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Ansprache von Bundespräsident Roman Herzog bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Juristischen Fakultät der Universität Breslau

Magnifizenz, Herr Präsident, meine Damen und Herren,

in dieser prachtvollen Aula wurde am 19. Oktober 1811 mit einem Festakt die Breslauer Universität gegründet. Ein jahrhundertealter Wunsch der Stadt war damit erfüllt worden.

Der preußische König und schlesische Landesherr Friedrich Wilhelm III. schuf mit seiner Kabinettsorder aber keine wirklich neue Universität: Breslau erhielt, was Frankfurt an der Oder genommen wurde: die ehrwürdige Viadrina, deren Professoren mitsamt der Universitätsbibliothek die Oder hinauf verschifft wurden. Eine ganze akademische Tradition wurde einfach verlegt.

Als in den Jahren nach 1945 diese Universität von einer deutschen zu einer polnischen wurde - zusammen mit der historischen Provinz Schlesien, deren Hauptstadt Breslau stets gewesen war - und als damals Menschen hierher kamen, die im Osten Polens ihre Heimat verloren hatten, da war Breslau ein zweites Mal keine wirklich neue Universität. Was nach der wochenlangen Beschießung der Stadt kurz vor dem Ende des Krieges von den Instituten und Bibliotheken noch übriggeblieben war, gab den Grundstock für die zweite Lebensperiode dieser Universität ab. Man hatte sich neu zu besinnen nach der gewaltsamen Verpflanzung von Millionen von Menschen. Deutsche Schlesier mußten weiter westlich ihr Leben neu einrichten, wo zwei deutsche Staaten entstanden. An ihrer Stelle hatten Polen, die aus Lemberg, Galizien und anderswoher stammten, sich nun hier beiderseits der oberen Oder anzusiedeln, wo das nach Westen verschobene Polen sich anschickte, neue Staatsgewalt zu errichten. Man hat sie nicht gefragt - weder die vertriebenen Deutschen noch die vertriebenen Polen. Die Geschichte ging - wie so oft - über die Köpfe der Menschen hinweg.

Die Jahre des Grauens, der Verbrechen und der Leiden zwischen 1939 und 1946 werfen auch heute noch ihre langen Schatten. Aber sie lähmen uns nicht mehr, und allmählich verharschen die Wunden. Daß ich heute hier stehe und der höchsten Ehre teilhaftig werde, die Ihre Universität zu vergeben hat, ist dafür ein besonderes Zeichen.

Wie konnte es kommen, daß dieser erstaunliche Neuanfang zwischen Deutschen und Polen möglich wurde? Darauf gibt es verschiedene Antworten, die sich nur in ihrer Summe zu einem vernünftigen Ganzen fügen. Ich will versuchen, die Teile dieses Ganzen zusammenzutragen.

Die erste Antwort ist eine christliche: Sie entstammt dem Evangelium und fordert zum Verzeihen auf. Deutsche und polnische Bischöfe waren unter den Ersten, die sie gegeben haben. Sie sprachen stellvertretend für die Menschen in beiden Ländern, die in ihrer großen Mehrheit von neutestamentlicher Ethik geprägt sind und geprägt bleiben, auch wenn gewiß nicht jedermann ein gläubiger Christ ist.

Die zweite Antwort ist eine historisch-politische: In Polen wie in Deutschland hat es - teils im Verborgenen, teils öffentlich hörbar - seit den fünfziger Jahren Stimmen gegeben, die daran erinnerten, daß ein geteiltes Deutschland und eine Volksrepublik Polen nicht das letzte Wort der Geschichte sein könnten. Führende Köpfe unserer Länder bereiteten den Boden für neue Gemeinsamkeit zu einer Zeit, als die festgefahrene internationale Lage zu Optimismus wahrlich wenig Anlaß bot. Ich nenne hier - stellvertretend für viele andere - nur Marion Gräfin Dönhoff und Stanislaw Stomma.

Die dritte Antwort hat mit der Entwicklung der Mentalitäten zu tun: Nichts hat den Widersinn des kommunistischen Systems in deutschen Augen so hell beleuchtet wie der polnische Freiheitskampf der achtziger Jahre. Das Wort Solidarität bekam damals auch bei uns einen neuen Klang. Es war gleichbedeutend mit Bewunderung, Hoffnung und Mitgefühl. Polen gewann ein ganz neues Ansehen in Deutschland. Dem stand auf polnischer Seite ebenfalls eine neue Erfahrung gegenüber: Ausgerechnet aus Deutschland kam während der kalten Winter des Kriegsrechts Hilfe in Gestalt unzähliger Pakete.

Hieraus folgt eine vierte Antwort: Sie ist historisch-psychologischer Art und hängt zusammen mit der großen Nähe zueinander, der intimen gegenseitigen Kenntnis aus Zeiten lange vor der Katastrophe. Gab es da nicht die polnischen Namen auf Türschildern im Ruhrgebiet und in Berlin? Waren da nicht die vielen deutschen Lehnwörter in der polnischen Sprache? Das Hambacher Fest in der Pfalz, an dem Polen teilnahmen, und das Magdeburger Stadtrecht, nach dem viele polnische Städte sich jahrhundertelang verwalteten? Natürlich war das alles stets unterschwellig dagewesen. Aber es war verschüttet gewesen durch unsere Fixierung auf die Traumata von Krieg und Nachkriegszeit.

Meine fünfte Antwort bezieht sich daher auf die Kraft eines großen historischen Augenblicks, auf die Jahre 1989 und 1990. Polen wurde von einer Volksrepublik zu einer Republik für das polnische Volk. Deutschland fand Einigkeit und Recht und Freiheit wieder, wie der Breslauer Germanist und Dichter Heinrich Hoffmann (von Fallersleben) sie - unter ganz anderen Umständen - im 19. Jahrhundert herbeigesehnt hatte. Übrigens: Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland in gesicherten, für alle seine Nachbarn annehmbaren Grenzen. Wäre dies nicht so gewesen, dann hätten wir bis heute nicht die reiche Substanz der Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Polen wieder entdecken und fruchtbar machen können. Aber wir haben es gekonnt, und nur deshalb kann ich heute im polnischen Breslau auch von der reichen Vergangenheit der Stadt und der Landschaft Schlesien sprechen, die über Jahrhunderte von Deutschen geprägt wurde. Ich kann es, weil der große Umbruch vor acht Jahren uns in jeder Hinsicht befreit hat.

Meine sechste und letzte Antwort ist - vordergründig gesprochen - eine physikalische: Sie betrifft den Ablauf der Zeit und seine Wirkung auf die Empfindungen der Menschen. Nicht im banalen sprichwörtlichen Sinn, wonach die Zeit alle Wunden heilt; aber doch in dem Bewußtsein, daß wir die lange Zeit der Abschottung durch die Verhältnisse des Kalten Krieges vielleicht gebraucht haben, um unseren Atem wiederzufinden, auch im Gedankenaustausch mit unseren Kindern, für die die vierziger Jahre unendlich weit zurückzuliegen scheinen.

Hierin liegt eine große Chance: nicht in der Versuchung des Vergessens, aber in der schieren Unmöglichkeit, schon einem Zehnjährigen zu erklären, daß zur Zeit seiner Geburt noch eine Mauer durch Berlin ging. Wir können dankbar dafür sein, daß - bis auf wenige Ausnahmen, mit denen wir fertigwerden müssen - junge Deutsche und junge Polen nicht mehr bereit sind, Haltungen von gestern und vorgestern zu übernehmen.

Heute sind die Nachrichten von ganz anderer Art: wie die von einer Schule in Berlin-Tegel, deren Schüler einem Breslauer Gymnasium freundschaftlich verbunden sind. Mit ganz erstaunlichem Erfolg haben sie eine große Geldsumme gesammelt und ihren Breslauer Freunden zur Verfügung gestellt, die es vom Hochwasser betroffenen Familien weitergegeben haben.

Ich habe es schon gesagt: Die Erstarrung ist gewichen. Schlesien schickt sich an, wieder zu dem Kreuzungspunkt europäischer Kulturen zu werden, der es unter Piasten, Pschemysliden, Habsburgern und Hohenzollern, und auch in den besseren Tagen des Deutschen Reiches stets gewesen ist. Hier gibt es eine deutsche, eine polnische und auch eine besondere schlesische Geschichte. Und hier gibt es heute - trotz des Abreißens so vieler Kontinuitäten in der Folge des Krieges - auch wieder eine Grundhaltung, die der aus Breslau stammende Historiker Ludwig Petry als "schlesische Toleranz" bezeichnet hat. Cuius regio, eius religio - dieses aus heutiger Sicht höchst fragwürdige Ordnungsprinzip der frühen Neuzeit haben die hiesigen Herrscher stets ein wenig gelassener gehandhabt als anderswo im Heiligen Römischen Reich. Das Erzhaus Österreich gab den Protestanten den Spielraum, dessen Spätfolge es ist, daß heute ein schlesischer Protestant polnischer Ministerpräsident ist. Und Friedrich der Große als der nächste Landesherr dachte gar nicht daran, die katholische Mehrheit in seiner reichen neuen Provinz zu molestieren. Vergessen wir auch nicht die Breslauer Juden, die diese Stadt bis in die Dreißiger Jahre entscheidend mitgeprägt haben. Hier lebte die neben Berlin und Frankfurt am Main größte jüdische Gemeinde Deutschlands.

Schließlich ist auch diese Universität nie durch Extrempositionen hervorgetreten. Von Anfang an gab es hier eine katholische und eine evangelische theologische Fakultät. Der bürgerlich-aufgeklärte Nationalökonom Werner Sombart lehrte hier ebenso wie sein Kollege Lujo Brentano, der als Kathedersozialist galt. Diese Universität hat den Philosophen Wilhelm Dilthey geprägt, und auch den Historiker Theodor Mommsen, der vor seiner Berufung nach Berlin als junger Professor hier mit der Arbeit an seiner Römischen Geschichte begann. Die Pflege der "schlesischen Toleranz" ist, wie der heutige Tag mir vor Augen führt, auch der neuen Viadrina Vratislaviensis ein vornehmes Anliegen.

Denn ohne solche Toleranz können wir nicht mehr leben. Dabei haben durchaus nicht nur politische und moralische Überzeugungen uns wieder zu guten Nachbarn gemacht, sondern verantwortungsbewußte Politiker unserer beiden Länder haben erkannt, daß es im nationalen Interesse Deutschlands und Polens liegt, immer engere Zusammenarbeit anzustreben. Wer hätte beispielsweise uns Deutschen geglaubt, wenn wir beteuert hätten, uns nur aus Altruismus bei unseren westlichen Partnern für Polens Integration in die NATO und die Europäische Union einzusetzen? Viel erfolgreicher waren wir mit dem Argument, daß wir auch selbst - wie übrigens auch die anderen Westeuropäer - sicherer und entspannter leben können, wenn wir unsere Sicherheit mit unseren östlichen Nachbarn teilen.

Auch wir Deutsche leben besser, wenn östlich unserer Grenzen Wohlstand und Stabilität zunehmen. Wir können uns nur dann in der Mitte Europas wohlfühlen, wenn wir diese Mitte im vernünftigen Ausgleich der Interessen, aber auch aus vollem Herzen mit denen teilen, die neben uns leben. Das ist für viele noch vom Ost-West-Gegensatz oder vom Denken des 19. Jahrhunderts geprägte Anhänger der Realpolitik etwas Neues. Aber ich bin zuversichtlich, daß wir auf unserem gemeinsamen Weg erfolgreich vorangehen werden.

Zum Schluß noch eine Anmerkung zur Viadrina Vratislaviensis: Auch die Frankfurter haben seit ein paar Jahren ihre Viadrina wieder, die sie seit 1811 hatten vermissen müssen. Und was ist daraus geworden? Eine europäische Universität mit fast einem Drittel polnischer Studenten. Und übrigens mit immer mehr deutschen Studenten, die Polnisch lernen, denn schließlich gibt es kein Naturgesetz, wonach deutsch-polnische Beziehungen sich nur in deutscher oder englischer Sprache abzuspielen hätten.

Nun können die beiden Viadrina-Hochschulen, die eine so merkwürdige Geschichte miteinander verbindet, beiderseits des Flusses darin wetteifern, eine junge deutsch-polnische Elite heranzubilden, die wir in den kommenden Jahrzehnten dringend brauchen, wenn wir wirklich fest zusammenwachsen wollen. Dem neuen Breslauer doctor honoris causa bleibt an alle, die an dieser Universität, in Frankfurt an der Viadrina und anderswo dieses Ziel vor Augen haben, zum Schluß der Appell des großen schlesischen Barockdichters Andreas Gryphius: "Wach auf, mein Herz, und denke!"

- Es gilt das gesprochene Wort. -