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Weihnachtsansprache 1994 von Bundespräsident Roman Herzog

Zu Weihnachten wünschen ich allen, die in unserem Land leben, auch unseren ausländischen Mitbürgern und denen, die bei uns Zuflucht gefunden haben, ein frohes Fest

Wenn wir uns frohe Weihnachten wünschen, dann denken wir an Kerzenschein und Gemütlichkeit. Aber Weihnachten hat nicht nur mit stillem Glück zu tun. Es geht auch um neuen Anfang. Davon will ich heute sprechen.

Auch wer sich nicht so gut in der Bibel auskennt, kennt die Geschichte von den Drei Königen und dem Stern von Bethlehem.

Diese Männer sind damals, so heißt es, dem Stern gefolgt. Sie haben Altbekanntes verlassen, um Neues zu suchen. Sie haben viele Grenzen überschritten. Und ich sage: Wer neu anfangen will, der muß Grenzen überschreiten, auch eigene.

Ich weiß: Nicht allen ist an diesen Tagen nach unbeschwertem Feiern zumute. Ich meine jetzt nicht die, die prinzipiell schlechte Laune und Pessimismus verbreiten, auch wenn es ihnen noch so gut geht.

Ich denke an die, die mit Grund bekümmert sind und die auch an diesen festlichen Tagen ihre Sorgen nicht vergessen können.

Was kann ich Ihnen sagen?

Sie wissen, ich halte nichts von Beschönigung und falschem Trost. Wenn an Weihnachten, wie es heißt, das wahre Licht in die Welt gekommen ist, dann nicht, um gefühlvollen Glanz zu verbreiten, sondern um zu erhellen, wie es in der Welt wirklich aussieht.

Es gibt, das sollten wir nicht vergessen, Menschen, die sich nicht an einem neuen Anfang, sondern am Ende glauben. Wer etwa lange ohne Arbeit ist, der ist in Gefahr, alle Hoffnung zu verlieren. Der ist in Gefahr, sich aufzugeben.

Es macht mir besonders zu schaffen, daß nicht wenige Mitbürger in den östlichen Ländern noch immer meinen, mit der Einheit und der wiedergewonnenen Freiheit persönlich verloren zu haben. Und diesen Eindruck haben sie - trotz der gewonnenen Freiheit -, weil sie den Arbeitsplatz nach der Wende verloren haben. Manche sprechen davon, die Mauer sei "zu früh" gefallen, oder sehen sich als "Verlierer der Wende". Ein solches Denken geht in die falsche Richtung. Freiheit kommt nie zu früh, aber Freiheit darf auch keine Verlierer haben. Deshalb ist es unsere wichtigste Aufgabe, den Anfang der neuen Freiheit für jeden einzelnen als Gewinn erfahrbar zu machen. Dazu gehört vor allem die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Sie ist die brennendste Wunde in unserer Wohlstandsgesellschaft. Nicht nur, weil wir mit der Arbeit Geld verdienen, sondern weil wir alle einen großen Teil unseres Lebenssinns in gerecht bezahlter Arbeit finden.

Trotz aller sozialer Absicherung gilt: Die Menschen wollen sich nicht nur in schönen Worten sagen lassen, daß man sie schätzt. Sie möchten auch mit Kopf und Händen gebraucht werden.

Wenn wir bei diesem Problem versagen, lassen wir nicht nur einzelne im Stich. Wir setzen auch unser soziales Gemeinwesen aufs Spiel. Jeder Arbeitsplatz, der geschaffen wird, ist eine Lebensperspektive für einen Menschen und ein Hoffnungszeichen für alle, die Arbeit suchen.

Der Arbeitsmarkt - wie übrigens auch der Wohnungsmarkt - hat direkte Auswirkungen auch auf das Schicksal unserer Familien. Wenn wir weiterhin von den Leistungen der Familie leben wollen, dann müssen wir entschieden familienfreundlicher werden. Das ist nur zum Teil eine Aufgabe des Staates, der hier natürlich auch eine wichtige Funktion hat; ich erwähne nur Dinge wie Steuerpolitik, Schulpolitik, Verkehr und Wohnungsbau. Aber der Staat allein kann es nicht schaffen. Familien brauchen oft flexible Arbeitszeiten; da sind die Unternehmer gefragt. Sie brauchen Wohnungen; da kommt es auch auf die Vermieter und die Nachbarn an, für die eine Familie mit Kindern eben nicht nur eine Last sein darf. Die Mütter müssen entlastet werden; das liegt oft am Verhalten der Väter. Und so weiter. Wir alle sind es also, die unsere Gesellschaft gestalten und ihr ein Gesicht der Solidarität - oder der Rücksichtslosigkeit geben. Und das hat eine Verheißung:

Je besser Familien leben können, je mehr Geborgenheit und Wärme in ihnen erfahren wird, um so weniger Angst müssen wir vor Verwahrlosung und Gewalt haben.

Geborgenheit brauchen auch diejenigen, die in diesen Tagen krank sind und auf die Pflege anderer angewiesen sind. Sie erfahren, daß menschliche Nähe durch nichts zu ersetzen ist.
Deshalb danke ich allen, die sich in freiwilligem Einsatz um alte und kranke Menschen kümmern. Wer sich hier, oder auch in anderen Bereichen, für andere interessiert, ihnen zuhört und sich für sie einsetzt, wer selbstlos einen Dienst übernimmt, ohne gleich eine Gegenleistung zu erwarten, der setzt jedesmal einen neuen Anfang für eine menschliche Gesellschaft.

Wir können im Staat vieles regulieren, ordnen und bestimmen. Aber wir leben letztlich von dem, was nicht verordnet werden kann, was freiwillig getan wird.

Ich kann nicht alles ansprechen, was uns heute abend bewegt, aber sicher werden auch Sie über allen eigenen Sorgen nicht vergessen, wie es jenseits unseren Grenzen aussieht, wo Krieg, Hunger und Elend unvergleichlich größere Not bringen, als wir sie kennen.

Ein Blick über die Grenzen zeigt aber auch, daß es immer wieder neue Anfänge gibt. In diesem Jahr haben die ersten freien Wahlen in Südafrika und der Friedensprozeß im Nahen Osten scheinbar Unmögliches möglich gemacht. Das macht Hoffnung: Verantwortungsbewußte Menschen können neue Anfänge setzen. Sie können einem guten Stern folgen, allen Widerständen zum Trotz.

Unterwegs ist es oft dunkel. Aber Sie kennen vielleicht das Sprichwort, das so gut in die Weihnachtszeit paßt:

Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als über die Dunkelheit zu klagen.

In diesem Sinne wünschen meine Frau und ich Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.