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Rede des Herrn Bundespräsidenten aus Anlaß der Feier "150 Jahre erste Germanistenversammlung in Frankfurt" in der Paulskirche in Frankfurt

Meine Damen und Herren,

Gestatten Sie, daß ich einen unliterarischen Beginn wähle. Ich möchte ganz kurz von Geld sprechen.

Es gibt die merkwürdige Angewohnheit, bestimmte gesellschaftliche Werte dadurch besonders hervorzuheben, daß man sie auf den Zahlungsmitteln abbildet. Das Herrscherporträt oder das Symbol der Herrschaft haben dem Geld manchmal sogar den Namen gegeben, wie bei der "Krone" oder dem "Louisdor".

So muß es zu denken geben, daß auf der höchsten Banknote der Deutschen Bundesbank, dem Tausendmarkschein, die Brüder Grimm abgebildet sind.

Den beiden Männern, die zu den Initiatoren des ersten deutschen Germanistenkongresses gehörten, hat Deutschland tatsächlich eine Menge zu verdanken. Wenn es so etwas wie Gründungsväter der deutschen Nation gibt, so gehören sie unbedingt dazu - und auch die anderen gelehrten Herren, die sich damals im Kaisersaal zu Frankfurt versammelten. Die Märchensammlung von Jakob und Wilhelm Grimm, ihre Sammlung der deutschen Sagen und ihr erst nach mehr als 100 Jahren beendetes großes Projekt eines Deutschen Wörterbuches: All das sollte - so dachten sie - keineswegs nur philologischen Zwecken dienen. Ihre Arbeit sollte die Grundlage mitherstellen für eine einige deutsche Nation. Ihr wissenschaftliches und publizistisches Wirken war Kulturpolitik in des Wortes umfassendster Bedeutung. Sie träumten von einer Geburt der Nation aus dem Geiste der Sprache - und auch, seit 1846 spätestens - aus dem Geist der Germanistik.

Deswegen führt ein logischer Weg von 1846 nach 1848, vom Kaisersaal in die Paulskirche. Die Anfänge der Germanistik als, wie man sagen kann, organisierter Wissenschaft, und die Versuche der deutschen Einigung, sind untrennbar miteinander verknüpft. Und es ist deshalb sicher ganz im Sinne der Grimms, Uhlands, Gervinus und wie sie alle hießen, daß das gemeinsame Staatsoberhaupt der Deutschen ausgerechnet auf einem Germanistenkongreß spricht. Ich werde an diese Zusammenhänge übrigens an jedem Tag erinnert, wenn ich mich in meinem Bonner Amtssitz aufhalte. In der Villa Hammerschmidt hängt nämlich das Original des berühmten Porträts der Brüder Grimm von Jericho Naumann, das sowohl für den erwähnten Tausendmarkschein als auch für das Signet dieses Kongresses als Modell gedient hat.

Germanisten haben zwar viel mit der deutschen Nation zu tun, aber ich möchte einen wichtigen Aspekt nicht vergessen. Germanistik wird nicht nur von deutschen Wissenschaftlern betrieben. Es ist eine internationale Wissenschaft, die in allen möglichen Ländern zu Hause ist und dort für die Präsenz eines wesentlichen Elementes deutscher Kultur sorgt. Ich freue mich deswegen, daß heute so viele auswärtige Germanisten hier in der Paulskirche versammelt sind. Es waren Vertreter dieser außerdeutschen Germanistik, die in den dunklen Jahren unserer Geschichte dazu beigetragen haben, daß im Bewußtsein der Welt die deutsche Sprache nicht nur als die Sprache von Hitler, Himmler oder Goebbels betrachtet wurde, sondern auch als die Sprache von Hölderlin, Heine und Goethe. Unter Umständen konnte das sogar dazu führen, daß solche Germanisten, wie etwa Lew Kopelew, unter den schweren Verdacht des Vaterlandsverrats gerieten. Ich weiß nicht, ob das schon einmal geschehen ist, aber ich möchte bei dieser Gelegenheit allen diesen Wissenschaftlern und Gelehrten in aller Welt dafür danken, daß sie auch die andere Seite Deutschlands in Erinnerung gehalten und vielleicht sogar an ein besseres Deutschland geglaubt haben.

Sie sehen: Das Jubiläum, zu dem wir hier zusammengekommen sind, weckt durchaus auch zwiespältige Gefühle. Kehren wir noch einmal zurück zur Idee der "deutschen Nation", wie sie vor 150 Jahren die Köpfe bewegte, freilich in einer Zeit, in der der Deutsche Bund fast noch alle Menschen deutscher Sprache umfaßte und man durchaus glauben konnte, das würde auch der angestrebte deutsche Staat tun. Die deutsche Literatur gibt zu diesem Thema Auskünfte, die auch für das politische Bewußtsein nicht ohne Belang sind. "Deutschland, aber wo liegt es ...?" diese Frage aus den Xenien von Goethe und Schiller wird von der Literatur im Grunde ständig - direkt oder indirekt - beantwortet. Und wir sehen gerade an dieser Literatur, daß deutscher Staat, deutsche Sprache und deutsche Kultur zumindest heute nicht mehr flächengleich sind - und es auch nicht sein müssen. "Deutschland, aber wo liegt es ...?": Allein die Biographien von großen deutschsprachigen Autoren unseres Jahrhunderts eröffnen diese Frage immer wieder. Eine der bedeutendsten Stimmen in diesem Jahrhundert war Franz Kafka, ein Jude aus Prag. Die Lyriker Paul Celan und Rose Ausländer, auch sie Juden, stammen aus Czernowitz im heutigen Rumänien. Joseph Roth fühlte sich nach dem Untergang der k.u.k.-Monarchie als Heimatloser. Ich erinnere auch an Bertolt Brecht, der "öfter als die Schuhe die Länder wechselnd" ins Exil ging, an Thomas Mann, der aus seinem kalifornischen Exil nicht mehr auf Dauer nach Deutschland zurückkehrte, und dennoch davon überzeugt war, Deutschland zu repräsentieren, und an viele andere Exilschriftsteller. Für die Nachkriegszeit brauche ich nur - ohne jede pangermanische Vereinnahmungsabsicht - an den Schweizer Friedrich Dürrenmatt zu erinnern oder an die Österreicherin Ingeborg Bachmann, die von der deutschen Sprache als ihrem Haus, das sie hält, gesprochen hat.

Aus all dem wird deutlich, daß die deutsche Sprache, der deutsche Kulturraum immer größer war als der jeweilige deutsche Staat. Daraus kann man nur folgern: Das Zusammenzwingen von Staat, Nation und sogenannter nationaler Kultur (was immer man sich darunter vorzustellen hat) war immer fragwürdig und ist spätestens heute als Anachronismus durchschaubar. Um so schmerzlicher wäre es allerdings, wenn die Spuren deutscher Kultur und deutscher Sprache aus den Gebieten, die nicht zu Deutschland gehören, gänzlich verschwinden würden. Ich wünsche mir sehr eine friedliche Präsenz der deutschen Sprache an Orten, an denen sie eine große Geschichte hat, wie etwa in Prag, in Krakau, in Triest, in der Bukowina. Ganz ohne irgendeinen politischen Anspruch könnte ihre Lebendigkeit gerade in Mitteleuropa zum Zusammenwachsen des Kontinents beitragen.

Es ist aber nicht nur der gleichsam "überstaatliche" Kulturbegriff, den wir in der Literatur finden. Es sind auch die regionalen Eigenheiten der "deutschen Stämme", wie es die Weimarer Reichsverfassung ausgedrückt hat, die hier aufgehoben und bewahrt werden. Große Literatur ist in einem sehr bestimmten Sinn oft auch "Heimatliteratur". Thomas Mann ist ohne Lübeck nicht zu denken, Heinrich Böll nicht ohne Köln, Uwe Johnson nicht ohne Mecklenburg, um nur diese wenigen Beispiele zu nennen.

Das alles wissen Sie besser als ich - aber ich möchte doch den politischen Aspekt aus beiden Perspektiven noch einmal deutlich herausstellen: Die deutsche Kultur, so wie sie sich in der Literatur deutscher Sprache zeigt, hat auf der einen Seite eine starke regionale Prägung: hier zeigt sich die Buntheit und Vielfalt unserer Nation - und sie greift über die staatlichen Grenzen hinaus: Hier zeigt sich die vielfältige Verflochtenheit mit unseren europäischen Nachbarn. In beiden Hinsichten zeigt die Kultur insofern in eine europäische Zukunft.

Natürlich beschäftigt sich die Germanistik nicht nur mit Literatur. Die Sprache in all ihren Facetten ist ihr Gegenstand - bis hin zur inhaltlichen und methodischen Unübersichtlichkeit. Viele Abiturienten, die aus Freude an der Sprache oder aus Lust an der Literatur ihr Studium beginnen, sind oft enttäuscht, wenn sie die häufig allzu kleinteilige Differenziertheit des Faches kennenlernen (das müßte ich natürlich auch auf vielen anderen Fachkongressen sagen). Wie alle Geisteswissenschaften leidet auch die Germanistik darunter, daß der akademische Begriff der Wissenschaftlichkeit sich noch immer von den sogenannten exakten Naturwissenschaften bestimmen läßt. Die Folge ist oft der Versuch einer Methodenoptimierung, hinter der der Gegenstand selbst - die Sprache oder die Literatur - unsichtbar zu werden beginnt. Manchen Studierenden geht es dann etwa wie dem Panther im Gedicht Rainer Maria Rilkes:

"Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, daß er nichts mehr hält Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt."

Inmitten der Methodendiskussionen und der Schulstreitigkeiten, von denen natürlich keine Geisteswissenschaft je frei sein wird, gerät mitunter aus dem Blick, um welche Sache es eigentlich geht. Dazu kommt, Sie entschuldigen, wenn ich das einmal so offen ausspreche, die öffentliche Resonanzlosigkeit der gegenwärtigen Germanistik. Hat diese Wissenschaft, die einmal mit einem deutlichen politischen Anspruch angetreten ist, die öffentlich relevante Ziele verfolgen wollte, sich inzwischen gemütlich im akademischen Zoo eingerichtet, um im Bilde Rilkes zu bleiben? Natürlich wird es weiterhin zu ihren Aufgaben gehören, philologisch exakte Texte zu edieren, Sprachgeschichte zu studieren, Texttheorien zu entwickeln. Aber mir fehlen germanistische Stimmen zu den öffentlichen Debatten. Themen dafür gäbe es bestimmt; ich nenne drei:

- Zuerst: vierzig Jahre deutsche Spaltung und danach die Vereinigung: Das ist doch auch ein Ereignis der deutschen Sprache und der Literatur gewesen. Hier gilt es, die unterschiedlichen Biographien, die sich in der Literatur zeigen, kennenzulernen und zu verstehen. Die Wurzeln von Verschiedenheit, aber auch von Gemeinsamkeiten könnten hier sichtbar gemacht werden. Die Untersuchung über die Entwicklung der deutschen Sprache in den letzten 50 Jahren ist zudem ein wesentlicher Beitrag zur inneren Einheit.

- Ein anderes Thema: Globalisierung der politischen und wirtschaftlichen Strukturen: das hat doch auch Konsequenzen für Sprache und Literatur. Auf dem Weg zu einer immer größeren Vernetzung der Kulturen wächst die Unübersichtlichkeit des Ganzen. Um so wichtiger wird es sein, die eigenen kulturellen Wurzeln zu kennen. Nur wer weiß, woher er selbst kommt, kann sich selbstbewußt und kritisch dem anderen öffnen. Auch Toleranz und Dialog haben nur Sinn, wenn man das Eigene kennt und schätzt. Wenn kein Bewußtsein von der eigenen Kultur vorhanden ist, wird jeder "interkulturelle" Dialog zum Geschwätz,

- Ein drittes: Die neuen Medien und die Vorherrschaft des Visuellen vor dem Sprachlichen. Die Geistes- und Kulturwissenschaften - darunter auch die Germanistik - müssen sich mit dem Phänomen auseinandersetzen, daß die Schriftlichkeit immer mehr aus der Kultur verschwindet. Aber auf Schriftlichkeit und Sprachlichkeit beruht bisher unser ganzes Konzept von Subjektivität, Vernunft und Wahrheit. Wenn die Geisteswissenschaftler sich hier nur als Kompensationsinstanz verstehen, geraten sie ins Abseits. Wir brauchen offensive Auseinandersetzungen über die gesellschaftlichen Konsequenzen der Bilder- und Informationsflut.

Natürlich weiß ich, daß all das Gegenstand von Oberseminaren und akademischen Kolloquien ist. Aber im sogenannten gesellschaftlichen "Diskurs" ist die Germanistik nicht ausreichend präsent. Die universitäre Germanistik in Deutschland ist nicht zuletzt dazu da, künftige Deutschlehrer auf ihren Dienst vorzubereiten. Natürlich weiß ich, daß sich die Universität nicht auf Berufsausbildung reduzieren lassen will, und sie soll das auch gar nicht. Aber dieser Aspekt ist mir dennoch sehr wichtig. Der Deutschunterricht ist etwas anderes als Unterricht in Mathematik und Chemie. Die reflektierte Begegnung mit Sprache und Literatur vermittelt nicht nur irgendwelche Kenntnisse und Fertigkeiten, sondern sie trägt zur Identitätsbildung junger Menschen bei. Eine Persönlichkeit wird man eben nicht durch Formeln oder das Anklicken von Bildchen auf dem Computer, sondern durch Sprache: indem man angesprochen wird und indem man sich ausdrückt. Das wird in Zukunft immer deutlicher herauszustellen sein. Der Umgang mit alter und neuer Literatur, mit den verschiedenen Erscheinungsformen und Funktionen der Sprache und ihrer Geschichte gehört zu den wesentlichen Elementen der Bildung - man verzeihe mir das altertümliche Wort. Inmitten der Massenkultur bleibt die einsame und genaue Lektüre eine wesentliche Übung für Individualiät und Persönlichkeitsentwicklung. Werthaltungen, Kritikfähigkeit und nonkonformes Denken können sich hier am besten entfalten. Daß Sprache und Humanität aufs engste zusammengehören, ist eben nicht bloß ein kulturkonservativer Gemeinplatz. Im Gegenteil: Je genauer die Sprachwissenschaften forschen, um so deutlicher wird der Zusammenhang zwischen der Sprache und der menschlichen Rationalität, die syntaktisch und grammatisch strukturiert ist. Genauen und reflektierten Umgang mit der Sprache zu lernen, heißt immer noch: genau denken zu lernen. Deswegen ist auch die behutsame Pflege der Sprache, die Vermeidung von überflüssigen und unsinnigen Neuprägungen, gerade in der Medien- und Wirtschaftswelt, von so großer Bedeutung. Auch dabei geht es nicht um ein starrsinniges Beharren auf Althergebrachtem, sondern um den Erhalt der Verständigungsmöglichkeit zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. (Ich würde mir einen Spaß daraus machen, einmal einen großen Vortrag über die Dinge zu halten, aber dabei würde ich mir wahrscheinlich so viele Feinde machen, daß ich das erst nach meiner Amtszeit tun kann).

Die große Literatur zeigt darüber hinaus, daß Sprache weit mehr ist als ein rationales Verständigungsmittel. Der besondere Wert der Begegnung mit Literatur liegt auch darin, zu sehen, wie sie aus unserem alltäglichsten Kommunikationsmedium größte künstlerische Schöpfungen hervorbringt. So richtig es sein mag, wenn alle möglichen sogenannten "Textsorten" - von der Werbung bis zum Trivialroman - auch im Deutschunterricht analysiert werden, so sehr wird man mir doch inzwischen wieder zustimmen können, daß es wichtige und weniger wichtige Texte gibt, lohnende und weniger lohnende, substantielle - und viel heiße Luft.

Sicher war es notwendig, den festgefügten Kanon klassischer Werke in Frage zu stellen. Aber der Gegensatz zum unantastbaren "ewigen Vorrat deutscher Poesie" kann nicht die bloße Beliebigkeit sein. Über einen "Kanon" muß gewiß immer wieder neu nachgedacht werden, er wird sich auch immer wieder verändern, und ganz sicher gibt es hier keine Objektivität. Aber wenn wir die Maßstäbe nicht verlernen wollen, dann muß es möglich sein, sich darüber zu verständigen, welche Werke ein Abiturient nach seiner Schulzeit kennen sollte.

Nicht zuletzt ist es ja auch für die gesellschaftliche Verständigung von hoher Bedeutung, daß es Referenzen gibt, auf die man sich gemeinsam beziehen kann. Dem Streit der Gedanken, den wir brauchen, nützt es, wenn er sich auf gemeinsame Grundlagen stützen kann. Verantwortungsvolle Universitätslehrer werden das bei der Gestaltung ihrer Vorlesungen und Seminare berücksichtigen. Gerade im Fach Deutsch kann die Frage der Vermittelbarkeit von Inhalten nicht allein an die Kollegen von der Pädagogik übertragen werden. Wer später einmal Schüler für Literatur begeistern soll, dem darf nicht selbst die Freude am "Club der toten Dichter" (natürlich auch an dem der lebenden) an der Universität ausgetrieben werden.

Unsere Sprache und unsere Literatur sind ein Erbe, das man nur durch Benutzen bewahren kann. Sie alle tragen dafür eine hohe Verantwortung, unabhängig davon, in welchem Arbeitsbereich Sie tätig sind. Vor 150 Jahren ist die Germanistik eine öffentliche und auf die Gesellschaft bezogene Wissenschaft geworden. Eine Zukunft hat sie, wenn sie das wieder stärker wird.