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Ansprache von Bundespräsident Roman Herzog vor dem Initiativkreis Ruhrgebiet

Gemeinsinn und Verantwortung in der sozialen Marktwirtschaft

Lieber Herr Hartmann,

meine Damen und Herren,

Alexander Mitscherlich hatte schon in den sechziger Jahren befürchtet, wir würden eine Gesellschaft egoistischer "Einsiedlerkrebse"! Heute, im Zeitalter der weltweiten Globalisierung, des zunehmenden Wettbewerbs, der Konfrontation immer weiterer Bereiche mit den Gesetzen des Marktes melden sich - auch in anderen Ländern - wieder ähnliche Stimmen. Sie beklagen nicht nur die angebliche Globalisierungsfalle und das Ende der Wohlstandsgesellschaft; sie sehen auch einen Niedergang von Gemeinsinn und Verantwortungsbereitschaft der Bürger wie der Unternehmen. Der "Terror der Ökonomie", so der Titel eines jetzt auch in Deutschland viel gelesenen französischen Buches, bewirke Materialismus, Egoismus und Individualismus. "Marktwirtschaft total" bedrohe die letzten moralischen Fundamente der Gesellschaft. Diesen gefährlichen Trends müsse entgegengewirkt werden: durch die soziale Bändigung der Marktkräfte; durch eine neue Moral; durch mehr Gemeinsinn.

Es ist richtig, eine Gesellschaft wäre zutiefst bedroht, wenn Verantwortungsbereitschaft und Engagement der Bürger wie der Unternehmen für ihr gesellschaftliches und regionales Umfeld nachließen oder gar abstürben. Auch Markt und Wettbewerb werden sich als Ordnungsprinzipien nur legitimieren können, wenn sie nicht nur zu Effizienzsteigerungen und mehr Marktanteilen führen. Sie müssen auch moralisch überlegene, zumindest moralisch akzeptable Steuerungsmechanismen sein. Globale Marktkräfte und soziale Grundwerte müssen einander ergänzen. Umgekehrt wird aber auch eine Ethik nicht auf die Dauer tragfähig sein, die mehr Beschäftigung, mehr Produktivität und damit die ökonomischen Grundlagen für mehr Wohlstand ausschließt, Solidarität und soziales Engagement dürfen effizientes Wirtschaften nicht verhindern.

Wir brauchen deshalb eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die wirtschaftliche Dynamik, sozialen Zusammenhalt und Gemeinsinn in gleichem Maße fördert und die Menschen motiviert, nicht durch Angst, sondern durch Hoffnung und Perspektive. Gerade weil wir den innovativen Wandel wollen und brauchen, müssen wir das Bedürfnis der Bürger nach materieller und psychologischer Grundsicherung, Grundsolidarität und Grundvertrauen akzeptieren. Vertrauen ist die zentrale Ressource für Wagemut und Innovationsbereitschaft. Mißtrauen, Vereinzelung, Entsolidarisierung zerstören nicht nur den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie führen auch zu Blockaden und Stillstand, weil sie zu Risikoscheu und Angst vor Veränderungen führen.

Wir müssen die Sorgen um das Versinken der Gesellschaft in Kälte, Vereinzelung und Gleichgültigkeit also ernst nehmen. Die Gesellschaft darf nicht im Globalisierungsschock erstarren. Wir müssen die Klagen aber auch an den Fakten messen. Die Zusammenhänge sind komplexer, zugleich aber auch einfacher, als manche meinen.

Mögliche Gefahren drohen dem Gemeinsinn in Deutschland m.E. nicht von zu viel, sondern eher von zu wenig Freiheit und Spielraum für den einzelnen. Wer ist noch bereit, sich privat einzusetzen, wenn er das Gefühl hat, das sei Sache des Staates, an den er - wie er glaubt - ohnehin zu hohe Steuern und Abgaben zahlt? Mit dem Ausbau sozialer Leistungen und staatlicher Aktivitäten - auch für die Wirtschaft - haben wir jahrzehntelang darauf gesetzt, die Gemeinwohlverantwortung an den Staat zu delegieren. Und heute wundert sich mancher über vermeintlich mangelnde Initiative und abnehmende Solidarität.

Wir sind zu lange den Weg der Überforderung des Staates und der gleichzeitigen Unterforderung des Individuums gegangen. Deshalb müssen die Grenzen neu gezogen werden: Zwischen Rechten und Pflichten, zwischen Staat und privater Gesellschaft. Das ist auch kein einmaliges Erfordernis, sondern es gehört zur Grundstruktur der Sozialen Marktwirtschaft. Denn soziale Bedingungen verändern sich nun einmal mit der Gesellschaft. Die Attraktivität der Sozialen Marktwirtschaft ist wesentlich auch darin begründet, daß sie sich immer wieder auf diese Veränderungen einzustellen vermag. Sie ist nie fertig und bleibt dauerhaft anpassungsbedürftig. Das müssen wir uns immer wieder - was viel zu lange nicht geschehen ist - ins Bewußtsein rufen.

Marktwirtschaft und Wettbewerb sind weiterhin das beste Entdeckungsverfahren: für neue Fragen und Probleme, und für die notwendigen innovativen Antworten und Lösungen. Handlungsbedarf besteht aber immer wieder bei der Austarierung des Sozialen, gerade damit dieses gleichgewichtige Element der Sozialen Marktwirtschaft auch in Zukunft wirksam erhalten bleibt. Sozial ist - und auch das muß wieder in die Köpfe hinein - nicht nur das, was die Öffentliche Hand zum Wohle des Empfängers bereitstellt. Sozial ist vor allem das, was den Einzelnen zur Eigenverantwortung befähigt und anreizt, und was kleinere oder größere Gemeinschaften zur Selbsthilfe und zur Hilfe für den jeweils Schwächeren ermuntert. Selbst tätig werden muß der Staat nur, wo der einzelne sich nicht helfen kann und auch nicht von seinem Umfeld aufgefangen wird.

Deshalb stimmt das Konzept, auch wenn die konkrete Rahmenordnung der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland immer wieder angepaßt werden muß. Es muß wieder stärker am ursprünglichen Freiheitsleitbild einer offenen Gesellschaft ausgerichtet werden. Freiheit, Marktprinzip und zivile Gesellschaft stehen eben nicht in einem unversöhnlichen Gegensatz zueinander. Wohlverstanden fördern sie einander sogar. Ich bin deshalb Optimist. Entgegen vielen Behauptungen verfällt die Gesellschaft in Deutschland nicht unaufhaltsam in eine Ansammlung von Egoisten. Der vielbeschworene Individualisierungsschub bedeutet nicht notwendig ein Mehr an Egoismus.

Die Menschen wollen auch bei uns immer mehr Subjekt des eigenen Handelns sein. Ihren Gemeinsinn werfen sie dabei aber - nach meinen Beobachtungen - nicht über Bord - weder in der Bürger- noch in der Wirtschaftsgesellschaft. Im Gegenteil: Je größer die - auch finanziellen - Spielräume für eigenverantwortliches Handeln, je geringer die staatliche Bevormundung und Abschöpfung sind, desto größer wird nach meinem Eindruck die Möglichkeit, aber auch die Bereitschaft zum verantwortlichen Engagement auch für den anderen.

Der Initiativkreis Ruhrgebiet ist dafür auf der regionalen Ebene ein gutes Beispiel. 1989 vor allem von Rudolf von Benningsen, Bischof Hengsbach, Alfred Herrhausen und Adolf Schmidt auf den Weg gebracht, leistet er jenseits staatlicher Maßnahmen in vorbildlicher Weise einen Beitrag zum Gemeinwohl. Sie nehmen ihre Standortverantwortung ernst: in einer von strukturellen Problemen stark belasteten Region.

Besonders gefallen hat mir Ihre Unterstützung für das Projekt "Aus Ruhrkids werden Zukunftskinder". Wir werden ja später noch konkret sehen, wie geschickt die Ruhrkids mit dem Zukunftswerkzeug Computer umgehen können. Um die Zukunftsfähigkeit der Jugend brauchen wir uns am wenigsten Sorgen zu machen. Eher schon um die der mittleren und älteren Generation (jedenfalls wenn man meine Computerfertigkeiten als Maßstab nimmt). Was mir bei der Jugend Sorge macht, ist die Frage, ob wir ihr genügend Chancen zur Verfügung stellen können.

Die Unterstützung des Initiativkreises für Kultur, Sport, Wissenschaft und Technik kann den Strukturwandel im Ruhrgebiet natürlich nicht allein bewirken. Wer sich davon unmittelbar mehr Investitionen und tausende neue Arbeitsplätze verspricht, der überfordert den Initiativkreis. Ihre Arbeit kann aber viel für das Image, die Atmosphäre und die Stimmung im Ruhrgebiet tun. Alles wichtige Standortfaktoren, die die Attraktivität des Ruhrgebietes als zukunftsträchtige Lebens-, Arbeits- und Investitionsregion erhöhen.

Gerade das erscheint mir besonders wichtig. Denn nach wie vor klafft auch im Ruhrgebiet eine große Lücke zwischen der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und der tatsächlichen Wirklichkeit. Das hat das Ruhrgebiet im übrigen mit strukturschwachen Regionen in den östlichen Bundesländern gemeinsam. Unterhalb der Ebene der Krisenberichtserstattung geschieht hier viel mehr Positives, als die veröffentlichte Meinung oft wahrnehmen will. Gerade mit dem Ruhrgebiet geht es wieder aufwärts. Es ist ein gutes Stück seinem Ziel näher gekommen, sich vom "Zweibeiner" zum "Tausendfüßler" zu verwandeln - von einer Kohle- und Stahlregion zu einem Wirtschaftsstandort mit einem breiten Produktions- und Dienstleistungsspektrum.

Nicht nur private Initiativen wie der Initiativkreis Ruhrgebiet haben dabei mitgeholfen, sondern auch die Zusammenarbeit der öffentlichen Hand mit Unternehmen auf lokaler oder regionaler Ebene nach dem angelsächsischen Vorbild der "Private-Public Partnership". Und dies ist richtig so. Seit mehreren Jahren betreiben Investoren und die Stadt Duisburg die Wirtschaftsförderung gemeinsam. Unternehmen stellen ihre Kenntnisse in den Dienst einer lokalen Standortverbesserung, die dem Grundsatz folgt: gemacht wird, was allen nützt. Dieses Modell kann auch anderswo Pate sein.

Ohnehin hat im Ruhrgebiet unternehmerisches Engagement zum Wohle des Gemeinwesens eine gute, lange Tradition. Schon vor der Bismarckschen Sozialgesetzgebung haben Unternehmen im Ruhrgebiet Betriebskrankenkassen geschaffen, kommunale Krankenhäuser eingerichtet, Werkswohnungen gebaut oder über Stiftungen Kultur und Wissenschaft gefördert. Heute fördern sie Hochschulen und Fachhochschulen, bauen die Lehrlingsausbildung aus oder stellen im Umfeld ihrer Produktionsstätten Flächen für die Ansiedlung junger Unternehmen zur Verfügung.

So löst sich manches von dem übertriebenen Gegensatz, der mit dem Schulenstreit zwischen "Shareholder Value"- und "Stakeholder"-Ansatz verbunden ist. Jedes langfristig arbeitende Unternehmen weiß doch: Mein größtes Kapital sind meine Mitarbeiter. Und nur in einer prosperierenden, attraktiven Region kann auch ich unternehmerisch erfolgreich sein. Nur wenn ich beider Wohl in meine Entscheidungen miteinbeziehe, sind Gewinn- und Aktienkurssteigerungen wirklich von Dauer. Dies zu berücksichtigen, ist nicht nur ein Gebot der Unternehmensethik. Es liegt gleichzeitig im ureigenen Interesse jeder Unternehmensleitung!

Nicht nur im Ruhrgebiet, sondern in der ganzen Bundesrepublik Deutschland gibt es überzeugende Beispiele für Gemeinsinn und soziales Engagement. Von aussterbender Hilfsbereitschaft, zunehmender Kälte und einem Zurückdrängen des Sozialen kann so keine Rede sein. Ein nüchterner Blick auf die Zahlen belehrt uns eines Besseren. Trotz schwieriger wirtschaftlicher Lage ist im ganzen die Spendenbereitschaft der Deutschen für soziale Zwecke immer noch beachtlich. Vor allem aber das ganz persönliche Engagement hat nicht ab-, sondern sogar zugenommen. Die Gesamtzahl der ehrenamtlich und freiwillig Tätigen in Deutschland ist von etwa 2,5 Mio. in den 60er Jahren auf rund 12 Mio. in den 90er Jahren gewachsen. Ihr Anteil an der Bevölkerung hat sich von 5 auf 17% erhöht und damit fast vervierfacht.

Ebenso vielfältig wie die Formen freiwilliger und ehrenamtlicher Tätigkeit sind die Felder, auf die sich dieses Engagement erstreckt. Gesundheit und Soziales, Sport und Freizeit stehen an der Spitze. Aber nicht nur hier, auch in der Kommunalpolitik, in den Parteien, in der Kultur, der Justiz, der Jugendarbeit, im Katastrophenschutz, im Rettungswesen und bei der Freiwilligen Feuerwehr, in der Wissenschaft oder beim Umweltschutz, vor allem in den Familien spielt, entgegen allen Unkenrufen, ehrenamtliche Tätigkeit eine große, ja eine wachsende Rolle.

Das gilt auch für die ehrenamtliche Tätigkeit in den Selbstverwaltungsorganen der Wirtschaft, beim Arbeitsschutz, in der Tarifpolitik oder in der Aus- und Weiterbildung. So sind in den Industrie- und Handelskammern rund 250.000 Unternehmer oder Angestellte ehrenamtlich tätig; bei den Handwerkskammern kommen noch einmal rd. 200.000 dazu. Auch die Politik will ich nicht vergessen. Hunderttausende engagieren sich in Parteien, Kommunalparlamenten, Ratsausschüssen oder als sachverständige Bürger - und die allermeisten tun es ehrenamtlich und ohne Aussicht auf irgendeine Karriere.

Die Klagen von Kirchen, Parteien und Gewerkschaften über mangelnden Nachwuchs sind gewiß ernstzunehmen. Besonders jüngere Menschen stehen heute den althergebrachten Vereinen und Verbänden eher skeptisch gegenüber. Aber viele sind gleichwohl zur Übernahme von Verantwortung bereit. Sie bevorzugen z.T. nur neue Organisationsformen: Selbsthilfegruppen, Bürgerinitiativen oder lose Zusammenschlüsse mit Aufgaben auf Zeit.

Ich warne auch davor, einen Widerspruch zwischen freiwilligem Engagement und Selbstverwirklichung zu sehen. Beides schließt sich nicht zwangsläufig aus. Denn indem jemand etwas für andere tue, tut er auch etwas für sich selbst. Eine treibende Kraft in der menschlichen Natur ist nun einmal auch der Eigennutz (Heilige gibt es natürlich auch, aber sie sind eher selten).

Wir "normalen" Menschen suchen die Chance, durch Mithilfe auch ein Stückchen Sinn des Lebens, ein bißchen Freude, eine Portion Kommunikation und Anerkennung, möglicherweise sogar eine kleine Gegenleistung zu bekommen. Dienst für andere ist also auch Dienst an sich selbst. Diesen Wandel müssen auch unsere Großorganisationen zur Kenntnis nehmen, wenn sie zukunftsfähig bleiben wollen.

Die neuen Formen des Gemeinsinns sind um so wichtiger, als bei den gegenwärtigen Sparzwängen vieles liegen bleiben muß, das bisher staatliche oder staatsähnliche Institutionen erledigt haben. Gerade deshalb müssen wir den vorhandenen Vorrat an Gemeinsinn phantasievoller als bisher aktivieren.

Bei alledem muß aber klar sein: Die Ressource Gemeinsinn gibt es nicht zum Nulltarif. So sollte z.B. die Erstattung für die Auslagen eines ehrenamtlichen Helfers eine Selbstverständlichkeit sein. Ein weiterer Anreiz sind Qualifizierungsangebote, sowohl für schon ehrenamtlich Tätige als auch für die, die noch geworben werden sollen. Manchmal helfen vergleichsweise geringe öffentliche oder private Zuschüsse, z.B. in Gestalt von Büromaterial oder Computern, um ungeahnte Multiplikatoreffekte auszulösen.

Vor allem braucht die Alternative zwischen vollbezahlter Erwerbsarbeit und ehrenamtlicher Tätigkeit für Gotteslohn noch eine Ergänzung. Es müßte dazwischen ein Drittes geben: Arbeit, gewiß nicht voll vergütet, aber nicht mit Zuzahlungen aus der eigenen Tasche, sondern mit gesellschaftlicher und vielleicht auch materieller Anerkennung versehen.

Das so verstandene Ehrenamt böte auch zusätzliche Perspektiven für die Zukunft der Arbeitsgesellschaft. Wir haben wichtige Arbeit, die nicht getan wird, weil sie nicht bezahlt werden kann. Und wir haben Menschen, die keine bezahlte Arbeit finden. Da müssen sich doch Brücken und neue Zugangsmöglichkeiten finden lassen.

Auch die Wirtschaft kann hier etwas tun: Indem sie bei Einstellungen z.B. die Qualifikationen aus dem Ehrenamt berücksichtigt. Vieles, was Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter außerhalb ihres Berufs tun, prägt ihre Persönlichkeit und schafft zusätzliche Fähgikeiten. Ihr Arbeitsplatz, ihre Arbeitgeber profitieren davon.

Erfreulicherweise beschränken sich soziales Engagement, Ehrenamt und freiwillige Tätigkeit in Deutschland nicht nur auf Bürger und Arbeitnehmer. Auch das Engagement der Wirtschaft in der gemeinnützigen Stiftungsarbeit hat sich in den letzten Jahren verstärkt. Der Bundesverband deutscher Stiftungen verzeichnet 1997 fast 8.000 Stiftungen. Vor drei Jahren waren es noch knapp 7.000. Im Zeitraum von 1985 bis 1996 wurden fast genauso viele Einrichtungen geschaffen wie in den 35 Jahren zuvor. Seit 1992 werden in Deutschland alljährlich mehr als 200 neue Stiftungen errichtet. Fast jede dritte Einrichtung dient nach ihrer Satzung sozialen Aufgaben. Ein knappes Fünftel fördern Bildung und Ausbildung. 16% sind der Wissenschaft und Forschung gewidmet, 12% der Kunst und Kultur, 6% der Gesundheit und 3% der Umwelt.

Damit sind wir von den Verhältnissen in den USA mit über 50.000 Stiftungen zwar noch weit entfernt. Ich bin jedoch auch hier zuversichtlich: Wenn wir die Rahmenbedingungen für die Stiftungen nur entsprechend günstig gestalten, kann sich hier - auch angesichts eines privaten Geldvermögens von fast 5 Bio. DM - im nächsten Jahrzehnt ein "Dritter Sektor" neben Wirtschaft und Staat entwickeln. Er könnte viele der dem Staat zugewachsenen oder "aufgehalsten" Aufgaben übernehmen. Dann müssen künftig auch in Deutschland die private und unternehmerische Dynamik und der Dienst am Gemeinwohl nicht mehr getrennt betrachtet werden.

Gestatten Sie mir in diesem Zusammenhang ein Wort zum unternehmerischen Sponsoring für kulturelle, wissenschaftliche, sportliche oder soziale Zwecke. Manche schauen auf diese Form der betrieblichen Unterstützung für Gemeinwohlanliegen kritisch, naserümpfend, auf jeden Fall aber von oben herab. Warum? Weil sie - auch aus steuerlichen Gründen - eindeutig auch den einzelnen Unternehmen und ihrem Ansehen nützen und weil dadurch eine sachfremde Beeinflussung des Gemeinwohlanliegens befürchtet wird.

Ich halte das für eine Elfenbeinturmhaltung. Privates Sponsoring nutzt der Gesellschaft. Sponsoren handeln natürlich oft aus Eigennutz. Sie handeln aber auch nach der Grundgesetz-Maxime: Eigentum verpflichtet. Wenn private Geldgeber einspringen, weil die Staatskasse leer ist, ist das eindeutig besser als gar nichts. Sponsoring ist aber auch gut, wenn die Staatskasse nicht leer ist. Manche Institutionen müßten schließen; Universitäten könnten ihren Studenten nur eine noch schlechtere Ausstattung bieten; viele Schüler kämen in ihrer ganzen Schulzeit nicht mit einem einzigen Computer in Berührung, und viele soziale Einrichtungen können überhaupt nur noch dank Sponsoren aus der Wirtschaft ihre Arbeit leisten - von der AIDS-Hilfe über Jugendzentren bis zur Unterstützung von Obdachlosen - .

Ich begrüße es deshalb, daß die Sponsorentätigkeit der Wirtschaft jetzt durch einen Erlaß des Bundesfinanzministeriums jetzt erleichtert worden ist. Sicher wird man ein Auge auf die mit dem Sponsoring verbundene mögliche Beeinflussung des jeweiligen guten Zwecks werfen müssen; ohnehin kann man auch durch das Sponsoring den Staat nicht aus seiner Grundverantwortung entlassen. Nur: Wer hier die reine Lehre vertritt, fördert nicht das Gemeinwohl, sondern er verhindert gemeinsinnorientiertes Engagement der Bürger wie der Wirtschaft.

Mehr Markt und Wettbewerb, die angeblich zunehmende Vorherrschaft der Ökonomie haben Bürgerengagement und Gemeinsinn in Deutschland also nicht verdrängt.

Ohnehin wird das tatsächliche Ausmaß der Veränderungen weg vom Staat in der öffentlichen Diskussion häufig übertrieben. Ein Blick auf die Fakten belegt, daß die Staatsquote in unserer Volkswirtschaft sehr hoch ist. Von 32% im Jahre 1960 stieg der Staatsanteil in Deutschland über 48% im Jahre 1980 auf heute knapp 50%. Der Staat beansprucht also immer noch fast die Hälfte des Sozialprodukts. Nun will ich nicht verschweigen, daß sich darin die hohen staatlichen Leistungen infolge des Vereinigungsprozesses widerspiegeln. Aber das allein begründet die hohe Staatsquote nicht!

Angesichts dieser Situation kann keine Rede davon sein, daß in unserer Sozialen Marktwirtschaft das marktwirtschaftliche gegenüber dem sozialen Element inzwischen ganz überwiege. So glauben es aber nach einer jüngsten Meinungsumfrage 54% der Deutschen.

Selbstverständlich brauchen wir ethische Rahmenbedingungen für die offene Gesellschaft, also "Spielregeln" für das Verhalten der Marktteilnehmer: Um gleiche Startbedingungen sicherzustellen, den Mißbrauch marktbeherrschender Positionen zu verhindern und generell den wirklich Schwachen zu schützen, der sich nicht selbst helfen kann. Als Beispiele für diese Spielregeln nenne ich nur das Kartell- und Wettbewerbsrecht, das Tarif- und Arbeitsrecht oder die Umweltschutzregeln. Diese Spielregeln müssen aber auch immer wieder neu befragt werden: Sind die Anreize wirklich richtig gesetzt? Machen sie das erwünschte Verhalten auch lohnend? Lassen sie den notwendigen Spielraum für Eigenverantwortung und Wagnismut - oder schreiben sie alles bis in Detail vor?, wie das bei uns in Deutschland ein so beliebtes Spiel ist.

Vor allem dürfen die gesellschaftlichen und ethischen Anforderungen nicht so formuliert werden, daß sie den einzelnen moralisch überfordern. Die Versuchung zum regelwidrigen Verhalten wäre sonst zu groß und gilt nicht nur für die mit den sozialen Sicherungssystemen verbundenen Anreize, sondern auch für das Steuer- und Abgabensystem.

Ludwig Erhard hat es auf den Punkt gebracht: "Die Steuermoral ist gerade so gut oder so schlecht, wie die Steuerpolitik gut oder schlecht ist." Rückbezüge von diesem Zitat auf aktuelle Vorgänge sind natürlich nicht beabsichtigt. Gleichwohl wollte ich es ihnen nicht vorenthalten.

Damit die ethisch wünschenswerten Wirkungen der Sozialen Marktwirtschaft realisiert werden, bedarf es also nicht des moralischen "Übermenschen". Sie funktioniert mit den Menschen, wie sie nun einmal sind: mit einer durchschnittlichen Moral. Man muß mit der durchschnittlichen Moral bis in die obersten Vorstandsetagen der Politiker und der Wirtschaft rechnen. Entscheidend ist der Ordnungsrahmen, der die ethischen Funktionsbedingungen für die Soziale Marktwirtschaft festschreiben muß.

Ohnehin stehen Markt und Moral zueinander durchaus nicht in dem unversöhlichen Gegensatz, in dem sie oft gesehen werden. Wettbewerb und Effizienz haben selber eine ethische Dimension. Der Wettbewerb kann zwar das Problem der Knappheit materieller Güter nicht aus der Welt schaffen. Er lindert es aber, indem er zu wirtschaftlichem, verschwendungsfreien Umgang mit den in der Welt knappen Gütern zwingt. Nur Wettbewerb kann dauerhaft Arbeit und Wohlstand schaffen, nur er kann Armut überwinden. Er zwingt Unternehmen, sich durch Innovation im Markt zu behaupten und so ihre Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen. Er eröffnet Außenseitern Chancen und löst Konflikte friedlich. Vor allem: Der scheinbar unpersönliche, wettbewerbliche Marktprozeß hält immer Alternativen offen. So schützt er auch vor privater oder staatlicher Willkür und Ausbeutung und baut, wenn er funktioniert, auch ungleichgewichtige Übermachtpositionen ab.

Sozialer Ausgleich ist nicht systemfremdes Anhängsel, sondern inhärentes, konstitutives Element der Marktwirtschaft, die deshalb Soziale Marktwirtschaft heißt. Deshalb haben wir weiterhin alles zu tun, daß Markt und Wettbewerb, daß die Soziale Marktwirtschaft in Deutschland den Menschen nicht als angsteinflößende Bedrohung gegenübertritt. Sie muß den Bürgern glaubwürdig als Chance für die Zukunft erscheinen. Das hängt auch von unserem, von Ihrem Verhalten ab.

Wir brauchen ein neues Bündnis von Ökonomie und Menschlichkeit, von Marktwirtschaft und Verantwortung, von Wettbewerb und Gemeinsinn. Nicht Ethos gegen Markt ist die Alternative, die Versöhnung von Markt und Ethos ist unsere Aufgabe. Und ich sage es bewußt hier vor Unternehmern noch einmal: Das ist eine Frage des vorbildlichen Verhaltens und des öffentlichen Bekundens.

Vielen Dank!

- Es gilt das gesprochene Wort. -