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Ansprache von Bundespräsident Roman Herzog anläßlich eines Abendessens gegeben zu Ehren des Präsidenten der Volksrepublik China, Jiang Zemin, auf Schloß Augustusburg in Brühl

Herr Präsident,
sehr verehrte Frau Wang,

Ihr Besuch ist der erste eines chinesischen Staatsoberhauptes in Deutschland. Damit ist er ein wahrhaft historisches Ereignis in der Geschichte der Beziehungen unserer Länder.

Mit Ihrem Besuch in Europa erwidern Sie ein europäisches Interesse an China, das genau 700 Jahre alt ist. Nachdem Marco Polo 1295 von seiner Reise in das Reich der Mitte zurückkehrte, wurde China für Europa ein Attraktionspol kultureller Faszination, wissenschaftlicher Entdeckungslust und wirtschaftlicher Interessen. Es gibt in der Geschichte der Menschheit kaum ein eindrucksvolleres und länger währendes Beispiel einer solchen Anziehungskraft zwischen Kulturen.

Dieses Interesse ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, daß Europäer und Chinesen nicht erst vor 700 Jahren, ßsondern bereits vor 2500 Jahren - unabhängig voneinander, aber annähernd zur gleichen Zeit - begannen, sich die gleichen Fragen zu stellen. Man vergißt zu oft, daß Konfuzius und Sokrates im gleichen Jahrhundert lebten. Sie wußten zwar nichts voneinander, aber es ging ihnen um die gleiche Humanität, die gleiche Vernunft, die gleiche Suche nach Erkenntnis, die gleichen Unterscheidungen zwischen Gut und Böse, die gleiche Überwindung von Unrecht und Gewalt.

In diesen Tagen ist es Mode geworden, vom Kampf der Zivilisationen als nächstem großen Konflikt nach dem Ende des Kalten Krieges zu sprechen. Ich bin der Auffassung, daß alle politisch Verantwortlichen gemeinsam dafür Sorge tragen sollten, daß dieses Szenario nicht zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird. Ich habe deswegen im Januar in Davos an die "goldene Regel" erinnert, die man bei Konfuzius ebenso wie in der Bibel, im Buddhismus und Hinduismus findet: "Was Du nicht willst, daß man Dir tu, das füg auch keinem andern zu." Ich war höchst erfreut zu hören, daß der Außenminister der Volksrepublik China im Mai auf einer Konferenz in Peking die gleiche Regel zitierte.

Aristoteles differenzierte ebenso wie Konfuzius zwischen Recht und Ethik. In der westlichen Tradition gewannen dann das Recht und mit ihm die bürgerlichen Freiheiten größeres Gewicht, in der konfuzianischen die Ethik und mit ihr die bürgerlichen Pflichten. Aus meiner eigenen beruflichen Erfahrung kann ich unseren beiden Kulturen nur wünschen, daß sie sich - bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Lebensformen - auf die Mitte dieser Balance zubewegen. Aristoteßles und Konfuzius selbst würden uns das, wenn sie heute lebten, nachdrücklich raten. Denn beide waren Verfechter der "richtigen Mitte" bei der Lösung menschlicher und politischer Probleme.

Genau besehen wissen wir nicht wenig voneinander. Schon seit Jahrzehnten gibt es in China und in Deutschland eine akademische Forschung und Lehre über das jeweils andere Land. An deutschen Universitäten wird Chinesisch, an chinesischen Universitäten Deutsch gelehrt.

Von Ihnen, Herr Präsident, heißt es gar, Sie können auf Deutsch Verse aus einem Gedicht Goethes zitieren. Die beste Erwiderung Ihres Interesses an deutscher Literatur finden wir in Goethes Werk selbst. Kenner haben mich auf ein Gedicht Goethes hingewiesen, das mit Mitteln der Sprache das malerische Bild einer chinesischen Landschaft in der Dämmerung vor dem geistigen Auge erscheinen läßt. Es paßt zu der Abendstunde, die wir gerade gemeinsam verbringen, und ich habe mir deswegen erlaubt, Ihnen den Text neben Ihr Gedeck legen zu lassen.

Der Austausch von Studenten und Wissenschaftlern zwischen unseren Ländern zählt inzwischen nach vielen Tausenden. Die modernen Kommunikationsmittel tragen in Sekunden umfangreiche Informationen in beide Richtungen, in den Zeitungen lesen wir regelmäßig übereinander. Flugzeuge befördern Tag für Tag Hunderte von Geschäftsleuten und Touristen von China nach Deutschland und umgekehrt. Wir kommen uns näher, wir lernen immer mehr voneinander.

So wissen wir auch, daß sich unsere Vorstellungen in einer für Sie und uns zentralen Frage noch deutlich unterscheißden. Ich spreche von dem Verhältnis zwischen dem Individuum auf der einen und der Gesellschaft, dem Staat, auf der anderen Seite. Hier ist - das wird niemand bestreiten - Raum für ernsthafte Gespräche: Wie weit geht das Recht des einzelnen gegenüber der Gesellschaft, das der Gesellschaft gegenüber dem einzelnen? Welche Mittel gestehen wir beiden Seiten zu, diese Rechte durchzusetzen und zu verteidigen? Wie sind diese Rechte verbürgt?

Der Dialog über diese Fragen ist in Gang gekommen. Er kann, wie gesagt, auf beiden Seiten an bewährte Traditionen anknüpfen. Unser gemeinsames Ziel ist ein vom gesellschaftlichen Konsens getragenes Miteinander der Individualrechte und der Rechte der Gesellschaft. Die Gewichtung der beiden wird nicht in allen Ländern der Welt gleich sein können. Doch darf sie weder Leid für den einzelnen noch Gefahr für die Stabilität der Gesellschaft bringen. Unsere deutsche Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte hat uns jedenfalls gezeigt: Gesellschaftliche Stabilität ist am besten gewährleistet, wenn die Teilnahme eines jeden einzelnen Bürgers an den staatlichen Entscheidungen sowie seine persönlichen Freiheiten gesetzlich geregelt und tatsächlich durchsetzbar sind.

Wir bewundern, wie entschlossen und erfolgreich das chinesische Volk seit gut eineinhalb Jahrzehnten die Reform- und ¤ffnungspolitik seiner Regierung zur Verbesserung seiner Lebensbedingungen nutzt. Es ist eine bedeutende Leistung, wenn sich über ein Fünftel der Menschheit von nur sieben Prozent der landwirtschaftlichen Anbaufläche dieser Erde ernährt, wenn dieses Volk gleichzeitig bedeutende industrielle und technische Fortschritte macht und in nur zehn Jahren sein Pro-Kopf-Einkommen verdreifacht.

Wir gehen davon aus, daß China diesen Weg konsequent weiter verfolgt. Die deutsche Regierung ist deshalb seit Jahren bestrebt, diese Entwicklung zu unterstützen, und zwar durch finanzielle Zusammenarbeit, durch technische Hilfe und durch Entsendung von Fachleuten. Dieser Beitrag zielt auf dauerhaften gegenseitigen Nutzen, wie das Beispiel der 1994 von den beiden Regierungschefs vereinbarten Kooperation bei der Berufsausbildung in China zeigt.

Ihr Land hat im Asienkonzept der Bundesregierung und in der Asienperspektive der deutschen Wirtschaft eine zentrale Stellung. Wir wünschen uns eine stetige, zukunftsorientierte Zusammenarbeit mit Ihnen. Unsere Industrie hat erkannt, daß China nach der Bevölkerungszahl der größte potentielle Markt der Welt ist. Die deutschen Unternehmen wollen ihre Präsenz langfristig durch Investitionen absichern und damit zugleich zur Entwicklung der chinesischen Wirtschaft beitragen. Sie sind bereit, modernste Technik nach China zu bringen und ihre Kenntnisse mit den chinesischen Partnern zum beiderseitigen Nutzen auszutauschen. Ich denke, das hat auch Ihr heutiges Treffen mit den Mitgliedern des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft deutlich gemacht.

Wir hoffen deshalb, daß China sich bald auch auf dem Dienstleistungssektor ganz für ausländische Unternehmen öffnet. China selbst würde erheblichen Nutzen daraus ziehen. Wir möchten Sie auch bitten, uns zu helfen, den mittleren und kleineren Unternehmen aus Deutschland den Weg nach China zu ebnen. Sie sind der tragende Pfeiler der deutschen Wirtschaft und ein wesentliches Element ihrer technologischen Dynamik.

Die Beziehungen Deutschlands zu seinen Nachbarn sind durch mannigfache regionale und überregionale Vereinbarungen geprägt. Am breitesten und tiefsten binden wir uns, wie Sie wissen, in der Europäischen Union. Sie regelt nicht nur das Zusammenleben und die Zusammenarbeit ihrer 15 Mitgliedstaaten, sie vertritt auch wirksam deren gemeinsame Interessen nach außen.

Auf die Europäische Union übertragen wir auch solche Entscheidungen, die traditionellerweise dem souveränen Staat vorbehalten sind. Dabei lernen wir: Wenn wir unsere Interessen im Kompromiß mit denen unserer Partner vereinen, sind wir oft erfolgreicher, als wenn wir diese Interessen allein durchzusetzen versuchen.

Wir begrüßen es, daß auch China mit seinen Nachbarn das Gespräch über mögliche Formen der regionalen Zusammenarbeit aufgenommen hat, und möchten es auf diesem Wege ermutigen. Dieser Weg führt nicht nur zu Handelsvorteilen, sondern auch zu einer besseren Nutzung der regionalen Ressourcen und der menschlichen Fähigkeiten. Vor allem aber schafft Zusammenarbeit Vertrauen und damit auch Stabilität in der Region.

Manche Aufgaben sind heute ohnehin nicht mehr im nationalen Alleingang zu bewältigen. Selbst die regionale Zusammenarbeit greift bei vielen Problemen zu kurz und muß in eine globale Kooperation einmünden. Probleme aber, die die ganze Menschheit bedrohen, die an Grenzen und Küsten nicht haltmachen, verlangen die gemeinsame Anstrengung aller Mitglieder der Staatengemeinschaft. Das wichtigste, ßoft das einzige Forum für die Koordination dieser Anstrengungen sind die Vereinten Nationen. Wie China ist deshalb auch Deutschland an der Reform und Stärkung dieser Organisation interessiert. Beides ist notwendig für die Bewältigung drängender globaler Aufgaben. Ich erinnere an den internationalen Umweltschutz, an die Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen, an die Bekämpfung von Hunger und Armut und an die Eindämmung der internationalen Kriminalität.

Zwischen unseren beiden Ländern gibt es keine bilateralen politischen Probleme, aber einen lebhaften politischen Dialog. Den wollen wir intensivieren, denn wir tragen gemeinsam Verantwortung bei großen weltweiten Aufgaben. Herr Präsident, mit Ihrem historischen Besuch in Deutschland stärken Sie zum richtigen Zeitpunkt unseren Dialog wie auch unsere Zusammenarbeit zum Wohle der Menschen in unseren beiden Ländern und machen so unsere traditionell guten Beziehungen enger, fruchtbarer und sichtbarer.

Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, mit mir das Glas zu erheben, auf das Wohl des Herrn Präsidenten und von Frau Wang, auf das Wohl aller Menschen im großen China, auf die deutsch-chinesische Freundschaft und auf eine friedliche und gedeihliche Zukunft unserer gemeinsamen Welt.