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Anläßlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Waseda-Universität "Partnerschaft in Verantwortung"

"Partnerschaft in Verantwortung - Deutschland und Japan vor den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts"

Ansprache von Bundespräsident Roman Herzog anläßlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Juristischen Fakultät der Waseda-Universität in Tokio am 7. April 1997

Herr Präsident, verehrte Kollegen, meine Damen und Herren,

von der Juristischen Fakultät der Waseda Universität die Ehrendoktorwürde zu empfangen, ist für mich in doppelter Hinsicht Ehre und Freude. Zunächst: Als deutscher Jurist empfinde ich den Doktorhut einer japanischen Rechtsfakultät als eine professionelle Ehre. Zwischen dem japanischen und dem deutschen Recht gibt es ja seit mehr als einem Jahrhundert gewachsene Verbindungen, in vieler Hinsicht stärkere als zwischen dem deutschen und etwa dem angelsächsischen oder dem französischen Recht. Unter japanischen Kollegen fühle ich mich also in vertrauter Umgebung.

Als deutscher Bundespräsident freue ich mich über diese Ehrung, weil die Tradition der Waseda-Universität mir gewissermaßen Stichworte liefert für das, was Japan und Deutschland heute bewegt. Ihre Universität war zugleich ein Produkt und ein Instrument der Erneuerung Japans in der Meiji-Ära. Sie war darüber hinaus Mittlerin im Austausch zwischen Japan und Deutschland, und sie ist es noch heute. Das ist eindrucksvoll durch die Tatsache belegt, daß Professor Nishihara vor drei Jahren - gewissermaßen als Botschafter der japanischen Wissenschaft in Europa - das "Europa-Zentrum der Waseda-Universität" in Bonn einrichtete. Der Name Waseda steht also für Erneuerung und Austausch, und genau darum geht es mir auch heute, wenn ich darüber nachdenke, wie wir den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen können.

Diese Herausforderungen bringen sowohl für Deutschland als auch für Japan erhöhte Verantwortung mit sich. Mit dieser Verantwortung verbinden sich ebenso Risiken wie Chancen. In unserer kleiner und zugleich komplexer werdenden Welt erhöhen sich unweigerlich die potentiellen Kosten falscher Entscheidungen und die potentiellen Gewinne richtiger Entscheidungen. Das wachsende Interesse von Erfahrungsaustausch und Partnerschaft liegt also auf der Hand.

Ich bin davon überzeugt, daß Japan und Deutschland besonders gute Voraussetzungen für eine solche "Partnerschaft in Verantwortung" haben. Die beiden Vorträge über das Selbstverständnis Japans und Deutschlands im Wandel der Zeit, die wir soeben gehört haben, bestärken mich in dieser Überzeugung. Ich möchte Professor Ohashi und Professor Kreiner herzlich für ihre Beiträge danken.

Das Plädoyer für deutsch-japanische Partnerschaft in Verantwortung läßt sich auf dreierlei Weise begründen:

- mit der frappierenden Ähnlichkeit unserer heutigen Probleme - mit dem reichen Schatz gemeinsamer Werte und Erfahrungen - mit dem naheliegenden Interesse an gemeinsamen Visionen für die Zukunft.

Lassen Sie mich mit den gemeinsamen Problemen der Gegenwart beginnen. Es dürfte schwer fallen, zwei Länder zu nennen, die bei gleich großer geographischer Distanz einen ähnlich hohen Grad der Vergleichbarkeit ihrer Probleme in Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und internationalen Beziehungen aufweisen wie Japan und Deutschland.

Zunächst sind unsere beiden Länder - natürlich - in gleicher Weise von der großen Globalisierungstendenz unserer Zeit betroffen. Von Jahr zu Jahr erscheinen Nationalstaaten und Nationalökonomien machtloser gegenüber der transnationalen Wucht globaler Waren- und Kapitalmärkte. Von Jahr zu Jahr setzt der technologische Wandel unsere Unternehmen, unsere Gewerkschaften und unsere öffentlichen Verwaltungen unter neuen grenzüberschreitenden Anpassungsdruck. Von Jahr zu Jahr fordern neue multimediale Möglichkeiten der Informationsgesellschaft unsere traditionellen Kulturen zu neuer Reaktion und Interaktion heraus.

Gewiß, die Globalisierung trifft nicht nur Japan und Deutschland. Natürlich wirkt sie auch auf alle anderen Länder der Welt. In gewisser Weise sind Deutsche und Japaner aber auffälliger herausgefordert als manche unserer europäischen und asiatischen Nachbarn. Denn Deutschland und Japan haben es in den vergangenen Jahrzehnten stets als ihre Aufgabe betrachtet, Befürworter und Pioniere freier Märkte, technischer Innovation und dynamischer Entwicklung der Informationsgesellschaft zu sein. Wir haben große Wohlstandsgewinne aus diesen Entwicklungen gezogen. Wenn wir jetzt beobachten, daß es zu neuen, anfänglich auch schmerzhaften Formen internationaler Arbeitsteilung, zu Verlagerungen von Industrien ins Ausland, zu spürbaren, nicht für alle Wirtschaftszweige und Bevölkerungskreise günstigen Ausschlägen der Währungsrelationen, zu technologischen Durchbrüchen auch anderswo und schließlich zum Wandel kultureller Werte im eigenen Land kommt, dann dürfen wir jetzt nicht plötzlich davor zurückschrecken.

Die Diskussion in Deutschland zeigt, daß diese Einsicht manchen noch schwerfällt. Ein neuer Konsens ist noch nicht gefunden. Und wie ich höre, ist das auch in Japan so. Das ist auch durchaus verständlich, denn in gewisser Weise sind unsere beiden Länder in ihrer gegenwärtigen schwierigen Situation Gefangene ihres eigenen Erfolges. Wettbewerbsvorsprünge vergangener Jahrzehnte schlugen sich schließlich in höherbewerteten Währungen nieder, die heute die preisliche Wettbewerbsfähigkeit traditioneller Exportindustrien belasten. Wohlstandsgewinne, die uns früher selbstverständlich erschienen, sind heute in Frage gestellt. Wir müssen feststellen, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Erschwerend kommt in unseren beiden Ländern das demographische Problem hinzu. Die deutsche Gesellschaft ist - ebenso wie die japanische - sehr alt geworden. Unsere Systeme der sozialen Sicherung mögen unterschiedlich organisiert sein. Gemeinsam ist ihnen die Perspektive, daß in absehbarer Zeit zu wenig junge Menschen für zu viele Alte sorgen müssen, wenn wir uns nicht bald zu einer vorausschauenden Lösung durchringen.

Schließlich kommen von außen kaum geringere Herausforderungen auf Deutschland und Japan zu als von innen. Zwar ist der Kalte Krieg mit seinem bipolaren Gleichgewicht des Schreckens beendet. Aber die sogenannten "neuen Sicherheitsrisiken" - von der Bevölkerungsexplosion über Umweltbelastungen, Armutswanderungen, Atomschmuggel, Drogenhandel und Fundamentalismen jeder Art - sind nicht weniger gefährlich. Gegen viele dieser Risiken können auch militärische Mittel nichts mehr ausrichten. Gebraucht wird "soft-power", d.h. die Überzeugungskraft der Argumente, der erfolgreichen Problemlösungen, des Vorbilds wirtschaftlicher und sozialer Stabilität. Daß sich bei dieser Lage besonders hohe Erwartungen an Japan und Deutschland richten, darf uns nicht verwundern.

Unsere beiden Länder gelten in der Welt, ungeachtet ihrer gegenwärtigen Probleme, immer noch als Muster der wirtschaftlichen und sozialen Stabilität. Sie haben auf Grund ihrer Geschichte, ihrer wirtschaftlichen Leistungskraft und ihrer kulturellen Ressourcen dementsprechend auch die Verpflichtung, größere Verantwortung und damit auch größere Lasten zu übernehmen.

Deutschland und Japan gehören zum Kreis der großen Demokratien und können nicht ihren Partnern in der G-7 und in den Sicherheitsbündnissen die Sorge um die Sicherung des Weltfriedens allein überlassen. Aus den gleichen Gründen können wir auch nicht abseits stehen, wenn nach Erschöpfung aller anderen Mittel vorbeugender Sicherheitspolitik nur noch der Einsatz militärischer Mittel übrigbleibt. Deutsche und Japaner hatten es nach der bitteren Lektion des letzten Weltkrieges nicht leicht, sich zu dieser Bereitschaft durchzuringen. Daß sie es inzwischen doch getan haben, zeugt, wie ich meine, von der Reife beider Demokratien.

Ein außenpolitisches Problem, das Japan und Deutschland vielleicht in besonderem Maße herausfordert, ist gedanklicher und kultureller Natur. Ich meine das Szenario eines globalen Kulturkampfes, das angeblich der nächste große Konflikt nach dem Ende des Kalten Krieges sein soll. Ich halte dieses Szenario für wissenschaftlich und ethisch fragwürdig. Seine Gefährlichkeit besteht aber darin, daß es sich im Denken der Eliten - sowohl im Westen als auch in Asien - festsetzen und als "self-fulfilling prophecy" selbst zu einem neuen Sicherheitsrisiko werden könnte. Ich bin überzeugt, daß Japan und Deuschland über besonders gute geistige und historische Voraussetzungen verfügen, um der Verwirklichung dieses Szenarios entgegenzuwirken.

Das bringt mich zur zweiten Begründung meines Werbens für eine deutsch-japanische Partnerschaft in Verantwortung, nämlich dem reichen Schatz gemeinsamer Werte und historischer Erfahrungen. Es ist ja nicht so, als ob Deutsche und Japaner gegenwärtig zum erstenmal vor großen Herausforderungen stünden. Auch wenn wir heute über unsere Probleme an der Schwelle zum 21. Jahrhundert nachdenken, tun wir gut daran, uns daran zu erinnern, welche geistigen und ethischen Kraftquellen uns in der Geschichte geholfen haben, uns in Situationen der Ungewissheit zu orientieren, Probleme zu lösen, Fehler zu korrigieren, Visionen für die Zukunft zu entwickeln.

Wenn ich von gemeinsamen Werten und Erfahrungen spreche, dann meine ich nicht nur die 400jährige Geschichte gegenseitiger kultureller Faszination seit der Ankunft des Jesuiten Franz Xaver in Japan im Jahre 1549. Diese Geschichte ist oft beschrieben worden und ich will sie nicht wiederholen. Aber daß darin Forschungsreisende wie Engelbert Kämpfer, Dichter wie Goethe, Mediziner wie Philipp-Franz von Siebold, Staatserneuerer wie Ito Hirobumi, Juristen wie Heinrich Rössler, Helden des Herzens wie Mori Ogai, musizierende Kriegsgefangene wie die von Bando, Physiker wie Einstein und philanthropische Industrielle wie Hajime Hoshi unvergeßliche Rollen gespielt haben, läßt uns ahnen, daß es eine Affinität ganz eigener Art zwischen Japan und Deutschland gibt. Schon die Tiefe dieser Affinität sollte uns vor dem allzu schnellen Schluß warnen, daß zwischen asiatischen und westlichen Werten gleichsam naturgegeben ein "Clash of Civilizations" droht.

Erlauben Sie mir, bei diesem für unsere beiden Länder so wichtigen Thema noch einen Schritt weiter zu gehen. Noch aufschlußreicher als die Gegenseitigkeit der kulturellen Faszination in den letzten 400 Jahren sind die zivilisatorischen Gemeinsamkeiten, die unsere Kulturen schon lange vor dem 16. Jahrhundert, aber auch noch danach ohne Kontakt zueinander, ja sogar ohne Kenntnis voneinander entwickelt haben.

Wir vergessen zum Beispiel zu oft, daß Buddha, Konfuzius und Sokrates im gleichen Jahrhundert gelebt haben und daß es ihnen um die gleiche Humanität, die gleiche Vernunft, die gleiche Suche nach Erkenntnis, die gleichen Unterscheidungen zwischen gut und böse ging. Ich werde nicht müde, den Anhängern des globalen Kulturkampfszenarios die "Goldene Regel" entgegenzuhalten, die man bei Konfuzius und in der Bibel in nahezu gleichem Wortlaut und in der einen oder anderen Form in allen großen Kulturen findet: "Was Du nicht willst, daß man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu." Natürlich gibt es in unserer pluralistischen Welt eine Vielfalt von Religionen, Philosophien und Traditionen. Und natürlich ist es richtig, daß die Menschen in Zeiten großer Umwälzungen dazu neigen, sich auf ihre jeweils eigenen ethischen Wurzeln zurückzuziehen. Aber bedeutet das notwendig, daß wir bei gemeinsamen Problemen der Gegenwart zu gegensätzlichen Lösungen mit konfliktbeladenen Konsequenzen kommen müssen?

Wenn das so wäre, wie könnte dann Japan, so frage ich mich, zum Muster einer Konsensgesellschaft geworden sein? Bilden hier nicht Schintoismus, Buddhismus und Konfuzianismus zusammen eine Lebenswelt von beispielhafter Harmonie? Ich will Ihnen gern gestehen, daß diese kulturelle Harmonie Japans einer der Gründe ist, warum ich meinem Besuch in diesem Land mit besonders großem Interesse entgegengesehen habe. Ich halte das friedliche und schöpferische Miteinander der Religionen und Philosophien für eine der großen Aufgaben unserer Zeit, und ich würde mir wünschen, daß die Propheten des Kulturkampfes das japanische Beispiel pragmatischer Toleranz zur Kenntnis nähmen.

Ebenso bemerkenswert wie die Gemeinsamkeit des ethischen Kerns der westlichen und asiatischen Kulturen ist die Vergleichbarkeit der großen Epochenwechsel, der Rückschläge und Fortschritte, der Verkrustungen und Erneuerungen in der Geschichte Japans und Deutschlands. Man denke beispielsweise an die Übernahme und gleichzeitige Veränderung römischer Traditionen in Deutschland und chinesischer Traditionen in Japan im frühen Mittelalter. Man denke an den hochmittelalterlichen Feudalismus, den es in der Weltgeschichte nur in Japan und Europa gab, und an seine Überwindung durch eine blühende Kaufmannschaft und modern anmutende Waren- und Finanzmärkte in Osaka ebenso wie in den freien Reichsstädten Deutschlands. Man denke schließlich daran, daß der japanische Mathematiker Kowa Seki Zeitgenosse von Leibnitz und Newton war und im abgeschlossenen Japan der Tokugawa-Ära dieselben Sätze der Infinitesimalrechnung fand wie diese.

Daß das Deutschland der Humboldtschen Reformen und das Japan der Meiji-Erneuerung im 19. Jahrhundert zur Partnerschaft wie geschaffen erschienen, kann in dieser Rückschau eigentlich nicht mehr verwundern. Die dann im 20. Jahrhundert folgenden Höhen und Tiefen der deutsch-japanischen Gemeinsamkeit sind uns allen noch so präsent, daß ich sie nicht erläutern muß. Sie sind voller Mahnungen, wenn wir uns die Kriege und das Scheitern der Demokratie in der ersten Hälfte des Jahrhunderts in Erinnerung rufen. Aber sie sind auch voller Ermutigungen, wenn wir das Wunder des Wiederaufbaus und die Bewährung der Demokratie in der zweiten Hälfte betrachten.

Der Bogen von den klassischen Quellen und historischen Erfahrungen unserer Kulturen zur Gegenwart und Zukunft ist also leicht geschlagen.

Das bringt mich zum dritten Grund meines Plädoyers für deutsch-japanische Partnerschaft in Verantwortung: unserem naheliegenden Interesse an der Entwicklung gemeinsamer Visionen für die Zukunft.

Wir sind, wie mir scheint, schon intensiv mit der Entwicklung solcher Visionen beschäftigt, auch wenn das Erscheinungsbild der öffentlichen Debatte immer noch stark von depressiven Selbstzweifeln bestimmt wird. Immerhin diskutieren wir schon über Lösungen der eingangs geschilderten Probleme von Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Außenpolitik. Und so ähnlich die Problemanalysen waren, so ähnlich sind auch die deutschen und japanischen Gedanken über mögliche Problemlösungen.

In beiden Ländern wird zunehmend erkannt, daß wir gar keine andere Wahl haben, als aus der Globalisierung das Beste zu machen. Man sieht auch, daß das nicht ohne Deregulierung der Wirtschaft, ohne Mobilisierung der Gesellschaft und ohne die Mobilisierung der kreativen Kräfte unserer Kulturen möglich sein wird. Das bedeutet nicht, daß wir unser Heil in einem neuen Sozialdarwinismus suchen, und uns dem Recht des Stärkeren überlassen müssen. Die Suche nach Konsens, die unsere Länder in den letzten 50 Jahren ausgezeichnet hat, sollten wir nicht ohne Not aufgeben. Die "Goldene Regel" bietet, wie schon gesagt, als Grundnorm menschlicher Zivilisation auch heute Orientierung, und zwar gleichermaßen für private und politische Entscheidungen.

Das gilt auch für die Lösung unserer demographischen Probleme. Wir dürfen nicht einfach mit ansehen, wie die Zukunftschancen der schrumpfenden Zahl junger Menschen durch die Versorgung der wachsenden Zahl alter Menschen verbaut werden. Ebenso wenig dürfen wir aber auch den Alten, denen wir den Wiederaufbau nach dem Kriege verdanken, den Rücken kehren und sie um die Sicherheit ihres verdienten Lebensabends berauben. Beides verbietet ebenfalls die "Goldene Regel", die hier einen geradezu klassischen Anwendungsfall findet. Es gibt keine statische Lösung aus diesem Dilemma. Weder Umverteilen noch Sparen allein wird helfen. Auch die bisherigen Muster der Wachstumspolitik mit dem Mittel fiskalischer Expansion greifen nicht mehr. Im übrigen lassen schon unsere verschuldeten Staatshaushalte kaum noch Spielräume dafür.

Was wir brauchen, ist eine neue Form des Wachstums, nämlich wissensgestütztes Wachstum. Unsere Länder stehen kurz vor dem 21. Jahrhundert an einer ähnlichen Schwelle wie Deutschland zur Zeit der Humboldtschen Reformen und Japan zur Zeit der Meiji-Erneuerung. Wir müssen erneut massiv in Forschung und Bildung investieren. Um der Falle der ökologischen und fiskalischen Wachstumsgrenzen herkömmlicher Art zu entkommen, müssen wir auf die Entwicklung des sogenannten Humankapitals setzen. Wissen ist unbegrenzt. Und: Das aus der klassischen Nationalökonomie bekannte Gesetz der abnehmenden Erträge gilt nicht für Investitionen in die Köpfe.

All das ist möglich, wenn man nur will. Wir Deutschen blicken noch heute mit Bewunderung auf die Vision der mikroelektronischen Revolution, die Japan in den 70er Jahren gegen viele Widerstände entwickelt und im Laufe eines Jahrzehnts mit triumphalem Erfolg umgesetzt hat. Pragmatische Strategien dieser Art brauchen wir auch zur Lösung unserer heutigen Probleme. Worauf es ankommt, ist die Verbindung zielbewußten Handelns mit der Einsicht in die Fehlbarkeit menschlicher Erkenntnis und der jederzeitigen Bereitschaft zur Korrektur falscher Entscheidungen. Das Beispiel der neuen amerikanischen Dynamik in Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie zeigt, daß das auch heute noch möglich ist. Man erinnere sich, daß die USA sich noch am Ende der 80er Jahre in einer ähnlich depressiven Stimmung befanden, wie Japan und Deutschland heute. Das sollte uns Ansporn sein, uns aus der Depression zu befreien, und uns der Gestaltung der Zukunft von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur zuzuwenden.

Wir stehen ja erst am Beginn der Nutzung der neuen Souveränität, die uns Globalisierung und Informationstechniken bieten. Wir müssen uns fragen, ob wir sie schon ausreichend nutzen und ob wir sie richtig nutzen. Es gilt vor allem zu erkennen, daß wir den technischen Fortschritt nur dann voll und richtig nutzen können, wenn ihm der geistige, mentale und kulturelle Fortschritt stets einen Schritt voraus ist.

Auch Investitionen in außenpolitisches Wissen sind nötig, wenn Deutschland und Japan ihrer wachsenden internationalen Verantwortung gerecht werden wollen. Das Rüstzeug für die Entfaltung von "soft power" ist letztlich ebenfalls in den Erkenntnissen der Wissenschaft und in der Ausstrahlung der Kultur zu suchen. Auch hier liegt ein Schlüssel zum langfristigen Erfolg in einer vorausschauenden Bildungspolitik, die für das 21. Jahrhundert geeignet ist.

Ein anderer Schlüssel liegt jedoch, vergessen wir das nicht, in unserer eigenen Geschichte und ihrem reichen Erfahrungsschatz von der Antike bis in unser Jahrhundert. Die "Goldene Regel", die ich ein letztes Mal erwähnen möchte, ist auch in der Außenpolitik aktueller denn je. Sie ist die machtvollste Widerlegung des Kulturkampfszenarios, die man sich denken kann. Ich war erfreut zu hören, daß auch der chinesische Außenminister auf einer Konferenz in Bejing im Mai 1995 die konfuzianische Version dieser Regel zitierte. Sie verpflichtet zu guter Nachbarschaft in Asien ebenso wie in Europa. Und sie verpflichtet zu guter Nachbarschaft zwischen Asien und Europa. Hier öffnet sich für Deutschland und Japan ein weites Feld partnerschaftlicher Verantwortung. Sie können es zu ihrer vornehmsten Aufgabe machen, als Inspiratoren und Vorbilder guter Nachbarschaft zu wirken.

Es hat in der Geschichte der Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern Perioden intensiven deutschen Lernens von Japan und intensiven japanischen Lernens von Deutschland gegeben. Was vor uns liegt, ist die Chance gleichzeitigen Lernens voneinander, und damit meine ich auch das Lernen aus Fehlern. Wenn uns das gelingt, können wir zur Entstehung einer lernenden Gesellschaft im globalen Rahmen, zu einer lernenden Weltgesellschaft beitragen. Am Ziel dieses Lernens kann es keinen Zweifel geben. Der Menschheitsauftrag des 21. Jahrhunderts ist die Humanisierung der Welt.