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Rede von Bundespräsident Roman Herzog zum 40. Jubiläum der Bischöflichen Studienförderung "Cusanuswerk" in Schloß Eringerfeld/Stadt Geseke

Gestatten Sie mir, daß ich mit einer gleichsam amtlichen Erfahrung beginne. Als ich im vorigen Jahr in einem Interview, eigentlich nur in einem Halbsatz, das Thema "Hochbegabung" erwähnte, gab es eine ungewöhnliche Zahl von Zuschriften. Endlich, so schrieben mir Eltern und Lehrer, nehme sich einmal jemand dieses Themas an, das in der Bildungspolitik ansonsten ein Schattendasein führe. Ich gebe gern zu, daß mich diese Reaktionen überrascht haben. Sie müssen aber ernst genommen werden ? selbst wenn man es für möglich hält, daß mancher meiner Briefpartner seine Kinder nur infolge eines Irrtums für hochbegabt hielt. Die Förderung begabter und motivierter junger Menschen gehört unbestreitbar zu den ganz wichtigen Aufgaben unseres Bildungssystems. Für die immer komplexeren Herausforderungen unserer Welt brauchen wir Menschen, die mit hoher Kompetenz, wacher Intelligenz und sozialer Verantwortung zu denken und zu arbeiten gelernt haben. Dazu müssen wir Begabungen systematisch entdecken und fördern. Aus diesem Grund bin ich der Einladung zum Jubiläum der Begabtenförderung Cusanuswerk sehr gern gefolgt.

Bevor ich aber diese Gelegenheit zu einigen grundsätzlichen Bemerkungen ausnutze, möchte ich zuerst Ihnen allen von Herzen gratulieren, die Sie als Stipendiaten, Altstipendiaten, Referenten, Förderer, Vertrauensdozenten oder wie auch immer zu der bisherigen Erfolgsgeschichte dieses Werkes beigetragen haben.

Die Existenz des Cusanuswerkes versteht sich ja keineswegs von selbst. Das sieht man schon daran, daß in diesen Jahren viele Institutionen ihr 50jähriges Bestehen feiern, während das Cusanuswerk erst vierzig Jahre alt wird.

Nun ist aber die Gründung des Cusanuswerkes, wenn ich recht sehe, weniger ein Symptom für eine gesellschaftliche Verspätung gewesen, sondern ? im Gegenteil ? der Versuch einer Reaktion darauf. Vom Bildungsdefizit der Katholiken war in jenen Zeiten oft die Rede, und offensichtlich war die geringe Repräsentanz von Katholiken in Schlüsselpositionen des Staates, der Gesellschaft und der Wissenschaft eine Herausforderung zum Handeln. Dabei ist aber weder eine "Kaderschmiede" entstanden, noch eine Organisation von Seilschaften. Auch kulturkämpferische Intentionen sind, soweit ich sehen kann, nicht vorhanden. Vielmehr haben alle, die hier in der Verantwortung standen ? von Bernhard Hanssler bis Anette Schavan ?, ein gutes Stück Vermittlungsarbeit zwischen Kirche, Wissenschaft und moderner Gesellschaft geleistet. In den vergangenen Jahren ist die These vom Bildungsrückstand der Katholiken jedenfalls in mehr als 3.700 Fällen widerlegt worden. Diese Arbeit ist sicher noch immer notwendig. Im Stichwortregister des sogenannten "Weltkatechismus" finden sich zwar so wichtige Dinge wie "Steuerhinterziehung" und "Geschwindigkeitsrausch", aber das Stichwort "Bildung" sucht man dort vergeblich, und das kann nicht nur damit zusammenhängen, daß es mit der Bildung vielleicht ähnlich zuginge wie mit dem Geld ? man hat es, aber man spricht nicht darüber. Es bleibt also, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf, noch einiges zu tun. Warum sollen, mit Hilfe des Staates, begabte Studenten besonders gefördert werden? Sind sie nicht sowieso schon im Vorteil?

Der Staat tut das zunächst aus eigenem Interesse, er sollte es zumindest tun. Die soziale und wirtschaftliche Zukunft unseres Landes hängt in großem Maße von der Qualität ab, mit der in Wirtschaft, Politik, Forschung und Industrie gearbeitet wird. Für das, was an Aufgaben auf uns zukommt, werden mehr denn je Spitzenleistungen notwendig sein.

Begabtenförderung ist also ein Wechsel auf die Zukunft. Aus Gefälligkeit allein findet sie nicht statt. Begabtenförderung ist ? aus staatlicher Sicht ? auch keine Belohnung für vergangene gute Noten, sondern eine Hoffnung auf einen zukünftigen, bedeutsamen Beitrag zum Gemeinwesen.

Dieser besteht im übrigen nicht nur im Einnehmen von Spitzenpositionen; wir brauchen nicht nur herausragende Ministerpräsidenten, sondern auch exzellente Lehrer. Wir brauchen gute Sozialpädagogen und Krankenhausärzte. Nicht allein der Chefsessel bestätigt, daß eine Förderung im Einzelfall erfolgreich war, sondern die ideenreiche, ungewöhnliche, neue Wege suchende Arbeit in allen möglichen Bereichen und auf vielen Ebenen.

Das Cusanuswerk ist ? nebenbei bemerkt ? nicht das einzige und schon gar nicht das größte Begabtenförderungswerk in der Bundesrepublik. Auch den anderen 9 Werken und Stiftungen, die auf diesem Feld arbeiten, möchte ich an dieser Stelle für ihre Arbeit ausdrücklich danken.

Natürlich steht für den einzelnen zunächst die finanzielle Erleichterung im Vordergrund, die ihm das Stipendium bringt. Dieses Stipendium ermöglicht kein Leben in Saus und Braus, sondern errechnet sich nach der Bemessung des Bafög. Zwar müssen Ihre Stipendiaten das Geld, das sie bekommen, nicht zurückzahlen. Dennoch werden sie nicht reich. Auch ist ? im großen und ganzen gesehen ? mit 0,65 Prozent der Studierenden, die in eine Begabtenförderung kommen, nur etwas mehr als die Hälfte erfaßt von dem, was einmal allgemein angepeilt war. Nun kann ich mich als Bundespräsident angesichts der gähnenden Leere öffentlicher Kassen nicht hinstellen und mit donnernden Worten mehr Geld einfordern. Ich kann aber eines feststellen: Das Geld, das hier investiert wird, ist gut angelegt. Die finanzielle Förderung gewährleistet in der Regel ein zügiges, auch überdurchschnittlich erfolgreiches Studium, was ja allseits gewünscht wird.

Der finanzielle Aspekt scheint mir aber nicht die Hauptsache zu sein. Gerade bei der gegenwärtigen Lage an den Universitäten wird anderes immer wichtiger.

Das beginnt schon bei der Auswahl der Bewerber. Man kann sicher nicht nur darauf warten, daß sich die Richtigen schon melden werden. Und umgekehrt erfüllt wahrlich nicht jeder, der sich berufen fühlt, die notwendigerweise strengen Kriterien. Und außerdem: Nicht Gesinnung wird gefördert, sondern Begabung! Auch wenn ich weiß, daß das aus personellen und zeitlichen Gründen schwierig ist, glaube ich dennoch, daß eine aktive Suche nach geeigneten Stipendiaten auch zu den Aufgaben eines Förderungswerkes gehört. Nicht nur, damit die Richtigen in der passenden Stiftung sind, sondern auch, damit möglichst keine Begabung unentdeckt bleibt. Gute und passende Stipendiaten zu bekommen, liegt im elementaren Interesse der Werke. Hier sind auch die Altstipendiaten gefragt, Bewerber vorzuschlagen. Die Suche nach Begabungen muß überhaupt stärker in den Blickpunkt kommen. Zuviele Institutionen und Personen im gesamten Bereich der Jugendarbeit und Bildung sind hier bisher zu wenig sensibel. Suche und Förderung von Begabungen muß von der Schule an aufmerksam betrieben werden.

Besonders wichtig in der Arbeit der Förderungswerke ist alles, was als "ideelle Förderung" bezeichnet wird. Das betrifft vor allem interdisziplinäre Aktivitäten, ob es sich nun um Ferienakademien, internationale Begegnungen, Fachschaftstagungen oder kulturpolitische Symposien handelt. Immer geht es um eine unbedingt notwendige, wenn Sie so wollen, kompensatorische Ergänzung zur Universität. Wenn überhaupt noch irgendwo die Idee von "Akademie" lebendig ist, das heißt also: vom Gespräch miteinander über die Grenzen der Fakultäten hinweg, dann hier. Wenn die Hochschulen immer mehr zu Orten des Scheinesammelns, der strategischen Prüfungsorganisation oder auch nur zum Parken der Biographie werden, bis sich etwas Besseres findet, dann sind Orte des intellektuellen Austausches ein Gebot der Stunde.

Begabtenförderung geschieht nicht nur, damit aus einem begabten Physikstudenten ein noch besserer Physiker wird. Begabtenförderung soll Physikstudenten mit Philosophen ins Gespräch bringen, Germanisten mit Biologen, Mediziner mit bildenden Künstlern. Und dabei geht es nicht nur um einen gelegentlichen Austausch in der landschaftlich schönen Umgebung eines Akademiehauses, ? denn Stipendiaten sind schließlich keine studentische "Toskanafraktion" ? sondern um das Einüben, ja das Exerzitium einer Haltung ? man könnte sagen, einer grundlegenden akademischen Tugend.

Das ist kein Luxus, den man sich nebenbei auch noch leisten kann, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit allerersten Ranges. Eine von den schönsten Schriften Immanuel Kants heißt: "Der Streit der Fakultäten". Auf einen solchen Disput der Fakultäten sind wir angewiesen, und er ist die Grundlage einer permanenten Aufklärung, die wir uns gegenseitig leisten müssen, ja wahrscheinlich sogar dessen, was man einmal als Bildung bezeichnet hat. Es könnte ja sein, daß sich der Gebildete unserer Zeit vom Fachmann gerade durch diesen Blick über die Fachgrenzen hinaus unterscheidet.

Es gehört zu den schwerwiegendsten Mängeln der Massenuniversität, daß in ihr der fachübergreifende Dialog praktisch nicht mehr existiert. Das ist mehr als der Verlust einer schönen akademischen Tradition. Es wird auf die Dauer auch die sogenannte Problemlösungskompetenz unserer Eliten empfindlich lädieren. Denn bei allen heute und in Zukunft entscheidenden Problemen handelt es sich um "Schnittmengenprobleme". Die Realität hält sich nicht an Fakultätsgrenzen.

Wenn die Förderungwerke nur das Gespräch oder eben den Streit der Fakultäten exemplarisch in Gang setzten, wären sie allein schon deswegen unentbehrlich. Denn zum wirklichen Denken kommt man nur, wenn man sich ganz anderen Denkmustern auszusetzen gelernt hat. Stiftungen sind Anstiftungen zu solchem Denken. Es genügt eben nicht, daß wir elektronisch vernetzt sind. Vernetzung ist im letzten keine Sache von Glasfasern, sondern eine geistige Angelegenheit: etwas, das nicht im virtuellen Raum vonstatten geht, sondern sich in wirklichen Köpfen buchstäblich "realisiert".

Zeitströme, geistige Befindlichkeit, neue Weisen von Erfahrung und Bestimmungen des Menschlichen werden uns auch und vor allem in der Begegnung mit zeitgenössischer Kunst möglich. Um es mit dem antiken Dichter Pindar zu sagen: "Blind sind des Menschen Gedanken, wenn einer ohne die Musen mit Verstandeskünsten allein den Weg sucht." Deswegen ist die Künstlerförderung, die es im Cusanuswerk gibt, nicht nur für die Künstler selbst, sondern vor allem für die Wissenschaftler so wichtig. Sie ist eine der Pionierleistungen des Cusanuswerkes, die anderswo unbedingt nachgeahmt werden sollte.

In einer gemeinsamen Erklärung haben sich die Begabtenförderungswerke für eine "umfassende Individualförderung" entschieden. Vielleicht hat hier das Cusanuswerk mit seinem Prinzip der "Förderung von Biographien" den Anstoß gegeben. Ich halte dieses Prinzip deswegen für richtig, weil nur in einem balancierten Verhältnis von Begabung, Motivation und den je besonderen Lebensumständen eine Persönlichkeit heranreifen kann, die für komplexe Leitungs- und Entscheidungsaufgaben gerüstet ist. Fachliche Kompetenz muß durch soziale Kompetenz und auch durch die Fähigkeit, mit der eigenen Lebensgeschichte verantwortlich umzugehen, ergänzt werden. Dazu braucht es persönliche Begleitung, die mehr ist als "nur" Studien- oder Berufsberatung.

Eine der bedeutenden Herausforderungen für die Zukunft liegt in der Globalisierung von Wirtschaft und Wissenschaft, und für uns Deutsche ist besonders der Prozeß der Europäischen Einigung wichtig. Auch hier leisten die Förderungswerke Pionierarbeit. Ich bin froh, daß 30% der Stipendiaten einen Studienaufenthalt oder zumindest ein Praktikum oder einen Sprachkurs im Ausland absolvieren. Das ist ein erheblich größerer Teil als in der Studentenschaft insgesamt und für die Zukunft unseres Landes von hoher Bedeutung. Im internationalen Wettbewerb können wir mit provinziellem Geist nichts ausrichten. Es ist deshalb richtig, wenn bei der Finanzierung solcher Auslandserfahrungen nicht geknausert wird. Und: Ich bin dankbar, daß bei Ihnen im Cusanuswerk auch die Länder der sogenannten Dritten Welt zu ihrem Recht kommen.

Ein besonderes Problem unseres Wissenschaftslebens ist die Tatsache, daß Frauen bei weitem unterrepräsentiert sind - anders als in der Studentenschaft. Daß nach wie vor gerade einmal 3% der C-4 Professuren von Frauen eingenommen werden, ist Skandal und Dummheit zugleich. Hier stehen auch die Begabtenförderungswerke, gerade bei der Promotionsförderung, vor großen Aufgaben. Der Vormarsch hochqualifizierter Frauen ist ? ganz nebenbei ? auch ein probates Mittel gegen akademisches Mittelmaß. Ich nehme an, Daß das Cusanuswerk in diesem Bereich besonders aufmerksam ist. Denn ausgerechnet Ihre Einrichtung, die in den ersten Jahren Frauen nicht einmal als Stipendiatinnen aufgenommen hat, hat als erste Begabtenförderung überhaupt eine Frau an der Spitze gehabt. Das ist zwar noch keine Lösung des angesprochenen Problems, aber doch ein hoffnungsvolles Zeichen.

Zum unverwechselbaren Profil des Cusanuswerkes gehört seine Eigenschaft als kirchliche Stiftung. Institutionen, die ihr Ohr ganz nah am neuesten Denken und Forschen haben, können den Kirchen selbst nur von Nutzen sein, die sich "intellektuelle Verschlafenheit", wie es der Theologe Eberhard Jüngel genannt hat, nicht leisten können.

Die Verbindung von Intellektualität und Glauben, von wissenschaftlicher Leistung und grundlegenden Werthaltungen ist aber auch für die Allgemeinheit wichtig. Unsere Gesellschaft braucht engagierte Intellektuelle und "Funktionsträger", die ein deutliches ? ich nenne es einmal ? "ethisches Profil" mitbringen. Wissenschaftliche Begabungen und intellektuelle Brillanz können ja niemanden von der Frage dispensieren: Wofür stehst du? Welche Werte werden von dir verwirklicht, welche verteidigt? Wie stellst du dir eine menschliche Gesellschaft vor? Wir brauchen Menschen, die sich unkorrumpierbar zeigen gegenüber dem kurzfristigen Zeitgeist. Wir brauchen Menschen, deren Solidarität auch diejenigen umfaßt, die für sie nicht nützlich werden können und deren Vernunft nicht nur von kalter Rationalität und Effizienzorientierung geprägt ist, sondern auch von einer raison de coeur, von Herzensbildung also, um es altmodisch zu sagen.

Sicher ist, und das lehrt uns ganz besonders die deutsche Geschichte dieses Jahrhunderts, daß technische Intelligenz allein kein menschenwürdiges Leben garantieren kann. In unserer Geschichte haben wir das beste Beispiel für die Verführbarkeit und Benutzbarkeit sogenannter Funktionseliten. Auch ein Land mit den besten Autobahnen, der pünktlichsten Eisenbahn und der effektivsten Industrieproduktion kann gleichzeitig ein Land der Barbarei sein.

Ich weiß nicht, ob es auch an dieser geschichtlichen Erfahrung liegt, daß der Begriff Elite bei uns in in Deutschland lange Zeit auf soviel Abwehr stieß. Es gab und gibt noch immer eine Denkschule, die nicht einmal darüber diskutieren will, ob und wozu man Eliten braucht. Unsere Nachbarländer und die Vereinigten Staaten tun sich da leichter.

Aber es sind nun gerade die genannten Erfahrungen, die es unabweisbar machen, über "Eliten" zu diskutieren. Indem man den Begriff meidet, kann man sich über die Tatsache, daß Eliten in dieser oder jener Form immer existieren, höchstens hinwegtäuschen. Also kommt der Frage besondere Bedeutung zu, wie wir unsere Eliten gewinnen und qualifizieren.

Tatsächlich werden ja viele wichtige Entscheidungsträger in unserer Gesellschaft nicht demokratisch gewählt, sondern auf andere Weise rekrutiert. Um so wichtiger ist es, daß in den Förderungswerken demokratische Überzeugung und Haltung eingeübt werden. Wenn die Begabtenförderungen nicht immer auch Sicherungsinstanzen der Demokratie wären, wären sie eher gefährlich. Um so mehr freue ich mich, daß alle zehn Institutionen gemeinsam erklärt haben: "Begabtenförderung hat nichts mit elitärer Selbstgenügsamkeit zu tun. Sie dient der Allgemeinheit im Engagement für Wissen, Können, Initiative und Verantwortungsbewußtsein der kommenden Generation." Es ist wichtig, daß immer wieder diese politische Dimension von Wissenschaft und Kultur reflektiert zur Sprache kommt.

Unsere Gesellschaft, ich sagte es schon, braucht eine verläßliche Werthaltung ihrer Eliten. Diese kann aber nur wachsen in der Auseinandersetzung mit den orientierenden Traditionen unserer geistigen und politischen Geschichte. Diese Traditionen gehören zu den Grundlagen, aus denen der Staat lebt, die er selber aber nicht herstellen kann. Miteinander streitende und konkurrierende Eliten sind hier unabdingbar.

Die Pluralität unseres Staates erleben wir in der Regel als wohltuend. Deswegen ist der Staat gut beraten, sich bei der Begabtenförderung verschiedener Mittler zu bedienen und sie nicht unmittelbar selbst vorzunehmen. Da es den Normbegabten nicht gibt, ist es gut, wenn verschiedene gesellschaftliche Gruppen und geistige Strömungen in jeweils unterschiedlichen "Einzugsgebieten" nach möglichen Begabungen Ausschau halten. Nichts könnten wir weniger gebrauchen als einen staatlich genormten Herrn Dr. Mustermann.

Das Cusanuswerk hätte sich wohl keinen besseren Namenspatron geben können als eben Nikolaus von Kues. Der Mann aus dem kleinen Moselstädtchen hat in seiner Person vieles von dem repräsentiert, was auch heute noch beispielhaft sein könnte für einen Intellektuellen. Was ihn zur aktuellen Herausforderung werden läßt, ist seine ganz und gar angstlose Beschäftigung mit dem noch nicht Gedachten, mit dem unerhört Neuen. Gegen die innovative Kraft seines Denkens und gegen die Wagnisse seiner gedanklichen Spekulationen erscheint vieles im heutigen Denken als eher langweilige, halbherzige Spielerei. Geistig fest verwurzelt in der Tradition, war er neugierig und aufgeschlossen für alles Neue. Seine Lust am Denken und am intellektuellen Abenteuer war aber nicht weniger ausgeprägt als sein Sinn für praktische Politik. Ich möchte diesen Zug des Cusanus besonders hervorheben. Nicht jeder muß in die praktische Politik gehen, aber eine politisch uninteressierte und unengagierte Elite können wir uns auch nicht leisten.

Ich habe über verschiedene Herausforderungen für Begabte gesprochen, dabei auch implizit über das, was wir heute Bildung nennen. Ich möchte mit zwei grundsätzlichen Gedanken schließen. Der erste stammt von Odo Marquard. Nach ihm ist eine der "Zentraldefinitionen" von Bildung die "Sicherung der Einsamkeitsfähigkeit". Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich feststelle, daß das alte Humboldtsche Ideal einer Wissenschaft, die sich in "Einsamkeit und Freiheit" vollziehen solle, nur mehr schwer aufrechtzuerhalten ist ? ja in Zeiten des Teamworks in vielen Bereichen sogar schädlich wäre. Aber wahr bleibt, daß nur im Einüben von Einsamkeit jene persönliche Souveränität wachsen kann, die wir dringend brauchen. Entscheidend werden nicht diejenigen sein, die im wissenschaftlichen oder politischen Windkanal die geringsten Widerstandswerte erzielen. Das innovative Denken, von dem unsere Zukunft abhängt, wird nur von unabhängigen, souveränen ? und deshalb manchmal unbequemen Köpfen geleistet werden. Ich hoffe, daß solche Köpfe auch in unseren Förderungswerken ihren Platz haben.

Zu dieser Souveränität ? und das ist nun wirklich mein letzter Gedanke ? gehört möglicherweise auch die Freiheit zum Verzicht darauf, unbedingt und stets der Erste und der Beste sein zu müssen. Gut zu sein genügt in vielen Fällen. Elitebildung in einer menschlichen Gesellschaft kann sich nicht einfach darauf beschränken, die Gesetze der biologischen Evolution zu kopieren. Um eine menschliche Gesellschaft zu bilden, braucht es mehr. Ich sage es mit den Worten des Philosophen Michel Serres: "Wir sind nur deshalb Menschen, weil wir auch andere Ziele verfolgen können als dieses eine: Die Besten zu sein. Wer den denkbar besten Menschen schaffen will, der schafft einen kranken Affen oder einen verkümmerten Salatkopf." Der wahrhaft menschliche Begriff von "gut" hat auch und vor allem mit "Güte" zu tun. Das gilt auch für sogenannte Hochbegabte. Kein wissenschaftlicher Erfolg sollte uns das vergessen lassen.

Ich danke Ihnen.