. Ich schlage vor, zwischen vier Typen von Innovation zu unterscheiden, die in der Debatte immer wieder durcheinander geworfen werden: technische Innovation, gesellschaftliche Innovation, institutionelle Innovation und mentale Innovation. Wenn man diese Pfade der Erneuerung durcheinander bringt, riskiert man nur, sie alle schon gedanklich und nicht erst im politischen Vollzug zu blockieren.

Zunächst ein paar Worte zur technischen Innovation. Ihre wichtigste Quelle ist die wissenschaftliche Forschung. Ob Grundlagenforschung oder angewandte Forschung, universitäre oder außeruniversitäre Forschung wichtiger sind, ist ein Streit um des Kaisers Bart, der schleunigst beendet werden sollte.

Für die Entwicklung der Informationsgesellschaft war der Durchbruch der Grundlagenforschung zur Quantentheorie unerläßlich. Aber ebenso unerläßlich war die Transformation ihrer Erkenntnisse in Transistortechnik, Computertechnik, Halbleitertechnik und Lasertechnik durch angewandte Forschung. Worum es geht, ist der effektive, effiziente und ethisch vertretbare Fluß wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Wirtschaft. Dort sollten sie idealerweise mit unternehmerischer Dynamik in neue Produkte umgesetzt werden.

Dieser Fluß strömt in den USA und Japan augenblicklich offenbar breiter und schneller als in Deutschland. Das liegt nicht etwa an gottgegebenen Einzigartigkeiten der amerikanischen oder japanischen Kultur und Gesellschaft. Das Prinzip des Angebots, das sich durch neue Produkte - und nicht nur durch Werbung - seine eigene Nachfrage heranzieht, wurde schließlich von Joseph Schumpeter vorgedacht, der vor 60 Jahren an der Universität Bonn lehrte, bevor er einen Ruf in die USA erhielt.

In Deutschland sind wir über eine heillos zerstrittene Debatte zum Thema "dogmatischer Sündenfall staatlicher Technologiepolitik" bisher noch kaum hinaus gekommen. Strategiekreise, Technologieräte, Dialogforen wurden in großer Zahl vorgeschlagen, diskutiert, verworfen, zum Teil aber auch schon installiert. Zu einer wirklich fruchtbaren, breitgefächerten Kommunikation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist es dennoch bis heute nicht gekommen.

Dabei hat die OECD schon 1988 empfohlen, horizontale Netzwerke zu bilden, an denen Wissenschaft, Wirtschaft, Staat und Gesellschaft nicht in irgendeiner dirigistischen Über- oder Unterordnungsform, sondern auf gleichen Ebenen vertreten sind. Solche Netzwerke sind etwas anderes als olympische Räte allwissender "Gurus", für die ich nie eintreten würde. Technologische Netzwerke haben sich in den USA und Japan bewährt, ohne die dortigen Demokratien und Marktwirtschaften zu Räterepubliken zu pervertieren. Sie sind nichts anderes als Ideenbörsen, in denen vor allem junge Forscher, die Schwierigkeiten haben, sich in der eigenen Universitäts-, Instituts- oder Unternehmenshierarchie durchzusetzen, die Chance erhalten, ihre Erkenntnisse einer objektiven Auslese nach Kriterien der Nützlichkeit und Verwertbarkeit zuzuführen.

Vergessen wir nicht: bloße Kostensenkungen und Verfahrensinnovationen beim Angebot herkömmlicher Produkte lösen nicht die Probleme, um die es hier geht. Schwarze Zahlen durch Arbeitsplätzeabbau verblassen schnell. Also wäre es absolut verfehlt, angesicht der wieder anziehenden Konjunktur wieder so fortzufahren wie bisher. Die großen technologischen Zyklen sind länger als die kurzfristigen Nachfragekonjunkturen im Drei-Jahres-Rhythmus, die die Makroökonomen beschäftigen. Die Entwicklungsgeschichten der Elektroindustrie, der chemischen Industrie, der Automobilindustrie, der Flugzeugindustrie und zuletzt der Informatik belegen es. Das bedeutet, daß wir schon heute an die Technologien denken müssen, mit denen wir in kommenden Jahrzehnten unseren Wohlstand, unseren sozialen Standard und unsere Umwelt sichern wollen.

Von den Amerikanern und Japanern beherrschte Technologien der gegenwärtigen und wahrscheinlich auch der nächsten Generation, vor allem in der Mikroelektronik und der Biotechnologie, sollte man auf unserer Seite des Atlantiks eher kaufen, als sie mühsam nachzuerfinden. Aber an der Entwicklung der übernächsten Generation können sich auch deutsche Forscher und Unternehmen beteiligen, wenn sie sich heute ans Werk machen. Dabei muß man auch zu Irrtümern bereit sein. Niemand kann heute wissen, welche Technologien sich übermorgen als "Schlüsseltechnologien" bewähren werden. Nur versuchen muß man es, wenn man übermorgen die Schumpeterschen Gewinne machen will, die heute amerikanische Unternehmen wie Intel, Motorola, Microsoft, IBM, Apple und so weiter machen.

Eines können wir uns jedenfalls nicht leisten: eine technikfeindliche Gesellschaft. Wenn sie es tatsächlich ist, was ich bezweifle, dann bleibt uns in der Tat nichts anderes übrig, als uns auch um gesellschaftliche Innovation zu bemühen. Die Erkenntnis der Grenzen des Wachstums hat sich in den 70er Jahren verständlicherweise wie eine Lähmung über unsere ganze Gesellschaft gelegt. In Teilen der Eliten schwang damals das Pendel vom Extrem des naiven Fortschrittsglaubens in das ebenso naive Extrem der romantischen Technologieflucht aus. Jetzt ist es an der Zeit, daß wir das Pendel zurückschwingen und möglichst in der Mitte zur Ruhe kommen lassen. Dabei kann die Einsicht helfen, daß wir Technologie schon zum wirksamen Schutz der Umwelt brauchen. Zweihundert Jahre ökologischen Rückschritts - und das ist einfach die historische Wahrheit - lassen sich nur durch überproportional beschleunigten technischen Fortschritt umkehren und wieder aufholen.

Das bedeutet, daß es sich heute in Deutschland nicht nur, aber doch vor allem lohnt, in Wissen und Information zu investieren. Güter der traditionellen Industrie lassen sich in den Reformländern des Ostens und in den Entwicklungsländern des Südens oft ohnehin effizienter produzieren. Das Wachstum, das sich aus Investitionen in die Köpfe ergibt, ist unbegrenzt. Das Gesetz der abnehmenden Erträge gilt nicht für das menschliche Wissen.

Von dem bereits zitierten Joseph Schumpeter stammt auch der Satz: "Innovationen treten vorwiegend bei den Jungen auf". Wenn wir heute in unserer Gesellschaft zuweilen Mut- und Bewegungslosigkeit verspüren, so frage ich mich manchmal, ob das nicht auch eine Folge unserer völlig verkorksten Alterspyramide ist. Damit erweist sich auch Familienpolitik als etwas, das in diesen Zusammenhang gehört. Eine kindergerechtere und kinderfreundlichere Gesellschaft, in der Familie und Beruf, gewerbliche und häusliche Tätigkeit, Arbeitswelt und Kinderwelt miteinander verbunden sind, wäre deswegen wohl auch eine gesellschaftliche Innovation, die unsere Probleme von der Wurzel her anpackt. Ich möchte auch an die Tarifparteien - nicht nur an den staatlichen Gesetzgeber - den Appell richten, diesen Aspekt in ihre Arbeit einzubeziehen.

Aber auch der Staat hat eine Verantwortung für die Bildung als Quelle gesellschaftlicher Innovation. Die wissenschaftliche und wirtschaftliche Blüte Deutschlands in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts und die jeweils eigene Dynamik Japans und der USA heute sind Beispiele, die belegen, daß Bildung das eigentliche Geheimnis der wirtschaftlichen Entwicklung und der Wettbewerbsfähigkeit ist. Heute liegen Japans Stärken in der Primarstufe der Schulen und den mathematischen Fächern der Sekundarstufe. Amerika glänzt durch seine Eliteuniversitäten. Deutschland läuft Gefahr, in allen drei Bereichen zurückzufallen.

Zuweilen höre ich, daß die deutschen Universitäten nur durch Druck von außen reformierbar seien. Davon bin ich zwar nicht unbedingt überzeugt, aber vielleicht brauchen sie tatsächlich die Konkurrenz privater Universitäten im amerikanischen Stil. Wenn Wettbewerb in der Wirtschaft segensreich wirkt, warum dann nicht auch im Hochschulbereich? Gegen Eliten ist auch in einer egalitären Gesellschaft, wie wir sie haben und wie ich sie als gut empfinde, nichts einzuwenden, wenn sie allen zugänglich sind und wenn sie sich durch Wißbegierde, Leistungsbereitschaft und Kreativität begründen. Die Zugänglichkeit ist bei uns nicht das Problem. Nirgendwo gibt es einen breiteren Bildungszugang als in Deutschland. Das Problem bleibt die gleichzeitige Wahrung der Qualität des Bildungsangebots.

Wenn Kreativität aber ein wirklicher Standortfaktor sein soll, dann muß man früh mit ihrer Pflege beginnen, und früh heißt hier bereits in der Primarstufe. Nach einer OECD-Statistik geben die USA über 5 Prozent und Japan 4,5 Prozent ihres Bruttosozialproduktes für die Erziehung aus. Deutschland erreicht dagegen nur 3,8 Prozent, und im Primarbereich bildet es gar das Schlußlicht der OECD-Statistik. Zumindest in der Tendenz stimmen solche Statistiken.

Vorteile haben wir immer noch im Berufsschulwesen. Verwässern wir sie nicht! Wenn wir allen jungen Leuten die gleiche Chance geben wollen, einen Arbeitsplatz in der zukünftigen Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft zu finden, so müssen wir dafür etwas tun, und zwar ohne jede Ideologie. Jeder Schüler muß so gefördert werden, wie es seinen Begabungen entspricht.

Gesellschaftliche Innovation läßt sich nicht verordnen. Aber sie läßt sich fördern durch die Gestaltung der Rahmenbedingungen gesellschaftlichen Lebens, durch institutionelle Innovation.

Ein schlankerer Staat schafft Raum für eine dynamischere Wirtschaft. Das bedeutet nicht, daß der Staat Verantwortungsflucht begehen muß. Ein schlankerer Staat kann auch ein aktiverer oder ein stärkerer Staat sein. Eine große Koalition für Deregulierung und Entbürokratisierung scheint mir in Worten bereits zu bestehen. Worauf es aber ankommt, ist, daß sie sich auch in Taten, das heißt auch in der Überwindung der Lobbyisten und der Dogmatiker bewährt. Zwei Drittel der Besitzstände sind ohnehin geistiger Natur.

Ein ähnlicher überparteilicher Konsens besteht in der Einsicht, daß wir uns jetzt nicht etwa von den guten Konjunkturdaten dazu verleiten lassen dürfen, das wirtschafts- und gesellschaftspolitische Problem Nummer eins, die hohe Arbeitslosigkeit, zu vergessen. Man kann die fortdauernde strukturelle Arbeitslosigkeit nicht einfach als Naturgesetzlichkeit abtun, auch wenn sie nach den Befunden der OECD für nahezu alle westlichen Volkswirtschaften typisch ist. Arbeitslose, die über einen längeren Zeitraum keine Arbeit finden, werden allmählich zu Hoffnungslosen und dafür werden wir alle nicht nur wirtschaftlich sondern auch moralisch an die Kasse zu treten haben, wenn uns die Lösung dieses Problems nicht gelingt.

Arbeit ist mehr als Sicherung des Lebensunterhalts. Sie ist zugleich eine Quelle von Selbstwertgefühl, von innerer Zufriedenheit, von sozialer Anerkennung. Wir dürfen uns deshalb mit der Arbeitslosigkeit und der damit einhergehenden zunehmenden Armut, Verarmung und Obdachlosigkeit mitten in unserer Wohlstandsgesellschaft nicht abfinden. Die absehbare Spaltung der Gesellschaft in solche, die dazu gehören, denen es gut und immer besser geht, und andere, die sich "draußen vor der Tür" fühlen, ist eine zentrale Gefahr für die Soziale Marktwirtschaft, der sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stellen müssen.

Das bedeutet, das institutionelle Innovation im Interesse der Langzeitarbeitslosen dringend geboten ist. Hier muß neu nachgedacht, hier müssen Denkschablonen und Tabus überwunden werden. Endlich ist die Diskussion über Verbindungen von Sozialhilfe und Arbeitseinkünften in Gang gekommen. Den Gedanken an Lohnsubventionen in Form einer Negativsteuer sollte man auch nicht von vornherein verwerfen. Auch hier sehe ich Ansätze zu überparteilischem Konsens, aber dazu wird man auch die Sozialpartner brauchen. All diese Lösungen sind volkswirtschaftlich billiger als Arbeitslosenunterstützung. Es geht darum, Arbeitsplätze zu schaffen, und nicht darum, Arbeitslosigkeit zu finanzieren.

Auch steuerliche Anreize für Investitionen in neue Technologien und der Einsatz von Risikokapital gehören in den Zusammenhang der institutionellen Innovation. Daß Deutschland der einzige unter den führenden Industriestaaten ist, der sich in diesen Bereichen durch Inaktivität auszeichnet, sollte uns wenigstens zu denken geben.

Wir sind uns auch alle einig, daß der Bestand der sozialen Sicherheit am besten durch seine Erneuerung zu wahren ist. Dazu gehört etwa, daß größerer Raum für eigenverantwortliche Vorsorge bei denen geschaffen werden kann, die dazu wirtschaftlich in der Lage sind. Es kann nicht rechtens sein, daß die gegenwärtige Generation als verantwortungsloses Kollektiv die Finanzierung ihrer eigenen sozialen Sicherheit als Hypothek auf die Kinder und Enkel abwälzt.

Gute Programme institutioneller Innovation allein reichen offenbar nicht aus, um unsere Gesellschaft mit neuen Lebensgeistern zu füllen. Jeder Einzelne muß erkennen, daß man sich in bewegten Zeiten keine erstarrte Gesellschaft leisten kann, jeder einzelne Bürger muß helfen, sie aufzulockern. Die wichtigste Innovation, die wir daher brauchen, ist die mentale Innovation. Sie ist Voraussetzung, daß die drei anderen Innovationen, von denen ich sprach, gelingen.

Dabei verfügen wir durchaus über Pfunde, mit denen wir wuchern können: Der Wille zur Reform ist vorhanden. Die Intelligenz ist vorhanden. Traditionen wie Tüftlersinn und wissenschaftliche Neugier sind vorhanden. Selbst Tugenden wie Pünktlichkeit, Verläßlichkeit und Qualitätsehrgeiz sind noch vorhanden. Sogar Rechtsnormen, die sich im institutionellen Wettbewerb bewährt haben, vom Handelsrecht über das Kartellrecht bis hin zur gesetzlich geschützten Unabhängigkeit der Bundesbank, sind vorhanden.

Worum es bei der mentalen Innovation geht, ist an fünf Fingern einer Hand aufzuzählen, und niemand soll sagen, daß er nicht weiß, wovon ich spreche:

- Abschied vom Besitzstandsdenken;

- Überwindung dogmatischer Tabus, die geistigen Besitzstände;

- Mut zu Visionen, im Unterschied zu Utopien;

- Wiederbelebung von Leistungs- und Risikobereitschaft; und schließlich, alles mit einem Wort zusammengefaßt:

- Unternehmungslust, ich meine jetzt nicht nur die Unternehmer, das ganze Volk muß wieder unternehmungslustig werden.

Damit bin ich zum Schluß meiner Ausführungen wieder dort angelangt, wo ich begann, nämlich bei den Unternehmern. Gerade sie sind ein Teil der Gesellschaft, bei dem die mentale Energie am meisten zählt. Auf sie richten sich deswegen besonders hohe Erwartungen.

Natürlich sind auch Unternehmer nur Menschen. Gerade in letzter Zeit wurden häufig auch Klagen über unternehmerische Fehlleistungen in Deutschland laut. Man hört von jungen Forschern und Ingenieuren, die mit neuen Produkten bei ihren eigenen Vorständen nicht durchdringen. Zu viele deutsche Exporteure und Investoren geben sich noch mit dem bequemen, aber unterdurchschnittlich wachsenden europäischen Markt zufrieden, anstatt in die überdurchschnittlich wachsenden asiatischen und amerikanischen Märkte hineinzugehen. Inaktive Aufsichtsräte soll es geben, höre ich. Sie können weder zur Nutzung von unternehmerischen Chancen noch zur Vermeidung von unternehmerischen Risiken beitragen. Das leuchtet auch dem Nicht-Fachmann ein.

Daß es sich bei der Qualität der unternehmerischen Leistung im Kern nicht um ein institutionelles, sondern um ein mentales Problem handelt, ist ganz offensichtlich. Hierauf nur mit institutionellen Änderungen reagieren zu wollen, würde wahrscheinlich den Kern nicht treffen.

Das, was den klassischen Unterehmer auszeichnet, nämlich sein Pioniergeist, ist etwas, was nicht nur in der Wirtschaft gebraucht wird. In der Kunst braucht man diesen Pioniergeist, in der Wissenschaft, in der Politik und schließlich, weil diese Dinge sich gar nicht trennen lassen, überall in der Gesellschaft. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, so lautet das gute alte deutsche Sprichwort. Ich bin heute zu Ihnen gekommen, um Sie zu bitten, dieses Sprichwort zu beherzigen und allen anderen Teilen der Gesellschaft zu zeigen, wie man es macht.