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Ansprache von Bundespräsident Roman Herzog anläßlich der Jahrestagung der Evangelischen Akademie Tutzing

Wer nach Tutzing an den Starnberger See kommt, wird fast unwillkürlich an Psalm 23 erinnert: "Der Herr läßt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser." Aber Vorsicht: Dieser Ruheplatz ist unruhig. Hier finden nicht nur Selbstfindung, Meditation und theologische Diskurse statt. Hier werden unbequeme Fragen gestellt, hier wird Meinung gemacht, hier werden Theoretiker und Praktiker aufeinander losgelassen. Und bei Evangelischen Akademien ist seit je die richtige Frage das höhere Ziel als die schnelle Antwort. Das ist heute ein besonderes Verdienst. In der Tat, was ist wichtiger in einer Zeit der Unübersichtlichkeit, als Fragen zu stellen?

I.

Damit bin ich schon bei dem Thema, über das ich heute sprechen möchte. Es ist die Unübersichtlichkeit, die alle Bereiche des gesellschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Lebens zu überdecken scheint. Diese Unübersichtlichkeit ist, wenn ich recht sehe, eine der größten Nöte und zugleich eines der größten Paradoxa unserer Zeit. Der Mensch des wissenschaftlichen Zeitalters, zumindest der Mensch als Gattung, erforscht immer mehr, weiß immer mehr, erkennt immer neue Zusammenhänge. Der Mensch als Individuum weiß immer weniger von allen diesen Erkenntnissen, am ehesten noch, daß es irgendwo Spezialisten gibt, die vielleicht noch den Durchblick haben, daß er selbst aber nicht zu diesen Spezialisten gehört. Für ihn wird daher alles immer undurchsichtiger. So wird Unübersichtlichkeit zu einem Grundphänomen gerade des wissenschaftlichen Zeitalters. Und Unübersichtlichkeit kann nur allzu leicht zu Verunsicherung führen und zu Orientierungsverlust.

Nicht alles daran ist neu. In der Gewißheit, daß alles weltweit mit allem zusammenhängt, sind sich der christliche Glaube und die Wissenschaft seit jeher und auch heute noch weitgehend einig. Aber während viele Christen schon immer wußten, daß nicht alles erklärbar war, und dies auch gar nicht erwarteten, hat sich in der Wissenschaft oder zumindest in Teilen von ihr erst in diesem Jahrhundert die Einsicht durchgesetzt, daß menschliche Erkenntnis fehlbar ist. Naturwissenschaftler haben diese Einsicht zu einem Kennzeichen der Wissenschaftlichkeit gemacht. Sie haben gelernt, mit Unsicherheit umzugehen. Allein bleiben aber vielfach die einfachen Menschen.

Ich möchte heute in einem ersten Schritt einige Bereiche nennen, in denen Unüberschaubarkeit zu besonders besorgniserregenden gesellschaftlichen Symptomen führt. Ich tue das nicht, um einem modischen Kulturpessimismus das Wort zu reden, daran hindert mich schon mein christlicher Optimismus. Wichtiger ist mir in einem zweiten Schritt die Frage, was getan werden kann, damit wir selbst und möglichst viele unserer Mitbürger lernen, mit der Unübersichtlichkeit fertig zu werden.

Lassen Sie mich mit den Symptomen beginnen: Wir treffen sie im Arbeitsleben, im Verhältnis des Bürgers zum Staat, in den gesellschaftlichen Bindungen der Menschen untereinander und schließlich im Selbstverständnis und im Glauben des Einzelnen an.

Die Verunsicherung in der Arbeitswelt gehört zu den brisantesten Fragen, die wir uns an dieser Jahreswende stellen müssen. Nirgendwo ist der Widerspruch zwischen der immer deutlicheren Tatsache des globalen Zusammenhangs und der immer undeutlicheren Zukunft des Einzelnen auffälliger als hier.

Wenn in Amerika ein Autohersteller Boden an die deutsche Konkurrenz verliert, geht vielleicht in Frankreich eine Polsterei in Konkurs, die dem amerikanischen Autohersteller die Sitze geliefert hat. Weil die französische Polsterei schließt, kann vielleicht eine indische Textilfirma nicht weiterbestehen, weil sie von der Lieferung von Stoffbezügen nach Frankreich lebt. Weil infolgedessen ein indischer Besteller von Textilmaschinen wegfällt, muß vielleicht eine Maschinenbaufirma in Baden-Württemberg einen älteren Metallfacharbeiter in den Vorruhestand schicken.

Ich frage mich, wie dieser Metallfacharbeiter die Situation empfindet. Kann man von ihm verlangen, er solle selbst darauf kommen, daß in seinem ganz persönlichen Fall zufällig die deutsche, vielleicht sogar baden-württembergische, Konkurrenz des amerikanischen Autoherstellers der Auslöser der Kausalkette war? Was schützt ihn oder andere, denen es ähnlich geht, vor dem gefährlichen Schluß: "Weshalb überhaupt Auslandsgeschäfte, wieso diese ganze Internationalisierung, wozu Europäische Union, wenn am Ende alles doch bewirkt, daß ich arbeitslos bin?"

Schon Ökonomen streiten heute ja über die Frage, wieviel Arbeitslosigkeit auf technischen Fortschritt, wieviel auf die Konkurrenz billiger Löhne im Osten und Süden der Welt, wieviel schließlich auf Währungsungleichgewichte zurückzuführen sind. Wie soll da der einzelne Arbeitslose oder der um seinen Arbeitsplatz bangende Arbeitnehmer einen besseren Durchblick haben?

Aber soviel wird er wissen: Daß sein Unglück nicht von irgendeinem anonymen Schicksal verursacht ist, und daß es ihm schon gar nicht vom lieben Gott geschickt ist, sondern daß es ihm - auf welchen Wegen auch immer - von Menschen gemacht worden ist - von "denen da oben", von irgendwelchen Kapitalisten oder von sonstwem.

Und damit sind wir beim nächsten Problem, das ich hier nur kurz andeuten möchte: Wo Zusammenhänge unüberschaubar werden, da haben die Anbieter der einfachen Lösungen leichtes Spiel. Es ist ein Spiel mit der realen Furcht vor dem Verlust der Übersicht, der Furcht, die Dinge nicht mehr kontrollieren zu können. Ähnliches gilt übrigens auch für das Spiel mit der Furcht vor der Gentechnologie wie für alle Risiken der modernen, technisierten, industriellen Welt.

Ein zweites Symptom hängt ebenfalls eng mit der Arbeitswelt zusammen. Je gewisser die Entwicklung zur Informationsgesellschaft und der Wandel der Wirtschaft durch technische Innovation wird, desto unsicherer werden die althergebrachten Arbeitsplätze und Lebensumstände. Je neuer das Informationsangebot sich darstellt, desto veralteter erscheint das bisherige Wissen. Je umfassender das Internet die Kontinente und Gesellschaften durchdringt, desto unüberschaubarer wird es.

Gewiß: Wer mit dieser neuen industriellen Revolution Schritt halten kann, dessen Chancen steigern sich in nie dagewesenen Größenordnungen. Wer aber nicht Schritt halten kann, der scheint auf der Strecke zu bleiben. Also eine immer kleinere Zahl von Superstars, die immer mehr vermögen, und eine immer größere Masse von Menschen, die von diesen abhängig sind, weil sie selbst die Abläufe nicht mehr durchschauen, geschweigedenn beherrschen, und die in der Folge auch von der gesellschaftlichen Entwicklung abgekoppelt werden können.

Ich habe Fragen dieser Art vor einigen Wochen Sachverständigen vorgelegt und darauf eine Antwort bekommen, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte, weil sie wahrscheinlich realistisch, gleichwohl aber auch bezeichnend ist. Es wird, so sagten mir diese wohlinformierten und über jeden Zweifel erhabenen Männer, wohl ein neuer Berufsstand nötig: der Informationsmakler oder Informationsvermittler. Etwas ironisch ausgedrückt: Es kommt nicht mehr so sehr darauf an, selbst Bescheid zu wissen, das schafft ohnehin keiner mehr von uns. Aber es kommt darauf an, einen zu kennen, der Bescheid weiß.

Ein drittes Unübersichtlichkeitssymptom ist die zunehmende Unübersichtlichkeit unseres Staates. Der Bürger begreift seinen Staat nicht mehr. Aber fassen Sie auch das bitte nicht als ein weiteres wohlfeiles Beispiel für Staats-, Politik- oder auch Parteienverdrossenheit auf. Darum geht es nicht. Die Sache sitzt tiefer, nicht zuletzt auch beim Bürger selbst, der - bei aller Distanz gegenüber "denen da oben" - doch auch wieder erwartet, "die da oben" müßten in aller Unüberschaubarkeit der Welt und ihrer Probleme doch noch am ehesten Bescheid und Abhilfe wissen. Aber die Folge ist, daß derselbe Staat dabei auf eine Hydra von unendlich vielen Köpfen gehetzt wird, mit deren Bekämpfung er sich - zumindest zum Teil - übernimmt, und die Folge ist das, was man den überforderten Staat nennt. In einem immer wirrer werdenden Labyrinth von Maßnahmen, Programmen, Regeln und Gesetzen - die alle gut gemeint sind und gute Ziele haben - fühlt sich der Bürger erst recht unbehaust. Regulierungswut und Gesetzesflut sind nicht Kur, sondern Quelle der Unübersichtlichkeit. Ich habe schon oft darüber gesprochen und will mich heute nur auf die Nennung des Symptoms beschränken.

Ein viertes Symptom will ich speziell an die hier Anwesenden als Frage herantragen. Haben nicht auch die Säkularisierung, der wachsende Glaubens- und Überzeugungsverlust zu neuer Unübersichtlichkeit geführt? Die Zahl der Mitbürger, die keiner Glaubensgemeinschaft angehören, hat dramatisch zugenommen. Die Auswirkungen für die Gesellschaft, aber auch für die Politik und die Demokratie sind unübersehbar. Neulich habe ich mit einem früheren NVA-Offizier gesprochen, der bekannte, daß er immer noch an den Sozialismus glaube. Auf meine Frage, warum dies so sei, antwortete er: "An etwas muß man doch glauben." Die Frage ist nur an was. Was bieten wir den Menschen jenseits voller Schaufenster?

II.

Ich will mich jetzt nicht weiter in der Aufzählung und Analyse der mannigfachen Unsicherheiten unserer Zeit ergehen, sondern ich will mich der Frage zuwenden, was wir tun und wie wir uns verhalten können, um ihnen zu begegnen.

Dabei muß ich allerdings eines vorausschicken. Bei der Erwähnung der uns heute beschäftigenden Probleme werde ich oft mit der Forderung nach einer ganz neuen Ethik konfrontiert, und wenn ich dann näher nachfrage, so habe ich den Eindruck, daß sich die Fragesteller darunter ein doch ziemlich ausgefeiltes Rezeptbuch sozialer Verhaltensweisen vorstellen, so wie es früher einmal der Katechismus war, jetzt aber natürlich für eine ganz anders strukturierte Welt.

Eine solche Ethik wäre ja nichts anderes als ein engmaschiges und für alle denkbaren Fälle vordurchdachtes Normensystem. Nicht Rechtsnormsystem, sondern Normensystem. Normen können aber stets nur regeln, was normierbar ist, und normierbar ist nur, was einigermaßen vorhersehbar ist. Die Fragen, mit denen wir uns heute befassen, kommen aber doch gerade aus einer mangelnden Vorhersehbarkeit, aus einer mangelnden Bestimmbarkeit unserer Probleme und schon deshalb können wir also keine Ethik erwarten, die wir - gewissermaßen wie eine Generalstabskarte - unserem Weg in die Zukunft zugrunde legen könnten.

Das kann auch aus anderen Gründen nicht verwundern. Schon von Albert Schweitzer stammt ja, wenn ich recht informiert bin, der Satz, daß die Ethik dem Menschen keine Wanderkarte, sondern allenfalls ein Wanderziel bieten könne. Das ist die Frage nach unserem Menschenbild und nach dem Bild der Gesellschaft, die wir anstreben. Hier sehe ich bisher nicht den geringsten Anlaß, von den Maximen abzuweichen, nach denen auch unsere gegenwärtige Gesellschaft aufgebaut ist: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Wohlstand, mit einem Wort: ein menschenwürdiges Leben. Man mag darüber streiten, ob diese Grundsätze heute schon richtig realisiert und vor allem richtig gewichtet sind. Wir haben aber, wie ich meine, keinen Grund, sie durch andere zu ersetzen.

Das Bild der Wanderung, in das ich damit unversehens geraten bin, legt aber noch eine dritte Frage nahe: die Frage nach der richtigen Ausrüstung des einzelnen Menschen für die Wanderung. Und hierzu gibt es meines Erachtens noch einiges zu sagen. Ich will nur einige Punkte erwähnen.

1. Wenn ich recht sehe, brauchen wir heute mehr denn je eine Revitalisierung der sogenannten kleinen Lebensbereiche, also der kleinen Beziehungseinheiten im Nahbereich der Menschen, schon weil hier das Leben überschaubar ist: Familie, Nachbarschaft, Freundeskreis, Vereine, die lokale Kirchengemeinde bieten den Menschen Halt und Geborgenheit. Sie sind eine Brücke zwischen den abstrakten Werten und Normen der Gesellschaft und dem Einzelnen. In Sportvereinen wird Fairness geübt, in Nachbarschaften gegenseitige Hilfe, in den Kirchen Nächstenliebe. Kleine Lebenswelten bieten Vergewisserung und schützen gegen fundamentalistische Rattenfänger.

2. Wir brauchen ganz besonders eine Stärkung der Familie. Die nicht die Ehe, auch nicht Frau oder Mann, sondern das Kind, oder besser die Kinder in den Mittelpunkt stellt. Die Leitfrage ist: Wie machen wir ein Leben mit Kindern in der Gesellschaft möglich? Dabei ist Geld nur die eine Seite. Noch wichtiger ist, daß wir die institutionellen Rücksichtslosigkeiten unserer Gesellschaft gegenüber dem Kind beseitigen und sie durch institutionelle Fürsorglichkeit und Förderung ersetzen. Ich denke da nicht nur - so wichtig das ist - an Kindertagesstätten, kindergerechte Verkehrswege, steuerliche Vergünstigungen für Tagesmütter und Haushaltshilfen, sondern auch an Familienzusammenführung durch den Arbeitgeber - da wäre noch eine Menge Kreativität zu leisten - und an den Abbau der Kinderfeindlichkeit, die von weiten Teilen unserer Gesellschaft Besitz ergriffen hat, bei Vermietern und Nachbarn, die sich über jedes Geräusch von Kindern beschweren, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Hotels und Gaststätten und an vielen anderen Stellen.

Die Familie hat den ersten Zugriff auf den jungen Menschen und damit auch die größte Verantwortung für die Bewältigung der Unübersichtlichkeit in der zukünftigen Generation. Niemandem erscheint die Welt rätselhafter als dem Kind, niemand aber ist auch neugieriger als das Kind. Das heißt doch: Niemals erscheint Unüberschaubarkeit dem Menschen zugleich natürlicher und überwindbarer als im Kindesalter. Eine intakte Familie schafft den Grundstock an Selbstvertrauen und an Zuversicht, auf dem Risikobereitschaft aufbaut, die im späteren Leben oft genug nötig ist. Diesen Schatz an Urerfahrungen, Urgewißheiten und damit Lebenskompetenz kann keine andere Institution bieten.

3. Ein Teil der vergangenen Bildungsreformen hat Frustration hinterlassen. Sie darf aber nicht dazu führen, nun gar nichts mehr zu ändern. Im Gegenteil, wir brauchen Änderungen. Allerdings geht es mir dabei um etwas anderes als eine Rechtschreibreform, die den Begriff Reform nicht verdient. In der Bildungspolitik sind die langfristig wichtigsten Antworten auf die Verunsicherungen in Arbeitswelt und Informationsgesellschaft zu suchen. Nur Bildung auf allen Ebenen schafft die neuen Arten von Arbeitsplätzen, die an die Stelle der heute wegfallenden treten können.

In den Schulen und Hochschulen sollten sich die Auseinandersetzung des jungen Menschen mit der Unübersichtlichkeit des modernen Lebens fortsetzen und in möglichst hohen Lerneffekten niederschlagen. Mit Lerneffekten meine ich aber nicht die Anhäufung von möglichst viel Spezialwissen in Form von Fakten und Daten. Wenn es richtig ist, daß eine der gravierendsten Quellen der Verunsicherung die immer schnellere Überholung alten Wissens durch neues ist, dann wäre man mit einem solchen Bildungsmodell gerade auf dem Holzweg. Wir können nicht von Jahrzehnt zu Jahrzehnt das Wissen von Menschen verdoppeln. Worauf es ankommt, ist die Vermittlung von Kompetenz zur Problemlösung, der praktischen ebenso wie der gedanklichen.

Das Informationszeitalter fordert das Bildungssystem heraus. Ich meine jetzt nicht mehr Kompetenz im Umgang mit Computern und Mehrsprachigkeit - das auch -, sondern ich meine gerade auch die Charakterbildung; Wir müssen den Kindern alles Wissen beibringen, das sie brauchen, um auch die technische Zukunft zu beherrschen und nicht ihr Untertan zu sein. Vor allem müssen wir ihnen aber beibringen, mit der Tatsache zu leben, daß trotz allen Wissens Dinge übrig bleiben, die man nicht wissen kann. Das heißt, wir müssen den jungen Menschen auch beibringen, mit der Unübersichtlichkeit zu leben.

Ich will zum Schluß kommen. Ohnehin werden Sie ja nicht erwartet haben, daß ich alle Probleme und alle Rätsel, die uns die Zeit aufgibt, in einer so kurzen Rede lösen oder auch nur ansprechen kann. Ich habe nur die herausgegriffen, die mir besonders wichtig erscheinen und bei deren Bewältigung mir auch die Kirchen gefordert zu sein scheinen. Auch von ihnen kann man nicht erwarten, daß Sie die Wanderkarte besitzen, von der ich vorher gesprochen habe. Aber vielleicht haben Sie ja zur Ausrüstung der Wanderer einiges beizusteuern, was weder der Staat noch die gesellschaftlichen Organisationen zur Verfügung haben. Das Wissen darum, daß der Mensch nicht alles wissen kann und, daß er auch nicht für jedes Problem sogleich eine Patentlösung haben kann. Das habe ich schon erwähnt. Aber wie wäre es mit dem mutigen Hinweis, daß Menschliches - auch menschliche Leistungen und menschliche Probleme - im Leben immer nur das Vorletzte sind? Um es klar zu sagen: Der Mensch soll und muß vernunftsmäßig verstehen, was überhaupt nur vernunftsmäßig verstehbar ist. Er soll und muß soviel Übersicht in die scheinbare Unübersichtlichkeit bringen, wie es nur irgend geht. Und doch - bei allem Bemühen um Verständnis - wird jeder von uns früher oder später den Punkt erreichen, an dem er spürt: hier hilft mein Verstand allein nicht weiter. Spätestens dann brauchen wir etwas, das uns hilft, das Unverständliche und Unübersichtliche wenigstens zu verkraften. Es liegt mir fern, irgendjemandem eine bestimmte Strategie für den Umgang mit der Unübersichtlichkeit nahezulegen. Aber vielleicht läßt sich ja allgemein sagen, daß dort, wo vernunftmäßiges Verstehen endet, zumindest einmal Vertrauen um so wichtiger wird. Und zur Entwicklung dieses Vertrauens können auch die Kirchen einiges beitragen. Am Ende ist ja auch Gottvertrauen immer noch ein gutes Rüstzeug für die Wanderung. Mir würde es helfen, wenn das öfter, etwas deutlicher und etwas mutiger gesagt würde.