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Ansprache von Bundespräsident Roman Herzog anläßlich der Eröffnung des neuen Messegeländes in Leipzig

Eigentlich ist schon alles gesagt, was man zur Eröffnung des neuen Messegeländes in Leipzig sagen kann. Und Sie warten alle sehnlichst auf das offizielle Eröffnungssignal, das ich nach meinen "Regieanweisungen" am Ende meiner Ansprache zu geben habe.

Ich könnte natürlich noch einmal und aus voller Überzeugung und mit Recht die blühende Stadt Leipzig und ihr neues Messegelände als "Leipzig im Glück" beschreiben, wie es kürzlich in einer deutschen Zeitung geschehen ist. Aber das hat bereits der Herr Oberbürgermeister mit anderen Worten und sehr viel Sinn überzeugend getan.

"Mein Leipzig lob ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute" heißt es schon bei Goethe im "Faust". Diese immer junggebliebene Stadt ist zugleich "alt genug für das Neue", wie treffend der Leitspruch der Leipziger Messe für den Bau ihres neuen Messegeländes lautet. Dafür bedarf es keines weiteren Beweises.

Ich könnte auch noch einmal die wirtschaftlichen Aspekte des Messeneubaus hier in Leipzig und des Aufbauprozesses in den sogenannten neuen Bundesländern nachzeichnen. Das hat aber umfassend bereits der Bundeswirtschaftsminister getan.

Ich könnte versuchen, dem wie immer visionären und zugleich realistischen Gedankenflug des Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen zu folgen und ihn fortzusetzen.

Vor allem müßte ich mich ausführlicher, als ich das jetzt in der Kürze der Zeit tun kann, unserem Freund und guten europäischen Nachbarn widmen, dem Ministerpräsidenten der Tschechischen Republik Vaclac Klaus. Herzlichen Dank dafür, daß Sie heute gekommen sind und uns nicht nur eine wegweisende, sondern wie ich finde, bewegende Rede gehalten haben. Hier zeigt sich, welch zentrale Drehscheibenfunktion die Stadt Leipzig und ihre Messe für Europa jetzt schon hat und in Zukunft haben wird.

Ich werde all diesen Versuchungen aber widerstehen und mich auf drei Punkte beschränken:

Erstens: Alle, die so erfolgreich am Bau des neuen Leipziger Messegeländes mitgewirkt haben, die Bürger der Stadt Leipzig, die in so kurzer Zeit eine neue, beeindruckende Stadtidentität geschaffen haben, ja eigentlich alle Menschen in den sog. neuen Bundesländern können mit Stolz auf das blicken, was sie in den noch nicht einmal sechs Jahren seit dem Inkrafttreten der Wirtschafts- und Währungsunion geleistet haben.

Gewiß sind wir nicht ganz so rasch vorangekommen, wie es viele von uns im Überschwang der Gefühle vor sechs Jahren geglaubt haben. Noch immer liegt ein beträchtliches Stück Weges vor uns, und es wird nicht weniger schwierig sein als die schon zurückgelegte Strecke. Das Ziel, eine moderne, sich aus eigener Kraft behauptende Wirtschaft in den neuen Ländern zu schaffen und dadurch vor allem auch die unerträglich hohe Arbeitslosigkeit zu beseitigen, ist gewiß noch nicht erreicht.

Der Aufbau von Wirtschaft und Infrastruktur in den neuen Bundesländern ist jedoch heute weiter, als mancher Pessimist meint! Ich finde, und das ist nicht nur so dahingesagt: Das Glas des Erfolgs ist halbvoll und nicht halbleer! Der Inhalt ist genießbar und gut.

Hier in Leipzig und überall in Ostdeutschland sind erfolgreiche Zeugnisse der Sanierung, der Renovierung, des Neubaus und der Neugründung, der technologischen Invention und Innovation, des zupackenden Engagements von Bürgerinnen und Bürgern, von Arbeitnehmern und Unternehmern zu finden.

- Wer hätte z.B. geglaubt, daß nur wenige Jahre nach der deutsch-deutschen Währungsunion ein ostdeutsches Forscherteam das erste Laserfernsehen der Welt entwickeln würde?

- Wer hätte unmittelbar nach der Vereinigung vorausgesagt, daß ein Forschungsinstitut in den neuen Bundesländern ein wegweisendes Verfahren zur Diamantbeschichtung von Industriematerialien entwickeln würde?

- Wer hätte vor sechs Jahren gedacht, daß heute in Sachsen die modernste Fabrik für elektronische Bauelemente in Deutschland steht?

- Wer hätte sich damals vorstellen können, daß heute in Ostdeutschland Automobile von gleicher Qualität und mit zum Teil höherer Produktivität hergestellt werden können als in Westdeutschland?

Die Menschen in den neuen Bundesländern haben sich damit Achtung und Anerkennung verschafft. Ihre Leistungen berechtigen sie zu Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen. Und das ist die beste Grundlage für ein harmonisches Miteinander in Deutschland zwischen Ost und West.

Zu Jammern und Wehleidigkeit sehe ich keinen Anlaß. Die Menschen in Ostdeutschland haben keinen Grund, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen oder sich gar zu entschuldigen, weil sie bis zur endgültigen Überwindung der wirtschaftlichen Folgen der Teilung noch geraume Zeit auf Unterstützung aus dem Westen angewiesen sind.

Es ist keine Schande, ein ganzes Leben im östlichen Teil unseres Landes verbracht zu haben. Und die jeweils eigene Biographie zu verteidigen, ist eine menschliche Notwendigkeit. Die Menschen, deren Lebenslauf durch den Glücksfall ihres westlich gelegenen Wohnorts nicht in Frage gestellt wurde, sollten das nicht unterschätzen.

Für die Menschen in Ostdeutschland war und ist der Wechsel aus der geschlossenen Gesellschaft der früheren DDR in eine offene, sich in dauerndem Wettbewerb entfaltende Demokratie ein Sprung ins kalte Wasser gewesen.

In Bewegung bleiben, sich stets aufs neue orientieren, und das Wissen, wie und mit welchen Ansätzen an politischen Themen gearbeitet wird, das gehört zu den notwendigen Voraussetzungen, um im größer gewordenen Deutschland bestehen zu können.

Gerade deshalb brauchen wir alle die Eigeninitiative und die Risikofreude auch der Menschen in Ostdeutschland, im wirtschaftlichen wie im politischen Bereich. Regionale Besonderheiten und Unterschiede, selbstbewußtes Wahrnehmen eigener regionaler Interessen müssen erlaubt sein. - Wir Bayern dürfen das ja auch. - Sie sind für unsere Demokratie überlebensnotwendig, geradezu Motor eines föderativen Systems, freilich nur, wenn dabei das Ganze im Blick bleibt.

Und das heißt auch nicht, Ost und West gegeneinander auszuspielen, Brücken einzureißen und alte ideologische Gräben zu vertiefen. Ideologien, auch wenn sie nur unterschwellig bestehen, sind das Letzte, was wir in Deutschland brauchen können.

Zweitens ist es eine großartige Leistung der ostdeutschen Bürger, daß sie den Systemumbruch mit seinen schwerwiegenden wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen so konstruktiv und geduldig verarbeitet haben. Sie haben das rasante Tempo einer wirklich radikalen Veränderung aller Lebensbereiche und Gewohnheiten nicht nur durchgestanden. Sie haben mit dem Neuen umzugehen gelernt, und heute gestalten sie es kraftvoll mit. Sie haben ihren westdeutschen Mitbürgern damit eine Erfahrung voraus, die für unser ganzes Land noch zu einem großen Gewinn, ja zu einem Vorbild werden kann.

Denn die Veränderungen, die uns allen bevorstehen, stehen in nichts dem Wandel nach, den die Menschen in den neuen Bundesländern schon ertragen und meistern mußten. Hier können alle von ihren Erfahrungen profitieren.

In den neuen Bundesländern ist es eine sehr schmerzliche, aber akzeptierte Lebenserfahrung geworden: Ein Unternehmen, ein ganzer Wirtschaftszweig kann letztlich nur überleben, wenn sie mittel- und langfristig rentabel sind und dem nationalen, europa- und weltweiten Wettbewerb aus eigener Kraft standhalten können.

Dieser Grundsachverhalt muß wieder in ganz Deutschland akzeptiert und verstanden werden. Sonst machen wir unsere Probleme nur noch größer. Das wird in den nächsten Jahren gewaltig wehtun.

Wir brauchen in ganz Deutschland Anpassungsflexibilität und Bereitschaft zum strukturellen Wandel in allen Lebensbereichen. Sonst halten wir den Herausforderungen der Globalisierung in allen Lebensbereichen nicht stand.

Viele von uns haben die ganze Tragweite der notwendigen Veränderungen noch nicht erkannt. Nicht nur unsere Produkte und Produktionsverfahren, sondern unsere Unternehmer wie Arbeitnehmer ganz persönlich stehen immer mehr im weltweiten Wettbewerb.

Und auch das reicht nicht aus: Heute müssen sich auch unser Sozialsystem, unser Arbeitsmarkt, unsere Forschungs- und Innovationsstrukturen, ja unser politisches System insgesamt der internationalen Konkurrenz stellen, sich neuen Problemen anpassen und durch neue Leistungskraft behaupten. Nur so können wir unser Lebens- und Wohlstandsniveau aufrechterhalten.

Ich wiederhole es: Das wird weh tun, aber lange nicht so weh, wie wenn wir den internationalen Wettlauf überhaupt verlieren.

Drittens: Der erfolgreiche Neubau der Leipziger Messe, das Gelingen der deutschen Einheit im Wirtschaftlichen, Politischen wie Menschlichen, die noch zu leistende Aufgabe, den Wirtschaftsstandort Deutschland umfassend an die Anforderungen einer globalen Weltwirtschaft anzupassen: diese Herausforderungen können uns Mut machen, daß auch die europäische Einigung möglich ist.

Die neue Leipziger Messe kann hier eine wichtige Rolle spielen. Sie bietet Mittel- und Osteuropa ein umfassendes Dienstleistungsnetzwerk. Sie kennt Kultur, Sprache und Märkte dieser Länder ganz genau. Sie profitiert von der geographischen Nähe zu diesen Märkten.

Ohnehin ist Deutschland mit Abstand der größte westliche Handelspartner der mittel- und osteuropäischen Länder. Wir haben aus wirtschaftlichen wie aus politischen und ethischen Gründen ein wesentliches Interesse daran, daß diese Länder an der europäischen Einigung teilnehmen.

Hierauf müssen sich beide Seiten umfassend vorbereiten:

Die Erweiterung ist eine Herausforderung nicht nur für die künftigen Mitgliedsländer, sondern auch für die Europäische Union selbst. Sie muß ihre Entscheidungsstrukturen anpassen, die Vertiefung nach innen vorantreiben, vor allem aber auch wirtschaftlich fit werden für die Erweiterung.

Denn vor der Tür stehen keine fußkranken, schwachen Volkswirtschaften, sondern Volkswirtschaften, die im Kommen sind, "die es wissen wollen".

Herr Klaus, Sie und Ihr Land mit seinem überaus erfolgreichen, strikt marktwirtschaftlichen Anpassungskurs sind für diese neue, positive Herausforderung Europas ein markantes Beispiel.

Jetzt bleibt mir nur noch eine angenehme abschließende Pflicht, die ich mit um so größerer Freude erfülle, als es gemeinsam mit dem Gewandhausorchester unter der Leitung von Kurt Masur geschieht. Welcher internationale Messeplatz hat schon Vergleichbares zu bieten?

Ich erkläre das neue Leipziger Messegelände hiermit für eröffnet.