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Laudatio von Bundespräsident Roman Herzog anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Frau Annemarie Schimmel in Frankfurt

Daß die diesjährige Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels von heftigen Kontroversen begleitet wird, bedarf keiner besonderen Betonung; es ist vor aller Augen.

Aber schon der Verlauf der Diskussion, die es dieserhalb gegeben hat, stimmt mich hoffnungsvoll. Nach einem Anfang, der wahrlich kein Ruhmesblatt war, hat sich eine Debatte entwickelt, die in mehr als einer Beziehung zur Vertiefung des Verständnisses beigetragen hat. Sie hat, wenn ich recht sehe, die sonst üblichen Frontverläufe überwunden. Sie hat uns - sowohl unter den Befürwortern als auch unter den Gegnern der heutigen Preisträgerin - ins Gedächtnis gerufen, daß political correctness keine legitime Schranke der verfassungsrechtlich verbürgten Meinungsfreiheit sein kann. Sie hat Gelehrte aus ihren Studierstuben getrieben und zu öffentlicher Stellungnahme veranlaßt. Sie hat schon heute zu der Erkenntnis geführt, daß eine vertiefte und differenzierende Beschäftigung mit dem Islam für uns aus außen- wie aus innenpolitischen Gründen lebensnotwendig ist. Und sie hat schließlich auch schon die ersten Früchte der Wissensvermittlung getragen; wer von uns hätte vor dem Streit um Annemarie Schimmel wirklich sagen können, was Sufismus ist oder - noch wichtiger - nach welchen Gesichtspunkten man eine Fatwa zu beurteilen hat?

Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels steht in der Tradition der Aufklärung und er dient, wie schon sein Name sagt, dem Frieden - dem Frieden zwischen den Menschen, zwischen den Völkern und gewiß auch zwischen den großen Kreisen kultureller und geistiger Tradition, die es auf dieser Welt stets gegeben hat, die in letzter Zeit jedoch in erstaunlicher, ja dramatischer Weise neue Konturen und neues Selbstbewußtsein gewonnen haben.

Daß der Islam für uns eine aktuelle Herausforderung ist, merken wir schon in unserer Nachbarschaft. Und das Judentum begleitet uns seit einem vollen Jahrtausend, im Guten wie im Bösen. Aber daneben gibt es auch andere Religionen und Kulturen, die in hunderten Millionen Köpfen und Herzen wirksam sind und sich ebenfalls auf sich besinnen: den Buddhismus, den Hinduismus und den Konfuzianismus, um nur die größten zu nennen.

Es mag ja sein, daß die Gemeinsamkeiten aus Naturwissenschaft, Technik und globaler Information, aus weltweiter wirtschaftlicher Verflechtung und vielleicht sogar aus neu entstehenden Sicherheitsstrukturen uns davor bewahren, daß jene leichtfertigen Prophezeiungen sich erfüllen, die heute schon einen "clash of civilizations" voraussagen, einen globalen Kulturkampf. Aber ein friedliches, menschenwürdiges Miteinander verlangt mehr.

Es verlangt erstens ein leidenschaftliches Bemühen darum, daß die Grenzen zwischen den Kulturen nicht auf Dauer zugleich Grenzen zwischen Armut und Reichtum bleiben oder werden; deshalb plädiere ich, wo immer es geht, für freie Märkte, für wirtschaftliche Zusammenarbeit und - im Interesse der Ärmsten - für Entwicklungshilfe. Und es verlangt zweitens das nicht erlahmende Bemühen, Gemeinsamkeiten, die vorhanden, aber verschüttet sind, ans Tageslicht zu fördern und zu stärken, und für Ideen, die nach aller Erfahrung Frieden stiften, zu werben und - wo nötig - auch zu kämpfen.

Sie verstehen gewiß, was ich mit den letzten Worten meine: Ich spreche vom Kampf, aber auch vom unermüdlichen und unverdrossenen Werben für die Menschenrechte, auf die sich die Weltgemeinschaft ja schließlich einmal verständigt hat. Vergessen wir dabei nicht, daß sich diese Rechte auch bei uns erst verhältnismäßig spät, in mühsamen kleinen Schritten und mit immer wieder neuen, entsetzlichen Rückfällen entwickelt haben. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit gibt es auch bei uns noch eine erhebliche Kluft - ich erinnere nur an die Rechte der Frauen. Dennoch: die Menschenrechte sind aber nach unserem heutigen Wissen die überzeugendste Idee, die Frieden zwischen Menschen, Völkern und Staaten und schließlich auch zwischen Kulturen zu schaffen imstande ist.

Nur, alles das setzt voraus, daß die Völker und Kulturen mehr übereinander wissen. Ohne gegenseitiges Wissen gibt es kein gegenseitiges Verständnis, ohne Verständnis gibt es keinen gegenseitigen Respekt und kein Vertrauen, und ohne Vertrauen gibt es keinen Frieden, sondern wirklich nur die Gefahr des Zusammenpralls.

Unendlich viele, zum Teil höchst verschiedene Leistungen sind also nötig, wenn Frieden werden und vor allem bewahrt werden soll. Und jede ist preiswürdig, wenn sie nur groß genug ist. Manche haben gesagt: Wir schätzen ja Frau Schimmel als Wissenschaftlerin, aber warum soll eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Literatur, mit alten Schriften, einen Friedenspreis verdient haben? Ich sage dazu: in der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte waren es nicht zuletzt englische, amerikanische und russische Literaturwissenschaftler und Germanisten, die auf ihre Weise ein anderes, und wie wir heute sagen würden, gültigeres Verständnis von deutscher Kultur weitergegeben haben, als das offizielle Deutschland es damals präsentiert hat. Nicht zuletzt diese entsagungsvolle Arbeit - damals sicher auch "unpolitisch" - war es, die ihren spezifischen Beitrag geleistet hat zum späteren Frieden und zur Versöhnung. Niemand, der damals in Oxford oder Harvard Verse aus "Don Carlos" oder "Egmont" interpretiert hat, hat damit den deutschen Totalitarismus legitimiert. Gerade die Tatsache, daß es hier um den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht, sollte uns auch die friedens- und versöhnungsstiftende Arbeit schätzen lassen, die in der Beschäftigung mit Literatur und Geistesleben bestehen kann.

In unserem Verhältnis zum Islam erweist sich das gegenwärtig sehr deutlich. Man wird der deutschen Öffentlichkeit wohl kaum Unrecht tun, wenn man behauptet, daß zu viele bei der Nennung des Wortes "Islam" vor allem Begriffe wie "inhumanes Strafrecht", "religiöse Intoleranz", "Unterdrückung der Frau" und "aggressiver Fundamentalismus" assoziieren. Aber das ist eine Verengung, die wir korrigieren müssen. Erinnern wir uns nur einmal daran, daß es vor sechs- oder siebenhundert Jahren eine große islamische Aufklärung gegeben hat, die dem Westen beträchtliche Teile des antiken Wissens erhalten hat und die sich ihrerseits einem abendländischen Denken konfrontiert sah, das sie als ziemlich fundamentalistisch und intolerant empfunden haben muß.

Anderes kommt hinzu: etwa die von Annemarie Schimmel so sehr betonte Existenz sufistischer Geistesströmungen im islamischen Denken, die dieses viel differenzierter erscheinen lassen als die allbekannte Unterscheidung zwischen Sunna und Schia. Und endlich sollten wir zur Kenntnis nehmen, daß die islamische Welt - ganz ähnlich wie die unsere - kein monolithischer Block und schon gar kein fundamentalistischer Block ist. So ist zum Beispiel der indonesische Islam etwas ganz anderes als der iranische Islam, und immerhin ist Indonesien heute das größte islamische Land. Haben wir, ein weiteres Beispiel, zur Kenntnis genommen, daß die Staatspräsidenten der sechs turksprachigen Länder, die vor kurzem die gemeinsamen Prinzipien ihrer Politik öffentlich formuliert haben, zu diesen Prinzipien auch den Säkularismus gezählt haben? Verstehen wir - was Frau Schimmel uns immer wieder gezeigt hat -, daß viele Dinge, die wir ebenso wie die meisten Muslime dem Islam zurechnen, jedenfalls nicht im Koran niedergelegt sind?

Man wird immer verschiedener Meinung darüber sein müssen, was das für unsere Einstellung zum Islam bedeutet. Daß es uns aber ein klareres und vor allem gerechteres Bild gibt und daß es ernsthafte Gespräche zwischen den Kulturen erleichtert, das sollte doch niemand bestreiten. Und ich wiederhole: Das wird nicht nur unser Auge für die weltpolitische Bedeutung des Islam schärfen, sondern es ist auch für unser Verhältnis zu den Muslimen entscheidend, die in unserem Land leben.

Wahrscheinlich ist sogar der Begriff "Fundamentalismus", der uns so leicht über die Lippen geht, so zweideutig, daß er schon wieder irreführend ist.

Wer heute "Fundamentalismus" sagt, der verbindet damit meist - und nicht zu Unrecht - die Vorstellung von Demütigung der Frauen, von unmenschlichen Strafen für Diebe und Ehebrecherinnen, von Anschlägen gegen mißliebige Schriftsteller und Journalisten. In Wahrheit ist das, was wir landläufig als Fundamentalismus bezeichnen, jedoch nichts anderes als die politische Instrumentalisierung religiöser Gefühle, der blanke Griff zur totalitären Macht. Dieser Mißbrauch der Religion droht besonders dort, wo soziale Not und Rechtlosigkeit den Nährboden für die Manipulation der Massen bieten.

Ich wiederhole hier, was ich schon an anderer Stelle gesagt habe: Das sind Erscheinungen, die wir unter gar keinen Umständen akzeptieren können und die wir weder aus außenpolitischen Rücksichtnahmen noch aus einem schwächlichen Werterelativismus tolerieren können. Wenn wir in einen Dialog mit anderen eintreten, bringen wir einige Essentials mit, die nicht verhandelbar sind. Dazu gehört die Freiheit der Rede und dazu gehört vor allem, daß niemand wegen seiner Überzeugung zu Schaden gebracht werden darf. Eine lange, oft blutige und grausame Geschichte hat uns Europäer gelehrt, daß diese Rechte niemals mehr zur Disposition stehen dürfen. Deswegen kann hier niemand Todesdrohungen für ein Buch akzeptieren. Wer diesem Satz nur eine partikuläre, westliche Überzeugung zuschreiben will, die sich zu Unrecht universale Geltung anmaße, dem sage ich: Einen Dialog gibt es nur, wenn niemand befürchten muß, wegen einer Äußerung gefangen genommen, gefoltert oder ermordet zu werden. Diese Spielregel ist weder westlich noch östlich noch sonst irgendwie geographisch relativierbar. Sie ist die begriffliche Grundvoraussetzung für ein Gespräch überhaupt.

Und damit niemand denkt, ich meine das nur abstrakt und allgemein, will ich es ganz konkret sagen: Wer immer Salman Rushdie oder wen auch immer wegen eines literarischen Textes mit dem Tode bedroht, der muß in uns einen unnachgiebigen Gegner sehen. Wer mit Tod und Folter bedroht wird, dem stehen wir zur Seite. Deshalb fordere ich von hier aus die Männer, die für die Morddrohungen gegen Schriftsteller wie Salman Rushdie verantwortlich sind, zu einer ehrlichen, verläßlichen Rücknahme dieser Drohungen auf, vor allem aber zur Aufhebung des unseligen Kopfgeldversprechens.

Klar muß aber ebenso sein, daß unter uns auch der Hinweis auf die Erschütterung vieler frommer Muslime über etwas, was sie als Gotteslästerung empfinden, nicht verboten sein kann.

Hier liegt genau der Grund für meine Vermutung, daß wir unter uns, wenn wir von Fundamentalismus sprechen, nicht entfernt darüber einig sind, was wir damit meinen. Geht es nur um die Übergriffe, die ich vorher mit Beispielen umschrieben habe, die nach unserer eigenen geschichtlichen Erfahrung kommune Menschenrechtsverletzungen sind und die wir daher - ganz einfach und ohne jede weitere Diskussion - als schwerkriminelles Unrecht bezeichnen und behandeln müssen, geht es nur um diese Übergriffe, so ist die Sache verhältnismäßig einfach, und es bleibt "lediglich" die Frage, welche Folgerungen wir daraus für unser außenpolitisches Verhalten zu ziehen haben. Protest, politische Sanktionen oder geduldiges aber unmißverständliches Werben für unsere Standpunkte? Und ich finde, jeder dieser Wege hat seine Berechtigung. Wir müssen aber stets prüfen, welcher von ihnen in einer konkreten Situation am weitesten führt.

Es gibt hier aber möglicherweise noch eine tiefere Schicht des Empfindens. Ich habe schon von der islamischen Aufklärung gesprochen, die in unserem christlichen Kulturkreis wahrscheinlich auf Gegenpositionen gestoßen ist, die wir heute selbst als ­ christlichen - Fundamentalismus bezeichnen würden. Ist es nicht denkbar, daß sich die Fronten seither verkehrt haben? Daß wir uns mit dem Islam so schwer tun, weil er oft auf einer tiefen Volksfrömmigkeit beruht, während wir selbst in einer weitgehend säkularisierten Welt leben? Und wie leben wir dann, wenn ich recht haben sollte, mit diesem Dissens? Wollen wir fromme Muslime allen Ernstes mit den gewalttätigen Fundamentalisten identifizieren, nur weil wir selbst für die Verspottung religiöser Gefühle anderer kein rechtes Gefühl mehr haben oder zumindest kein rechtes Gefühl mehr zeigen?

Von Werterelativismus unsererseits halte ich in diesem Zusammenhang gar nichts. Pluralität und Toleranz sind gewiß wichtige Dinge, auf die ich unter keinen Umständen verzichten möchte. Wenn sie aber funktionieren sollen, müssen sie realistisch und ehrlich sein, und das heißt: man muß einerseits die Positionen des anderen kennen und verstehen und man muß andererseits einen eigenen Standpunkt haben, um den des anderen überhaupt tolerieren zu können. Werterelativismus allein führt zur Standpunktlosigkeit und nicht zur Toleranz.

Für uns, ich wiederhole es, sind die Menschenrechte unverzichtbar: die Würde des einzelnen Menschen, die Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens, das Verbot von Folter und körperlichen Strafen, die persönliche Freiheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Freiheit des Denkens, der Religion und der weltanschaulichen Überzeugung; ich will die Reihe hier nicht vollständig aufzählen. Hier können wir unsere Überzeugungen, die aus schlimmen geschichtlichen Erfahrungen gewonnen und gefestigt sind, nicht um ein Jota relativieren.

Aber:

Jede weltweite Debatte über die Menschenrechte zeigt zugleich, daß wir im Diskurs zwischen den Kulturen mit Bekenntnis und Protest allein nicht auskommen werden.

Eine jahrzehntelange Erfahrung sagt mir, daß wir beim Werben für unsere Standpunkte viel weiter gehen müssen als nur zu Bekenntnis und Protest, und hier ist wieder die Kenntnis, das Wissen über unsere Gesprächspartner gefragt.

In allen Ideensystemen, die uns auf dieser Welt begegnen, gibt es Gedanken und Grundsätze, die miteinander übereinstimmen oder zumindest miteinander verwandt sind - auch wenn ihre innersten Begründungen vielleicht weit voneinander abweichen. Es ist nicht besonders originell, hier immer gleich die "Goldene Regel" zu erwähnen, die wir mit einem deutschen Sprichwort so umschreiben: "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu!", und die es in allen Kulturen der Welt gibt. Aber wenn es gelänge, diese Goldene Regel nur halbwegs zur Maxime praktischer Politik zu machen - was wäre schon das für ein Ansatz für internationalen Frieden und nicht minder für die Rechte des Individuums! Und das ist nicht der einzige Ansatz, von dem man hier ausgehen könnte. Ein Symposium, das vor einigen Wochen mit Wissenschaftlern und Philosophen aus aller Welt und allen Kulturen an meinem Berliner Amtssitz stattgefunden hat, läßt mich an noch ganz andere geistige Ressourcen denken. Zusammen mit gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen auf offenen Märkten, zusammen mit den Erkenntnissen, die die Naturwissenschaften auf der ganzen Welt gleich vermitteln, und mit den modernen, weltweiten Informationsmöglichkeiten könnte etwas daraus werden, was uns den globalen Kulturkampf erspart. Es lohnt sich, finde ich, dem größten gemeinsamen Nenner der Kulturen nachzuspüren.

Wohlgemerkt: die Suche nach einem kulturübergreifenden ethischen Minimum heißt nicht, daß wir uns in unserem eigenen Lebensbereich damit begnügen. Das gleiche gilt natürlich auch für die anderen Kulturen. Diese Suche würde auch nicht verlangen, daß wir darauf verzichten müßten, für unsere Vorstellungen von Menschenwürde und Menschenrechten weiter zu kämpfen und zu werben. Aber wir wie alle anderen könnten das im Frieden tun und - vor allem - niemand müßte mehr befürchten, daß hier eine Fortsetzung alter kolonialistischer Herrschaftsmethoden mit ideologischen Mitteln stattfindet.

Es mag ja sein, daß ich einen Traum träume, der sich nicht oder jedenfalls nicht vor unseren Lebzeiten erfüllt. Aber die Schreckensvorstellung eines globalen Kulturkampfes verbietet es uns, den Versuch überhaupt nicht zu unternehmen.

Die Frage liegt nahe, ob nicht ein gemeinsames Interesse aller Staaten und Kulturen besteht, dafür Sorge zu tragen, daß das Szenario nicht zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird. Kann der interkulturelle Dialog nun Teil einer rationalen Friedensstrategie werden?

Manches spricht dafür, daß es sich bei dem vermeintlichen "Kampf der Zivilisationen" in Wirklichkeit um einen "Kampf der politischen Fundamentalismen" handelt, an dem die gemäßigten Mehrheiten der Völker kein Interesse haben. Die Frage ist, ob in unserer Zeit als rationale Friedensstrategie eine kulturübergreifende Zusammenarbeit der Aufklärer, der Pragmatiker, der Sucher nach einer Zivilisation der Versöhnung gegen die Maler der Feindbilder denkbar ist.

Und für diesen Dialog braucht man Menschen, die zwischen den Kulturen wandern und die über sie Wissen vermitteln, die bereit und imstande sind, sich auch in fremde Begrifflichkeiten und Erfahrungswelten hineinzudenken und das so Gelernte weiter zu vermitteln, die auf diese Weise Brücken des Vertrauens bauen.

Und ein solcher Mensch ist Annemarie Schimmel. Und deswegen hat sie den Friedenspreis verdient. Sie liebt die Geisteswelt des Islam und wird von vielen Muslimen dafür wiedergeliebt; hierin Sympathisantentum mit politischem Fundamentalismus zu sehen, ist falsch und ungerecht. Sie selbst beschreibt in ihrem Buch "Mystische Dimension des Islams" die Auseinandersetzung zwischen den islamischen Mystikern, den schon erwähnten Sufisten, und der islamischen Orthodoxie, der die Sufisten nie ganz geheuer waren. Deren mystische Imagination und "inwendiger Islam", wie ihn der Orientalist Titus Burckhardt nennt, eignen sich nicht für fundamentalistisch-orthodoxe Indienstnahmen. Im Gegenteil, die islamischen Mystiker wurden, wie Frau Schimmel eindringlich dargestellt hat, immer wieder verfolgt, weil sie sich im feindlichen Umfeld eines religiösen Legalismus als die wirklichen Träger der Freiheit verstanden.

Ich will nicht über Parallelen spekulieren, die sich zwischen Sufismus und christlichem Pietismus, gerade auch im sozialen Engagement, ziehen lassen könnten, obwohl das durchaus reizvoll wäre. Mir als Laien reicht das Indiz aus: Von der atemberaubenden Vielfalt islamischer Strömungen in Geschichte und Gegenwart habe ich jedenfalls ansatzweise erst durch die Bücher von Frau Schimmel erfahren. Und vielleicht ergeht es anderen ja ähnlich. Dann hätten wir gemeinsam Nachholbedarf an Verstehen. Wir können es uns nicht erlauben, die Vielfalt islamischer Strömungen zu ignorieren; das hieße letztlich nur die zu stärken, die differenziertes Denken verhindern wollen. Reden wir also nicht den einheitlichen Islam herbei, den es nicht gibt, der aber den politischen Fundamentalisten ihr Geschäft erleichtern würde. Aus - erlauben Sie mir das Unwort - weltkulturpolitischen Gründen haben wir gar keine andere Wahl, wenn es uns denn um Menschenrechte und Demokratie geht, als über die islamische Welt mehr zu wissen.

Wenn wir uns, wie Frau Schimmel das zeigt, in eine andere Kultur "hineinversetzen", dann heißt das nicht, daß wir darin versinken. Verständigen können wir uns nur von unserem jeweiligen Standpunkt aus. Wenn wir den eigenen Standpunkt um der Verständigung willen aufgeben, dann gibt es nichts mehr zu verstehen, gibt es keinen Unterschied mehr zu besprechen. Wirklich neugierig auf den Islam und seine reiche Kultur kann man doch nur sein, wenn und weil die eigene Kultur eine andere ist.

Frau Schimmel hat diese Neugier in mir geweckt und ich wünsche mir, daß es vielen anderen ebenso ergeht. Dazu braucht man sich nicht in die geistesgeschichtliche Dogmatik zu vertiefen. Das kann man in Ruhe den Fachleuten überlassen. Ich will Ihnen nur verständlich machen, wie erfolgreich sie für mich zwischen den Kulturen gedolmetscht hat, als sie mich auf meiner Pakistanreise begleitete. Manchmal hat sie mir sogar die Herzen meiner islamischen Gesprächspartner geöffnet. Und es macht einen Unterschied, ob man mit Präsidenten und Regierungsvertretern nur diplomatische Höflichkeiten oder, je nach Bedarf, auch Protestdemarchen austauscht oder ob es gelingt, jenseits dieser traditionellen Mittel der Außenpolitik in die Substanz der Beziehungen, auch der kulturellen, vorzudringen.

Annemarie Schimmels Versöhnungswerk hat allerdings auch eine innenpolitische Bedeutung, und wir beginnen erst allmählich, sie zu begreifen. Es ist ja heute gar nicht mehr möglich, Überzeugungen geographisch zu trennen. Christen, Muslime, Atheisten wohnen in denselben Ländern, in denselben Städten, ja in denselben Straßen und Häusern. Das Leben ist hier schneller gewesen als der interreligiöse oder interkulturelle Dialog. Der aber muß nun dringend folgen, damit das Miteinander nicht zu einem Alptraum wird. Man kann auf die Dauer nicht miteinander leben, wenn man nicht miteinander redet und wenn man nichts voneinander weiß. Im Verhältnis zum Islam hat uns Annemarie Schimmel den Weg dazu geebnet, und im Verhältnis zu anderen Kulturen hat sie uns gezeigt, wie solche Wege gebaut werden können.

Ich wünsche Ihnen Glück, und ich gratuliere zu Ihrem Friedenspreis, Frau Schimmel.