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Ansprache von Bundespräsident Roman Herzog zur Verleihung des Deutschen Journalistenpreises in der "Redoute" in Bonn

Als der Journalistenpreis für Entwicklungspolitik vor zwanzig Jahren ins Leben gerufen wurde, da hielt man in seiner Satzung fest, daß der Bundespräsident ihn alljährlich überreicht. Deswegen möchte ich feststellen, daß ich heute nicht nur hier bin, weil ich mich der Satzung beuge. Das Gegenteil ist der Fall: Ich freue mich über die Gelegenheit, einmal mehr deutlich zu machen, wie wichtig die Berichterstattung über entwicklungspolitische Themen ist.

Das Wort "Entwicklungspolitik" löst oft das Gefühl aus, als handele es sich dabei um etwas, was weit entfernt von uns vor sich geht und womit wir deswegen auch nur wenig zu tun hätten. Viele Teile der Welt sind für uns immer noch weiße Flecke. Wir wissen zu wenig über ihre Geschichte, über ihre Entwicklungen, ihre gegenwärtigen Probleme und über ihre Fortschritte. Nicht selten erfährt manch einer von uns von der Existenz eines Landes erst durch die Medien, wenn sie von einem Militärputsch, oder einer Hungersnot, einer Naturkatastrophe oder einem noch medienwirksameren Ereignis berichten, etwa vom Erfolg eines Sportlers oder gar einer Fußballmannschaft.

Dabei rückt die Welt immer weiter zusammen, nicht nur aufgrund der heutigen technischen Möglichkeiten. Immer wieder überrascht mich, wie viele das noch nicht begriffen haben. Wir haben anscheinend einen Nachholbedarf an Einsicht, daß wir alle aufeinander verwiesen, ja aufeinander angewiesen sind. Es ist ein Irrglaube, wenn wir meinen, dieses oder jenes Land gehe uns nichts an, weil es weit entfernt von uns liegt und weil wir ohnehin nichts darüber wissen

Wir brauchen also eine Einstellung, die drei Erkenntnissen Rechnung trägt:

Erstens: Die Risiken sind global. Sie liegen in einer sozialen, ökologischen, wirtschaftlichen und kulturellen Instabilität. Ich nenne nur Armutswanderungen und Flüchtlingsströme, Klimaveränderungen und Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen, Fundamentalismen jeder denkbaren Art und grenzüberschreitende Kriminalität. In dieser Welt, in der wir leben, ist kein Land nur noch Nebenschauplatz.

Zweitens: Wenn wir diese Risiken nicht dort bekämpfen, wo sie bestehen, kommen sie zu uns.

Drittens: Deswegen entspricht es einem wohlverstandenen Eigeninteresse - nämlich einem Leben in Gesundheit, Wohlstand, Sicherheit und Frieden -, wenn wir nicht nur bei uns, sondern auch in anderen Regionen die Umwelt erhalten, der Armut entgegenwirken, die Marktwirtschaft fördern und daran mitarbeiten, daß Krisen gar nicht erst entstehen oder daß sie zumindest beigelegt werden, bevor sie zu Konflikten kriegerischer Art eskalieren.

Der Teil der Welt, der in Wohlstand lebt, muß sich darüber klar sein, daß seine gewohnten Lebensbedingungen nicht zuletzt davon abhängen, wie erfolgreich wirtschaftliche, soziale, rechtliche und ökologische Sicherheit für die gesamte Welt hergestellt werden kann. Sicherheit war lange Zeit ein Konzept, das in der Abschottung und Wahrung der eigenen Kräfte - meist mit militärischen Mitteln - bestand. Am Ende dieses Jahrhunderts müssen wir uns mit einem völlig neuen Sicherheitsbegriff vertraut machen. Es geht um nicht weniger als um die globale, langfristige Sicherung der Zukunft unserer Weltgesellschaft. Innerhalb dieser miteinander verflochtenen Schicksalsgemeinschaft wäre ein Rückzug der Länder auf sich selbst fatal. In einer Zeit, in der die Globalisierung eine Tatsache ist, kann sich kein Teil der Welt - ob man ihn erste Welt, zweite Welt oder wie auch immer nennen möchte - aus dieser Verantwortung ausklinken. Solidarität ist die einzige Option, sie ist das Gebot der Zukunft.

Solidarität verstehe ich allerdings nicht im Sinne einer Einbahnstraße: Die Entwicklungspolitik ist Teil der globalen Zusammenarbeit, die zum Nutzen aller erfolgt. Sie ist nicht nur selbstlose Hilfeleistung. Das Konzept "Hilfe zur Selbsthilfe" hat nichts von seiner Aktualität verloren. Es ist der einzige Weg, mit dem den Interessen der Geberländer genauso gedient wird wie den Interessen der Empfängerländer. Zudem bedeutet es eine wichtige Selbstbegrenzung der helfenden Länder; sie verhindert auch, daß den Hilfsbedürftigen etwas aufgepfropft wird. Entwicklungshilfe ist kein Export des eigenen Systems. Das würde auch nicht funktionieren. Jede Maßnahme, die nicht die gesellschaftliche und kulturelle Struktur des jeweiligen Landes berücksichtigt, kann nur fehlschlagen. Gerade hier wird deutlich, wie wichtig Kenntnis und Verständnis der anderen Kulturen ist. Aber wie der Begriff Entwicklung schon sagt: es geht um langfristige Prozesse, kurzfristige Erfolge sind selten. Deswegen ist die Entwicklungspolitik leider auch nicht spektakulär. Ihre Fortschritte sind mühsam und vollziehen sich oft unbemerkt.

So nötig und willkommen punktuelle Hilfen bei Hunger, Dürre oder Bürgerkriegsopfern sein mögen, sie reichen eben nicht aus. Wenn wir wirklich helfen wollen, müssen wir auf Dauer einen akzeptablen Lebensstandard in allen Ländern schaffen. Das läßt sich aber nicht durch Entwicklungshilfe allein bewirken. Ein weiterer Bestandteil unserer Solidarität muß deshalb die Öffnung unserer Märkte sein. Das kann für uns auch Opfer bedeuten; denn Entwicklungsländer bieten zum Teile billigere Produkte an als wir. Aber eine weltweite Teilhabe armer und ärmster Länder am Welthandel ist ebenso wichtig wie eigenständige Reformprozesse in den Entwicklungsländern selbst. Gerade die ärmsten Entwicklungsländer sind noch nicht in der Lage, sich in die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung einzugliedern. Die Liberalisierung durch die GATT-Verhandlungen 1994 bringt bereits jetzt ebensoviel an Wohlstandsgewinnen für die armen Länder wie die gesamte Entwicklungshilfe der Industriestaaten. Hier setze ich große Hoffnungen auf die neugeschaffene World Trade Organisation. Ich hoffe, daß sie weiter an einer Welthandelsordnung zum Vorteil aller Staaten, auch der ärmsten, baut.

Es ist gut, daß nach dem Ende des kalten Krieges die Entwicklungspolitik ideologiefreier geworden ist. Sie kann sich jetzt wirkungsvoller an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen vor Ort orientieren.

Eines ist allerdings auch klar: Die Summen, die wir für Entwicklungshilfe aufwenden, tragen der großen Verelendung in manchen Ländern der Erde kaum Rechnung: Seit 1989 schrumpft der Anteil der Entwicklungsausgaben an den Bruttosozialprodukten der westlichen Industrieländer. Das Ziel von 0,7 Prozent, das die Vereinten Nationen als Richtwert ansetzen, wird von kaum einem Land erreicht. Im Fall Deutschlands ist das Niveau weit unterhalb der 0,7 Prozent sicherlich auch mit den beträchtlichen finanziellen Verpflichtungen für den Aufbau der neuen Bundesländer zu erklären. Es darf aber keine fortschreitende und vor allem andauernde finanzielle und personelle Austrocknung der Entwicklungspolitik geben.

Aber nicht nur in Deutschland, auch in den anderen Industriestaaten spricht man von "Entwicklungshilfemüdigkeit". Da kann ich nur sagen, da müssen wir einen ordentlich lauten Wecker in Gang setzen, damit die Leute aufwachen. Müdigkeit ist grob fahrlässig in Anbetracht der vielfältigen Probleme. Außerdem zeigt die ungebrochene Spendenfreudigkeit der Deutschen bei humanitären Katastrophen, daß es an der nötigen Sensibilität für die Belange der Bedürftigen durchaus nicht mangelt. Diese Leistungen werden allerdings in den Zahlentabellen der UN meines Erachtens nicht ausreichend berücksichtigt, was einem realistischen Ländervergleich auch nicht gerade förderlich ist.

Man kann über die Effektivität entwicklungspolitischer Hilfen streiten, so viel man mag. Es ist sicher richtig, daß oft Schwierigkeiten bei den Rahmenbedingungen im Land und Schwächen bei der Mittelvergabe liegen, daß das kaum gebremste Bevölkerungswachstum in vielen Ländern jeglichem Fortschritt entgegenwirkt. Aber das darf nicht zur Ausrede dafür werden, lieber gar keine Mittel mehr zu geben. Man kann eine Krankheit nicht heilen, indem man den Patienten sterben läßt. Ich meine, daß die Erfolge, die seit den sechziger Jahren zu verzeichnen sind, für sich sprechen: Die Lebenserwartung konnte erhöht, die Säuglingssterblichkeit um ein Drittel gesenkt werden und der Anteil der eingeschulten Kinder hat sich fast verdoppelt. Es kann also nicht mehr darum gehen,obwir Entwicklungsförderung leisten, sondern es geht eigentlich nur noch um die Frage,wiewir sie leisten.

Hier sehe ich die besonders verantwortungsvolle Rolle der Journalisten. Die Medien haben große Macht, sagt man. Sie haben gewiß die Möglichkeit, Interesse für Länder oder Regionen wecken, die nicht im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen. Sie haben weiterhin die Möglichkeit, bei ihren Berichten den geschichtlichen Hintergrund, die gesellschaftlichen Struktur und die kulturelle Substanz des Landes zu vermitteln. Wenn sie das tun, und zwar unaufhörlich tun, haben sie mehr getan, als sie manches Mal selbst glauben.

Natürlich wird es immer wieder Sensationsmeldungen geben. Gut wäre es aber, wenn sie Aufhänger für tiefergehende Informationen würden. Wenn ein Land einmal ins Rampenlicht gerückt ist, sollte die Aufmerksamkeit ausgenutzt werden, um Hintergründe zu beleuchten. Im Vordergrund jeglicher Berichterstattung sollte also die Wissensvermittlung stehen. Und das gilt in besonderem Maße für die Länder, von den wir keine unmittelbaren Kenntnisse oder keine eigenen Erfahrungen haben. Es darf nicht so sein, daß überhaupt nur aus einem Land berichtet wird, wenn eine Naturkatastrophe, ein Militärputsch, ein politischer Skandal oder ein wirtschaftliches Desaster passiert. Von Gewalt, Not und Elend, wo immer sie zu finden sind, muß mit großem öffentlichen Nachdruck immer berichtet werden. Von den Signalen der Hoffnung und den Anzeichen des Erfolges aber auch.

Ich glaube nicht an den alten Spruch "Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten". Jeder kann doch an sich feststellen, daß die Überfrachtung mit den stets gleichen und schlimmen Bildern oft genau den gegenteiligen Effekt von dem auslösen kann, was man erreichen will: Statt aufzurütteln, schalten die Menschen ab. Ich bin davon überzeugt, daß die Menschen gute Nachrichten ebenso beachten und sich für positive Entwicklungen ebenso interessieren. Und wer sagt eigentlich, daß Sensationen nur aus Katastrophen bestehen müssen? Ist es nicht auch eine Sensation, wenn die Analphabetenquote eines Landes gesunken ist? Ist nicht zum Beispiel die Tatsache, daß das Wachstum der Weltbevölkerung zumindest nicht mehr stetig zunimmt, nicht mehr als eine kleine Meldung wert?

Nicht daß ich falsch verstanden werde: Ich fordere hier keine Schönfärberei. Ich finde nur, daß die Demokratisierung eines Landes ebenso erwähnenswert ist wie ein blutiger Militärputsch.

Und ich wiederhole: Ich bin sicher, daß es die Leser oder Hörer oder Zuschauer auch ebenso interessiert. Die Journalisten haben es in der Hand, worüber berichtet wird. Es darf nichts weggelassen und es darf nichts hinzugefügt werden: Die Verantwortung der Journalisten, durch ihre Berichterstattung ein wahres und umfassendes Bild der Welt und, das heißt immer, anderer Länder und Kulturen zu vermitteln, ist groß.

Daher betrachte ich die Verleihung des Journalistenpreises für Entwicklungspolitik auch als eine Ermutigung an die Journalisten, sich ihrer wichtigen Rolle für den Dialog bewußt zu bleiben.