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Ansprache von Bundespräsident Roman Herzog vor der Aktion Gemeinsinn aus Anlaß der Kampagne "Verstehen beginnt mit Zuhören"

I.

Schon Sokrates diskutierte mit den Sophisten über den Werteverfall der Gesellschaft. Heute hört man Schlagworte wie Entsolidarisierung der Gesellschaft, Singlekultur, Ellbogentypen, die sich immer mehr durchsetzen, und "Dinkies"! Viele Zeitgenossen fordern deshalb den Abschied von der Konkurrenzgesellschaft und ein Ende der sogenannten Ellbogengesellschaft. Ich habe hierfür zwar ein gewisses Verständnis, will mich aber bewußt nicht in den Chor von Moralisten und pessimistischen Sittenwächtern einreihen. Wenn ich hier bei der Aktion Gemeinsinn spreche, will ich eher von einem Umbruch oder einem Wandel der Werte und Normen sprechen, den wir zur Zeit erleben. Dieser Wandel hat auch Konsequenzen für den Gemeinsinn unserer Gesellschaft, denn dieser muß unter den gegebenen Umständen zumindest neu begründet, wahrscheinlich aber auch neu eingeübt werden.

Bei Werten und Normen geht es - genau genommen - um die Art und Weise, wie Menschen miteinander zusammenleben. Mir fällt da das Wort ein, mit dem die antiken Griechen das Zusammenleben bezeichneten: nämlich "Ethos". Ich würde dieses Wort heute gerne genauso wie die alten Griechen verstehen wollen. Das Wort "Ethos" hatte damals keinen moralischen, sondern einen beschreibenden Sinn. Dennoch geht es dabei nie nur um private Haltungen, sondern immer auch um die politische Dimension, nämlich um das Leben des Gemeinwesens.

Über die politische Dimension geistiger Orientierungen unserer Gesellschaft heute werde ich mich demnächst an anderer Stelle äußern. Heute, bei der Aktion Gemeinsinn, will ich vom einzelnen Bürger und seinem Engagement in unserer Gesellschaft sprechen.

Gemeinsinn ist jedem der hier Anwesenden wichtig, sonst wären wir nicht zusammengekommen. In meinem Fall ist das nicht nur so, weil ich mich als Bundespräsident sozusagen "dienstlich" darum kümmern muß, sondern weil ich mir - ebenso wie die meisten von Ihnen - als Familienvater und Großvater bewußt bin, daß es letztendlich darum geht, wie unsere zukünftige Gesellschaft aussehen wird.

Ich möchte schrittweise vorgehen und drei Fragen stellen:

1. Zunächst bin ich für eine nüchterne Bestandsaufnahme, also: Wie ist es um unsere Gesellschaft bestellt? Was hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert? Und ich will die These wagen, die niemand überraschen wird: Es hat sich Gravierendes geändert.

2. Dann erst können wir fragen, ob bei der festgestellten Entwicklung gesellschaftliche und politische Probleme erkennbar sind und um welche es sich handelt.

3. Der dritte Schritt besteht dann in der Frage: Wie kann auf diese Probleme und Defizite reagiert werden? Und damit ich nicht in die Gefahr gerate, nur zu "predigen", will ich auch versuchen, einige Lösungen wenigsten anzudenken.

II.

Lassen Sie mich also zum ersten Punkt kommen, zur Bestandsaufnahme. Es gibt in den Sozialwissenschaften - ebenso wie in der Politik - viel Schwarzmalerei und apokalyptische Vorhersagen. So wird vom Werteverfall gesprochen, von Orientierungskrise oder Sinnkrise, von Verfallserscheinungen unserer Gesellschaft überhaupt. Ich rate hier sehr zum Differenzieren: Verwerfungen auf dem Gebiet des Wertbewußtseins gibt es sicherlich, aber andererseits kann man auch von neuen Freiräumen und somit von einem Frühling neuen Denkens und Handelns sprechen. Es ist nur eine Frage der Beurteilung.

Ein Grund für den Wertewandel ist die Freiheitlichkeit und der daraus resultierende Pluralismus unserer modernen Gesellschaft. Die pluralistische Struktur unseres politischen Systems ist inzwischen selbstverständlich geworden und ist für jeden erfahrbar geworden durch die Möglichkeit des Wählens. Ich meine nicht nur die Wahlen zu den Parlamenten oder Gemeinderäten, den Urnengang also, sondern auch zum Beispiel die Wahl der Schule, des Wohnortes, der Ausbildung, des Arbeitsplatzes, und nicht zuletzt die Wahl eigener Standpunkte. Wir haben uns an die unterschiedlichen Meinungen, Positionen und Koalitionen in der Politik und in der Wirtschaft auch gewöhnt. Wir kennen sie als Potpourri von Angeboten, hier der Ideen, dort der Produkte. Ja, wir wissen: Demokratie bedeutet genau genommen gar nichts anderes als die Freiheit in diesem Wettbewerb zu wählen.

Diese Wahlfreiheit ist aber nicht nur Merkmal des politischen oder des wirtschaftlichen Bereiches. Sie wirkt sich auch auf unser soziales Miteinander stark aus.

Denn die politisch garantierte Freiheit ist für den einzelnen in der Gesellschaft nur real, wenn sie auch von anderen anerkannt wird. Nicht von ungefähr ist der Mensch von heute daher mehr denn je bereit, in seinem persönlichen Lebensumfeld andere Lebensweisen, Kulturen, Überzeugungen und Religionen zu dulden. Ja, er interessiert sich sogar dafür und räumt ihnen in der Regel reale Entfaltungsmöglichkeiten ein, solange seine eigene Entfaltung dabei nicht gehindert wird. In gleichem Maße ist die Gesellschaft als ganzes bereit, moralisch abweichendes Verhalten zu dulden. Freiheit, Selbständigkeit, Toleranz und Offenheit sind Güter, die dadurch enorm an Strahlkraft gewonnen haben.

Aber dazu mußte sich die einst für alle verbindliche Werteordnung lockern. Verschiedene Wertesysteme stehen heute daher nebeneinander, ja sie konkurrieren miteinander. Ebenso verhält es sich mit den Institutionen, die dem einzelnen Orientierung für seine Lebensführung bieten sollen, wie den Kirchen, Vereinen oder gesellschaftlichen Zirkeln. Familien sind kleiner geworden, kirchliche Bande schwächer geworden, die Partnerwahl beliebiger geworden. Wir haben es sozusagen mit einem "offenen Markt" zu tun: Das Publikum einer offenen Gesellschaft sieht sich vielen "Sinnanbietern" gegenüber. Davon abgesehen hat es auch mehr Zeit für die Sinnsuche. Die Daseinsfürsorge steht für die meisten Menschen, ganz anders als in den vergangenen Generationen, nicht mehr im Vordergrund.

III.

Das führt nun zu meinem zweiten Punkt, nämlich der Frage, welche Probleme für uns daraus entstehen.

Die Aktion Gemeinsinn hat das Engagement des einzelnen für die Gesellschaft und Gemeinschaft aller auf ihre Fahnen geschrieben. Damit versucht sie einen wunden Punkt moderner pluralistischer Wohlstandsgesellschaften zu bekämpfen: Das Engagement in eigener Sache ist für jeden selbstverständlich, aber der Gemeinsinn, der über das kurzfristige Nutzenkalkül des einzelnen hinausweist, steht nicht mehr im Vordergrund unseres Denkens und ist auch in der komplizierten Gesellschaft, in der wir leben, nicht mehr auf den ersten Blick einsichtig. Sicherlich hat diese Entwicklung auch mit der Erfahrung der nationalsozialistischen und sozialistischen Zeit zu tun, in der Werte wie Tapferkeit und Pflichtbewußtsein, Anstand und Ehre schamlos instrumentalisiert wurden.

Seit dieser Zeit sind manche in unserer Gesellschaft von Abneigung gegen Autorität, traditionelle bürgerliche Werte und Pflichten erfüllt, die vom einzelnen verlangen, sich selbst einzuschränken, sich selbst einmal hinten anzustellen und die Gemeinschaft gelegentlich wichtiger zu nehmen als sich selbst. Der Konkurrenzkampf in einer leistungsorientierten Marktwirtschaft tut das seinige; solidarisch zu handeln oder gar das Einfühlen in andere sind nicht leichter, sondern schwerer geworden. Das führt auch zu einer Krise jener Institutionen, deren Aufgabe es ist, Werte zu vermitteln: Schulen, Kirchen, Wohlfahrtsverbände und nicht zuletzt Familien.

Es gibt deutliche Zeichen in unserer Gesellschaft, die darauf hinweisen, daß die starke Stellung des Individuums auch ihre Schattenseiten hat: Vereinsamung ebenso wie die Vereinzelung von Menschen, also eine gewisse Bindungslosigkeit, werden zum Problem. Ich frage mich, ob wir die Bedeutung von menschlichen Bindungen und die Bedeutung kleinerer, überschaubarer Gemeinschaften in unserer Gesellschaft nicht allzusehr unterschätzt haben und immer noch unterschätzen.

Mit der Verbindlichkeit der Werteordnung ist nämlich auch die Selbstverständlickeit von Bindungen verloren gegangen. Nichts ist mehr eindeutig. Die Regelsicherheit fehlt. Auch der Zusammenhang zwischen einzelnen Handlungen und ihren Folgen und der Verantwortung für diese Folgen ist in modernen Gesellschaften oft nicht mehr überschaubar. Das ruft Ratlosigkeit und Verunsicherung beim einzelnen hervor. Aus dem schicksalhaften Dasein von einst, das unsere Großeltern und Urgroßeltern geführt haben, ist in der modernen Gesellschaft eine lange "Reihe von Entscheidungsmöglichkeiten geworden" und sonst oft nichts mehr. Der amerikanische Soziologe Peter Berger hat es auf die griffige Formel gebracht: "Befreiung und Belastung sind Zwitterwesen." Der einzelne gerät in eine Lage, die zwei Gefahren birgt: zum einen die vergebliche Suche nach der sogenannten "guten", alten Werteordnung oder die falsche Einsicht, daß es überhaupt keine gemeinsamen Wertbestände mehr gibt.

IV.

Kant stellt die zentrale Frage: Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen? Wie kann auf die Probleme der heutigen Gesellschaft reagiert werden? Wo ist für die einzelne Person der Halt zu finden, der ihr hilft, mit der Angebotsfülle dieser Gesellschaft zurecht zu kommen? Eigentlich hatten die Institutionen, vor allem die religiösen, diese Funktion. Aber nehmen wir die großen christlichen Kirchen, dann sehen wir, daß heute sogar die Glaubensvermittlung sehr schwer geworden ist und oft daneben gerät.

Mögliche Auswege - und das beobachten wir seit Jahrzehnten - bieten kleinere Einheiten im Nahbereich des Menschen: der Freundeskreis, Vereine, die lokale Kirchengemeinde, die Clique, die Arbeitswelt - die sogenannten "kleinen Lebenswelten". Der Mensch der sich in der komplizierten Umwelt nicht mehr zurechtfindet, sucht instinktiv die kleineren Einheiten.

Menschliche Werte wie Toleranz, Verständnis, Rücksichtnahme erfährt der Mensch tatsächlich nicht im Verhältnis zum Staat oder zur anonymen Gesellschaft, sondern bei seinem Mitmenschen, d.h. in den erwähnten kleinen Lebenswelten. Hier erlebt er in erster Linie den Sinn des Lebens und im Zusammenleben mit anderen den Gemeinsinn.

Daraus mag es sich erklären, daß die Bereitschaft, sich in großen Organisationen zu engagieren, sich an Parteien, Kirchen oder Gewerkschaften zu binden, zurückgeht oder zumindest in einer flauen Phase ist. Wir wissen aber ebenso, daß der einzelne durchaus bereit ist, sich in kleinen Gruppen zu engagieren. Sein Engagement ist heute eher in diesen eigenen, überschaubaren Lebenskreisen zuhause als in der Anonymität sozialer Großstrukturen oder sozialer und karitativer Großbürokratien. Dem einzelnen geht es heute zumeist um ein konkretes politisches oder humanitäres Anliegen, insbesondere wenn es ihn selber mitbetrifft. Ich denke an das Interesse an bestimmten aktiven Bürgerinitiativen. Das bestätigt wiederum, daß die eigene, unmittelbare Lebenswelt wieder enorm wichtig geworden ist. Dort werden die verschiedenen Sinnangebote vom einzelnen nicht nur konsumiert; sie werden auch diskutiert, verarbeitet und bilden so eine Basis für konkreten Gemeinsinn, das heißt eben mitmenschliches Handeln.

Das alles wird dem einzelnen in seiner eigenen, unmittelbaren Lebenswelt stets leichter fallen. Deshalb können wir hoffen, daß in diesem Umfeld Dialogbereitschaft, echtes Zuhören und Interesse am anderen, am Nächsten auch zukünftig erhalten bleibt. Die Empathie, von der die Aktion Gemeinsinn spricht, gibt es nur in der direkten Begegnung zwischen Menschen. Deshalb müssen wir die Orte personaler Begegnung - wie Familien, Partnerschaften und Freundeskreise - stärken und erhalten.

Menschen, die in eine Zeit großer Umbrüche hineingestellt sind, brauchen eine neue innere Souveränität gegenüber anderen. Diese kann ihnen am besten die freiwillige Zuwendung zum Mitmenschen verleihen. Voraussetzung hierfür ist, daß man sich unvoreingenommen begegnet, den anderen als gleichwertig betrachtet, ihn nicht für sich selbst instrumentalisiert, sondern sich auch einmal in die Position des anderen hineinversetzt. Hierzu gehört eine gehörige Portion Standfestigkeit, Standpunktfestigkeit und zudem die Fähigkeit, von sich selbst einmal abzusehen.

Mit Appellen an alte Zeiten und Werte kann die Verunsicherung, die wir bei Werten und Institutionen verzeichnen, nicht überwunden werden. Mitunter habe ich den Verdacht, daß manche, die traditionellen Gemeinschaftssinn und Bürgertugenden predigen, nur das Rad der Geschichte zurückdrehen und die Gesellschaft in die alten Strukturen zurückführen wollen. Wir sollten aber sorgfältig unterscheiden zwischen Traditionen, die den Bedürfnissen von Menschen wirklich entgegenkommen und auch in der modernen Gesellschaft taugen, und solchen, die Menschen einengen und sie behindern. Eine romantische Verklärung des Gewesenen versucht nur überholte Lebensweisen und künstliche Biotope vor der Zerstörung zu sichern. Damit werden die Vorteile der modernen, offenen und pluralistischen Gesellschaft verkannt.

Individuelle Freiheit, Liberalität und Selbstentfaltung sind Früchte der Aufklärung. Aufklärung hat zum Ziel, den Menschen aller Schichten Würde, Individualität und Menschenrechte zu garantieren. Die Europäer haben hart dafür gekämpft, das in ihren Verfassungen zu verankern und ihm im weiteren politische Wirkkraft, Realität zu verleihen. Und dieser Prozeß ist nie abgeschlossen.

Früher konnten die Menschen nicht anders, als sich in Gemeinschaften wie ihren Familien, ihrem Dorf oder ihrer Stadt einzufügen. Heute gibt es viele Optionen; deshalb sind die modernen Menschen mehr gefordert als alle ihre Vorgänger. Es bedarf einer bewußten individuellen Freiheitsentscheidungfürdie Familie,fürden Partner oderfürdie Gruppe mit all den Verantwortlichkeiten, die das mit sich bringt. Das bedeutet zugleich: Die Menschen müssen die Notwendigkeit und die Vorteile von Gemeinschaftsbezügen einsehen können, sonst distanzieren sie sich auf die Dauer von ihnen. Sie handeln nicht mehr nach reinem Pflichtbewußtsein. Die individuelle Verantwortung des einzelnen hat schon längst Traditionen, Konventionen und Rollenverhalten abgelöst.

Ich frage mich gerade deshalb, ob die gewandelte Struktur unserer Gesellschaft nicht bereits neue Formen des Gemeinsinns mit sich gebracht hat: Es gibt heute z.B. ein erstaunliches Maß an Solidarität mit Entrechteten, mit den Opfern von Kriegen und Gewalt und den sozial Benachteiligten in aller Welt. Der Einsatz für den Umweltschutz, für den Wohlstand aller, für Menschen- und Frauenrechte war selten so groß wie heute. Und es mehren sich die Initiativen, die nicht nur mit guten Ratschlägen für andere kommen, sondern die selbst etwas tun. Zweifellos sind diese aktuellen Formen des Gemeinsinns oft noch nicht klar genug entwickelt. Das zeigt sich beispielsweise bei der aktiven Erziehungsleistung beider Elternteile in der Familie, aber auch bei allen Fragen der Gleichberechtigung, ob zwischen den Geschlechtern oder zwischen Kulturen, Rassen oder sozialen Schichten. Aber ich bin ziemlich sicher, daß hier neue Formen, ja wahrscheinlich sogar ganz neue Schichten des Gemeinsinns entstehen.

V.

Manche Defizite einer offenen Gesellschaft lassen sich trotz intakter kleiner Lebenswelten freilich nur durch geeignete politische Anreize und Institutionen ausgleichen. Politik, die Gemeinsinn fördern will, muß den Sinn von Gemeinschaft und den Sinn aktiven sozialen und politischen Engagements jedem einzelnen plausibel machen. Gemeinsinn zu wecken, das ist gewiß nicht nur, aber auch die Aufgabe der Politik.

Dafür ist es wichtig zu sehen und anzuerkennen, daß wir heute andere Gründe als früher haben, uns in der Gesellschaft zu engagieren. Viele nehmen persönliche Einschränkungen für andere nur noch dann in Kauf, wenn es sich für sie per Saldo wieder lohnt. Das mag - bei Licht betracht - früher nicht anders gewesen sein; heute ist es jedenfalls ziemlich sicher so. Läßt man sich auf eine solche Betrachtung ein, so erscheint es wichtig, daß es sich auf Dauer für alle lohnen muß, sich zu engagieren. Wenn wir schon eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung anstellen, dann auch für spätere Generationen und im Hinblick auf alle betroffenen Menschen, nicht nur auf die in unserer Gesellschaft oder uns selbst. Und dann hat man selbst in der eigenen Interessenwahrnehmung wieder den Ansatz zum Altruismus.

Bei einem solchen Verständnis schließen sich Bürgertugenden und eine moderne Leistungsgesellschaft auch nicht aus. Wir denken nur oft zu kurz. Treue ist kein lästiges Übel, sondern eine Bedingung für eine intakte Partnerschaft. Fürsorge für Alte und Kranke ist nichts anderes, als das, was man für sich selbst in diesen Situationen erhofft. Kooperation und Solidarität garantierten langfristig Vertrauen zwischen den Menschen und sind daher die beste Garantie für faire Gegenleistungen. Solidarleistungen der Gesellschaft sind dann nicht Umverteilungsaktionen zu Lasten Reicher, sondern Investitionen in die gesellschaftliche Zukunft unseres Landes. Mit anderen Worten: Moral und Gemeinsinn - davon bin ich fest überzeugt - zahlen sich langfristig auch für denjenigen aus, der im Moment meint, ganz persönliche Opfer zu bringen.

Die globalen Probleme zwingen uns ohnehin zusammenzuarbeiten. Die entstandenen Zwangssolidaritäten zwischen den Menschen aller Nationen weisen darauf hin, daß durch die Globalisierung von Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft eine Weltgesellschaft oder zumindest die Vorstellung einer weltweiten Zivilisation keine Utopie mehr, sondern bereits Realität geworden ist. Gleichzeitig entsteht damit auch eine globale Verantwortung für das Ganze. Diese globale Verantwortung wird aber vom modernen Menschen nur übernommen, wenn sie in der Gesellschaft als nützlich für jeden einzelnen erkennbar ist. Nur dann werden Minderheiten in der Demokratie auch den für sie unangenehmen gesellschaftlichen Entscheidungen zustimmen. Hier liegt eine entscheidende Frage der Zukunft, die man am besten immer noch mit der Forderung nach Gemeinsinn, aber einem realistischen Gemeinsinn, umschreibt.

Ich möchte sogar von einer doppelten Wiederbelebung des Gemeinsinns sprechen: beim Bürger und bei der Gesellschaft. Viele Staatsbürger von heute wissen um die gesellschaftlichen Probleme, auch in ihrer globalen Tragweite. Sie besitzen zumindest in ihrem Bewußtsein als Staatsbürger mehr Verantwortung für die Gestaltung der Gesellschaft, als das früher der Fall war. Für viele Bürger bedeutet "Gemeinsinn" heute, aktive Verantwortung zu übernehmen für die Kultur der Gesellschaft, in der man lebt. Und das nicht, um staatliche Gesellschaftspolitik zu ersetzen, sondern um zwischen Individuum und Staat eine Ebene personaler Beziehungen einzubeziehen. Das schließt auch ein natürliches Gerechtigkeitsempfinden ein, den künftigen Generationen ebensoviel zu hinterlassen, wie man selbst an sozialen und ökonomischen Errrungenschaften genießen kann. Auch dieses beginnt sich in diesen Wochen in unserer Gesellschaft durchzusetzen.

Auch der Sozialstaat zeigt übrigens, daß die Gesellschaft zuviel an Gemeinsinn übernommen hat, aber in einer anderen Richtung; die soziale Ordnung des Gemeinwesens hat die Verantwortung für Dinge übernommen, die früher durch kleine Einheiten wie die Dorfgemeinschaft oder die Großfamilie übernommen worden sind. Sozialversicherungen, Kindertagesstätten, Altenpflege und staatliche Beratungsstellen sind nur wenige Beispiele dieser Solidarleistungen des Staates, die gar nicht und gar nicht mehr so selbstverständlich sind, wie sie uns heutzutage oder im Augenblick noch erscheinen.

Otfried Höffe kommentiert das so: "Moderne Gesellschaften sind Virtuosen eines verordneten Gemeinsinns geworden - und verdrängen die alternative Virtuosität, den freien Gemeinsinn, die Freigebigkeit als persönliche Einstellung." Ich meine gerade nicht, daß der Sozialstaat privaten Gemeinsinn überflüssig macht oder ihn gar verdrängt. Der Staat soll und kann nicht alles regeln. Das hat uns die Erfahrung gelehrt. Der Staat kann heute vielmehr dem mündigen Bürger mehr Verantwortung zurückgeben, auch im Sozialen. Und das ist nicht eine Frage des Abbaus, sondern die Korrektur eines verzogenen Verhältnisses. Denn verordnete Solidarität kann zwischenmenschliche Humanität nie ersetzen. Eine Gesellschaft wie die unsere braucht beides, den freiwilligen Gemeinsinn und die Orientierung der politischen Rahmenordnung am Gemeinwohl. Gesetze können nur sozial organisierte Fürsorge, Rechtswege und Verträge garantieren. Im Sozialen muß sich aber auch der einzelne bewähren. Gerade der Gemeinsinn ist also ein besonderer Ort, in dem sich unsere freiheitliche Gesellschaft beweisen muß.

Denn über die geistige Orientierung und das soziale Wohlbefinden der Menschen wird vorwiegend im sozialen Nahbereich entschieden. Gemeinsinn wird dort umgesetzt durch das Gewissen des einzelnen, durch seine Haltung gegenüber anderen in seinem direkten Verantwortungsbereich, daß heißt durch praktizierte Humanität. Hier brauchen wir einmal wirklich die Kultur einer Mitmachgesellschaft und keine Zuschauerkulisse.

Eine alte Formulierung der Subsidiarität lautet: Was die kleinere Einheit zu leisten vermag, wird durch sie besser erledigt als durch eine größere. Das sieht man nicht nur an der Wirtschaft, in der kleinere Unternehmen oft erheblich mehr leisten als größere, sondern eben auch im Bereich der Solidarität. Staatliche Solidarität ist gut; sie sollte aber genügend Raum lassen für Initiativen des Gemeinsinns durch den einzelnen. Natürlich müssen wir in einem Staat, der von Verfassungs wegen ein Sozialstaat ist, ein ausgewogenes Maß zwischen beiden Feldern finden. Denn auch das Gewissen des einzelnen besitzt nicht die Kraft, die Defizite der politischen Ordnung allein zu beseitigen. Individuelle und kollektive Kräfte müssen zusammenwirken, sonst ist entweder der Staat oder der einzelne überfordert.

Wenn eine Gesellschaft den Gemeinsinn in ihrer Mitte verliert, wenn die zentrifugalen Kräfte dominieren und wenn nicht immer wieder die Gemeinwohlorientierung des einzelnen zutage tritt, verliert auch das Gemeinwesen seine "Seele". Denn der Gemeinsinn bestimmt das, was ich gerne die moralische Temperatur einer Gesellschaft nenne.

Die Aktion Gemeinsinn versucht mit ihrer Kampagne "Verstehen beginnt mit Zuhören" an der Wurzel anzupacken, sie versucht die zentripetalen Kräfte zu stärken. Der einzelne soll zum aktiven Zuhören motiviert werden. Bei der Vorbereitung dieser Tagung wurde gesagt: "Empathie läßt sich nicht staatlich verordnen, aber Zuhören und Verstehen kann man lernen." Und deswegen wünsche ich der Aktion Gemeinsinn einen guten Erfolg.