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Ansprache von Bundespräsident Roman Herzog aus Anlaß eines Abendessens zu Ehren Ihrer Majestäten König Juan Carlos I und Königin Sofia von Spanien in Schloß Bellevue in Berlin

Majestäten!

Verehrte Damen, meine Herren,

ich heiße Sie herzlich in Deutschland willkommen. Sie besuchen nun zum dritten Mal ein Land, mit dem Sie vielfältige Familienbande und - bei Ihnen, Majestät, - nicht zuletzt die Erinnerung an die Schulzeit verbinden. Meine Frau und ich denken gerne an unsere Begegnung in Spanien im Oktober 1995 zurück. Mit besonderer Dankbarkeit erinnere ich mich aber an die Worte, mit denen Sie, Majestät, mich bei der Entgegennahme des Karlspreises in Aachen im Mai dieses Jahres begleitet haben.

Sie kommen als höchste Repräsentanten eines Landes, mit dem das deutsche Volk in außerordentlicher Sympathie verbunden ist. Schon bei Ihrem ersten Besuch, vor zwanzig Jahren, gewannen Sie als junges Königspaar die Herzen der deutschen Bevölkerung, die Spanien voller Hochachtung und Bewunderung auf seinem damals frisch beschrittenen Weg zur parlamentarischen Demokratie begleitete. Diese Sympathie lebt fort; ich kann das beurteilen, denn ich habe gesehen, mit welcher Freude die Deutschen beispielsweise die Verlobung der Infantin Cristina verfolgt haben.

Die engen deutsch-spanischen Beziehungen sind nicht erst aus der intensiven Zusammenarbeit der letzten Jahre erwachsen. Unsere Freundschaft reicht weit zurück. Der geistige und kulturelle Austausch zwischen Spanien und Deutschland besteht aus einem jahrhundertealten, engen Geflecht. Und es gibt unzählige Beispiele dafür. Der Gründer der modernen spanischen Lyrik, Gustavo Adolfo Bécquer, war beeinflußt von Heinrich Heine, dessen zweihundersten Geburtstag wir in diesem Jahr feiern. Und die Lyrik Rainer Maria Rilkes war inspiriert von der Landschaft um Ronda, seiner Wahlheimat in Andalusien. Ihr Land, Majestäten, feiert dieses Jahr den vierhundertfünfzigsten Geburtstag von Miguel de Cervantes, dessen "Don Quixote" nicht nur zum deutschen oder europäischen Literaturkanon gehört, sondern Weltliteratur ist. Die spanische Kultur ist europäische Kultur, und die europäische Geschichte und Kultur sind ohne den Beitrag Spaniens nicht vorstellbar. Wir dürfen nicht vergessen, woran Sie, Majestät, in Aachen erinnerten, daß Europa eine "Gemeinschaft des Denkens, der Ideale und moralischer Werte" ist.

Die Wurzeln unserer Freundschaft sind europäische. Deshalb werden sie auch in unserer gemeinsamen europäischen Zukunft ihre Festigkeit bewahren. Das Leben und Werk Karls V., Ihres Karl I., ist eine dieser Wurzeln gemeinsamer Geschichte. Karl war der letzte Europäer, der zumindest davon träumen konnte, die Idee einer universalen politischen Ordnung zu verwirklichen. Dieser Traum, der viele Europäer über unzählige Generationen beflügelt hat, kann nun wenigstens in unserem Kontinent Wirklichkeit werden: Nach einem halben Jahrtausend, nach vielen schmerzhaften und dramatischen Brüchen ist Europa der Verwirklichung der europäischen Gesellschaft Karls V. nahe; anders allerdings als er es damals erhoffen und verfolgen konnte, kann es ein gemeinsames Europa des Friedens, der Stabilität und des Wohlstands werden, in dem die Grenzen ihren trennenden Charakter verlieren, zudem ein Europa, das seine Legitimation aus dem Willen seiner Völker bezieht.

Diese Einsicht gewinnt vor dem Hintergrund des kürzlichen Anschlags auf das Leben von Stadtrat Blanco Garrido eine aktuelle Bestätigung: die baskische Bevölkerung hat sich mehrheitlich spontan gegen diesen Akt des Terrorismus gewandt. Dies stimmt mich, bei aller Trauer und Empörung über den sinnlosen Tod eines Menschen, hoffnungsfroh für die Zukunft.

Als Ihr Land 1986 der Europäischen Gemeinschaft beitrat, was Deutschland mit ganzer Kraft gefördert hatte, brachte es - gleichsam als Morgengabe - seine Bindungen an Iberoamerika, zu seinen nordafrikanischen Nachbarn, zum Mittelmeerraum und zur arabischen Welt mit. Ich betone das auch deswegen, weil ich mich in meinem Amt immer wieder für den Dialog zwischen den Kulturen einsetze. Deswegen ist für mich die Übersetzerschule von Toledo ein beeindruckendes Beispiel. Nicht nur, daß damals Muslime, Juden und Christen friedlich zusammenleben konnten. Ihre gemeinsame Arbeit hat der europäischen Geistesgeschichte große Schätze zugänglich gemacht, darunter die Schriften von Aristoteles, die sonst wahrscheinlich verloren gewesen wären. Die Idee der Übersetzerschule macht deutlich: Der interkulturelle Dialog kann nicht funktionieren, wenn die eine Kultur nicht die Gedankenwelt der anderen kennt. Zu diesem Kennenlernen hat Spanien seit jeher in Europa beigetragen.

Seit Ihrem ersten Besuch in Deutschland ist Spanien zu einer stabilen Demokratie gereift, die sich auf eine vorbildliche Verfassung stützt und sich auch in schweren Konflikten bewährt hat. Sie haben Anteil an dem beeindruckenden Erfolgen der spanischen Demokratie durch Ihre kluge, auf Ausgleich bedachte und dem ganzen Spanien gewidmete Führung, durch das große Geschick, mit dem Sie Spaniens Interessen in der Welt vertreten, und durch Ihren persönlichen Einsatz für den Erhalt und die Stärkung der verfassungsmäßigen Ordnung Ihres Landes. Die Integration in die Europäische Gemeinschaft war ein programmatisches Anliegen, als Sie am 22. November 1975 zum König von Spanien proklamiert wurden. In der ersten Botschaft, die Sie an Ihr Land richteten, sagten Sie: "Europa muß mit Spanien rechnen, denn wir Spanier sind Europäer." Wie Sie bin ich überzeugt: Es ist der richtige Weg, auf Europa zu setzen. Europa ist ein alter Kontinent, aber, wie Ortega y Gasset sagt, "eine Landschaft der Qualität", die eine glänzende Zukunft hat, wenn wir nur gemeinsam daran arbeiten.

Spanien und Deutschland stehen heute, in zuverlässiger Freundschaft verbunden, gemeinsam an der Seite der Verbündeten und Partner vor neuen Aufgaben. Die Europäische Union stellt sich den Herausforderungen der Globalisierung. Auch die gemeinsame Währung wird kommen, und ich bin davon überzeugt, daß unsere beiden Länder dabei sein werden. Sie sagten in Aachen, daß Spanien das Sehnen Mittel- und Osteuropas, zu Europa zu gehören, sehr gut verstehe, aus eigener Erfahrung. Sie riefen dazu auf, "alle Befangenheit gegenüber einer Vertiefung und Erweiterung der Europäischen Union zu bannen." Ich kann das nur unterstreichen.

Majestät, Sie haben in Aachen auch gesagt, daß wir Europäer von heute unseren Erfolg oder unser Scheitern gegenüber den Europäern von morgen verantworten müssen. "Wir stehen", so sagten Sie, "in der Verantwortung eines unwiderruflichen Projektes zur politischen und wirtschaftlichen Integration Europas". Auch hier stimme ich Ihnen zu. Die Welt schaut in diesem Moment auf uns. Wie wir uns jetzt entscheiden, wird für lange Zeit den Weg Europas bestimmen.

Die Freundschaft unserer Länder ist, wie ich sagte, in der gemeinsamen Geschichte und Kultur verwurzelt und hat eine zukunftsfähige Form der Partnerschaft in der Europäischen Union und der Atlantischen Allianz gefunden. Die Kraft aber bezieht diese Freundschaft aus der tiefen Sympathie, die unsere Völker füreinander empfinden. Jährlich bereisen Millionen von Deutschen Ihr Land, und nicht nur um die spanische Sonne zu suchen. Und in Deutschland leben seit vielen Jahren Spanier als geschätzte Nachbarn und Freunde, die unsere Gemeinschaft bereichern. Diese vielfachen Begegnungen stärken das gegenseitige Verständnis. Und mit diesem Pfunde gilt es zu wuchern. Wir haben heute keine Übersetzerschule mehr wie die von Toledo, aber wir haben Schulen und Universitäten, von denen ich mir wünsche, daß sie die Kenntnis von Sprache, Kultur und Geschichte unserer beiden Länder noch entschiedener fördern.

Als Sie, Majestäten, während Ihres Staatsbesuches im Jahr 1986 Berlin besuchten, war diese Stadt Symbol der schmerzhaften Teilung Deutschlands und Europas. Heute sind Sie in dem vereinten Berlin, Sie besuchen die Hauptstadt des vereinten Deutschland, und wir sehen vor uns die Konturen eines geeinten und freien Europas. Sie und Ihr Volk haben den Fall der Mauer mit spontaner Herzlichkeit begrüßt. Sie haben sich für den Prozeß der Wiedervereinigung mit Sympathie und Verständnis eingesetzt. In dieser für das deutsche Volk schicksalhaften Frage konnten wir in ganz besonderer Weise auf die Unterstützung und Zustimmung unserer spanischen Freunde zählen. Dafür sind wir Ihnen, Majestäten, und dem spanischen Volk von Herzen dankbar.

Darf ich Sie nun bitten, meine Damen und Herren, mit mir das Glas zu erheben und zu trinken auf das Wohl Seiner Majestät König Juan Carlos I, auf das Wohl Ihrer Majestät, Königin Sofia, auf das Wohl des spanischen Volkes und auf die Freundschaft zwischen Spaniern und Deutschen in unserem gemeinsamen Europa.

- Es gilt das gesprochene Wort. -