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Ansprache von Bundespräsident Roman Herzog anläßlich des 27. Management Symposiums "Globaler Wettbewerb, globale Werte, globale Verantwortung - Neue Herausforderungen für die Politik"

I.

Ich bin sehr gerne nach St. Gallen gekommen und freue mich auf das anschließende Gespräch mit Ihnen. Ich wüßte kein besseres Forum als das internationale Management Symposium für Diskussionen darüber, wie wir mit der Globalisierung umgehen sollen, ohne unseren inneren und äußeren Frieden aufs Spiel zu setzen, wie wir dafür sorgen sollen, daß sich nicht nur der Wettbewerb, sondern auch unser Verantwortungsbewußtsein und unsere Werte globalisieren, welche Voraussetzungen eine - nach innen wie nach außen - global verantwortliche Politik der Staaten im einzelnen haben sollte. Schließlich begegnen sich hier fast alle relevanten Kräfte: die verschiedenen Generationen und Kulturen, Wirtschaft und Wissenschaft, Politik und Medien. Denn es geht heute mehr als je zuvor um den Dialog, um die richtigen Fragen, nicht um den Monolog einer allein über die richtigen Antworten verfügenden Kultur, Wissenschaft, Philosophie oder Werteordnung! Die Probleme der Globalisierung sind heute mehr als komplex und sie betreffen alle Länder der Welt. Es gibt keine Patentrezepte. Deshalb brauchen wir auch differenzierte Antworten und einen globalen Gedankenaustausch, der die nationalen, sprachlichen, kulturellen, aber auch die fachlichen Grenzen überschreitet. Wagenburgmentalität und Abschottung lösen die Probleme nicht, sondern sie schaffen nur neue. Offenheit und Öffnung sind die Aufgaben der Zeit. Offene Gesellschaften können die Herausforderungen der Zukunft am besten meistern, ja ich behaupte sogar: Nur offene Gesellschaften können sie auf die Dauer meistern.

Das wissen wir nicht erst seit Popper. Denn Globalisierung ist kein neuer, sondern ein altbekannter Vorgang; nur die Bezeichnung ist neu. Die letzte Barriere ist mit dem Ende des Ost-Westkonflikts und mit dem Scheitern von Staatskonzepten gefallen, die ihr Heil in der Abschottung sahen. Sie sind schließlich am Wesen der Globalisierung, dem freien Fluß der Informationen, gescheitert. Was wir Globalisierung nennen, ist insofern die aktuelle Ausprägung einer Entwicklung, die im Grunde seit Hunderten von Jahren abläuft. Sie stellt Menschen wie Staaten aus ihrer ursprünglich begrenzten Familien-, Stammes- und Nationalorientierung in eine umfassende Verantwortung und Abhängigkeit: Jede einzelne Größe auf dieser Welt hängt von allen anderen ab, beeinflußt aber auch alle anderen und ist damit zugleich für sie mitverantwortlich.

II.

Was uns verblüfft und beunruhigt, ist also weniger das Phänomen der Globalisierung selbst. Schon deshalb warne ich vor jeder Dämonisierung. Nicht alle unsere heutigen Schwierigkeiten sind globalisierungsbedingt. Aber es gibt tatsächlich eine Reihe von neuen Problemen, die wir infolgedessen nüchtern analysieren und für die wir Lösungen finden müssen.

Ungewohnt und neu ist heute vor allem die enorme - wissens- und technikbedingte - Veränderungsgeschwindigkeit der Globalisierung.

Am besten scheint noch die Wirtschaft diesem Tempo gewachsen. Unternehmen können auf der Suche nach den günstigsten Wettbewerbsbedingungen relativ leicht ihren Standort wechseln. Damit stellt sich aber eine entscheidende Frage: Welche weiterreichende Verantwortung wollen oder können weltweit operierende Unternehmen dann noch gegenüber ihrem jeweiligen Sitzland übernehmen, wenn nationale Loyalitäten immer weniger Bedeutung haben? Immerhin für einen Standort, von dessen Infrastruktur die Unternehmen auch dann noch profitieren, wenn sie ihre Produktions- und Steuersitze längst ins Ausland verlagert haben?

Für die einzelnen Menschen sieht die Sache sehr viel schwieriger aus. Die meisten von ihnen können ihren Lebensmittelpunkt nicht so ohne weiteres verlagern. Also wächst bei ihnen das Gefühl der Fremdbestimmung und die Angst vor Fremdbestimmung und vor neuer Unübersichtlichkeit

Auch für die nationale Politik wird das Handeln nicht leichter. Denn die Globalisierung der Wirtschaft führt bei ihr zu einem wachsenden Verlust an faktischer Autonomie, zu einem Verantwortungsdefizit ersten Ranges. Die modernen Staaten haben zunehmend nur noch die "Freiheit", Entscheidungen für oder gegen den Weltmarkt zu treffen. Die Kontrollierbarkeit der Entwicklungen, die "Zuständigkeit" wandert ab.

Wer entscheidet schließlich noch: der Staat, den wir bisher als den "modernen" bezeichnet haben, oder weltweit operierende Konzerne? Wer entscheidet: die demokratisch legitimierten Parlamente oder anonyme, jeden wirtschaftspolitischen Fehler bestrafende Finanzmärkte? Müssen wir deren oft vagabundierende Bewegungen ohne Einflußmöglichkeit hinnehmen? Oder gibt es auch im globalen Zeitalter Entscheidungskriterien jenseits von Angebot und Nachfrage? Definiert der weltweite Wettbewerb um optimale Standortbedingungen jetzt allein, was "richtig" ist? Oder können wir unter diesen Voraussetzungen Legitimität und Wirksamkeit politischer, vor allem wertgebundener Entscheidungen doch noch erhalten? Und wenn ja, in welchen Bereichen?

Ungewohnt ist auch, daß die alten Industrieländer, vor allem die der Westeuropäer, weder Initiatoren noch Herren des neuen Geschehens sind. Wie selbstverständlich wurde bisher angenommen, der Rest der Welt müsse vom "westlichen Modell" lernen. Wenn die Soziologen sagen, daß die westlichen Gesellschaften Belehrungskulturen sind, die häufig selbstgefällig andere kritisieren, während es in Asien überwiegend Lernkulturen gebe, so mögen sie für die Vergangenheit nicht Unrecht gehabt haben. Ich bezweifle aber, daß das auch für die Gegenwart gilt und besonders für die überschaubare Zukunft.

Erfassen die Menschen in der "alten Welt" wirklich, was sich - z.B. - in Asien tut? Und wie ist darauf angemessen zu reagieren ist? Wie stellen wir auch bei uns ein positives Lernklima sicher? Welche Konsequenzen muß die Bildungspolitik für die Entstehung einer global orientierten Lernkultur ziehen? Ich sehe weit und breit keine Konsequenzen. Aber ich komme aus Deutschland. Wie organisieren wir eine friedliche, offene Begegnung der Kulturen?

Die einstigen "Schüler" haben ihre Lektion - so ist mein Eindruck - fast besser gelernt als wir selbst. Frühere Hilfe- und Kreditempfänger kommen heute über die Weltmärkte zu uns. Und sie fordern ihren Teil am weltweiten Wohlstand. Und sie fordern ihn nicht nur, sie nehmen ihn sich, indem sie zu überaus günstigen Konditionen hochwertige Produkte und Dienstleistungen auf unseren Märkten anbieten, die in ihrer Heimat produziert werden und nicht mehr bei uns.

Wie reagieren die vormals "reichen" Gesellschaften Westeuropas, aber auch Nordamerikas, Japans oder Australiens darauf, daß sie sich jetzt vor wachsende neue, durch die Globalisierung zumindest verschärfte innere Probleme gestellt sehen? Die Arbeitslosigkeit wächst - freilich nicht in allen diesen Ländern. Der Sozialstaat gerät in Finanzierungsschwierigkeiten. Die Reallöhne sinken. Der innere Konsens wird - wird möglicherweise zumindest - brüchig. Und das, obwohl in der Welt insgesamt der Wohlstand steigt - aber eben nicht mehr überwiegend in den "alten" Industrieländern, auch nicht in allen Entwicklungsländern, sondern vor allem dort, wo die attraktivsten Bedingungen für eigene und ausländische Investitionen bestehen.

Haben wir dazu eine Alternative? Ich fürchte nein. Wir müssen auf die veränderte Lage mit neuen Konzepten reagieren, aber wir müssen positiv reagieren. Denn wir wissen aus Erfahrung genau, was passiert, wenn wir nichts tun: Jüngstes Beispiel ist ja gerade das Versagen der sozialistischen Wirtschaftssysteme im ehemaligen Ostblock. Der Mangel an marktwirtschaftlicher Effizienz, aber auch an persönlicher Freiheit der Menschen, an Offenheit und Austausch, an der Fähigkeit, aufeinander zuzugehen, hat sie letztlich scheitern lassen. Aber das ist eben nicht alles. Der globale Wettbewerb bedrängt auch die gewachsene soziale Marktwirtschaft, wie wir sie in Deutschland entwickelt haben, und er bedrängt ebenso ähnlich verfaßte Wirtschaftssysteme mit hochentwickelten sozialen Sicherungsnetzen in Europa.

Immer mehr Experten - und nicht nur in Europa, sondern auch in Asien und Amerika -, sind deshalb der Auffassung, daß man im Zeitalter der Globalisierung zwei, aber nicht alle drei "guten" Dinge haben kann:

- Wirtschaftlichen Erfolg und sozialen Zusammenhalt, aber keine wirkliche individuelle Freiheit

- Wohlstand und Freiheit, aber auf Kosten der sozialen Solidarität

- soziale Kohäsion und Freiheit, aber nur bei stagnierendem oder gar schrumpfendem Wohlstand.

Das mag auf den ersten Blick abstrakt klingen. Aber es entspricht in der Realität heute schon den Erfahrungen vieler Menschen auf der ganzen Welt. Und es macht die Frage nur noch wichtiger, was getan werden kann, um alle drei Ziele - Freiheit, Wohlstand und Solidarität - gleichzeitig zu erreichen, so schwierig das aus heutiger Sicht auch erscheinen mag. Dafür brauchen wir global taugliche Lösungen - für die Politik im Innern der Staaten, aber auch für ihr Verhältnis zueinander.

III.

Im Binnenbereich brauchen wir zunächst einen neuen Konsens auf den Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft darüber, was das "Soziale" und was das "Marktmäßige" in unserem Wirtschaftssystem eigentlich sein soll. Konkret: Was hat der Staat noch zu erledigen, was die Wirtschaft? Wie können wir in unseren Ländern die Kosten der sozialen Sicherungssysteme und der Sozialpartnerschaft durch eine entsprechende Produktivität ausgleichen? Wie können wir unsere Schwächen überwinden und unsere strukturellen Stärken, z. B. in der beruflichen Bildung, bei den dynamischen kleinen und mittleren Unternehmen, in den Forschungseinrichtungen usw. ausbauen und besser nutzen? Und vor allem: Wie können wir wieder ausreichende Freiheitsspielräume für den einzelnen gewährleisten? Das ist keine theoretische Frage.

Denn Freiheit mag unordentlich und komplex sein, voll von Uneinigkeit und Konflikten. Aber sie fördert Aktivität und Kreativität. Sie ist die notwendige und hinreichende Bedingung, die besten Kräfte in unseren Gesellschaften freizusetzen und allen zu besseren Chancen und Möglichkeiten zu verhelfen. Im Zweifel also für die verantwortete Freiheit. Sie schafft die besten Voraussetzungen für Wohlstand und für Solidarität gleichermaßen.

Wer national Verantwortung trägt, muß - gerade auch im Interesse der Schwächeren - darauf achten, daß der Staat die Freiheitsspielräume seiner Bürger auch nicht durch überzogene Fürsorge einschränkt, sondern sie fördert. Der Verteilungsrahmen darf nicht überzogen werden; neue Arbeitsplätze werden ja schließlich nur angeboten, wenn sie sich auch für die Investoren rechnen. Wer weiterhin in einem Hochlohnland leben will, der muß soweit ihm dies möglich, auch die entsprechende Leistung erbringen. Dazu gehört vor allem, daß das genutzt wird, was rohstoffarme Länder als letztlich einziges Volksvermögen besitzen: das Wissen in den Köpfen. Das ist eine Frage der geistigen Freiheit.

Hierfür die Voraussetzungen zu schaffen, ist zunächst die zentrale Herausforderung für die Bildungspolitik. Wie können sich also unsere Schulen und Hochschulen auf die Globalisierung einstellen? Ich weiß: In St. Gallen mit seinen vielen ausländischen Studenten und Dozenten ist das kein Problem. In Deutschland hat die Attraktivität vieler Universitäten leider abgenommen, ist der Anteil der ausländischen Studenten sogar geschrumpft.

Auch die Unternehmen müssen sich personell internationalisieren und die Chancen globaler Kooperationsmöglichkeiten nutzen. Wer mit rein national zusammengesetzten Vorständen Weltmärkte erobern will, wird zumeist Schiffbruch erleiden. Unternehmer wie Arbeitnehmer brauchen in der globalen Wirtschaft interkulturelle Kompetenz.

Letztlich stehen wir hier vor der Entscheidung, was künftig Priorität haben soll: Chancen für mehr Arbeitsplätze im globalen Wettbewerb, auch für die Schwächeren unter uns, oder Verteidigung überkommener, aber längst verkrusteter Strukturen und vor allem Besitzansprüche? Erhaltungssubventionen für die Vergangenheit oder Förderung von Forschung und Entwicklung für die Zukunft?

Es mag etwas simplifizierend klingen, stimmt aber doch: Ob eine Gesellschaft "sozial" ist, entscheidet sich im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr allein am Kriterium der Verteilungsgerechtigkeit, sondern vor allem - und das lernen wir in diesen Jahren wieder auf bittere Weise - am Beschäftigungseffekt. "Sozial" ist im Zeitalter der Globalisierung vor allem, was mehr Arbeitsmöglichkeiten und mehr Arbeitsplätze schafft. Daran werden wir uns wieder gewöhnen müssen.

Das bedeutet nicht sozialpolitischen Kahlschlag, weder beim Staat noch bei den Unternehmen. Deshalb sollte sich gerade auch die Wirtschaft um eine offene Diskussion über Chancen und Risiken der Globalisierung bemühen, die dahinterstehenden Sorgen und Ängste der Menschen ernst nehmen und nicht jeden kurzfristigen Vorteil im Verteilungs- und Tarifkampf zu Lasten der Arbeitnehmer wahrnehmen. Zufriedene, gut ausgebildete, loyale Mitarbeiter sind für jedes Unternehmen mindestens genauso wichtig wie ausreichendes Finanzkapital - auch und gerade im globalen Wettbewerb. Wachsen angesichts von Ängsten in Bevölkerung und Politik protektionistische Verteilungskämpfe, so gehören ja auch die Unternehmen zu den ersten Verlierern. Die soziale Verantwortung der Unternehmen darf mit dem globalen Wettbewerb nicht aufhören - schon in ihrem eigenen Interesse.

Wer übrigens glaubt, der Globalisierung entgehen zu können, indem er sich in die nationale Ecke zurückzieht, der koppelt sich selber von Fortschritts- und Zukunftsprozeß ab. Die Weltmärkte sind in Bewegung. Voraussetzungen für Wohlstand und Zukunftschancen werden neu verteilt. Wer da nicht mitspielt, hat schon verloren. Hier ist also gegenzuhalten und immer wieder auf die großen Chancen des globalen Wettbewerbs zu verweisen.

Beispiel Dienstleistungswirtschaft: Hier entsteht mit der Globalisierung ein riesiger vernetzter Weltmarkt. Auch anspruchsvolle Dienstleistungen wie komplizierte Softwarelösungen und dergleichen werden rund um den Globus produziert und gehandelt. Deutschland beschäftigt sich stattdessen oder mindestens zur gleichen Zeit jahrelang mit so epochalen Problemen wie einer Verlängerung der Ladenschlußzeiten und bleibt ansonsten in weiten Bereichen immer noch eine "Dienstleistungswüste". Auch das ist natürlich etwas übertrieben.

Beispiel Verkehr: Mit der Globalisierung wachsen weltweit die Handelsströme, entstehen ganz neue Chancen für den Export integrierter Verkehrskonzepte. Deutschland könnte hier ein enormes Potential einbringen. Im Moment tun wir uns aber schon noch schwer damit, das Hightechprodukt Magnetschwebebahn mit einer überzeugenden, gebrauchstauglichen und rentablen Referenzstrecke auf den Weg zu bringen. Da kann man jahrelang darüber diskutieren. Aber die anderen verkaufen es.

Beispiel Gentechnologie: Für die Medizin, die Umwelt- und die Landwirtschaft bieten Bio- und Gentechnologie in einer globalen Weltwirtschaft beeindruckende Entwicklungs- und Absatzchancen. Hier holt Deutschland langsam auf, hat aber in den zurückliegenden Jahren durch innere Blockaden viele Möglichkeiten verpaßt oder zumindest abgebremst. Aber ich füge hinzu, die Tatsache, daß sich hier eine positive Änderung abzeichnet, hängt mit der sich verändernden Einstellung in der Gentechnologie zusammen.

Beispiel Energiewirtschaft: Mit der Globalisierung, der weltweiten Liberalisierung, aber auch mit den globalen Klimaproblemen wachsen die bislang voneinander abgeschotteten Energiemärkte immer mehr zusammen. Es bieten sich ganz neue Chancen für die Anbieter moderner, ökologieverträglicher Spitzenkraftwerkstechnik und integrierter Energiekonzepte. Auch hier haben leistungsstarke Wettbewerber ihre Chancen bereits genutzt, auch hier muß auch Deutschland noch nachziehen.

Beispiel Informationstechnik: Die technischen Entwicklungen haben den globalen Informationsverbund längst Wirklichkeit werden lassen. Auch hier haben potente Wettbewerber ihre Chancen durch das Angebot globaler "Paketlösungen" bereits genutzt, während Deutschland erst jetzt zum Mitspieler wird.

Die Beispiele zeigen vor allem: Eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit dem globalen Wettbewerb kann auch neue Souveränitätsspielräume für die Staaten zurückbringen. Je leistungsfähiger, je innovativer eine Volkswirtschaft und ihre Bürger sind, desto größer sind die Möglichkeiten für neue Arbeitsplätze, aber auch für die Verwirklichung eigener politischer Überzeugungen und Vorstellungen, z.B. in der Sozial- und der Umweltpolitik. Entscheidend ist, daß Politiker und Bürger überall lernen, daß nicht Protektionismus und Isolierung, sondern Innovation, Öffnung und Beweglichkeit die beste Methode sind, im globalen Wettbewerb zu bestehen. Globalisierung ist dann kein Schicksal, dem wir hilflos ausgeliefert sind, sondern ein Prozeß, den wir auch von uns aus erfolgreich beeinflussen und gestalten können.

IV.

Trotz oder gerade wegen des globalen Wettbewerbsdrucks und trotz aller Interessengegensätze gilt: Weil wir wechselseitig voneinander abhängig sind - ökonomisch wie ökologisch, die "jungen" wie die "alten" Industrieländer, Nord und Süd, Ost und West - müssen wir auch in der internationalen Politik mehr globale Abstimmung und Rücksichtnahme praktizieren - im eigenen wie im gemeinsamen Interesse.

Abschottung, nationale Alleingänge, unabgestimmtes Vorgehen rechnen sich in einer interdependenten globalen Weltwirtschaft meist weder für die Wirtschaft noch für die Politik. Sie bestrafen letztlich den, der aus dem gemeinsamen Verbund ausschert. Also: internationale Kooperation, aber nicht als Abwehrkartell gegen die zunächst bedrängenden Folgen der Globalisierung, sondern als Instrument für freien Welthandel und Wohlstand. Insofern müssen wir unsere internationalen Abstimmungsmechanismen und -prozeduren, einschließlich der unserer internationalen Organisationen, immer wieder überprüfen, ob sie noch ausreichen, um den Anforderungen einer globalen, interdependenten Welt in Wirtschaft und Politik gerecht zu werden?

Ohnehin greifen wir zu kurz, wenn wir die Globalisierungsdiskussion auf technische Innovationen beschränken. Wir brauchen auch institutionelle Innovationen in der Politik, national wie international. Unsere politischen Institutionen müssen den Wandel fördern, nicht hemmen, sie müssen die Übernahme weltweiter Verantwortung unterstützen, nicht bremsen, sie müssen globales Denken und Handeln belohnen, nicht bestrafen. Außerdem sind neue Frühwarnsysteme erforderlich. Nur mit ihnen sind wir in der Lage, überraschende neue Tendenzen wechselseitig wahrzunehmen und politisch rechtzeitig zu berücksichtigen.

Auch der Weltfrieden kann sicherer werden, wenn sich die Erkenntnisse der wechselseitigen Abhängigkeit hinreichend verbreitet. Denn nichts kann die eigenen Chancen jedes Landes im globalen Wettbewerb nachhaltiger zerstören als unfriedliches oder gar kriegerisches Verhalten gegenüber den Nachbarstaaten. Die Unternehmer wissen das. Den Politikern kann man es nicht oft genug sagen. In dieser potentiell friedensstiftenden Wirkung liegt für mich - weit über die wirtschaftlichen Wohlstandseffekte hinaus - der allergrößte Wert der wirtschaftlichen Globalisierung.

Ich bin zuversichtlich, daß dieser Prozeß auch in der Politik schon Fortschritte macht. Schauen Sie sich die zahlreichen Beispiele regionaler, geographisch wie inhaltlich immer umfassenderer Kooperation an: Die EU in Europa; ASEAN in Asien; die Nordamerikanische Freihandelszone und Mercosur in den beiden Amerikas; zwischen Europa und Afrika die Zusammenarbeit EU/Mittelmeeranrainer; die APEC zwischen Asien und Amerika; ASEM zwischen Europa und Asien, um nur einige zu nennen.

Nebenbei - und das sage ich an die Adresse aller Zögerer und Zauderer in Europa: Deshalb gibt es auch zur Fortsetzung des europäischen Einigungsprozesses keine Alternative. Auch Europa wird den weltweiten politischen wie wirtschaftlichen Globalisierungsprozeß nur bestehen, wenn es in seinem eigenen Integrationsprozeß mutig weiter fortschreitet.

Fast alle diese Beispiele haben ihren Ausgangspunkt in einer einzigen Erkenntnis: Gemeinsame ökonomische Abhängigkeit und umfassender Austausch - auch im ideellen Bereich - bringen allen Beteiligten Vorteile. Handel ist kein Nullsummenspiel. Der Vorteil des anderen ist auch mein Vorteil; sein Schaden kann auch mein Schaden sein. Erfolgreicher wirtschaftlicher Austausch und Handel bedürfen zur Absicherung der politischen Abstimmung und Integration. Die Offenhaltung der Märkte und die Pflege der bilateralen wie der multilateralen Handelsbeziehungen sind längst vom Stiefkind zum Wunschkind der Außenpolitik geworden. Umgekehrt fördert wechselseitige wirtschaftliche Abhängigkeit den politischen Ausgleich. Globaler Handel und Wettbewerb nützen nicht nur der Wirtschaft und den Finanzmärkten, sondern sie dienen auch dem Frieden in aller Welt.

V.

Globalisierung der Märkte, wechselseitige wirtschaftliche und politische Abhängigkeit der Staaten, globale Verantwortung in der Politik - kann das ohne eine gewisse Globalisierung der Werte und Überzeugungen funktionieren? Immerhin: In Zeiten großer Umwälzungen neigen die Menschen verständlicherweise dazu, sich auf ihre jeweils eigenen ethischen Wurzeln zurückzuziehen. Manche befürchten deshalb als Gegenstrom zur wirtschaftlichen Globalisierung sogar eine ethische Differenzierung und Abschottung, ja einen globalen Kulturkampf. Müssen wir befürchten, daß diese Szenarien Wirklichkeit werden? Ich meine : Nein!

Zwar wächst angesichts der wachsenden Globalisierung aller Lebensbereiche überall in der Welt der Wunsch nach "Heimat" und lokalen Bezügen. Die Vielfalt der menschlichen Kulturen muß deshalb auch im Globalisierungsprozeß erhalten bleiben. Ein tragfähiges Zukunftskonzept braucht zugleich Weltoffenheit wie lokale Orientierung und Differenzierung.

Hier können die neuen Entwicklungen der Informationstechnik gerade auch die regionalen und lokalen Kreise stärken. Denken Sie nur an die Möglichkeiten des Internet oder des lokalen Rundfunks und Fernsehens. Dabei dürfen wir aber nicht stehenbleiben. Wir müssen den Bürgern wieder glaubwürdig das Gefühl geben, ihre lokalen und regionalen Angelegenheiten differenziert und nach eigenständigen Werten entscheiden zu können. Sie wissen, was ich meine: Subsidiarität - ein wenig plastisches Wort für eine lebensnotwendige Sache.

Auf der anderen Seite findet sich in den Lehren der verschiedenen Kulturen, Philosophien und Religionen der Welt trotz aller Differenzen durchaus auch ein gemeinsamer Bestand von Kernwerten, den wir mobilisieren müssen. Dieser Wertekanon mag im Augenblick noch schwer zu fassen sein, und er bietet auch sicher keine direkten Lösungen für die zahlreichen großen Probleme der Welt. Er kann auch die zentralen Mechanismen und Institutionen zur Konfliktlösung und -vermeidung nicht ersetzen, so schön das wäre. Globale Werte, eine globale Ethik können aber zu einer besseren, friedlicheren, gewaltfreieren Ordnung der Welt beitragen. Voraussetzung: Sie sind langfristig für alle vorteilhaft, indem sie Frieden und Freiheit, Wohlstand und Zusammenhalt gleichermaßen fördern.

Die Kristallisiationspunkte dieser weltweiten Ethik sind heute, wie gesagt, noch schwer zu fassen. Aber es ist von vitaler Bedeutung, sich um sie zu bemühen, und es gibt Ansatzpunkte dafür, vor allem die - auch von mir - vielzitierte "Goldene Regel", die seit Jahrtausenden in vielen religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit zu finden ist, hat sich - in schwierigen Menschenrechtsdebatten - bewährt: "Was du selbst nicht wünschst, das tue auch nicht anderen Menschen an", hat Konfuzius im 6. Jahrhundert vor Chr. gelehrt. Positiv gewendet wird ihr Inhalt noch klarer: "Was du willst, das man dir tu', das füg' auch anderen zu".

Schon dieser Satz kann - unabhängig vom kulturellen oder religiösen Hintergrund - eine Norm für das menschliche Zusammenleben generell sein: Für Familien und Gemeinschaften, für Staaten und Nationen, für Religionen und Rassen. Sie verpflichtet auch im globalen Wettbewerb - im eigenen Interesse - zu guter Nachbarschaft, zur ehrlichen Mitberücksichtigung der Interessen des anderen, sowohl in der Politik wie in der Wirtschaft! Schon Adam Smith - übrigens im Hauptberuf Moralphilosoph und nicht Ökonom - ist stets davon ausgegangen, daß die Menschen im Wettbewerb zwar durchaus ihre egoistischen Eigeninteressen verfolgen, zugleich aber auch die zentralen Belange der Gemeinschaft mitlösen.

Es kann nicht darum gehen, daß sich die verschiedenen Kulturen und Religionen der Welt in ihren Grundüberzeugungen relativieren, etwa zugunsten einer künstlichen, oberflächlichen Einheitsphilosophie. Aber es kommt darauf an, im Konsens nach den Grundlagen für ein partnerschaftliches Verhalten der Menschen wie der Nationen, d.h. nach der ethischen Grundorientierung für verantwortete Weltpolitik und Weltwirtschaft zu suchen.

Was vor uns liegt, ist also die Chance des wechselseitigen Voneinander-Lernens, auch des Lernens aus Fehlern der anderen. Wenn uns das gelingt, können wir im globalen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Rahmen zur Entstehung einer lernenden Weltgesellschaft beitragen.

Vielen Dank!