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Rede von Bundespräsident Roman Herzog anläßlich der Verleihung der Goethe-Medaillen

Meine Damen und Herren,

ich freue mich, daß ich heute hier in Weimar zur Verleihung der Goethe-Medaille sprechen kann. Dabei rede ich weder über Weimar, noch über Goethe, noch über Medaillen. Es ist auch nicht meine Aufgabe, die Laudatio auf die diesjährigen Empfänger der Goethe-Medaillen zu halten. Aber ich möchte dennoch denjenigen, die heute für ihre Verdienste um die deutsche Kultur im Ausland geehrt werden, meinen herzlichen Glückwunsch sagen.

Der Anlaß ist für mich Gelegenheit zu einigen grundsätzlichen Bemerkungen zu einem Thema, das nicht gerade im Zentrum der politischen Debatte steht, aber dennoch große Aufmerksamkeit verdient: die auswärtige Kulturpolitik.

Das Goethe-Institut, das die heutige Veranstaltung verantwortet, ist - neben Humboldt-Stiftung, DAAD und Inter Nationes - einer der bedeutendsten und seit Jahrzehnten bewährten Träger dieser Arbeit. Dafür will ich dem Goethe-Institut und allen seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern danken. Es war nicht leicht, nach 1945 in der Welt das Bild eines anderen, neuen Deutschland zu präsentieren. Wer ein bißchen in der Welt herumgekommen ist, der weiß, daß diese Arbeit erfolgreich war, aber auch noch längst nicht als vollendet betrachtet werden kann.

Wenn zu Beginn der deutschen auswärtigen Kulturpolitik die - ich sage es einmal schlicht - Imagepflege und die Verbreitung eines freundlichen und einladenden Deutschlandbildes im Vordergrund gestanden hat, so konnten wir dabei nicht stehen bleiben. Denn Deutschland hat sich in den letzten fünf Jahrzehnten im Inneren wie im Äußeren tiefgreifend verändert - ich erinnere nur an die Integration in die Europäische Union, an die staatliche Teilung und die Wiedervereinigung.

Aber auch die Welt als Ganzes hat mittlerweile ein völlig neues Gesicht. Sie steht vor Fragen und Herausforderungen, die vor 50 Jahren noch gänzlich unbekannt waren. Die Globalisierung von Wirtschaft, Politik, Medien, - um nur einige Aspekte zu nennen -, verlangt eine neue Standortbestimmung auch der auswärtigen Kulturpolitik.

Eines der Merkmale des globalen Umbruches ist es ja, daß er den Rahmen staatlicher Gestaltbarkeit sprengt: Gerade haben wir uns an den Gedanken gewöhnt, daß Kernbereiche staatlichen Handelns wie Sicherheits- oder nun auch die Währungspolitik Sache supranationaler Organisationen werden. Mit einer Mischung aus Staunen und Besorgnis sehen wir, wie globale Unternehmen weltumspannende Imperien schaffen, in denen buchstäblich die Sonne nicht mehr untergeht. Milliardenschwere Finanztransaktionen laufen jeden Tag wie Flutwellen um den Globus. Wir erleben, wie neue Techniken eine Informations-Explosion auslösen, für die nationale Grenzen keine Rolle mehr spielen. Kommunikationsformen und kulturelle Codes verändern sich. Das Internet verbreitet innerhalb von Sekundenbruchteilen die neuesten Erkenntnisse von Wissenschaft und Forschung, so daß die Bindung von Daten, Fakten oder Meinungen an bestimmte Orte oder Nationen im elektronischen Rauschen der globalen Medien verschwindet. Der Standort des Computers, dessen Daten wir gerade abrufen, wird für den Benutzer - neudeutsch "User" - schlichtweg irrelevant. Eine neue Welt tut sich auf, in der globale Netzwerke zwischen Unternehmen, Universitäten - auch zwischen Politikern - entstehen, so daß manche schon von einer neuen "Weltgesellschaft" sprechen.

Grenzen werden in dieser globalen Gesellschaft übrigens nicht nur elektronisch, sondern auch physisch durchbrochen: Reisen ist für uns Deutsche bekanntermaßen fast zum Volkssport geworden, man meint den Globus zu kennen, auch wenn viele dabei kaum über die für Touristen geschaffenen künstlichen Welten hinauskommen. Dramatischer noch in ihren Wirkungen ist die Gegenperspektive: Die neue Zeit ist auch eine Epoche der globalen Migration, die in ihrer Dimension alle bisherigen Völkerwanderungen in den Schatten stellt.

Natürlich ist der Bedeutungsverlust nationaler Grenzen nur ein Teil der Realität. Die Globalisierung nährt auch ihre Gegenbewegung, den Rückzug in die kleineren Einheiten, die Suche nach dem Besonderen, das die eigene Existenz in dem großen Brei der Weltgesellschaft unterscheidbar machen soll. Insgesamt erwächst hieraus eine neue Unübersichtlichkeit und Gegensätzlichkeit der kulturellen Strömungen, die der auswärtigen Kulturpolitik ganz neue Dimensionen eröffnen, sie aber auch vor neue Fragen stellen: die Frage beispielsweise, wer die Träger der auswärtigen Kulturpolitik künftig sein können. Ein staatlicher Monopolanspruch scheint mir angesichts des Gesagten von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Nötig und möglich ist vielmehr ein Mit- und Nebeneinander der unterschiedlichsten Akteure. Hier ist sicher noch viel Raum für neue Modelle. Aber warum soll eine Kooperation zwischen Goethe-Instituten und internationalen Medien, zwischen Unternehmen und weltweit bekannten Künstlern und Sportlern nicht Synergie-Effekte freisetzen? Im Ansatz gibt es das alles ja schon, wobei oft die Grenzen zwischen auswärtiger und - mit Verlaub - in-wärtiger Kulturpolitik kaum noch zu erkennen sind.

In diesem Zusammenhang steht auch die Frage, ob es im Zuge der europäischen Integration überhaupt noch so etwas wie eine eigene "deutsche" auswärtige Kulturpolitik geben kann.

Für mich stellt sich diese Frage weniger dramatisch, als es auf den ersten Blick erscheint. Denn es kann ja nicht darum gehen, die deutsche auswärtige Kulturpolitik künftig durch eine europäische, von Brüssel aus zu führende zu ersetzen. Damit wäre nicht nur ein endloser Streit darüber programmiert, was unter europäischer Kultur denn zu verstehen sei. Eine europäische auswärtige Kulturpolitik widerspräche auch der von mir so hoch geschätzten Subsidiarität, die das zentrale Ordnungsprinzip für den inneren Aufbaus Europas sein muß.

Nein, ich sehe diese Frage deswegen so entspannt, weil in Europa Kultur noch nie auf die Grenzen der Nationalstaaten beschränkt war. Deutsche Architektur, Musik, Malerei, ja sogar die an die Sprache gebundene Literatur waren stets Teile einer europäischen Kultur, von der sie geprägt worden sind, die sie aber auch selber wesentlich mitbeeinflußt haben. Diese europäischen Wurzeln nicht in einem sinnlosen Versuch nationaler Abgrenzung zu leugnen, sondern - im Gegenteil - sie zu betonen, scheint mir das vernünftige Gebot der Stunde. Kein Land kann für sich in Anspruch nehmen, einen Künstler oder Wissenschaftler für sich allein zu besitzen: Weder Alexander von Humboldt noch Thomas Mann, weder Sergiu Celibidache noch Ludwig van Beethoven gehören einem Land allein. In diesem Sinne sollte sich die auswärtige Kulturpolitik auf europäischer Ebene in Form einer Zusammenarbeit zwischen den Goethe-Instituten und ihren Partnerorganisationen, aber auch mit den vielen anderen Mitgliedern des europäischen Kultur-Netzwerks konstruktiv realisieren lassen.

Viel wichtiger aber scheint mir die Frage, ob die auswärtige Kulturpolitik nicht eine zentrale Rolle spielen kann, wenn es darum geht, mit den Chancen und Risiken der Globalisierung richtig umzugehen. Die Migration, die Überwindung aller Grenzen für Information jeglicher Art, bringt Menschen verschiedener Kulturen und Wertesysteme ja nicht nur im positiven Sinne zusammen, sondern sie setzt sie auch der Erfahrung der Fremdheit in bislang nicht gekanntem Maße aus. Die Geschichte ist voller Beispiele für konstruktive wie auch für destruktive Begegnungen zwischen Kulturen. Die Fähigkeit, mit Fremdheit umzugehen, ja sie positiv zu nutzen, wird in Zukunft eine der wichtigsten zu vermittelnden Techniken sein. Es geht darum, die Erfahrungen der Fremdheit so zu machen, daß sie nicht als bedrohlich wahrgenommen wird, sondern als Ergänzung, vielleicht sogar als Bereicherung.

Fähigkeit zur Begegnung mit anderen Kulturen heißt nicht kulturelle Beliebigkeit. Nur in eigener kultureller Verwurzelung, können sich die Werte entwickeln und stabilisieren, die für ein demokratisches, friedliches Zusammenleben unverzichtbar sind. Ohne Kultur kein Ethos, keine gemeinsame Wertebasis, keine zivilisatorischen Fortschritte. Kultur - im weitesten Sinne des Wortes - ist also keineswegs nur Überbau oder Verzierung des Alltags. Sie ist eine lebensnotwendige Dimension des menschlichen Zusammenlebens. Vor einigen Jahren machte die These von der Unvermeidbarkeit eines "clash of civilization" die Runde. Diese These in der Praxis der alltäglichen Arbeit zu widerlegen, könnte eine der wichtigsten Aufgaben der auswärtigen Kulturpolitik in den nächsten Jahren sein. Sie bekommt damit einen eminent politischen - ja operativen - Charakter.

Auswärtige Kulturpolitik muß daher als interkultureller Dialog angelegt sein. Sie muß aus Information übereinander Kommunikation miteinander machen. Ich möchte dazu auf eine sehr alte Geschichte zurückgreifen. Wenn wir dem Mythos glauben, der auf den ersten Seiten der Bibel erzählt wird, so endete das erste globale Projekt der Menschheit in einer absoluten Kommunikationskatastrophe. Das Projekt der ersten globalen Einigungsanstrengung, der berühmte Turmbau zu Babel, endete, wie man heute sagen würde, im kommunikationstheoretischen Super-GAU: keiner verstand den anderen mehr. Was als gemeinsame menschheitliche Großanstrengung begonnen wurde und offensichtlich alle humanen, kreativen Kräfte in einem großen Projekt bündeln sollte, endete in kompletter Zerstreuung, in Regionalisierung, in Provinzialisierung, in Verständnislosigkeit und eben jener Sprachverwirrung, die wir seitdem als "babylonisch" bezeichnen.

Wenn das, was wir heute unter dem Namen Globalisierung anstreben, nicht in ähnlicher Weise schiefgehen soll, müssen wir bedenken, daß die Menschen seit Babel in einer Unzahl von Kulturen, Sprach- und Wertegemeinschaften zersplittert sind, die sich nicht einfach zu einer uniformen Einheit kommandieren lassen: Wenn wir die Globalisierung nicht auch als ein Projekt der Kommunikation der Kulturen betrachten, werden wir mit allen anderen Menschheitsanliegen des 21. Jahrhunderts kläglichen Schiffbruch erleiden, vom Schutz der Menschenrechte über die Verbreitung der Demokratie, das Bemühen um Bildung und Wohlstand für alle, bis hin zur Bewahrung der Umwelt.

Wie alle großen Dinge beginnt dieser interkulturelle Dialog ganz klein und sehr schlicht. Da sich Kulturen als solche nicht unterhalten können, müssen sich Menschen treffen und versuchen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Im besten Fall sollte das zunächst möglichst ohne irgendeinen Erfolgs- oder Ergebnisdruck geschehen, sozusagen aus Freude an der Sache allein. Wirkliche Begegnung mit dem anderen geschieht ja nur dann ohne Hintergedanken, wenn am Ende nicht eine politische Entscheidung getroffen werden muß oder man ein Konsenspapier verabschieden soll.

Wenn man mehr will als miteinander Formeln vereinbaren, dann muß die Begegnung offen sein - und vor allen Dingen muß sie den anderen bei seinen stärksten und besten Seiten treffen. Solche Begegungen eröffnen auch die Möglichkeit, den größten gemeinsamen kulturellen oder auch ethischen Nenner zu identifizieren, gerade weil die Aufdeckung dieser oft nur verschütteten Gemeinsamkeit eine vielversprechende Methode des Dialogs ist.

Zur Suche nach Gemeinsamkeit gehört zum Beispiel eine Verständigung über Werte wie Demokratie und Menschenrechte. Kultur und Demokratie hängen aufs Engste zusammen, und wenn es je eine Zeit gegeben hat, große globale Entwicklungen im Sinne von Menschenrecht und Demokratie zu beeinflussen, dann ist es die heutige.

Vielleicht kann man sogar sagen: erst die Globalisierung macht die auswärtige Kulturpolitik zu einer wirklichen Notwendigkeit. Erst im Horizont der Globalisierung wird sie tatsächlich zu jener unverzichtbaren dritten Säule in den internationalen Beziehungen, zu der sie Anfang der 70er Jahre erklärt worden ist. Auswärtige Kulturpolitik kann und muß unter anderem auch der Verbreitung und Absicherung der Demokratie dienen. Erst damit wird deutlich, was eigentlich auf dem Spiel steht.

Im schlimmsten Fall, wenn Erfahrungen der Fremdheit mißlungen sind und durch das Malen von Feindbildern verdrängt werden, wird der interkulturelle Dialog auch zur Therapie in kleinen Lebensbereichen und zur politischen Strategie in den internationalen Beziehungen. Das gilt gerade für die auswärtige Kulturpolitik, die damit immer mehr zu einer kulturellen Außenpolitik wird. Wo Kulturkampfszenarien sich bereits in den Köpfen der Eliten festgesetzt haben, brauchen wir interkulturellen Dialog zur politischen Vertrauensbildung, als Frühwarnsysten, zur Entschärfung dogmatischer Waffen, zur "Rüstungskontrolle" im "Clash of civilizations".

Wenn also heute interkultureller Dialog das Gebot der Stunde ist, dann ist darauf auch die progammatische Konzeption der auswärtigen Kulturpolitik auszurichten. Natürlich bleibt das Angebot, Deutsch zu lernen, ein zentraler Service der Goethe-Institute. Die Sprache ist noch immer der erste und auch beste Schlüssel zum Verständnis einer anderen Kultur. Und niemand soll sich täuschen: mit jedem einzelnen, der irgendwo in der Welt Deutsch lernt, wächst die Chance, daß der interkulturelle Dialog einen neuen Teilnehmer bekommt. Und jede Bibliothek, die irgendwo in der Welt deutsche Literatur bereithält, gibt vielen Menschen die Möglichkeit, mit den geistigen Strömungen und Traditionen in Deutschland in Kontakt zu kommen.

Ich weiß, daß genau diese Ausrichtung der auswärtigen Kulturarbeit in manchen Ländern Schwierigkeiten macht. Aber wir müssen an unseren essentials festhalten. Dazu gehört der Satz, der so oder so ähnlich in allen Verträgen über die Errichtung eines Goethe-Instituts enthalten ist: "Der Zugang zur Einrichtung ist frei". Man könnte sagen, daß dieser Satz weit über seine rechtliche Bedeutung hinaus ein Zentralsatz unserer Auffassung von Kultur ist: Grundsätzlich steht sie jedermann offen. Weder staatliche Zensur noch andere Formen politischen, ideologischen oder religiösen Zwangs dürfen den freien Zugang zu ihr und den freien Umgang mit ihr behindern. Eine auswärtige Kulturpolitik, die mit dieser Überzeugung arbeitet, hat ipso facto eine politische Dimension und eine unüberhörbare Botschaft: Kultur braucht Freiheit und ermöglicht, ja provoziert den Gebrauch von Freiheit.

Deswegen ist es ein ganz wichtiger Indikator für den Zustand eines Landes, wenn dort Goethe-Institute nicht geöffnet werden können oder in ihrer Arbeit behindert werden. Im übrigen glaube ich, daß die Mitarbeiter der Goethe-Institute hervorragende Sensoren für das sein sollten, was sich in ihren jeweiligen Gastländern kulturell, intellektuell oder langfristig politisch tut. Das Netzwerk der Goethe-Institute kann also auch als kulturpolitisches Früherkennungssystem begriffen werden. Durch die Begegnungen mit Künstlern und Denkern, mit kulturell und intellektuell interessierten Gästen kann man dort möglicherweise viel früher erspüren, welche Strömungen im Kommen sind, wie gedacht wird, in welche Richtung sich ein Land entwickeln wird. Möglicherweise wird das Potential, das uns hier zur Verfügung steht, von unseren Politikern und Wirtschaftsleuten noch zu wenig benutzt.

Auswärtige Kulturpolitik ist aber nicht nur Indikator für gesellschaftliche oder kulturelle Gegebenheiten anderswo, sondern auch ein Indiz dafür, wie wir uns selbst einschätzen. Darum eine letzte These: Auswärtige Kulturpolitik zeigt, was wir von uns selbst halten.

Die Tatsache, daß es sie gibt, ist ein Anzeichen dafür, daß wir unsere Kultur, unsere Sprache und die Arbeit unserer Künstler für wertvoll halten; sie ist ein Zeichen der Selbstachtung und auch der Vergewisserung der eigenen Identität.

Es ist in diesem Zusammenhang zwar leidig, aber unvermeidlich, das Thema Geld anzusprechen. Es liegt mir fern (und es ist mit meinem Amt auch nicht vereinbar) für bestimmte Haushaltstitel eine besondere Priorität zu fordern. Überall, wohin ich komme, braucht man mehr Geld. Ich frage mich allerdings, ob es uns Deutschen, die wir in allen Bereichen gerne ganz oben mitspielen, genügt, ausgerechnet hier, wenigstens vom Umfang her, nur Mittelmaß zu sein.

Auswärtige Kulturpolitik ist schwer zu formalisieren. Niemand kann sagen, wer denn eine bestimmte Kultur repräsentiert. Die erste Erfahrung, die wir im Dialog mit anderen Kulturen machen, ist doch die, daß unsere eigene Kultur, ja daß eigentlich jede Kultur ein Kaleidoskop aus unterschiedlichsten Facetten bildet. Es ist deswegen schwer vorstellbar, etwa einen Bundesbeauftragten für interkulturellen Dialog zu bestimmen, der dann in Person auch noch selbst die deutsche Kultur repräsentierte. Wer könnte etwa im Ausland für das Ganze unserer Kultur stehen? Anselm Kiefer oder Jürgen Habermas, Pina Bausch oder Hans Magnus Enzensberger, die Münchner Philharmoniker oder Guildo Horn, Sönke Wortmann oder Kardinal Ratzinger? Ich bin mir sicher, daß jeder der Genannten ein Stück deutscher Kultur repräsentiert - aber die Aufzählung allein zeigt schon, wie unscharf, ja intellektuell unredlich es eigentlich ist, wenn wir Kulturen pauschal als Kollektive begreifen. Denken Sie daran, daß der transatlantische "Westen" oder auch "Europa" zwar als Begriffe durchaus gemeinsame Ideen und Werte verkörpern, aber zugleich Weltteile von höchst spannungsgeladener kultureller Diversität sind. Denken Sie daran, daß Asien nicht mehr ist als eine geographische Bezeichnung, daß der asiatische Kontinent aber, wenn man ihn vom Heiligen Land bis China begreift, Heimat aller großen, weltweit miteinander konkurrierenden Religionen ist. Denken Sie schließlich daran, daß weder das Christentum noch der Islam monolithische Blöcke, sondern von unzähligen kulturellen und dogmatischen Varianten geprägte Glaubensgemeinschaften sind. Es ist deshalb ein Irrweg zu glauben, daß die gesellschaftliche Harmonie umso größer ist, je homogener eine Gesellschaft wird. Interkultureller Dialog beginnt mit dem Wahrnehmen der Differenzen innerhalb der Kulturen selbst.

Indem wir im Ausland die Pluralität unserer Kultur vorstellen, präsentieren wir gleichzeitig - und zwar auf eine wenig aufdringliche Weise - die vielleicht entscheidenste historische und politische Erfahrung, die Deutschland und Europa gemacht haben: daß nämlich menschliches und ziviles Zusammenleben in einem toleranten Miteinander möglich ist. Die indirekte, aber entscheidende Lektion, die durch die Arbeit unserer auswärtigen Kulturpolitik übermittelt werden kann, ist genau diese Lektion der Toleranz, die wir selbst in Europa erst nach langen, oft blutigen Erfahrungen gelernt haben.

Es ist deshalb richtig, wenn das Goethe-Institut in seiner Programmarbeit in seinen Gastländern eine möglichst bunte und unreglementierte Auswahl vorstellt. Nur so kann ein möglichst klischeefreies und realistisches Bild von unserer gegenwärtigen Kultur präsentiert werden. Im übrigen werden die Gesprächspartner und Besucher in den Gastländern schon herausbekommen, was in den unterschiedlichen Erfahrungen, die sie im Goethe-Institut machen können, gewissermaßen das "deutsche Kontinuum" ist.

Auf der anderen Seite werden sich nur in einem solchen, von konkreten, profilierten Individuen geführten Dialog auch die jeweils andere Seite, das andere Land und die andere Kultur in ihrer Vielgestaltigkeit zeigen. Man wird nicht mehr jeden fundamentalistischen Wirrkopf mit dem Islam identifizieren, man wird sehen, daß Amerika mehr ist als Bill Gates und man wird schließlich auch sehen, wie unterschiedlich "asiatische Werte" interpretiert werden können.

Wir dürfen ja auch nicht vergessen: Dialog der Kulturen bedeutet auch Wettbewerb der Kulturen. Es ist hoffentlich ein friedlicher, zivilisierter, von gegenseitiger Achtung und Höflichkeit bestimmter Wettbewerb, aber eben doch auch ein Wettbewerb, bei dem wir uns nicht selbst um die Chancen bringen dürfen, die wir mit unserer inzwischen in vielen Teilen der Welt wieder hoch geachteten Kultur haben. Wenn wir wirklich überzeugend für die Werte werben wollen, die uns wichtig sind, etwa für Menschenrechte und Demokratie, müssen wir auch aktiv diejenige Kultur präsentieren, in der diese Werte wurzeln und immer wieder lebendig werden. Und zu bieten haben wir, denke ich, nicht wenig.

Wenn ich mir nun vorstelle, was es alles an Chancen und aufregenden Möglichkeiten in dieser Art des Dialogs gibt, möchte ich nicht nur alle, die damit auf irgendeine Weise beschäftigt sind, aufs dringendste ermuntern, weiterzumachen. Ich möchte gleichzeitig gestehen, daß ich Sie alle - viele davon sitzen ja heute hier - um ihre Arbeit ein gutes Stück beneide. Ich kann nur sehr hoffen, daß Ihre Arbeit fruchtbringend ist - und daß sie auch von denen wahrgenommen und genutzt wird, die davon im großen Ausmaß profitieren können. Dabei denke ich natürlich auch an unsere Wirtschaft, die sich manche üble Überraschung sparen und manche Chance nutzen kann, wenn sie für interkulturelle Fragen offen ist.

Kein Land, das im Prozeß der werdenden Weltzivilisation eine Rolle spielen will, kann auf einen solchen Dialog verzichten. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: Unsere Rolle in der Welt wird maßgeblich von unserem Beitrag zu diesem Dialog abhängen. Es wäre keine schlechte Werbung für unser Land, wenn man sagen könnte: Deutschland ist ein Zentrum und eine Werkstatt des interkulturellen Dialogs. Deutschland hat nicht wenig in diesen Dialog einzubringen. Deutschland will auch auf diesem Feld seinen Beitrag für eine friedliche Weltgesellschaft leisten. Das könnte ein entscheidender Impuls für ein neues Bild unseres Landes in der Welt sein. Hierfür lohnt es sich zu arbeiten.

- Es gilt das gesprochene Wort. -