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Weihnachtsansprache 1996 von Bundespräsident Roman Herzog

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, 

ich freue mich, Sie alle aus dem Schloß Bellevue in Berlin zu Weihnachten zu grüßen.

Meine Frau und ich werden die Festtage hier ganz allein verbringen und wir freuen uns auf die Ruhe und Gemeinsamkeit dieser Tage.

Vielleicht empfinden Sie es ja ähnlich: Im Trubel des Alltags haben wir fast keine Zeit mehr, uns umeinander zu kümmern und füreinander da zu sein. Menschliches Miteinander ist ein Gut, das nicht wenigen von uns mehr fehlt als vieles andere, was uns das Jahr über so wichtig erscheint.

Viele, die Einsamkeit, Not und Interesselosigkeit in unserer Gesellschaft beklagen, verlassen sich allzuleicht auf die Perfektion staatlicher Betreuung - obwohl wir inzwischen alle wissen, daß der Staat an die Grenzen seiner Möglichkeiten stößt. Aber wie auch immer: Mitmenschlichkeit in der Gesellschaft erreicht auch der beste Sozialstaat nicht. Dazu bedarf es jedes einzelnen Menschen.

Eine wirklich menschliche Gesellschaft, das ist für mich unter anderem:

- eine tolerante Gesellschaft, in der das Anderssein eines Menschen nicht als Belastung, sondern als Bereicherung empfunden wird,

- eine Gesellschaft, in der der Nachbar nicht sein Ansehen verliert, wenn er arbeitslos wird,

- in der Kinder mehr zählen als materielle Werte, 

- in der niemand ausgegrenzt wird, nur weil er krank oder behindert ist.

Das Gefühl, mit anderen zusammen zu sein und gebraucht zu werden, bedeutet vielen Menschen mehr als Geld. Wenn jeder nur für sich den größten Vorteil herausholen will, zahlen am Ende alle drauf. Wir brauchen also eine Offensive der gelebten Nachbarschaft, der Freundlichkeit der täglichen Hilfe. Jeder sollte bereit sein, hier etwas mehr zu tun, als wozu ihn das Gesetz verpflichtet.

Vergessen wir auch nicht die stillen Helden unserer Gesellschaft, zum Beispiel

- die Krankenschwester oder den Arzt, die immer wieder ein persönliches Wort für ihre Patienten finden, 

- die Mütter und Väter, die ihre eigenen Bedürfnisse hinter denen ihrer Kinder zurücktreten lassen, und das auf lange Zeit,

- die vielen Menschen, die in Kirchen, Vereinen und Initiativgruppen ehrenamtlich für andere da sind.

Und ich denke auch an Unternehmer, die trotz schwieriger Lage Ausbildungsplätze schaffen oder auf Entlassungen verzichten. Natürlich ist nicht jeder dazu imstande, und mancher wird auch sagen: Unter den harten Sachzwängen des Wettbewerbs kann eine mitmenschliche Gesellschaft nicht funktionieren. Wenn man aber die Folgekosten mit einbezieht, ist eine menschliche Gesellschaft auf lange Sicht wahrscheinlich sogar wirtschaftlicher.

Meine Frau und ich waren 1996 wieder in vielen Ländern der Welt und wir werden die Weihnachtstage auch dazu nutzen, die dort gewonnenen Eindrücke zu verarbeiten. Das wissen wir aber jetzt schon: Wir Deutsche dürfen nicht die Augen davor verschließen, was um uns herum geschieht. Die Welt befindet sich nicht nur in einem gewaltigen Umbruch, in vielen Ländern herrscht sogar eine unglaubliche Aufbruchstimmung. Wir werden uns anstrengen müssen, wenn wir mit dieser Dynamik mithalten wollen.

Wir haben aber auch wieder viel Not und Elend gesehen, und da richten sich an uns Deutsche hohe Erwartungen. Wir haben unsere eigenen Probleme, aber wir dürfen diese Erwartungen nicht enttäuschen. Denn in der Welt, in der wir und unsere Kinder leben werden, ist das allerwichtigste die gute Nachbarschaft, und im Zeitalter der Globalisierung hat dieser Begriff keine geographischen Grenzen mehr.

Das Bild Deutschlands im Ausland ist heute viel besser, als viele von uns immer noch glauben. Man wartet zwar nicht auf unseren erhobenen Zeigefinder, aber man wartet auch nicht nur auf unsere finanzielle Hilfe. Ich will es ganz einfach sagen: Man wartet auf unsere Freundschaft, auf unseren Rat und in gewissem Sinne sogar auf unser Vorbild. Denn man kennt unsere Schwierigkeiten, aber man will auch davon lernen, wie wir damit fertig werden. Mehr als wir selbst glauben die anderen, daß wir Deutsche es schon schaffen werden.

Zum Abschluß möchte ich Ihnen aber auch sagen: Politik und Arbeit sind nicht alles im Leben. Meine Frau und ich freuen uns jetzt auf einige Tage des Abstands. Wir werden lesen, Musik hören und miteinander spazieren gehen. Ich hoffe, daß Sie es ähnlich machen können. Hinter uns allen liegt ein arbeitsreiches Jahr. Genießen Sie die freie Zeit und nutzen Sie die Dunkelheit dieser Tage wieder einmal zu sich selbst zu finden.

Ich wünsche Ihnen ein frohes und glückliches Fest.