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Einleitendes Statement von Bundespräsident Roman Herzog im Rahmen eines Podiumsschlußgespräches zum Thema "Unverkrampfte Nation" im Deutschen Nationaltheater Weimar

Ich bin gern nach Weimar gekommen. Erstens, weil ich immer gern nach Weimar komme. Und zweitens wegen des Themas. Nicht nur weil das Thema dieses Vormittags das Wort "unverkrampft" enthält - einen Begriff, der mir ganz locker über die Lippen kommt -, sondern auch wegen des zweiten Teils des Themas, bei dem es um die "Nation" geht. Für mich stellen sich dazu drei Fragen:

Erstens: Warum ist die Nation überhaupt wieder ein Thema geworden?

Zweitens: Was bedeutet Nation?

Und drittens: Was bedeutet Nation, noch dazu in einem "unverkrampften" Verständnis, für uns Deutsche?

I.

Nach dem Ende des kalten Krieges scheinen zwei große Strömungen miteinander zu ringen: einerseits die zunehmende internationale Verflechtung der Politik und die Globalisierung der Politik, nicht nur der Märkte, andererseits das, was man in Europa die Renaissance der Nation nennt. Es heißt, die Nation stehe wieder im Zentrum der politischen Debatte. Das wird zunächst bestätigt durch das Aufkommen von nationalen und nationalistischen Bewegungen in vielen Teilen Europas seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Die schlimmsten Auswirkungen des übersteigerten Nationalismus sehen wir im ehemaligen Jugoslawien.

So kommt es, daß die Nation zuweilen zum Gegenmodell zur europäischen Integration gemacht wird. Wir müssen uns aber die Frage stellen, ob das nicht ein scheinbarer Konflikt ist, der sich nur durch Übersteigerung und durch Übertreibung erklärt.

Zunächst war es ja nur natürlich, daß gerade die Osteuropäer nach dem Wegfall der kulturnivellierenden marxistischen Doktrin die Nation wieder als Symbol der Freiheit, als Leuchtturm für geistige Orientierung verstanden haben. Leider hat sich das dann zum Teil in die bekannten Extreme übersteigert.

Bei uns im Westen scheint die Diskussion dagegen eher auf eine gewisse Unsicherheit über die gesellschaftlichen Nebenwirkungen des Globalisierungsprozesses und auf die Sorge über das Risiko eines Orientierungsverlustes im übersteigerten Individualismus hinzuweisen.

Solche Unsicherheiten sind nach so tiefgreifenden Umbrüchen in so kurzer Zeit möglicherweise verständlich. Ob es sich nun um den vom kommunistischen Joch befreiten Osten Europas handelt oder um den Westen Europas, dem sein Feindbild im Osten verloren gegangen ist, ob es sich um den Norden der Welt handelt, der seine industriellen und sozialen Strukturen dem technischen Wandel und der Globalisierung der Wirtschaft anpassen muß oder um den Süden der Welt, der befürchtet, daß er bei diesem Prozeß überhaupt vergessen wird - meines Erachtens geht es insgesamt um den Prozeß einer Suche nach neuer Orientierung.

Solange sich diese Suche im demokratischen Entdeckungsverfahren der offenen Gesellschaft vollzieht, ist sie nur zu begrüßen. Und was die europäische Einigung angeht: Sehen Sie es mir nach, daß ich das als Föderalist betrachte. Ich habe schon einmal gesagt: Auch Vaterländer können sich in einer Föderation zusammenfinden und dennoch Vaterländer bleiben.

II.

Was bedeutet aber eigentlich Nation? Ernest Renan hat die Nation als "tägliches Plebiszit" bezeichnet. Das bezieht sich auf die Methode ihres Entstehens. Aber es fragt sich doch: Plebiszit worüber? Eine Nation besteht in dem Wunsch, ein gemeinsames Leben zu gestalten. Die Nation ist eine Gemeinschaft, die getragen ist vom Gefühl gemeinsamer Hoffnungen und gemeinsamer Opfer, vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger.Hier liegt ein tragender Gedanke jeder Form von Gemeinschaft: Nur indem man sich der gemeinsamen Vergangenheit - sie mag gut oder schlecht sein oder beides - bewußt ist, kann man eine Vision für die gemeinsame Zukunft entwickeln.

Mir ist dieser Aspekt aus zweierlei Gründen wichtig: Zum einen enthält er die Offenheit zur Entwicklung in die Zukunft, also die Möglichkeit, auf veränderte Rahmenbedingungen frei zu reagieren und sie nicht zu rezipieren, sondern sie zu gestalten. Und zum zweiten ist solch ein tägliches Plebiszit eine Sache, die sowohl in den Herzen als auch in Köpfen der Menschen abläuft. Für die Gestaltung eines gemeinsamen Lebens, eines Gemeinwesens, ist nämlich beides nötig.

Renan sagte bereits damals: "Nationen sind nichts Ewiges. Sie haben einmal angefangen, sie werden enden. Die europäische Konföderation wird sie ablösen." In der Tat nimmt in der Weltgeschichte die Periode der Nation nur einen ziemlich kleinen Zeitraum ein. Nationen sind keine "natürliche, Gott gegebene Art der Klassifizierung von Menschen" (Ernest Gellner), und vor allem - da muß man noch einmal deutlich zwischen Nation und Nationalstaat unterscheiden - Nationalstaaten sind nicht das letzte Ziel.

Das wird uns um so bewußter, als wir heute möglicherweise an einem Epochenwechsel stehen. Das wird schon dadurch klar, daß man kaum noch von "National"ökonomie spricht. Das Prinzip der Abgrenzung, aus dem im 19. Jahrhundert die Nationalstaaten entstanden, taugt ebensowenig mehr wie das der Expansion, die ja auch mit dem Nationalstaat verbunden war. Am Ende dieses Jahrhunderts sind wir dabei, die nationalstaatlicheForm zu überwinden, die in ihrer ideologischen Übersteigerung den Kontinent in den Abgrund gezogen hat.

Es wird natürlich nicht so schnell dazu kommen, daß die Nationen verschwinden, und das will im Augenblick ja auch niemand. Es wird wohl auch nicht so schnell dazu kommen, daß man erst im Brockhaus nachlesen muß, was Nation bedeutet. Sind aber heute nicht schon erste, schüchterne Ansätze dafür zu erkennen, daß sich auch die Nation als ausschließliches Ordnungskonzept zu relativieren beginnt?

III.

Ich sage das gerade auch in bezug auf Deutschland, und zwar nicht nur wegen unserer Geschichte, wie immer behauptet wird, sondern auch wegen unserer geographischen Lage. Schließlich ist Deutschland das europäische Land mit den meisten Außengrenzen, und wir können doch täglich beobachten, wie diese Grenzen immer niedriger werden!

Und das geschieht nicht ohne Grund: Der Nationalstaat ist dabei, zu klein zu werden für die großen Probleme des Lebens, und mitunter habe ich auch den Eindruck, daß er zu groß wird für die kleinen Probleme des Lebens. Das heißt: Auf der einen Seite können viele - und existentielle - Probleme wie Klimaschutz, Drogenkriminalität, nukleare Proliferation längst nicht mehr auf nationaler Ebene gelöst werden. Unser Zeitalter ist also von der Globalisierung geprägt. Auf der anderen Seite können kleinere Einheiten wie Regionen auf oft jahrhundertealten kulturellen Wurzeln aufbauen und zudem eine tragfähige Zusammenarbeit im täglichen Leben effektiv gestalten. Das gilt auch für grenzüberschreitende Kooperation, für die es in Deutschland längst positive Beispiele gibt. Hier kommt Altbewährtes zum Vorschein, denn schließlich haben sich in Europa regionale Verwurzelung und globale Orientierung immer ergänzt.

Ich glaube überhaupt, daß die Fragen nach "der Nation" und nach dem deutschen, spanischen oder schwedischen "Wesen" nicht die entscheidende Fragen für heute und erst recht nicht für morgen sind. Worauf es ankommt, ist doch zu sagen, wie und in welchen verschiedenen Formen man bis heute Deutscher sein konnte und wie man - nach den Erfahrungen der Vergangenheit und den Veränderungen in der Gegenwart - in der Zukunft Deutscher sein kann, und zwar in Europa und in der Welt. Darauf hat Jorge Semprún eine Antwort gegeben, die ich voll unterschreiben kann. Er sagt, "daß dieselben Erfahrungen, die die Geschichte Deutschlands zu einer tragischen Geschichte machen, es ihm auch erlauben können, sich an die Spitze einer demokratischen und universalistischen Entfaltung der Europa-Idee zu stellen". Wobei ich das Wort "Spitze" nicht gerne höre und es deswegen mit Nachdruck in Frage stellen möchte. Wir müssen nicht immer vorauslaufen und glauben, daß die anderen begeistert sind, wenn sie uns nachlaufen müssen.

Die Vision für das nächste Jahrtausend heißt Europa und darüber hinaus das friedliche Zusammenleben aller Völker. Daran zu arbeiten, da sehe ich die Verantwortung der Deutschen. Ihre Initiative, auf Schloß Ettersburg eine europäische Begegnungsstätte zu schaffen, kann man daher nur begrüßen.

Die Deutschen selber haben 1989 und in den Jahren danach die Befürchtungen, es komme nun wieder ein deutscher Nationalismus auf, Lügen gestraft. Was haben die Deutschen denn gemacht, nachdem das Land wieder eins war? Sie haben angepackt! Sie haben gearbeitet! In den neuen Ländern hat sofort der Aufbau begonnen, in den alten Ländern ist das von Anfang an unterstützt worden. Und worüber die anderen Staaten seither staunen, das ist nicht ein neuer deutscher Nationalstolz, sondern die Solidarität, die Leistungsbereitschaft und die Leistungsfähigkeit der Deutschen. Das ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das zu Opfern bereit ist und das willens ist, für eine gemeinsame Zukunft zu arbeiten. Daß da nicht immer alles glatt laufen kann, muß uns auch klar sein.

Die Frage also, wer wir sind und wer wir sein wollen, hat für mich eine klare Antwort: geschichtsbewußt und zukunftsoffen, friedlich und tolerant, leistungsbereit, selbstbewußt und vor allem unprätentiös. Außerdem maßvoll, was für mich heißt, uns nicht größer, aber auch nicht kleiner zu machen, als wir sind. Natürlich kein Zähnefletschen, kein Tschingdarassabum. Mit einem Wort, und bitte verzeihen Sie mir dieses "ceterum censeo": unverkrampft.