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Grußwort von Bundespräsident Roman Herzog zur Eröffnung des 15. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft in Halle an der Saale

Bei Erziehung und Bildung reden alle mit. Aber oft ist die Liebe zum Thema platonisch. Wirklich engagiert sind die meisten nur bei persönlicher Betroffenheit, beispielsweise also, wenn es um die eigenen Kinder geht.

Wir werden heute von der Wiege bis zur Bahre mit Lehr- und Lernprozessen konfrontiert. Bei immer kürzer werdender Halbwertzeit des vorhandenen Wissens und rasant wachsenden Möglichkeiten zur Speicherung und zum Abruf von Wissen kann das nicht verwundern.

Mir wurde als Kind noch gesagt, man lerne nicht für die Schule, sondern für das Leben. Heute wird man ergänzen müssen, daß man mit dem Wissen der Schule allenfalls die ersten Gehversuche des Lebens besteht. Lebenslanges Lernen heißt die Anforderung - was bekanntlich nicht bedeutet, ewig ein Schüler zu bleiben. Im Gegenteil: Wir brauchen kürzere Ausbildungszeiten und die jungen Menschen müssen früher mit dem Ernstfall des Lebens, mit der Praxis konfrontiert werden, damit sie überhaupt die Chance haben, sie als Fortsetzung des Lernens zu begreifen.

Ihr diesjähriges Generalthema "Bildung zwischen Staat und Markt" macht ein Spannungsfeld deutlich. Es geht nicht nur in abstraktem Sinn um Bildung, sondern auch um beruflich nutzbare Bildung - also um am Markt verwertbares Wissen. Es geht - wenn Sie mir diese sprachliche Ökonomisierung verzeihen - auch um die "Vermarktung" von Wissen und Bildung. Schließlich wirken in unserem Bildungssystem zig Millionen "Kunden" - Kinder, Schüler, Auszubildende, Studenten, Kursteilnehmer - und fast 1Million "Leistungsanbieter" - Erzieher, Lehrer, Ausbilder, Professoren, Dozenten - mit einem Gesamtbudget von etwa 250 Mrd DM oder 7 % des Bruttoinlandsprodukts in Staat und Wirtschaft zusammen.

Für den Bildungssektor bedeutet das: Angesichts des stetigen sozialen, kulturellen und technischen Wandels benötigt man den Blick aufs Wesentliche, ohne dabei den Blick für das Vielfältige zu verlieren. Das geht auch die Schule an. Die Schule ist und bleibt - trotz allen späteren Lernbedarfs - der Abschnitt des Lebens, der uns entscheidend prägt und der die Weichen für die Zukunft stellt. Ohne diese Fundierung gäbe es nichts, auf dem wir später aufbauen könnten. Je breiter dieses Fundament ist, desto größer sind die Chancen im späteren Leben.

Ökonomie und Bildung sind aber noch viel grundsätzlicher miteinander verknüpft: Bildung und Wissen sind heute zu entscheidenden Standortfaktoren unseres Landes geworden. Unsere künftige Position am Weltmarkt hängt davon ab, auf welchen Fundus an Qualifikation wir zurückgreifen und wie schnell und effizient wir Innovationen vorantreiben können.

Die Schule ist ein Schnittpunkt aus Wissensvermittlung und Persönlichkeitsentwicklung. Beides ist Ergebnis von Erziehung und nicht nur Resultat eines Selbsterfahrungsprozesses ohne Markierung von Grenzen. Junge Menschen sollen in der Schule nicht nur sich selbst begreifen lernen, sondern auch den Umgang mit anderen, vor allem aber die Verantwortung für sich und andere. Die Schule muß neben Allgemeinbildung die Fähigkeit vermitteln, sich mit Neuem aufgeschlossen auseinanderzusetzen und sich die Dinge zu erschließen.

Wir brauchen in der Schule von heute also die Grundvoraussetzung für ein Leben mit dem Cyberspace genauso wie - immer noch und trotz aller Reformbestrebungen - einen sicheren Umgang mit unserer eigenen Sprache. Wir brauchen aber keine Experten, bei denen frühe Spezialisierung mit einem Defizit auf grundlegenden anderen Gebieten erkauft wird. Angesichts der erwähnten zunehmenden Verkürzung der Halbwertzeit von Wissen wäre das widersinnig.

Ich plädiere daher auch heute dafür, daß eines der entscheidenden Ziele jeder schulischen Ausbildung - in welcher Schulform auch immer - eine möglichst breite Allgemeinbildung sein muß, weil nur sie zum flexiblen Denken und Mitdenken, zum kreativen Agieren und Reagieren bei veränderten Verhältnissen führen kann.

Zweites wichtiges Element der Schule ist aus meiner Sicht das Erlernen und Erfahren der Gemeinschaft, der Umgang mit dem Anderen, dem Freund, dem Mitbewerber, dem Menschen anderer ethnischer Herkunft - altmodisch ausgedrückt: die Erziehung zu Toleranz. Gerade in der Schule läßt sich das Miteinander von Jugendlichen ausländischer Herkunft und jungen Deutschen als Verantwortungsgemeinschaft erlernen. Denn hier ist der Andere nicht anonym, sondern hat ein Gesicht - ist Mitschüler oder Klassenkamerad. Das ist wichtig für ein Leben in der fortschreitenden kulturellen Verklammerung in Deutschland, in einem zusammenwachsenden Europa, in einer immer enger werdenden Weltgemeinschaft.

Und ich möchte noch ein Drittes anführen, was Erziehung und Bildungsarbeit gerade in jungen Jahren leisten muß, um unsere Gemeinschaft menschlich zu halten: persönliche Zuwendung der Lehrer. Damit schmälere ich nicht die Rolle der Eltern. Menschliche Wärme wird sicher zuallererst in der Familie erfahrbar, und die Schule kann Versäumnisse im Privaten nicht kompensieren. Aber wir brauchen natürlich das menschliche Miteinander auch im schulischen Umfeld. Dafür benötigen wir schulische Strukturen, die diesem Erfordernis gerecht werden. Und wir brauchen Pädagogen, die in ihrer Ausbildung das erforderliche Rüstzeug dafür erhalten.

Ich bin nicht sicher, ob alle Bildungspolitiker diese Erfordernisse erkennen. Zwar scheint mir die überideologisierte Diskussion der Vergangenheit einer pragmatischeren Haltung zu weichen. Man darf wieder Mut zur Erziehung fordern, ohne einer reaktionären Gesinnung geziehen zu werden. Man darf auch wieder daran erinnern, daß die differenzierten Begabungen auch in einem differenzierten Bildungsangebot ihre Entsprechung finden müssen. Gleichheit allein ist kein Erziehungsziel für Menschen, die sich bekanntlich durch ihre Individualität voneinander unterscheiden.

Aber ziehen wir aus diesem auch die richtigen Schlußfolgerungen? Sind wir gut beraten, wenn wir ganze Schulzweige beseitigen und zumindest Gefahr laufen, daß ein Teil der Schüler an den Anforderungen der verbleibenden Schulformen scheitert und ohne schulischen Abschluß bleibt? Vielleicht orientieren wir uns insgesamt zu stark am Durchschnitt; zwar läßt uns das statistisch für eine Mehrheit arbeiten. Aber was geschieht dann mit jenen, die dieses Niveau nicht erreichen? Sollen sie für ihr späteres Leben chancenlos bleiben, weil sie dem Ehrgeiz derer, die sie zu Besserem führen wollen, nicht entsprechen? Und was ist auf der anderen Seite mit den Hochbegabten, die oft eher gebremst als gefördert werden?

Ich will keine Schule als olympische Veranstaltung, wo nur die Medaillenränge zählen, aber auch nicht in dem entgegengesetzten Sinn, daß Dabeisein alles ist. Unser Ehrgeiz sollte darauf gerichtet sein, jedem Schüler die für ihn optimale Förderung zuteil werden zu lassen. Die Schule kann junge Menschen am besten dadurch fördern, daß sie sich selbst in einem Wettstreit mit anderen Schulen sieht. Schulen sollen ruhig unterscheidbar bleiben oder unterscheidbarer werden, denn die Schüler sind es auch. Damit bekenne ich mich zu einem gegliederten Schulsystem mit einem Nebeneinander von Schultypen und einer Pluralität der Schulträger.

Eines allerdings möchte ich als Wunschzettel für alle Schulen hinterlegen: Seht Euch nicht als Stätten bloßer Theorie, bei denen sich das Praktische auf den Sport reduziert. Es kommt auch darauf an, praktische Begabungen zu fördern - nicht nur, weil sich dabei wichtige Berufsfelder erschließen, sondern weil mehr Praxisbezug jedem hilft und viele vor verhängnisvollen falschen Weichenstellungen bewahrt. Vielleicht wäre das ein Punkt gewesen, bei dem man nach der Wiedervereinigung mehr vom Osten hätte lernen können!

Ich plädiere auch dafür, die Schulen vor zu großem Eifer politischer Bildungsplaner zu schützen, indem sie mehr Autonomie erhalten. Man kann und sollte nicht alles durch Erlasse oder durch bis ins Detail gehende verbindliche Lehrpläne vorgeben. Schon 1973 hatte der ehemalige Deutsche Bildungsrat eine verstärkte Autonomie der Schulen empfohlen. Das greift z.B. die von Nordrhein-Westfalen eingesetzte Bildungskommission auf mit ihrem Vorschlag vom Herbst vergangenen Jahres, die Einzelschule aus der Vormundschaft der Kultusbürokratie zu entlassen und ihr mehr Rechte einzuräumen. Hier sehe ich auch ein Aufgabenfeld für die Freien Schulen, die, aus konfessionellen oder aus sonstigen Zielvorstellungen heraus, ihren Beitrag zur Erziehung und Bildung leisten, meist auch getragen von einer engagierten Elternschaft und besonders engagierten Lehrern.

Lassen Sie mich abschließend denen danken, die in ihrer großen Mehrzahl sehr engagiert als Lehrer und Pädagogen Bildung vermitteln. Mancher beifallheischende Vorwurf in der Öffentlichkeit über die Lehrer karikiert nicht nur - das wäre noch zu dulden -, sondern er diskreditiert. Und das schadet dem Bildungssystem und nützt niemandem.

Für Ihre Tagung ist die Stadt Halle gut gewählt. Hier hat in Gestalt der Franckeschen Stiftungen schon früh der innovative Geist privaten Engagements neben staatlicher Tätigkeit gestanden. Neben dem Neubeginn der Ausbildung in den Franckeschen Stiftungen nach der Wende zeugt auch das Engagement der Erziehungswissenschaftler an der Universität Halle dafür, daß die Teilnehmer des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft einen fruchtbaren Boden vorfinden. Nutzen Sie ihn. Hierfür wünsche ich gutes Gelingen.