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Ansprache von Bundespräsident Roman Herzog vor der Universität der Bundeswehr in Hamburg

Herr Admiral,
Herr Präsident,
meine Damen und Herren,

wenn man wie ich gebeten wird, vor der Universität der Bundeswehr in Hamburg zu sprechen, dann kommt man nicht umhin, zunächst etwas zur Bundeswehr selber zu sagen. Schließlich ist das hier eine Universität der Bundeswehr, vor allem aber eine Universtität für die Bundeswehr.

Über den Paradigmen-Wechsel in der Sicherheitspolitik ist seit Beginn der 90iger Jahre viel geschrieben und noch mehr geredet worden. Ich brauche das nicht alles zu wiederholen. Nur soviel sei gesagt: Deutschland hat in den letzten zehn Jahren einen historisch einmaligen Zugewinn an Sicherheit erfahren. Aus einem geteilten Land an der Nahtstelle des kalten Krieges wurde das in Freiheit vereinte Deutschland, das mit all seinen Nachbarn und das sind neun,in Frieden und Freundschaft lebt. Die Logik der Krisen vergangener Zeiten gilt also nicht mehr: Das Gewicht Deutschlands in Europa wird von unseren Nachbarn nicht mehr, wie so oft in der Vergangenheit, als Risiko für den Frieden gesehen, sondern als zusätzliche Chance für Frieden und Stabilität in der Welt.

Angesichts dieser dramatisch veränderten Weltlage ist es nur natürlich zu fragen, welche Aufgaben Streitkräfte in der heutigen Zeit haben und welche Anforderungen wir an sie heute stellen müssen.

Wir sehen im Fernsehen fast täglich ungewohnte Bilder: Soldaten der Bundeswehr, die im ehemaligen Jugoslawien Brücken bauen, Häuser winterfest machen und Felder von Minen räumen. Im Sommer haben wir erlebt, wie Soldaten der Bundeswehr an der Oder ein wahres Wunder vollbracht haben, und wir haben uns darüber gefreut, wie die Deutschen in Ost und West im Stolz auf ihre Soldaten vereint waren.

Das ist alles gut und richtig, so sagen manche, aber brauchen wir dafür die Bundeswehr so wie sie ist, mit moderner und damit teurer Technik und als Wehrpflichtarmee?

Die Bundeswehr muß sich diesen kritschen Fragen stellen, damit sich im Tagesgeschäft der Meinungen keine intellektuelle Kurzatmigkeit durchsetzt.

Zwar wird unser Land auf absehbare Zeit aus keiner Himmelsrichtung militärisch bedroht sein, das glaube ich sagen zu können. Dennoch sollte kein Zweifel bestehen: Auch im 21. Jahrhundert wird es Risiken geben. Wer sieht, wie sich die Welt in den letzten zehn Jahren geändert hat, weiß um die Grenzen der Vorhersagbarkeit und der Vorhersagbareit weltpolitischer Entwicklungen.

Fest steht heute nur: Die Aufgaben unserer Streitkräfte sind vielschichtiger geworden, die Anforderungen und Maßstäbe militärischen Handelns differenzierter und die sicherheits- und gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen komplizierter. Die Entwicklung geht vom "Kämpfen" zum "Helfen", vom "Zerstören" zum "Aufbauen", von "militärischen" zu "politischen" Funktionen. Die Dynamik dieser Begriffspaare zeigt schon die Spannung auf, in der Soldaten künftig mehr und mehr ihren Dienst versehen müssen.

Primäre Aufgabe bleibt die Landes- und Bündnisverteidigung. Diese Aufgabe wird auch in Zukunft die Grundlage von Organisation, Ausbildung und innerer Verfassung unserer Streitkräfte sein. Sie fordert den Offizier in den klassischen Aufgaben als "Führer", "Ausbilder" und "Erzieher".

Aber zweitens muß die Bundeswehr auch als Vermittler und Helfer tätig werden. Sie handelt bei internationalen Friedensmissionen im Auftrag der Vereinten Nationen. Ziele dieser Kriseneinsätze sind Vorbeugung und Abschreckung, Verhütung von Feindseligkeiten und Sicherung des Friedens, Schutz der Menschenrechte und Überwachung völkerrechtlich verbindlicher Regelungen. Wir erleben das augenblicklich in Bosnien, wo die Bundeswehr ihre Aufgaben zur Friedenssicherung auf ganz vorbildliche Weise erledigt. Und auf meinen Reisen bekunden mir Repräsentanten der Vereinten Nationen oder der OSZE immer wieder ihre Anerkennung für den Einsatz deutscher Soldaten.

Drittens ist die Bundeswehr im Rahmen solcher multinationaler Einsätze aber auch immer Repräsentant unseres Landes. Und an diese Funktion sind zugleich neue kulturelle und diplomatische Anforderungen an die Soldaten geknüpft.

Nicht der Ersatz der einen durch die andere Rolle macht das neue Aufgabenverständnis des Soldaten aus, sondern die Gleichzeitigkeit aller Anforderungen: Was in Zukunft gefordert ist, ist ein komplexes Zusammenspiel von militärischen Fähigkeiten, von Diplomatie und wirtschaftlichen, kulturellen, technologischen Interessen und Überzeugungen.

Dafür müssen alle Soldaten umfassend und rechtzeitig vorbereitet werden. Für die militärischen Führungskräfte geschieht das auch an den Universitäten der Bundeswehr.

Damit bin ich bei einem zentralen Thema unserer Zeit, der Bildung. Vor ein paar Tagen habe ich einige Forderungen an unser Bildungssystem gerichtet, die, nach meinem subjektiven Urteil, erfüllt sein müssen, damit junge Leute so gut wie möglich für die Aufgaben der Zukunft vorbereitet werden. Und was ich über unser Bildungswesen insgesamt gesagt habe, muß selbstverständlich auch für die Ausbildung in der Bundeswehr gelten.

Erlauben Sie mir daher, die Ausbildung an den Bundeswehruniversitäten gewissermaßen als pars pro toto einmal unter die Lupe zu nehmen, um in dieser Bildungseinrichtung meine Überlegungen an einem ganz konkreten Beispiel zu erörtern - und Sie alle zugleich einzuladen, aus Ihren eigenen Erfahrungen die Relevanz meiner Forderungen zu überprüfen. Wenn ich das ganz bewußt vor einer Bundeswehruniversität mache, so will ich damit zweierlei zum Ausdruck bringen: Erstens möchte ich klar machen, daß ich die Bundeswehruniversitäten als vollwertige Bestandteile unseres Hochschulwesens betrachte, die in unserer akademischen Landschaft eine überaus wichtige Rolle spielen; zweitens möchte ich deutlich machen, daß zentrale Punkte meines vor einer Woche in Berlin angesprochenen "Bildungskataloges" in diesen Hochschulen zu einem erheblichen Teil schon realisiert sind.

Ich habe von allen unseren Bildungsinstitutionen gefordert, daß sie praxis- oder wie ich lieber sage lebensbezogen ausbilden müssen. Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, daß das in der akademischen Ausbildung junger Offiziere in vorbildlicher Weise geschieht. Schon früh hat man überall in der Welt in den Streitkräften erkannt, daß die Beherrschung modernster Technik zu einem immer wichtigeren Faktor wird. Die Anforderungen der modernen Elektronik, die Möglichkeiten der Ingenieurskunst legten es nahe, einem immer größer werdendenden Teil des Offizierskorps eine akademisch-praktische Ausbildung in diesen Fächern zu vermitteln.

Es spricht aber besonders für die Weisheit der damaligen Entscheidungsträger, daß die Bundeswehruniversitäten bei ihrem Entstehen nicht nur auf die technischen Fächer verengt wurden. Unsere jungen Offiziere verlassen die Bundeswehruniversitäten heute auch als ausgebildete Wirtschaftswissenschaftler, als Historiker, als Pädagogen, um nur diese Disziplinen zu nennen. Diese Breite der Ausbildung sichert eine wirklich zeitgemäße Praxisbezogenheit, denn sie schafft angesichts eines sich ständig verändernden Anforderungsprofils die notwendige Flexibilität: Wie gesagt, wer heute in Bosnien Dienst tut, ist nicht dort, um einen Gegener militärisch zu besiegen. Er ist da, um den Frieden zu gewinnen, um verfeindeten Volksgruppen ein Zusammenleben zu ermöglichen, um die Voraussetzungen für den Wiederaufbau einer Volkswirtschaft zu schaffen. Das setzt Führungspersönlichkeiten voraus, die nicht nur die militärische Technik exzellent beherrschen, sondern die zu eigenständigem Urteil in einem komplexen Umfeld imstande sind.

Was für die Praxisbezogenheit einer jeden Ausbildung gilt - daß nämlich in Zukunft Berufskarrieren und Tätigkeitsfelder zunehmend weniger planbar werden und die Ausbildung daher nicht nur auf die Vermittlung eines engen Fachwissens beschränkt sein kann - das ist für die angehenden Führungskräfte der Bundeswehr also nichts wesentlich Neues. Aber ich habe schon angedeutet, daß sich - wie in vielen anderen Berufen - auch das Tätigkeitsprofil des Soldaten in den letzten Jahren noch einmal ganz beträchtlich geweitet hat und in Zukunft noch vielfältiger werden wird. Die Zusammenarbeit wird - um nur das eine herauszugreifen - noch internationaler werden. Da ist eine perfekte Fremdsprachenkenntnis ebenso gefordert wie kulturelles Wissen und psychologisches Feingefühl. Gar nicht reden will ich von den oft beschriebenen Schlüsselqualifikationen und sozialen Kompetenzen, die man braucht, um zuhören, vermitteln, schlichten und helfen zu können und dabei in einem multinationalen Team zu Verständigungen und Entscheidungen zu gelangen.

Ganzheitliches und interdisziplinäres Denken ist in Zukunft also fast von jedem gefordert - und ich glaube, daß die Studienstruktur an der Bundeswehruniversität, an der die technische und naturwissenschaftliche Ausbildung stets mit einem bedeutsamen Anteil pädagogischer und gesellschaftswissenschaftlicher Pflichtfächer verknüpft ist, ganz hervorragende Voraussetzungen dafür schafft. Mindestens ebenso ist mit einem solchen Fächerkanon aber auch die Voraussetzung für das geschaffen, was ich als verstärkte Wertorientierung unseres Bildungswesens gefordert habe. Ich meine nicht nur die sogenannten Sekundärtugenden, die ja ohnehin in der Bundeswehr in besonderer Weise gepflegt werden. Ich meine damit in erster Linie die Werte, die in unserem Grundgesetz festgeschrieben und repräsentiert sind - die allerdings keinesfalls nur durch geisteswissenschaftliche Theorie vermittelt werden, sondern zuallererst durch gelebtes Vorbild. Auch dafür gilt, daß theoretische Durchdringung ohne praktisches Äquivalent wertlos ist.

Mit anderen Worten: Zum Wissen gehört die Anwendung. Aber für die Anwendung müssen wir auch die Möglichkeiten schaffen - und zwar zu sinnvollen Zeitpunkten. Es ist zum Beispiel nicht sinnvoll, wenn jemand erst zu Beginn seines vierten Lebensjahrzehntes die ersten Berufserfahrungen sammelt, denn zu diesem Zeitpunkt sind die produktivsten Lebensjahre möglicherweise schon vorbei. Sie, die studierenden Offiziere, haben bei Ihrem Abschluß deutlich weniger als vier Jahre studiert, sind im allgemeinen jünger als 25 Jahre und haben dennoch ein Studium absolviert, das einem Studium an öffentlichen Hochschulen voll entspricht. Ob das möglicherweise auch an der Trimestereinteilung Ihrer Studienjahre liegt, will ich hier nicht beurteilen - es lohnt sich aber vielleicht einmal für andere Hochschulen, auf dieses Modell zu schauen. Vielleicht läßt sich ja auch dort einiges abgucken.

Damit bin ich auch schon bei der letzten Forderung, die ich an unsere Bildungslandschaft insgesamt gestellt habe: Alle unsere Bildungsinstitutionen müssen bereit und fähig sein, sich in einem Wettbewerb um die besten Angebote und Lösungen zu profilieren. Sie müssen sich an den besten Vorbildern orientieren und als lernende Organisationen ständig weiterentwickeln. Das gilt selbstverständlich auch für die Bundeswehruniversitäten.

Noch einmal: Die zivilen und militärischen Fächer der Zukunft werden noch vielgestaltiger werden. Auf diese Vielfalt müssen unsere Ausbildungsinstitutionen vorbereiten. Das heißt, daß Zielvorgaben und Bildungsinhalte immer wieder auf den Prüfstand gehören. Auch die Lehrformen, Lehrinhalte und Strukturen an den Universitäten der Bundeswehr sind also nicht in Erz gegossen. Anders gesagt: Angesichts einer offenen, komplexen und immer weniger planbaren Zukunft müssen auch unsere Bildungseinrichtungen die Möglichkeiten zur "Flexible Response" schaffen. (Hier habe ich mir den Luxus eines Fachausdruckes einmal erlaubt.)

Es reicht nicht aus, jetzt angesichts der Veränderungen in unserer Welt neue Lehrinhalte und -strukturen auf Jahre hinaus festzuschreiben und danach wieder die Hände in den Schoß zu legen. Wenn wir heute von jedem Einzelnen eine dauerhafte Lernbereitschaft fordern, so gilt das auch für unsere Bildungsinstitutionen - gleichgültig, ob sie in einem zivilen oder militärischen Umfeld ausbilden.

Ich habe vor einer Woche zu einem breiten, nationalen Dialog über die Zukunft unseres Bildungssystems aufgerufen, damit man das nicht immer nur den Fachleuten überläßt, die ohnehin schon alles wissen. Dieser Dialog wird wesentliche Weichenstellungen für die Zukunft unserer Gesellschaft treffen. Es wird darum gehen, unterschiedliche Modelle und Möglichkeiten zu entwickeln und in einen Wettbewerb der Ideen und Modelle einzutreten, der Deutschland das beste Bildungssystem in der Welt verschaffen muß. In diesen Wettbewerb haben auch die Bundeswehr-Universitäten viel einzubringen! Beteiligen Sie sich daran mit dem Selbstbewußtsein, das den Universitäten der Bundeswehr und ihren Studenten zusteht.

- Es gilt das gesprochene Wort. -