Navigation und Service

Rede von Bundespräsident Roman Herzog bei den 31. Mainzer Tagen der Fernsehkritik

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Fernsehen zieht viele in seinen Bann: nicht nur mich, mit meiner stillen Leidenschaft für die Vorabendprogramme, sondern viele Millionen Zuschauer, die tagtäglich vor den Bildschirmen sitzen. Am faszinierendsten aber, so hat man oft den Eindruck, scheint es für diejenigen zu sein, die für dieses schnelle und mächtige Medium arbeiten. Und weil das so ist, ist es ganz wichtig, daß man hin und wieder zur Seite tritt, um Distanz zu gewinnen und die tägliche Frage nach dem "Was machen wir heute?" durch die Frage "Was machen wir eigentlich überhaupt?" zu ersetzen. Traditionell sind die Mainzer Tage der Fernsehkritik dafür ein ganz vorzüglicher Ort. Eigentlich gibt es viel zu wenige davon.

Erwarten Sie von mir jetzt bitte nicht grundlegende Ausführungen zum Titel Ihrer Veranstaltung: "Jugendwahn und Altersängste". Zu diesen Begrifflichkeiten habe ich schon deshalb nichts Wesentliches beizutragen, weil ich weder unter dem einen noch unter dem anderen leide.

Letzteres kann man freilich nicht behaupten, wenn man sich bestimmte Programmentscheidungen der letzten Zeit vor Augen führt. Da werden Sendungen trotz guter Zuschauerquoten abgesetzt, weil angeblich zu viele alte Leute unter den Zuschauern sind und deren vermeintliche Konsumbereitschaft unter Werbegesichtspunkten zu gering ist.

Damit ist in der Tat eine neue Dimension erreicht worden: Bisher wurden ja immer die Zuschauerquoten als letztgültige Argumente für Programmentscheidungen benutzt. Jetzt scheint man auch noch unter den Zuschauern nach jenen Ausschau zu halten, die "gleicher" sind als die anderen. Da fehlt nicht mehr viel, bis Sendungen nur noch als ästhetische Dekoration für Konsumprodukte im Werbeblock behandelt werden.

Ich wehre mich dagegen, daß solche Denkkategorien anscheinend unaufhaltsam Einzug halten. Fast möchte ich den Programmmachern in Anlehnung an eine Zuschauerprotestaktion zurufen: "Ich bin auch noch da!"

Nun rede ich heute auf dem Forum eines öffentlich-rechtlichen Senders, der mir entgegenhalten könnte: "Ein solches Denken kennen wir nicht. Unsere Qualitätsstandards sind andere, Zielgruppenfixierungen sind uns fremd." Aber die Zeiten sind längst nicht mehr so. Auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten achten inzwischen sehr penibel darauf, daß Quoten und Zuschauermix stimmen. Dagegen ist ja prinzipiell nichts zu sagen. Denn selbstverständlich hat auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen nur dann Legitimität, wenn es für viele interessant ist und daher dürfen wir auch nicht in eine Situation geraten, die sich mancher private TV-Anbieter vielleicht gerne wünscht: Daß sich die öffentlich-rechtlichen Sender überall dort zurückziehen, wo die privaten erfolgreich sind und nur noch das bedienen, was vom großen "Zielgruppenkuchen" der privaten Anstalten übrig bleibt.

Umgekehrt sehe ich allerdings manchmal auch die Gefahr, daß die öffentlich-rechtlichen Anstalten mitunter versuchen, bestimmte private Programme bis zur Ununterscheidbarkeit zu kopieren. Auch vor so einer Entwicklung, wenn es sie denn gäbe, könnte ich nur warnen, denn unsere Rundfunkgebühren legitimieren sich nicht durch ein bloßes "more of the same". Wir leisten uns das teuerste Gebührensystem der Welt ja gerade, weil wir davon überzeugt sind, daß das deutsche Modell des dualen Rundfunksystems eine Qualität bietet, die auf der Welt ihresgleichen sucht.

Über Qualität entscheiden auch nicht die Quotenzählmaschinen. Darüber entscheidet zum Beispiel auch, wie lange sich die Menschen an eine Sendung erinnern und wie lange sie anschließend darüber reden. Ich frage mich schon seit geraumer Zeit, ob es darüber eigentlich Untersuchungen gibt?

Diese Frage berührt unmittelbar den Untertitel Ihrer Veranstaltung: "Kommunikation in der Zielgruppengesellschaft." Gesellschaftliche Kommunikation ist grundsätzlich schwer meßbar, nicht erst, seitdem die Zeiten der großen Familienfernsehabende passé sind. Früher konnte man zumindest darauf hoffen, daß dort, wo zusammen ferngesehen wurde, auch miteinander geredet wurde. Im Zeitalter der Spartenprogramme ist Fernsehen eine ziemlich individualistische Angelegenheit geworden. Davon sind heute allenfalls noch die großen Sportveranstaltungen ausgenommen. Diese Kommunikationsbiotope der Fernsehunterhaltung sollten wir daher unbedingt bewahren und sie nicht durch Verschlüsselung im Pay-TV einem mehr oder weniger exklusiven Abonnentenclub vorbehalten. Die Olympiade und die Fußball-WM gehören jedermann!

Wenn wir heute darüber reden, welchen Einfluß das Fernsehen auf die Kommunikation von Menschen hat, so stellen sich andere Fragen als noch vor zwanzig Jahren. Damals diskutierte man noch darüber, wie wirklichkeitsgetreu unsere Medien die Realität abbilden. Heute müssen wir die Frage stellen, welchen Anteil an der Realität das Fernsehen mittlerweile selbst trägt. Anders gefragt: Welche Art von Wirklichkeit bringt das Fernsehen überhaupt erst hervor? Wenn wir ehrlich sind, müssen wir heute zugeben: Fast alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir durch die Massenmedien. Realität, die wahrgenommen und zum Gegenstand öffentlicher Debatte wird, ist vor allem die Realität, die in den elektronischen Medien thematisiert wird. Das ist nicht ganz neu und auch nicht per se schlecht oder gar gefährlich, aber es kann gefährlich werden.

Denn kein anderes Medium hat größere Suggestivkraft als das Fernsehen. Mehr noch als dem gesprochenen oder gedruckten Wort glauben wir den bewegten Bildern. Was wir mit eigenen Augen sehen, so glauben wir, muß doch wahr sein. Fernsehbilder wirken so echt, daß wir zu leicht übersehen, daß sie bloß Fragmente der Wirklichkeit, montierte Ausschnitte, konstruierte Perspektiven sind. Vergessen wir auch nicht, unter welchem Druck der Termine und Kosten in diesem Medium oft gearbeitet werden muß.

Umso bewundernswerter ist es dann freilich, wenn in diesem harten Geschäft wirkliche Qualität gelingt. Ich könnte hier viele Beispiele nennen, möchte an dieser Stelle aber nur eine Lanze für die Auslandsberichterstattung brechen. Wir brauchen sie heute dringender denn je, damit unser Land und vor allem das weltpolitische Wissen unserer Mitbürger nicht im provinziellen Mief versinken. Und gerade unsere Auslandskorrespondenten geben vielfach gute Beispiele für hohes professionelles Können, oft übrigens auch für großen persönlichen Mut. Die Suggestivkraft des Fernsehens, seine Macht, auch kollektive Gefühle der Empörung und Entrüstung zu erzeugen, verlangt ein besonders hohes Maß an Verantwortung. Wer heute Fernsehen betreibt, muß immer im Hinterkopf haben, daß die Zuschauer von den Bildern und Medienereignissen zurück auf ihre eigene Wirklichkeit schließen. Das geschieht ganz zwangsläufig nicht ohne Verzerrungen und Kurzschlüsse. Wir schließen von der Gewalt im Fernsehen auf die Gewaltbereitschaft unserer Kinder. Wir schließen von kriminellen Einzelfällen auf den Zustand unserer ganzen Gesellschaft und wir schließen aus Fernsehinszenierungen auf die Qualität unserer Politik. Ich sage nicht, daß solche Schlüsse immer falsch sein müssen - aber ein vollständiges und differenziertes Bild der Wirklichkeit liefern solche einfachen Kausalbeziehungen jedenfalls nicht.

Oft geraten auch die Proportionen völlig durcheinander. Menschen haben Angst vor Überfremdung selbst in Gegenden, wo es kaum Ausländer gibt. Und bei manchen Vorabend-Magazinen beschleicht einen das Gefühl, daß man seine Kinder nicht mehr vor die Haustür lassen kann, weil anscheinend überall Gefahren drohen.

Vieles wirkt subkutan. Es ist ja eine alte Medienweisheit, daß schlechte Nachrichten sich besser verkaufen lassen als gute. Die Nachricht, daß die Zahl der Firmenpleiten einen neuen "traurigen" Rekord erreicht hat, bleibt besser hängen als etwa die Meldung, daß auch die Zahl der Unternehmensgründungen einen neuen Höchstwert erreicht hat. Um nicht mißverstanden zu werden: Ich halte kritische Berichterstattung für unverzichtbar, denn sie ist eine der Grundvoraussetzungen für das Funktionieren einer Demokratie. Aber wir müssen uns auch fragen, welche Bilder in den Köpfen der Zuschauer entstehen, wenn sie die Welt nur noch als Abfolge von Unglücksfällen, Krisen und Skandalen wahrnehmen; denn so ist unsere Welt ja auch wieder nicht. Und: Verunsicherung kann auch für politische Demagogen das Feld bereiten.

Damit bin ich natürlich schon beim Verhältnis zwischen Medien und Politik. Beide waren schon immer ein aufeinander angewiesenes, wenn auch nicht immer harmonisches Paar. Beide stellen überhaupt erst Öffentlichkeit her, beide sorgen für die notwendige Selbstverständigung der Gesellschaft, beide machen Konflikte öffentlich, organisieren das Gespräch und haben sowohl Anspruch wie die Aufgabe, das Ganze der gesellschaftlichen Zusammenhänge zu repräsentieren. Ja, ohne die Existenz der Massenmedien wäre unsere Demokratie überhaupt nicht vorstellbar, denn sie basiert auf informierten Bürgern. Die Medien gehören so sehr zu unserer demokratischen Grundausstattung, daß man sie oft als "vierte Gewalt" im Staat bezeichnet.

Mitunter schmücken sich sogar die Medien selbst mit dieser Bezeichnung, um ihr Gewicht als Kontroll- und Aufklärungsinstanz zu betonen und sich von den drei echten Staatsgewalten abzugrenzen. Diese Abgrenzung ist allerdings nicht immer leicht und heute vielleicht schwieriger denn je. Denn die Rolle der Medien in der Demokratie ist niemals etwas Statisches, und Veränderungen in der Medienlandschaft bleiben daher auch nicht ohne Auswirkungen auf Gesellschaft und Politik insgesamt.

Wenn nicht alles täuscht, werden wir in diesem Jahr einen Wahlkampf erleben, der sich wie kein anderer an den Gesetzmäßigkeiten und der Funktionslogik der Medien orientiert. Wer das beklagt, der vergißt, daß Politik sich - ich habe es schon angedeutet - selbstverständlich schon immer über die Medien vermittelt hat. Ob allerdings eine übermäßige Orientierung an den Medienspielregeln der Politik guttut, weiß ich nicht. Gute Politik kann ich mir nur als Resultat aus gründlichem Nachdenken, ausführlichen Beratungen und differenziertem Argumentieren und Verhandeln vorstellen. Da ist das Fernsehen mit seinem Hunger nach Bildern und Neuigkeiten, nach Geschwindigkeit, "Soundbites" und Konfrontationen für eine Politik, die über den Tag hinaus denkt, zumindest kein unproblematisches Medium. Die Wahrheit über ein komplexes Thema läßt sich nicht auf eins-dreißig (1:30 min) komprimieren!

Politik darf gewiß nicht zum Medienspektakel verkommen! Aber die Medien dürfen sich umgekehrt auch nicht zum Spielball der Politik machen lassen. Eine Annäherung der Politik an die Spielregeln und Eigengesetzlichkeiten der Massenmedien birgt nämlich vor allem Gefahren für die Medien selbst. Wenn sie Teil dessen werden, was sie kontrollieren wollen, wenn sie als politische Instrumente vereinnahmt werden, droht ihnen ihr kritisch-aufklärerischer Impetus abhanden zu kommen. Sich einer solchen Vereinnahmung zu widersetzen, ist allerdings nicht leicht, wenn überall in den politischen Beraterteams erfahrene Medienfüchse arbeiten, die ihr Handwerk perfekt beherrschen. Diese relativ neue Situation stellt daher auch neue Aufgaben an unsere Massenmedien.

Die Programmverantwortlichen sind es gewohnt, vom Bundespräsidenten in einem Bundestagswahljahr die Mahnung zu objektiver und fairer Berichterstattung mit auf den Weg zu bekommen. Daran will ich es gewiß auch hier nicht fehlen lassen. Aber für eine faire Berichterstattung reicht heutzutage die sogenannte politische Ausgewogenheit allein nicht mehr aus. Ich fordere Sie daher auf: Sorgen Sie für eine Berichterstattung, die auch die Rolle der Medien selbst reflektiert.

Machen Sie immer wieder deutlich und öffentlich, wie sehr Sie selbst Teil unserer Wirklichkeit geworden sind. Sorgen Sie dafür, daß Ihre Berichterstattung von einer selbstreflexiven Distanz begleitet wird, die die neuen Spielregeln durchleuchtet und bisweilen hintertreibt - auch wenn kritische Analysen nicht immer populär sind. Das dient letztlich beiden Seiten: den Medien, die damit ihre Unabhängigkeit unter Beweis stellen, und der Politik, die auf diese Weise nicht in professionellen Ritualen erstarrt.

Vor Jahren gab es in der ARD einmal eine Sendung mit dem Titel "Wir über uns". Zumindest der Titel versprach dem Zuschauer, daß er hier einmal etwas über die Funktionsmechanismen der großen Illusionsmaschine Fernsehen erfahren konnte. So viel Offenheit sollte sein, so viel Transparenz sollte zum eigenen Geschäft der Aufklärung dazugehören. Das wäre eine wirklich zeitgemäße Auftragserfüllung einer Institution, die sich als ein Ort politischer Öffentlichkeit versteht und die jene Repräsentation des gesellschaftlichen Ganzen für sich in Anspruch nimmt, von der ich eingangs gesprochen habe.

Aber wie steht es eigentlich mit diesem Anspruch heute? Wir erleben augenblicklich neue technische Entwicklungen, die das Fernsehen mit neuen Fragen zu seinem Selbstverständnis konfrontieren werden. Wir stehen am Anfang eines digitalen TV-Zeitalters, das in nicht allzuferner Zeit jeden Haushalt mit hunderten von Spezialprogrammen und Spartenkanälen beliefert. Was das für das politische Leben in unserem Land bedeutet, läßt sich vorerst nur ahnen.

Schon werden Szenarien beschrieben, in denen sich die politische Öffentlichkeit immer mehr in stereotype Teilöffentlichkeiten zerfasert. Statt einer Vernetzung der Bürger über ein von allen genutztes Informationsmedium zu einem Gemeinwesen droht uns möglicherweise die fortschreitende Aufsplitterung der Gesellschaft durch die vorzugsweise Nutzung von Fernsehkanälen, die ausschließlich private Freizeitinteressen bedienen: Schon jetzt gibt es reine Sport-, Science fiction-, Dokumentar-Kanäle. Aber auch Politikkanäle.

Eine solche Entwicklung fördert möglicherweise neue Differenzierungen in der Gesellschaft: Der Abstand zwischen einem gut informierten Teil der Bevölkerung und einem weniger gut informierten Teil könnte eventuell noch größer werden, und das in einer Zeit, in der die Chancen des Einzelnen in der Gesellschaft insgesamt immer mehr vom Grad seines Wissens und seiner Informiertheit abhängen.

Je verwirrender die Informationsvielfalt in unseren Massenmedien, je unterschiedlicher die Qualität der Fernsehprogramme, je präsenter die Medien insgesamt in unserem Alltag werden, umso wichtiger wird es, den Medienkonsumenten so etwas wie eine "Mediennutzungsmoral" zu vermitteln, wie sie unlängst Hermann Lübbe gefordert hat. Lübbe meint, daß die Medieninhalte viel weniger gesellschaftliche und kulturelle Wirkungen hervorbringen als unsere eigenen Nutzungsgewohnheiten. Was wir daher dringend bräuchten, sei die Befähigung zum klugen und verantwortungsvollen Umgang mit den Medien - andere nennen so etwas "Medienkompetenz".

Ich meine zwar, daß man die Fernsehsender aus ihrer Verantwortung für gute Programminhalte nicht entlassen darf. Aber Hermann Lübbe hat natürlich insgesamt recht: Ein besseres Fernsehen läßt sich kaum mit rechtlichen Regelungen oder moralischen Appellen hervorbringen. Der Zuschauer selbst muß mit seinen Entscheidungen für gute und gegen schlechte Programme die Sender unter Druck setzen. Das wird nur dann gelingen, wenn wir schon als Eltern und Erzieher unseren Kindern beibringen, wie sie mit der neuen Freiheit der Medienvielfalt umgehen sollen. Es ist uns ja nicht in die Wiege gelegt, wie wir die neuen und alten Medien nutzen können - wir müssen es lernen.

Dieser Lernprozeß hängt entscheidend davon ab, welchen Einflüssen wir in unserem familiären und sozialen Umfeld im Kindes- und Jugendalter ausgesetzt sind. Kinder müssen eigene Realitätserfahrungen jenseits von Fernsehen und Computer machen können. Das können sie nicht, wenn Eltern das TV-Gerät als Babysitter mißbrauchen.

Ich habe überhaupt nichts dagegen, Kindern ausgewählte Sendungen zu zeigen! Es gibt inzwischen wirklich gute. Aber die Eltern müssen eine verantwortliche Auswahl treffen, und in das Kinderzimmer eines achtjährigen gehört kein eigener Fernseher, mit dem sich dieser Zweitklässler dann durch alle möglichen Programme zappen kann! Das heißt zweierlei: wir dürfen die Kinder nur mit Inhalten konfrontieren, die sie verarbeiten und verkraften können; wir müssen sie also von vielerlei Schwachsinn fernhalten. Und wir sollten im Gedächtnis behalten, daß man nicht nur aus der "Lindenstraße" erfahren darf, wie man sich in Familien miteinander auseinandersetzt und wie man mit anderen Konflikte löst. Und sie können es nicht, wenn ihnen die Eltern nicht auch Fernsehkritik vormachen - positive wie negative.

Allerdings sollte sich auch das Fernsehen nicht gänzlich darauf verlassen, daß die Vermittlung von Medienkompetenzen von anderen übernommen wird. Glaubwürdigkeitseinschätzungen, Bildersprachenanalyse, und auch Kritik an den Wirkungsmechanismen der künstlichen Medienwelten lassen sich nicht nur in Schulen oder akademischen Seminaren lehren. Auch das Fernsehen selbst kann so etwas zum Gegenstand seiner eigenen Inhalte machen.

Ich würde mich freuen, wenn diese Themen auch in die diesjährigen Mainzer Tage der Fernsehkritik einfließen würden. Ich habe eingangs betont, wie wichtig mir eine solche selbstreflexive Auseinandersetzung erscheint. Daher wünschte ich mir auch, daß man viele solcher Diskussionen, für alle Zuschauer nachvollziehbar, auf dem Bildschirm miterleben könnte - aber ich befürchte, daß das Fernsehen noch immer ein wenig davor zurückschreckt. Denn es feiert seine Erfolge ja vor allem als ein großer Verzauberungsapparat - und welcher Zauberer verrät dem Publikum schon die Tricks, mit denen er alle in seinen Bann zieht. Ich denke freilich: Ein bißchen Entzauberung täte uns allen gut, auch hier.

- Es gilt das gesprochene Wort. -