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Grußwort von Bundespräsident Roman Herzog bei der 10. Verleihung des Denkmalpreises der Hypo-Kulturstiftung in München

"Freiherzige Wohltat wuchert reich". Das ließ schon Goethe seinen Faust auf dem Vorgebirg sagen. Ich bin deswegen gekommen, um dreierlei zu tun:

- Erstens möchte ich die Hypo-Kulturstiftung dazu beglückwünschen, daß sie mit ihrem Denkmalpreis das tut, was Faust sagt.

- Zweitens möchte ich die Gelegenheit nutzen, um für Nachahmung dieses Beispiels, daß heißt für mehr Mäzenatentum in unserer Gesellschaft zu werben.

- Drittens möchte ich eine Lanze brechen für eine besonders wichtige Variante kulturellen Engagements der Wirtschaft, nämlich für das grenzüberschreitende, international vertrauensbildende, außenpolitisch wirksame Mäzenatentum.

Zunächst meinen Glückwunsch an die Hypo-Kulturstiftung. Als die bayerische Hypotheken- und Wechselbank AG im Jahr 1993 diese Stiftung gründete, da tat sie etwas, was nicht nur in Bayern und unter Banken beispielhaft ist. Sie stellte sich auf den Standpunkt, daß auch ein wirtschaftliches Unternehmen die Kulturförderung zu seiner Sache machen kann. Sie hat darüber hinaus in ihr Kulturförderungsprogramm etwas hineingetragen, was als ideales Muster unternehmerischen Verhaltens gilt, nämlich Dynamik. Sie hat zwei scheinbar entgegengesetzte Schwerpunkte gesetzt, Denkmalpflege und zeitgenössische Kunst. Denn es ist ja nicht so, daß in der zeitgenössischen Kunst nur Abenteuer, in der Denkmalspflege nur Bewahrung zu finden wäre. Oft vergißt man, daß auch die Kunst der Vergangenheit einmal avant-garde war. Das ist die Lehre, um die es geht.

Der Denkmalspreis der Hypo-Kulturstiftung fördert auch noch in einer zweiten Hinsicht Mut und Bereitschaft zum Risiko. Sie vergibt ihn nämlich an Eigentümer von Baudenkmälern, die sich unter Verzicht auf kurzfristigen Gewinn für solche Denkmäler eingesetzt haben, die andernfalls dem Verfall preisgegeben wären.

Dabei wirkt die Hypo-Kulturstiftung noch in einem dritten Sinn innovativ. Sie arbeitet eng mit den Behörden der bayerischen Denkmalpflege zusammen und schafft damit einen Musterfall öffentlich-privater Partnerschaft. Lange hieß es ja, "public-private partnership" sei nur in den USA möglich. Die Hypo-Kulturstiftung und der Freistaat Bayern entkräften dieses Vorurteil.

Das ermutigt mich, zu meinem zweiten Punkt zu kommen: der Werbung für Nachahmung des Beispiels. Dabei geht es mir nicht nur um Denkmalpflege, sondern um Kultur im weitesten Sinne. Kultur ist ja mehr als nur gesellschaftlicher Überbau. Sie ist FundamentundDach von Politik und Wirtschaft. Sie ist ein gesellschaftliches Gemeinschaftsprodukt, an dem mitzuwirken alle aufgefordert sind: der Staat, der einzelne Staatsbürger und die dazwischenliegenden Institutionen, Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Medien, Vereine, Bürgerinitiativen bis hin zur örtlichen Kammermusikgruppe.

Das Beispiel der Hypo-Bank zeigt, daß auch Unternehmen der Wirtschaft zum Kreis dieser Institutionen gehören können, die am Bau des kulturellen Hauses mitwirken. Wenn man an die Geschichte des Mäzenatentums denkt, so kann man sogar sagen, daß private Unternehmer und Unternehmen einer der Hauptpfeiler dieses Hauses sein können.

Ich sage das, weil in unserer Zeit die Nachfrage danach eine ganz neue Dringlichkeit erhalten hat. Der Staat hat die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit erreicht. Das ist nicht nur bei uns so, sondern auch in den meisten anderen Ländern, paradoxerweise gerade in den reichen und scheinbar mächtigen. Der Wettbewerb um die beste Lösung dieses Problems ist nicht nur wirtschaftlicher, institutioneller und politischer Wettbewerb. Er ist auch ein Wettbewerb der Mäzene in den konkurrierenden Kulturen.

Das bringt mich zu meinem dritten und letzten Punkt.

Ich bin auch gekommen, um im außenpolitischen Einzugsbereich der Kultur um Mäzenatentum zu werben.

Nach der Vereinigung Deutschlands richten sich erhöhte, zuweilen überzogene Erwartungen an uns. Wenn sie nicht erfüllt werden, schlagen sie leicht in Enttäuschung um. Ein Land, das plötzlich größer erscheint, wird deswegen nicht auch beliebter. Deutschland ist also darauf angewiesen, so viele Brücken des Verständnisses zu schlagen wie möglich. Wir brauchen einen Sockel an Vertrauen, von dem wir langfristig zehren können und der sich auch in kritischen Situationen bewährt.

Die traditionellen Mittel der Diplomatie allein reichen zu einem solchen Sockelbau nicht aus. Auch die auswärtige Kulturpolitik ist in ihren Haushaltsmitteln zu beschränkt, um allein leisten zu können, worum es mir geht. Auch hier richtet sich unweigerlich der Blick auf die Mäzene.

Aber liegt es nicht nahe, daß auch die Mäzene ihrerseits ihren Blick auf diese Betätigungschance richten? Liegt es nicht im wohlverstandenen eigenen Interesse eines langfristig denkenden Unternehmens:

- zur Verbreitung der deutschen Sprache als Vehikel der Verständigung, der wissenschaftlichen Erkenntnis und des kulturellen Dialogs beizutragen?

- Lehrlingen und Studenten anderer Länder durch Stipendien in Deutschland die Möglichkeit zu geben, sich in prägendem Alter ein Bild von unserem Land zu machen?

- durch Einladung von Ausstellungen und Gastspielen aus anderen Ländern den Horizont des deutschen Publikums im Sinne der kulturellen Verständigung zu erweitern?

- durch Entsendung deutscher Veranstaltungen dieser Art ins Ausland für eine ähnliche Horizonterweiterung bei unseren Nachbarn und Partnern zu arbeiten?

- durch Investitionen in gemeinnützige Einrichtungen, vor allem in Entwicklungsländern, den Weg zur Demokratie und damit zur langfristig sichersten Methode der Friedenswahrung zu ebnen?

Lassen Sie mich bei dieser Gelegenheit noch eine letzte Anregung geben. Wir leben in einer Welt, die einerseits immer enger zusammenrückt, in der man andererseits aber mit dem wachsenden Selbstbewußtsein solcher Hochkulturen rechnen muß, die Europa jahrhundertelang nur als exotisch betrachtet und denen es sich daher zu Unrecht überlegen gefühlt hat. Heute könnten wir wissen, daß dieses Überlegenheitsgefühl nicht berechtigt ist, ja daß es eigentlich nur die kulturpolitische Schwester des europäischen Kolonialismus war. Das müssen wir dringend abstellen, und zwar nicht nur aus Gründen der Toleranz und Gerechtigkeit, sondern auch in unserem eigenen Interesse.

Hochrangige Vertreter der deutschen Wirtschaft berichten mir etwa, daß ihnen in den erwähnten Weltregionen Verhandlungen besonders gut gelingen, wenn sie auch ein ehrliches Interesse für die Kultur ihrer Gesprächspartner mitbringen und wenn sie bereit sind, sich darauf einzustellen. Ich selbst erlebe in diesen Wochen folgendes: Bei meiner Pakistanreise im vergangenen April habe ich an der Universität Islamabad im Rahmen allgemeiner weltpolitischer Erörterungen auch davon gesprochen, daß es für uns Europäer hoch an der Zeit sei, uns ein realistisches - und das heißt zunächst einmal von vorurteilsfreies - Bild des Islam und seiner kulturellen Traditionen zu machen, und nichts hat mir die Herzen und Ohren meiner Gesprächspartner mehr geöffnet als die Tatsache, daß sich in meiner Delegation eine der hervorragendsten deutschen Kennerinnen islamischer Kultur und Dichtkunst befand.

Da ich aus beruflichen Gründen auch seither viel reise und noch mehr ausländische Gäste an meinen Amtssitzen empfange, habe ich einen guten Überblick über die Wirkung beider Sachverhalte, und ich kann Ihnen sagen, daß ich seither keinen islamischen Politiker, Professor oder Journalisten getroffen habe, der mich nicht auf meine Rede angesprochen hätte. Sie muß gewissermaßen über den Erdball verbreitet worden sein.

Was immer das bedeuten mag, fest steht für mich jedenfalls, daß ich auf diesem Wege weitermachen werde, auch wenn ich dabei nicht stets und überall nur auf Verständnis stoßen sollte. Unsere Welt wird nicht in Ruhe und Frieden leben, wenn wir nicht zu diesem Verständnis für andere Kulturen und vor allem zum Respekt vor ihnen bereit sind.

Und Verständnis setzt Wissen, setzt Kenntnis des Fremden voraus. Es wäre mir eine große Hilfe, wenn auch die Hypo-Stiftung dazu mit der einen oder anderen Ausstellung und Veröffentlichung beitragen könnte.