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Rede von Bundespräsident Roman Herzog vor dem 41. Deutschen Historikertag in München

I.

Als ich das Motto Ihres diesjährigen Historikertages las: - "Geschichte als Argument" -, da wurde mir doch ein bißchen schwummerig. Natürlich wird, nicht zuletzt in der Politik, immer wieder einmal mit der Geschichte argumentiert - ob mit mehr oder weniger Glück will ich hier ganz offen lassen. Und gefährlich wird die Sache dadurch, daß der Rückgriff auf die Geschichte meist in solchen Momenten geschieht, in denen es um eine grundsätzliche Neuorientierung der Politik geht, in denen also das Bedürfnis nach Orientierung besonders groß und die Berechenbarkeit der Zukunft besonders klein ist. Die Geschichte wird meist dann zum Argument, wenn man in einer Gegenwart nicht mehr so recht weiter weiß.

Das alles wäre noch relativ leicht zu bewerkstelligen, wenn man mit dem alten Leopold Ranke die Geschichte - oder besser: die Geschichtswissenschaft - noch als das Wissen darum betrachten könnte, "wie es gewesen ist". Aber auch das ist ja vorbei. Wir wissen längst von jener - gleichsam Heisenbergschen - Unschärferelation, die - wenn Sie mir diese fächerübergreifende Übertreibung gestatten - auch in der Historie gültig ist, nicht nur, weil in jeder geschichtlichen Phase unendlich viel geschieht, was nicht schriftlich festgehalten wird, auch nicht nur, weil das Wissen darum, wie die beteiligten Menschen ihre Zeit wirklich verstanden haben, immer bruchstückhaft sein wird, sondern vor allem, weil auch der objektivste Historiker die Fragen, die er an die Geschichte richtet, stets - zumindest auch - aus seiner eigenen Zeit und seinem eigenen Erfahrungshorizont nehmen wird. Und außerdem: Geschichte löst sich fast immer in die verschiedensten Perspektiven auf: man kann nicht nur Ereignisse, Entscheidungen und soziale Strukturen betrachten, sondern auch Personen, Mentalitäten usw. Und je nachdem, welche von diesen Perspektiven man sich auswählt, wird sich auch die Geschichte anders darstellen.

Wir erleben augenblicklich, ohne es recht zu bemerken, ein besonders aufregendes Beispiel solcher "unschärfebedingter" Blickwinkelverengung in den Diskussionen um die Gestalt des künftigen Europa, weil wir unsere Fragestellungen und Paradigmen ausschließlich aus den Kategorien des durchorganisierten Nationalstaates entnehmen. Bezögen wir andere historische Gebilde mit ein - entweder das Römische Reich vor Caracalla oder das britische Empire des 18. und 19. Jahrhunderts, vom Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gar nicht einmal zu sprechen -, so würde sich die Zahl der denkbaren Lösungsmöglichkeiten sprunghaft erhöhen - wie immer man sich dann auch entschiede.

Sie merken, daß ich mich allmählich, wenn auch auf spiralenförmigen Wegen, der offenen Frage nähere, die sich in Ihrem Generalthema ebenfalls verbirgt: der alten und doch ewig jungen Frage, ob man aus der Geschichte lernen kann. Ich möchte dazu nur drei Punkte erwähnen, von denen Sie zu Recht sagen werden, sie seien nicht neu, von denen ich meinerseits aber sagen muß, daß sie mein persönliches und auch mein politisches Denken und Verhalten seit langem mitbestimmen:

Zunächst habe ich aus meiner Befassung mit der Geschichte etwas gelernt, was mich selber bestimmt und was ich auch meinen - besonders den deutschen - Zeitgenossen vermitteln möchte. Lassen Sie es mich salopp sagen: Wer einige tausend Jahre Menschheitsgeschichte halbwegs überblickt, der ist mehr als alle anderen vor jener wuschelköpfigen Aufgeregtheit sicher, von der sich mancher Zeitgenosse so leicht und immer wieder erfassen läßt. Geschichtliches Wissen ist stets die Quelle jener Gelassenheit, die die erste Voraussetzung für wirklich rationale politische Analysen und für rationales politisches Handeln sein sollte.

Ein Zweites kommt hinzu: Aus der Geschichte lernen zu wollen bedeutet auch die Entschlossenheit oder zumindest die Bereitschaft, "es" in Gegenwart und Zukunft besser zu machen, sich seinen Aufgaben also nicht um kurzfristiger Effekte willen und aus augenblicklichen Affekten heraus zu stellen. Das soll auch mein einziger Beitrag zum Thema "Historikerstreit" sein. Mich interessieren hier nicht irgendwelche Zahlenspiele und Vergleiche, sondern die Konsequenzen, die wir daraus für die Zukunft und besonders gegenüber unseren Kindern und Enkeln zu ziehen haben.

Und schließlich will ich beim Versuch, aus der Geschichte zu lernen, historische Zusammenhänge und Entwicklungen besser verstehen lernen ? nicht um daraus zu schließen, daß sie sich auch in der Zukunft wieder so abspielen müssen, wohl aber um ihre Wiederholung für möglich zu halten und das in meine Überlegungen jederzeit einfließen zu lassen. Auch dazu nur ein Beispiel: Ich fühle mich in unserer Zeit mit ihrem Wohlstand und ihren relativ gesicherten demokratischen und rechtsstaatlichen Verhältnissen ausgesprochen wohl. Wenn mir der Blick auf den Globus und - eben - auf die Geschichte aber sagt, daß dieser Zustand erst seit rund zweihundert Jahren und überdies nur zu einem Bruchteil auf der Erde besteht, so muß ich daraus schließen, daß er, aufs ganze gesehen, nicht der Normalfall, sondern die Ausnahme ist, daß man dafür dankbar sein soll, und daß man sich sehr bemühen muß, ihn auch noch länger zu erhalten. Ich kann freilich nicht behaupten, daß diese Erkenntnis in unseren Breiten heute Allgemeingut sei.

II.

Ich habe soeben davon gesprochen, daß die Frage nach der Geschichte und ihren Lehren meist in solchen Zeiten auftritt, in denen das Bedürfnis nach Orientierung deshalb besonders groß ist, weil die Zukunft besonders wenig berechenbar erscheint. Man verwendet dafür gern den Begriff "Umbruchzeiten", der mir allerdings etwas suspekt ist, weil ihm erstens eine gewisse, mir unangenehme Vollmundigkeit innewohnt, und weil man zweitens stets erst nach Ablauf einiger Menschenalter sagen kann, ob es seinerzeit wirklich zu Umbrüchen, also zu grundlegenden Neuorientierungen gekommen ist. Dennoch möchte ich in meinen folgenden Ausführungen diesen Maßstab versuchsweise an unsere Gegenwart anlegen.

Ein Datum gibt hierfür den Anlaß. Ich denke dabei nicht an die Jahrhundert- oder Jahrtausendwende, die natürlich auch dazu einlädt, das Vergangene zu rekapitulieren und sich in Prophezeiungen für das Zukünftige zu ergehen. Aber wir stehen, was das Jahr 2000 betrifft, doch eher vor einem künstlichen Produkt unseres Kalenders ? hätten wir Mondjahre, so länge die scheinbare Zäsur längst hinter uns. Ich denke an eine ganz andere geschichtliche Zäsur: nämlich das Jahr 1989. Mich beschäftigt die Frage: Was bedeutet dieses Jahr für die Geschichte? Und damit meine ich nicht nur die deutsche Geschichte, ich frage das ebenso für die europäische und für die globale Geschichte.

Darauf gibt es natürlich schnelle Antworten. Aber damit würde ich Ihre Erwartungen in zweierlei Hinsicht nicht erfüllen: Erstens wäre meine Rede dann sehr schnell zu Ende, und zum anderen kennen Sie mich wohl als jemanden, der sich nicht immer mit einfachen Antworten zufrieden gibt.

Gemeinhin wird gesagt, mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Herrschaftsbereichs zwischen 1989 und 1991 sei der Kalte Krieg zu Ende gegangen und die Blöcke, in die die Welt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufgeteilt war, hätten sich aufgelöst. Aber ist das alles?

In der Tat haben sich Polaritäten aufgelöst, die unser Jahrhundert geprägt haben. Es ist der Systemkonflikt des 20. Jahrhunderts zu Ende gegangen, der 1917 von der Russischen Revolution ausgelöst worden war. Es ist eine Antinomie aufgelöst worden, in der die Generationen dieses Jahrhunderts aufgewachsen sind und die - nach 1945 ins Globale erweitert - die Welt in zwei Lager gespalten hat. Erstmals hat sich die Idee der Freiheit weit verbreitet und fast unbestritten durchgesetzt. Noch nie war die Demokratie als Regierungsform in weiten Teilen der Welt so eindeutig anerkannt. Und nie war wohl auch die Zustimmung dazu größer, daß die Marktwirtschaft die Wirtschaftsordnung ist, die die Energien und den Einfallsreichtum der Menschen am unmittelbarsten und deshalb am sichersten in Wohlstand verwandelt. Nachdem aus Europa die schlimmsten Katastrophen in die Welt hineingetragen worden sind, ging 1989 ein positives Signal von ihm aus: der friedliche Freiheitswunsch von Millionen von Menschen. Seitdem - auch das ist klar - blickt die Welt auf Europa als Experimentierküche und fragt, ob und wie die neue Situation hier bewältigt wird - und nicht nur in bezug auf den Demokratisierungsprozeß oder auf die Erfahrungen mit der Marktwirtschaft, sondern auch in bezug auf die regionale, europäische Einigung -, die ja auch an vielen Stellen der Welt in der einen oder anderen Weise nachgeahmt zu werden beginnt.

Der Gegensatz zwischen Ost und West beherrschte freilich nicht nur Politik und Wirtschaft. Er prägte ebenso die Gesellschaften und ihr Menschenbild. Vor allem aber beeinflußte er die Vorstellung von der Geschichte und die Erwartungen an die Zukunft.

Meine erste Frage lautet also: Was bedeutet die Zäsur von 1989 für die Geschichte?

1989 bedeutet hier, daß geschlossene Geschichtsbilder widerlegt worden sind, wie sie der historische Materialismus im Osten, aber auch westliche Varianten des Historizismus und des ökonomischen Determinismus anboten. 1989 ist der beste Beleg für die Offenheit der Geschichte, dafür, daß es keine gesetzmäßigen Notwendigkeiten gibt, sondern daß Gegenwart und Zukunft zunächst einmal von den Menschen selbst abhängen.

Ansätze, die die Offenheit und Dynamik der geschichtlichen Entwicklung negieren, gibt es ja immer wieder, auch heute noch. So etwa die Fiktion vom "Ende der Geschichte", die ja übrigens nicht Francis Fukuyama "erfunden" hat, sondern viel älter ist. Schon Arnold Gehlen brachte die Idee - wieder - ins Spiel, indem er die Gesellschaft als perfekt funktionierende Maschinerie prognostizierte, in der alle Entscheidungsprozesse absorbiert werden würden. In einem stationären gesellschaftlichen Endzustand wären Veränderungen, Reformen oder gar Revolutionen ausgeschlossen. Die Rolle der Geschichte würde sich somit auf, wie Gehlen es nannte, einen "stillen Sickerprozeß der Menschheit" reduzieren.

Bedenklich an solchen Utopien ist zweierlei: Zum einen, daß der Faktor Mensch, sein Streben, seine Ideen, sein Wollen keinen Platz mehr finden. Als Ziel wird ein Zustand gesetzt, dem sich der Mensch nur noch als ausführendes Teil einfügt. Ein Modell aber, in dem die positiven und negativen Kapazitäten der Menschen eingeebnet werden, wird meines Erachtens kaum je zu verwirklichen sein.

Verstehen Sie das bitte nicht als einen naiven Glauben an das Gute im Menschen, sondern als die Überzeugung, daß - ob zum Guten oder Schlechten - der Mensch sich letztlich nicht die Möglichkeit nehmen lassen wird, zu handeln, Neues aufzubauen, Dinge zu verändern, natürlich auch Fehler und Verbrechen zu begehen. Eine Utopie vom Ende der Geschichte, die in den Selbstlauf der Ereignisse übergeht, ist nicht nur eine Schreckensvision. Sie ist auch gefährlich, weil sie keinen Platz für menschliches Handeln und menschliche Verantwortung mehr läßt. Solche Utopien sind im wahrsten Wortsinne verantwortungslos. Was das bedeutet, hat der historische Materialismus zur Genüge gezeigt. Inzwischen hat sich erwiesen, daß es solche Gesetze der Geschichte nicht gibt. Niemand kann daher auch mit Sicherheit die Zukunft vorhersagen. Deswegen sind wir gezwungen, uns weder auf vermeintlich todsichere Prognosen zu verlassen, noch uns darauf zu verlassen, daß die Dinge schon ihren Lauf nehmen werden. Vor allem dürfen wir nicht den Fehler begehen, aus Abläufen der Vergangenheit auf notwendige und unvermeidliche künftige Entwicklungen zu schließen. Lassen Sie es mich mit Karl Raimund Popper sagen: "Die Zukunft hängt von uns selbst ab, und wir sind von keiner historischen Notwendigkeit abhängig."

Vor diesem Hintergrund jetzt also nochmals die Frage: Was bedeutet das Jahr 1989 für die deutsche, europäische und globale Geschichte?

1. Zunächst zur deutschen Geschichte:

Seit 1945 gab es für die Deutschen - und zwar weder im Osten noch im Westen - keine Daten, die zu "historischen Festpunkten" geworden wären. Aber auch eine Gesellschaft mit gebrochener Geschichte braucht "positive Orientierungspunkte". Sonst besteht die Gefahr für sie, in Geschichtslosigkeit oder gar Geschichtsfeindlichkeit zu verfallen.

Das Jahr 1989 könnte, wenn ich recht sehe, erstmals zu einem solchen positiven Orientierungspunkt werden. In demselben Jahr, in dem die Bürger der Bundesrepublik eine vierzig Jahre währende stabile Demokratie feiern konnten, vollzogen die Menschen der DDR die erste unblutige und dennoch erfolgreiche Revolution der deutschen Geschichte mit demokratischer Zielsetzung. 1989 kann - wenn wir das nur wollen - in die Geschichte daher als ein erinnerungswürdiges Datum für die doppelte demokratische Bewährung der Deutschen eingehen. Wir sollten das bei Gott nicht unterschätzen.

Noch ein weiteres ist mir dabei wichtig: Die Deutschen haben 1989 auch einen Anfangspunkt für eine positive Geschichtsaneignung gesetzt. Nach 1945 waren es die negativen Lektionen des Dritten Reiches, die die Generationen darauf verpflichteten, es "besser zu machen". Mit 1989 ist diese Verpflichtung zwar keineswegs erloschen, es ist aber eine weitere dazu gekommen: Der Wille Opfer zu bringen, die Bereitschaft etwas zu riskieren, die Motivation, etwas Neues aufzubauen, der Mut, sich von Gewohntem zu verabschieden in der Hoffnung, etwas Besseres zu schaffen. Das sind die positiven Lektionen von 1989. Oder sie könnten es zumindest sein, wenn wir nur zu klagen aufhörten, und es nur wollen.

Und eine weitere positive Botschaft ging von diesem Jahr aus: In den anderen Staaten hatte man die Wiederkehr eines neuen deutschen Nationalismus befürchtet. Gestaunt hat man dann aber über etwas ganz anderes - und man tut es heute noch, wie ich es bei unzähligen Reisen erfahren kann -: über die Solidarität, die Leistungsbereitschaft und die Leistungsfähigkeit der Deutschen - das sehen nur wir selbst oft anders. Und gestaunt hat man auch über das Ausbleiben jeglicher nationalistischer Töne. Daß Deutschland sich nicht einen Deut von jener Position wegbewegt hat, auf die sich die internationale Gemeinschaft jahrzehntelang hatte verlassen können, das war sozusagen die positive Lektion nach außen.

Freilich gibt es Menschen, die so etwas wie das Fehlen eines neuen Nationalgefühls bemängeln. Ich teile diese Meinung nur bedingt.

Gewiß - an Patriotismus möchte auch ich mich von niemand übertreffen lassen, und wenn ich unseren Staat im Ausland vertrete, kommt es mir entscheidend darauf an, meinen Gesprächspartnern auch das Selbstbewußtsein zu vermitteln, das dieser neue deutsche Staat für sich in Anspruch nehmen kann. Dieses Selbstbewußtsein ist begründet, und mir geht es dabei nicht in erster Linie um unsere wirtschaftliche Prosperität, sondern um die Leistung, die darin besteht, daß es uns gelungen ist, nach furchtbaren Untaten und einem entsetzlichen Zusammenbruch ein friedliches und demokratisches Deutschland aufzubauen, das mit seinen Nachbarn in gutem Einvernehmen steht, das ihnen Vertrauen entgegenbringt und von ihnen auch wieder Vertrauen erfährt, das seine Rolle in der Welt als Helfer in schwierigen Situationen, als Quelle kultureller Leistungen und zunehmend auch als redlicher Makler in der Weltpolitik spielt und das sich von den schlimmen Teilen seiner Vergangenheit weder durch Herunterspielen des damals Geschehenen noch durch den dauernden Hinweis auf die Fehler anderer hinwegzustehlen versucht; denn auch die Angst vor dem Blick auf eigene Fehlleistungen in der Geschichte und Verbrechen in der Geschichte ist eine Form der Feigheit, die keinem auf die Dauer Ehre einbringt. Mehr und mehr werden die Völker nach ihren Leistungen für die Welt beurteilt ? und nicht danach, wie sehr sie in sich selbst verliebt sind. Und das ist gut so.

1989 bedeutet außerdem auch, daß sich zwei zeitgeschichtliche Kapitel allmählich schließen und in den Zustand der Geschichte übergehen: das Kapitel der kommunistischen Diktatur in der DDR und das Kapitel der Bonner Republik. Nostalgien und der verklärte Blick zurück sind auf der einen wie auf der anderen Seite falsch. 1989 fand sozusagen auch die Vereinigung der deutschen Nachkriegsgeschichten statt. Das heißt aber wiederum: Wir werden uns sowohl in der Verantwortung für die Geschichte einigen müssen als auch in der Verpflichtung für die Zukunft.

2. Was bedeutet 1989 für den Nationalstaat und für Europa?

Nicht nur in bezug auf Deutschland, auch für Europa reiht sich die Jahreszahl 1989 hinter zwei anderen Zahlen ein, nämlich 1918 und 1945. Mit diesen Fixpunkten im Blick erkennen wir leicht die besondere Bedeutung des Jahres 1989: daß es nämlich erstmals in der Geschichte Europas einen Konsens über den Wert von Freiheit und Demokratie gibt. Wie es ein deutscher Historiker einmal ausdrückte, ist nach der "Zwiefalt des kalten Krieges und nach der Einfalt der kommunistischen Diktaturen endlich die Vielfalt Europas, seines Denkens und seiner Wertewelt wieder möglich."

Aber auch solchen neuen Konstellationen können alte Gefahren innewohnen: So erleben wir, daß nationalstaatliche Konflikte den Aufbauprozeß von Demokratien gefährden. Es scheinen zwei große Strömungen miteinander zu ringen: einerseits die zunehmende internationale Verflechtung und die Globalisierung der Märkte und der Politik, andererseits das, was man in Europa die Renaissance der Nation nennt. Es heißt, die Nation stehe wieder im Zentrum der politischen Debatte. Das wird zunächst bestätigt durch das Aufkommen von nationalen und nationalistischen Bewegungen in vielen Teilen Europas seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Die schlimmsten Auswirkungen des übersteigerten Nationalismus haben wir im ehemaligen Jugoslawien miterlebt.

Zunächst war es ja nur natürlich, daß gerade die Osteuropäer nach dem Wegfall der kulturnivellierenden marxistischen Doktrin die Nation wieder als Symbol der Freiheit und als Leuchtturm für geistige Orientierung verstanden haben. Leider hat sich das dann zum Teil in die bekannten Extreme übersteigert.

Unsicherheiten sind nach so tiefgreifenden und vor allem rasanten Umbrüchen verständlich. Ob es sich um den vom kommunistischen Joch befreiten Osten Europas handelt oder um den Westen Europas, dem sein Feindbild im Osten verloren gegangen ist, ob es sich um den Norden der Welt handelt, der seine industriellen und sozialen Strukturen dem technischen Wandel und der Globalisierung der Wirtschaft anpassen muß oder um den Süden der Welt, der befürchtet, daß er bei diesem Prozeß überhaupt vergessen wird - meines Erachtens geht es insgesamt um die Suche nach neuer Orientierung.

Das Ziel für uns liegt aber fest: Europa. Wir stehen an einem Epochenwechsel. Das Prinzip der Abgrenzung, aus dem im 19. Jahrhundert die Nationalstaaten entstanden, taugt heute ebensowenig mehr wie das der Expansion, das ja auch mit dem Nationalstaat verbunden war. Wir sind am Ende dieses Jahrhunderts dabei, die nationalstaatliche Form zu überwinden, die in ihrer ideologischen Übersteigerung den Kontinent in den Abgrund gezogen hat. Ich sage bewußt, der Nationalstaat ist dabei, sich zu verabschieden, nicht die Nation. Ich sehe es noch lange nicht kommen, daß die Nationen verschwinden, auch wenn kluge Männer wie Ernest Renan oder Ernest Gellner völlig zu recht darauf hingewiesen haben, daß die Periode der Nation in der Weltgeschichte nur einen ziemlich kleinen Zeitraum einnimmt und daß Nationen keine "natürliche, Gott gegebene Art der Klassifizierung von Menschen" (Ernest Gellner) sind. Und solange die Nationen bestehen, so lange werden sie natürlich auch in ihren eigenen Staaten leben.

Der "Nationalstaat" mit den dazugehörigen Souveränitätsvorstellungen hat sich jedoch überlebt. Im 19. Jahrhundert gab es zwei Kriterien für diese Nationalstaatlichkeit: Zum einen das militärische Potential - das sowohl zur Verteidigung des eigenen als auch zur Eroberung anderen Territoriums dienen sollte - und zum anderen das wirtschaftliche Potential. Beides gilt längst nicht mehr: Kein Staat kann heute mehr seine Bevölkerung oder sein Gebiet aus eigener Kraft schützen, ob militärisch oder umweltpolitisch. Und autonome Wirtschaftspolitik kann er auch nicht mehr betreiben. Als impermeables Gebilde im Stil des letzten Jahrhunderts gibt es den "Nationalstaat" also nicht mehr, und um ganz deutlich zu werden, es sollte ihn auch nicht mehr geben. Er ist dabei, zu klein zu werden für die großen Probleme des Lebens und zu groß für die kleinen. Das sehen wir doch täglich: Der Weg in die Zukunft kann für uns nur lauten: Europa.

Robert Schumann hat einmal gesagt: "Den Nationalismus der anderen können wir nicht widerlegen, wenn wir ihm unseren eigenen Nationalismus gegenüberstellen." Die Europäische Union muß daher weiterhin ein Beispiel dafür bleiben, daß das Prinzip der Einbindung mehr Stabilität garantiert als das des "balance of power" und daß Integration zukunftsträchtiger ist als Abspaltung. Es wäre absurd, wenn Europa die Strategie der Integration gerade in dem Moment vergessen würde, in dem der Rest der Welt beginnt, sie von ihm zu lernen. Und es wäre ebenso absurd, wenn nach fünfzig Jahren künstlicher und erzwungener Trennung zwischen Ost- und Westeuropa nicht das gemeinsame europäische Erbe in den Vordergrund rückte, sondern das Nationale.

Und auch das muß klar sein: Mit Europa kann weder ein bürokratischer Superstaat noch eine bloße Freihandelszone gemeint sein. Es gibt also dementsprechend auch zwei Gefahren für die europäische Zukunft: Wenn die Europäische Union nicht bürgernah gestaltet wird, spielt sie denjenigen die besten Argumente in die Hand, die zurück zum Nationalstaat wollen. Und fehlende Einigkeit innerhalb der Union kommt ebenfalls nur den Verfechtern des Nationalstaats zugute. Hier liegen Aufgaben für eine funktionsfähige, demokratisch verfaßte europäische Gemeinschaft, die wir noch lange nicht erledigt haben.

3. Lassen Sie mich schließlich zur globalen Ebene kommen:

In einer Zeit, in der sich das nationalstaatliche Prinzip überlebt hat, in der es keine Nationalökonomie mehr gibt, sondern Weltwirtschaft, hat auch Nationalgeschichte keinen Sinn mehr, jedenfalls nicht allein. Nationale Geschichtsschreibung, wie sie im 19. Jahrhundert betrieben wurde - nämlich um den Nationalstaat zu befördern - kann uns heute nicht mehr dienen. Die Geschichtswissenschaft muß sich in besonderem Maße um die Geschichte der europäischen und außereuropäischen Länder kümmern, aber nicht additiv, sondern integrativ. Nötig ist dabei nicht nur eine Summe von Nationalgeschichten, sondern auch Kontinental- und Weltgeschichte.

Im Zeitalter der wirtschaftlichen und politischen Globalisierung kommen, gleichsam antizyklisch, kulturelle Individualitäten wieder zum Tragen, die wir - durch unsere Sicht der Dinge - längst für erledigt oder wenigstens für überlagert gehalten haben; ich erwähne nur Phänomene wie Islam, Hinduismus, Buddhismus und Konfuzianismus. Ich will den Szenenwechsel, den wir hier beobachten, weder im einzelnen darstellen noch in allen Konsequenzen analysieren. Aber es gibt doch einige Folgerungen, die ich wenigstens anreißen möchte:

1. Um in diesem neuen Konzert der Weltregionen bestehen zu können, braucht Europa dringender als je den Zusammenschluß und eine in sich geschlossene Weltpolitik.

2. Europa muß sich seiner selbst wieder bewußter werden, und das gilt nicht nur für die ökonomische und technologische Konkurrenzfähigkeit, die hier immer gleich zitiert wird, sondern es gilt ganz besonders für die tragenden Säulen seiner Kultur und seiner Gesellschaftsordnungen: Wert des Individuums, Freiheit, Humanität usw. Es gilt - ganz allgemein - für den Denk- und Lebensstil, den Europa in Jahrhunderten herausgebildet hat und für den es, soweit ich sehe, nicht einmal einen überzeugenden Ausdruck gibt; es ist vielleicht ganz bezeichnend, daß sich mir in diesem Zusammenhang immer sogleich der amerikanische Ausdruck "way of life" auf die Zunge drängt.

3. Soll sich das Verhältnis zu den anderen Regionen der Welt friedlich gestalten, so benötigen wir freilich noch mehr. Wir müssen mehr voneinander wissen. Ohne gegenseitiges Wissen gibt es kein Verständnis, keinen Respekt und auch kein Zusammenleben. Die Geschichtswissenschaft muß hier sozusagen die Avantgarde werden, die dieses Thema gerade auch in den Schulen auf den Tisch bringt. Schon dort muß das Interesse für andere Geschichten, für andere Regionen, für andere Philosophien geweckt werden. Wenn die nationale Geschichtsschreibung den Nationalstaat befördern konnte, warum soll dann nicht eine global denkende Geschichtsforschung die weltgeschichtliche Offenheit unterstützen können?

Wir brauchen also auch viel mehr Geschichtswissenschaftler, die sich mit Lateinamerika, Asien, Afrika, ja selbst Nord-Amerika beschäftigen. Manchmal habe ich das Gefühl, daß Historiker oder Zeitgeschichtler, die sich jenen Regionen widmen, bei uns selbst noch als Exoten betrachtet werden. Dabei müßte es heute eigentlich umgekehrt sein. Aber ich weiß ja, solche Leute brauchen eine Stelle, und wenn das Geld knapp wird, dann spart man als erstes an Einrichtungen, die sich mit dem beschäftigen, was Goethe einst in seinem "Faust" als "hinten weit in der Türkei" beschrieb. Das ist freilich ein Argument aus der Zeit der Postkutsche - heute gibt es keine "weit entfernten Regionen" mehr.

Montesquieu hat es schon in seiner Zeit auf den Punkt gebracht:

"Wenn ich etwas wüßte, das nützlich für mich, für meine Familie aber schädlich wäre, würde ich es mir aus den Kopf schlagen. Wenn ich etwas wüßte, das für meine Familie nützlich wäre, nicht aber für mein Vaterland, würde ich versuchen, es zu vergessen. Wenn ich etwas wüßte, das nützlich für mein Vaterland, für Europa und die Menschheit aber schädlich wäre, würde ich es als Verbrechen betrachten."

Diese Einsicht ist jetzt über 200 Jahre alt. Aber sie ist offenbar immer wieder neu, und es lohnt sich, für ihre Verbreitung zu sorgen. Dabei könnten die Historiker helfen.