Navigation und Service

Ansprache von Bundespräsident Roman Herzog an der Universität Fort Hare/Südafrika

Magnifizenz,meine Damen und Herren,

Universitäten sind mehr als eine Gruppe von Gebäuden auf einem Campus. Sie sind eine Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden - mit dem großen Ziel der Bildung, aber auch mit den Sorgen des Alltags.

Ich freue mich, daß die Probleme, die Fort Hare zu Beginn des neuen Studienjahres erlebte, nun auf dem Weg guter Lösung sind. Und ich freue mich, daß wir heute gemeinsam Zeit finden, über die Zukunft nachzudenken.

Die Universität von Fort Hare ist einer der großen Namen in der Geistesgeschichte Afrikas. Seit ihrer Gründung vor über 80 Jahren hat diese Universität viele führende Persönlichkeiten des südlichen Afrikas hervorgebracht. Trotz aller Widrigkeiten von Kolonialzeit und Apartheid wurde hier eine Führungselite herangebildet, die nach dem Sieg von Unabhängigkeit und Freiheit das Steuer übernehmen konnte. Nicht weniger als 6 Länder haben oder hatten Staats- oder Regierungschefs, die an der Universität Fort Hare ausgebildet wurden, eine wahrhaft stolze Bilanz.

Erlauben Sie mir, unter den berühmten Namen von Studenten dieser Universität den von Nelson Mandela herauszugreifen. Nicht nur, weil er Besonderes für Südafrika geleistet hat, sondern weil er mit seinem Mut und seiner Weisheit auch in Europa die Herzen der Menschen, vor allem der Jugend, erreicht hat. Er ist auch in meiner Heimat ein Symbol für Freiheitswillen und Bereitschaft zu friedlicher Veränderung. Sein Einsatz für den Wandel in Südafrika hat der Welt gezeigt, was die Kraft des Arguments, die Verbindung von Visionen mit Realitätssinn und das Beispiel weiser Führung zu leisten vermögen. An dem Glanz dieses Vorbildes hat auch die Universität Fort Hare ihren Anteil.

Universitäten dürfen jedoch nicht nur auf ihre Vergangenheit zurückschauen. Ihre Aufgabe ist die Vorbereitung der Jugend auf die Zukunft und damit der Blick nach vorne.

In Südafrika hat diese Zukunft gerade begonnen. Sie - die junge Generation - stehen an der Schwelle zum 21. Jahr-hundert gewaltigen Schwierigkeiten gegenüber: - Intoleranz und Rassenhaß müssen überwunden werden, damit der größte Reichtum Südafrikas, seine kulturelle Vielfalt, erst wirklich genutzt werden kann; - der Kampf gegen Armut und Arbeitslosigkeit muß gewonnen werden, damit die Menschen im eigenen täglichen Leben die Folgen der politischen Veränderung spüren können; - die um sich greifende Gewalt muß zurückgedrängt werden, damit Sie, die junge Generation, eine Zukunft haben.

Mit dem Übergang zu Demokratie und Rechtsstaat hat Südafrika eine wichtige Voraussetzung zur Lösung dieser Aufgaben bereits erfüllt. Ihr Land ist ein Inspirator der Aufbruchstimmung, die große Teile Afrikas erfaßt hat. Man wird Zeit brauchen, bis Hunger und Armut, Krieg und Gewalt überall auf dem afrikanischen Kontinent überwunden sind. Aber man darf das Ziel nicht aus den Augen verlieren, wenn man ihm Schritt für Schritt näher kommen will.

Nicht nur die Jugend Afrikas steht an der Schwelle zum 21. Jahrhundert gewaltigen Herausforderungen gegenüber. Auch in anderen Regionen der Welt müssen Schwierigkeiten angegangen werden: - So wie in Südafrika die Folgen der Rassentrennung noch wahrzunehmen sind, hat Deutschland die Folgen seiner staatlichen Teilung noch nicht vollständig überwinden können - erst der jungen Generation wird das hoffentlich gelingen. - Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien beweist, daß auch in Europa gewaltsame ethnische Konflikte mit ihren schrecklichen Folgen heute noch möglich sind. - Und: Die jüngsten Unruhen in asiatischen Ländern zeigen, daß es in Zeiten knapper Ressourcen und verschärften Wettbewerbs um Arbeitsplätze auf der Welt schwieriger wird, soziale Gerechtigkeit und damit den Zusammenhalt ganzer Gesellschaften zu sichern.

Weltweit ist jedoch auch die Erkenntnis gewachsen, daß es dieselben Herausforderungen sind, mit denen Nationen, Gesellschaften und Kulturen zu tun haben. Die vielbeschworene Globalisierung macht - wie sollte es auch anders sein - vor keiner Grenze halt, sie spart niemanden aus. Das bringt Risiken, Härten und Ängste mit sich. Gleichzeitig gibt uns die näher zusammenrückende Welt aber auch Gelegenheit, voneinander zu lernen, unser Wissen und Können gemeinsam zur Lösung dieser Probleme einzusetzen.

Dabei kann man getrost auch Erfahrungen der Vergangenheit nutzen: Eine der für die ganze Welt wertvollsten Erfahrungen ist beispielsweise die des friedlichen Übergangs vom Regime einer Minderheit zum Prinzip des "One man - one vote".

Viele Kenner Südafrikas sagen, daß am Anfang des Wandels in Ihrem Land aber eine Öffnung des Denkens stand, die zur Überwindung alter, tiefsitzender Vorurteile führte. Dieser Öffnung des Denkens folgte schließlich unweigerlich die Öffnung des politischen Systems, der Wirtschaft und des Bildungssystems.

Dank dieser Öffnung im Inneren hat sich auch die äußere Welt für Südafrika geöffnet. Wir alle können uns noch an die bewegenden Bilder erinnern, als Südafrika 1992 zum ersten Mal nach Ende der Apartheid an den Olympischen Spielen in Barcelona teilnahm, und bei der kommenden Fußballweltmeisterschaft wird es schon selbstverständlich sein, daß auch Südafrika den afrikanischen Kontinent repräsentiert.

Bereitschaft zur Öffnung war also der Schlüssel zum Wandel in Südafrika. Sie haben ihr Land damit zum Modell einer Weltgesellschaft gemacht, in der Gegensätze durch Argumente und Überzeugungskraft gelöst statt mit Gewalt ausgefochten werden. Südafrika hat für sich und andere Länder Maßstäbe gesetzt.

Einen ähnlichen Weg der Offenheit ist Europa gegangen. Nach den Zerstörungen zweier Weltkriege entschlossen sich die Staaten Europas, die Politik der konkurrierenden Nationalismen durch eine Politik der Grenzöffnung nach außen und der offenen Gesellschaft nach innen zu ersetzen.

Vieles spricht dafür, daß diese Strategie der Offenheit, die sich in Südafrika und Europa schon bewährt hat, auch die einzig erfolgversprechende Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts ist. Ich möchte für diese These nur drei Beispiele anführen:

Das erste Beispiel betrifft die Universitäten. Alles spricht dafür, daß die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts weltweit eine Wissensgesellschaft sein wird, in der vor allem Bildung über Arbeitsplätze, Wohlstand, sozialen Status und innere Zufriedenheit entscheiden wird. Damit Bildung ihre Funktion als Sprungbrett des sozialen Aufstiegs erfüllen kann, müssen Universitäten für alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen offen sein. Ohne solche Offenheit würden sie zu Monumenten des Stillstands statt zu Motoren der Erneuerung. Nirgendwo war das deutlicher zu spüren als im Apartheidsregime, in dem die große Mehrheit der schwarzen Bevölkerung keine Chance auf eine angemessene Bildung erhielt, in dem aber genau genommen auch die privilegierten weißen Studenten durch ein System der Starrheit und des Rückschritts eingeengt wurden.

Natürlich ist es mit dem Bildungszugang allein nicht getan. Auch auf die Bildungsinhalte wird es ankommen, um den Problemen des nächsten Jahrhunderts zu begegnen. In der globalisierten Informationsgesellschaft beschleunigt sich das Wachstum menschlichen Wissens auf atemberaubende Weise. Niemand kann mehr darauf hoffen, mit dem einmal Gelernten sein gesamtes Berufsleben auszukommen. Also wird die Universität der Zukunft vor allem die Aufgabe haben, die notwendigen Grundlagen des Wissens und die Lerntechniken zu vermitteln, mit denen der Einzelne sein Wissen jederzeit ergänzen kann. Das verlangt von jedem einzelnen Studenten mehr Eigenverantwortung, es erhöht aber auch die Freude an einem selbstgestalteten Leben.

Für viele Universitäten hat die Zukunft schon begonnen. Sie entwickeln neue Konzepte der Zusammenarbeit und des Wissensaustausches. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist die richtungweisende Konferenz zum Thema "nachhaltiges Umweltmanagement", die vor einigen Wochen in East London stattfand. Deutsche und südafrikanische Forschungsinstitute, darunter die Universität Fort Hare, arbeiteten fruchtbar zusammen, um Lösungen für eines der drängendsten Probleme unserer Zeit zu finden. Die große Aufmerksamkeit, die das Projekt auch in der Wirtschaft gefunden hat, zeigt, daß Wissenschaft und Wirtschaft, Ökonomie und Ökologie keine Berührungsängste haben müssen.

Der zweite Bereich, in dem eine Strategie der Offenheit die richtige Antwort ist, betrifft die Einstellung der Menschen gegenüber technologischem und gesellschaftlichem Wandel. In Europa wie in Südafrika befürchten manche, daß ein solcher Wandel zu einem weiteren Anstieg von Arbeitslosigkeit, sozialer Entwurzelung und Orientierungslosigkeit führt.

Für diese Angst habe ich viel Verständnis. Aber auch hier ist das Verbarrikadieren hinter Mauern keine Lösung. Die Erfahrungen der Staaten, die auf neue Herausforderungen und zunehmenden globalen Wettbewerb mit Flexibilität und Bereitschaft zur Innovation reagiert haben, zeigen, daß eine Strategie der Offenheit der erfolgreichere Weg ist. Einige Länder Südostasiens, deren Wirtschaft für einen langen Zeitraum vor ausländischer Konkurrenz geschützt war, holen diese Erfahrung zur Zeit schmerzhaft nach.

Das dritte Beispiel ist der Ausbau der internationalen Beziehungen. Immer mehr Nationen erkennen, daß Nationalismus und Krieg dauerhaft nur durch intensive Zusammenarbeit zu verhindern sind. Deshalb engagieren sich Südafrika und Deutschland vermehrt in den Vereinten Nationen und messen dem Ausbau regionaler Integration große Bedeutung zu. Im überschaubaren Kreis - dort wo man sich kennt oder leicht kennenlernen kann -, sind oftmals auch für schwierige Probleme Lösungen erreichbar. Dieses Konzept, das auch der Gründung der EU und der "SADC", dem Zusammenschluß von 14 Staaten des südlichen Afrikas, zugrunde lag, wird einen Zuwachs an politischer Stärke und wirtschaftlicher Dynamik zur Folge haben.

Südafrika hat die Isolation der Apartheidszeit hinter sich gelassen. Sie, seine junge Generation, haben die Chance zum Erfahrungsaustausch mit der Welt, sei es durch persönliche Kontakte oder durch Nutzung des Internet. Nur Neugier und Aufgeschlossenheit brauchen Sie dazu noch, und die haben Sie. Bildung selbst ist im Informationszeitalter zugänglicher denn je.

Wissenschaft war seit je her universal. Es gibt keine europäische Mathematik, keine asiatische Ökonomie und keine amerikanische Zivilisationstheorie. Erkenntnis verbreitet sich wie ein Lauffeuer quer durch alle Staaten, Sprachen und Kulturen. Hier liegt die Chance, die Sie haben, das Experiment der Weltgesellschaft als gedanklicher Vorreiter zu einem Erfolg zu bringen. Nutzen Sie die Chance! Ich wünsche Ihnen Glück dabei!

- Es gilt das gesprochene Wort. -