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Rede von Bundespräsident Roman Herzog anläßlich der Festveranstaltung "150 Jahre Deutscher Katholikentag" in der Frankfurter Paulskirche

Meine Damen und Herren!

Wenn das Otto von Bismarck hätte erleben müssen! Aber nicht nur für ihn, auch für die 87 Männer und die wenigen hundert Gäste, die sich vor 150 Jahren im Mainzer Schloß trafen, war das wohl undenkbar: daß sich zum 150. Jahrestag ihres Treffens ein deutsches Staatsoberhaupt, zumal ein protestantisches, zur Festrede einfinden würde.

In der Geschichte der katholischen Kirche sind 150 Jahre keine lange Zeit; angesichts der Lebensdauer mancher deutscher Staatsgebilde allerdings wohl. So kann ich zunächst einmal nur gratulieren: 150 Jahre Deutscher Katholikentag - das ist eine Erfolgsgeschichte. Aus kleinen Anfängen, erschüttert durch manche Gegenbewegung im Inneren wie im Äußeren, ist schließlich erreicht worden, daß die deutschen Katholiken, repräsentiert nicht nur durch die Hierarchie, sondern auch durch ihre Verbände, selbstverständlicher Teil des deutschen Gemeinwesens geworden sind.

Meine Aufgabe sehe ich allerdings nicht darin, Ihnen diese Geschichte noch einmal zu erzählen. Ich möchte vielmehr einige Anmerkungen zum heutigen Verhältnis zwischen Kirche und Staat, zwischen Religion und Gesellschaft machen.

Ich will mit einer ganz grundsätzlichen These beginnen: Staat und Kirche stehen zueinander nie in einem Verhältnis, das sich gleichsam aus der Natur der Sache ergäbe, das man also akademisch ableiten und abstrakt definieren könnte.

Beide sind vielmehr historische Größen. Sie wandeln sich in sich selbst und im Verhältnis zueinander. Deshalb wird es immer Ungewißheiten und Unschärfen geben, Übergänge, nicht ganz deutlich abgrenzbare Bereiche. Das sollten wir nicht in falscher deutscher - oder auch römischer - Gründlichkeit aufzuheben versuchen. Wenigstens nicht, solange das Verhältnis für beide Seiten fruchtbar ist und keine Seite unlautere Übergriffe vornimmt.

Ich weiß, daß es für die Kirchen zur Zeit nicht einfach ist, ihren Ort in unserer sich ständig verändernden Gesellschaft zu bestimmen. Mir steht es auch nicht zu, ihnen einen solchen Ort zuzuweisen. Eines aber weiß ich sicher: Eine Kirche, die die Orientierungslosigkeit der Gesellschaft nur noch einmal verdoppelte, hätte sich selber überflüssig gemacht, noch bevor andere ihr das bescheinigten. Und eine Kirche, die glaubte, auf jedem gesellschaftlichen Gebiet kompetenter zu sein als die Zuständigen, dürfte sich nicht wundern, wenn man sie eines Tages nicht mehr ernst nähme.

Was ich vom kirchlichen Engagement erwarte - und zwar nicht nur als Person, sondern dezidiert von meinem Amt her - ist, um es vorsichtig zu sagen, die Konfrontation der Menschen mit einer Vertikalen, mit der "ganz anderen" Perspektive. Zu vieles, was Staat und Gesellschaft heute bewegt, macht den Eindruck, es gehe um Allerletztes und Allerwichtigstes. Die Kirchen aber sollten daran erinnern, daß viele unserer Debatten sich - im besten Falle - um Vorletztes drehen. Das scheint mir die Aufgabe der Kirche zu sein, die heute am notwendigsten ist.

In diesem Raum hier ist es angezeigt, sodann daran zu erinnern, daß die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik nach dem Kriege auch den katholischen Verbänden, namentlich dem Sozialkatholizismus zu danken ist. Da war einmal der bewußte Verzicht auf die Reanimation einer katholischen Partei, also des Zentrums. Da waren zum anderen das Ja zur Einheitsgewerkschaft und die klaren Forderungen nach Mitbestimmung und Arbeiterschutz, wie sie etwa auf dem Bochumer Katholikentag formuliert worden sind. Und da finden sich deutliche Spuren der katholischen Soziallehre in unserer Verfassung und im System der Sozialen Marktwirtschaft.

Die Laienverbände erwiesen sich als wesentliche und verläßliche Stützen der jungen westdeutschen Demokratie und verankerten ihre Ideen fest in ihrer jeweiligen Mitgliederschaft. Es ist vielleicht kein Zufall, daß Konrad Adenauer der erste Kanzler dieser Republik geworden ist - derselbe Adenauer, der als Präsident des Katholikentages 1922 vehement die republikanische und demokratische Verfassung verteidigte, auch gegenüber der kirchlichen Hierarchie, wie seine berühmte Replik auf Kardinal Faulhaber zeigt. Nach dem 2. Weltkrieg war die Zustimmung zur Demokratie kaum irgendwo größer war als im organisierten Laienkatholizismus. Ein Zeichen dafür ist auch, daß überzeugte Katholiken inzwischen in allen Parteien engagiert sind.

Und: In der DDR war die katholische Kirche zwar eine Minderheit. Um so höher ist aber das Engagement zu schätzen, mit dem sie dort ihre fundamentalen Werte verteidigte. Daß heute einer der Ihren dem Zentralkomittee der deutschen Katholiken als Präsident vorsteht, ist für mich ein untrügliches Zeichen für die Wertschätzung der unbeugsamen und tapferen Arbeit unter der Diktatur und für die Bereitschaft, von den sehr anderen Erfahrungen dort zu lernen.

Die Katholikentage waren von 1848 an öffentliche Angelegenheiten. Es war genau der Anspruch auf öffentliche Wahrnehmung, auf politische Einmischung, auf gesellschaftliche Auseinandersetzung, der ihr Wesen ausmachte und immer noch ausmacht. Auf den Katholikentagen wollen die Katholiken sich nicht gegenseitig feiern, sondern der Gesellschaft in aller Offenheit vorstellen, wofür sie stehen und sich einsetzen. Jeder einzelne Katholikentag - natürlich auch jeder evangelische Kirchentag - ist ipso facto ein Kontrapunkt zu der These, Religion sei Privatsache. Katholiken- und Kirchentage bekunden Religion als eine öffentliche Angelegenheit.

Damit stehen sie übrigens im Widerspruch zu einem seltsamen Phänomen, das sich heutzutage immer mehr beobachten läßt: Auf der einen Seite werden die privatesten und intimsten Dinge öffentlich gemacht, ich denke zum Beispiel an die Produkte mancher Medien. Auf der anderen Seite werden entscheidende, für die Gesellschaft hochrelevante Angelegenheiten ins rein Private abgedrängt. Wertentscheidungen, Wertsetzungen, Lebensorientierung, Überzeugungen werden zu Privatangelegenheiten, die öffentlichem Streit weitgehend entzogen sein sollen. Sogar die Fragen nach Anfang und Ende des Lebens sollen, verbreiteten Meinungen nach, allein Sache der persönlichen Entscheidung sein.

Mir macht eine solche Entwicklung Sorgen. Es ist zwar richtig, daß die persönliche Freiheit als hoher Wert allgemein anerkannt wird. Aber auf der anderen Seite kann die Gesellschaft auf Dauer nicht ohne einen verbindlichen - und das heißt ja: ihre Mitglieder verbindenden - Wertekonsens existieren. Ein solcher Konsens steht nie ein für alle Mal fest. Aber gerade, weil er im Wandel begriffen ist, brauchen wir den öffentlichen Disput darüber. Mit einem privaten Spartenfernsehen kann man leben - mit einer privaten Spartenethik, die nur noch kleine und kleinste Milieus verpflichtet, auf Dauer sicher nicht. Hier kann kirchliche Arbeit viel zur Korrektur beitragen.

Ich möchte - als Beispiel - an die katholischen Jugendverbände erinnern. Wenn den Jugendlichen heute mangelnde soziale Einsatzbereitschaft und Fixierung auf Selbstverwirklichung nachgesagt wird, dann können die vielen tausend ehrenamtlichen Jugendgruppenleiter nicht gemeint sein, die bei den Pfadfindern, der Katholischen Jungen Gemeinde oder anderswo Verantwortung für Kinder oder gleichaltrige Jugendliche übernehmen. Viele junge Menschen erfahren hier sehr früh, wieviel Einsatz gesellschaftliches Engagement verlangt, aber auch wieviel Bereicherung es bringt, sich für andere einzusetzen. Gerade in der kirchlichen Jugendarbeit werden - oft auf spielerische Weise - zudem Werthaltungen erfahren und eingeübt. Vor allem wird hier gelernt: Orientierung kann nur von Orientierten kommen. Es zählt nicht die beste Verbandssatzung, sondern das lebendige Beispiel.

Auch der karitative und diakonische Einsatz der Kirchen und der kirchlichen Verbände ist kein bloß privater Reparaturdienst. So sehr dieser Dienst inzwischen von Management und von Pragmatismus mitgeprägt wird - es muß doch deutlich bleiben, daß hier vor aller Welt ein bestimmtes Bild vom Menschen und seinem Auftrag vermittelt wird. Mit ihrem sozialen Engagement stellen die Kirchen eine ständige, auch öffentliche und politische Aufforderung dar: nämlich die Schwachen, die Kranken, die Wettbewerbsverlierer nicht aus den Augen zu verlieren. Alle verbalen Appelle, alle noch so klugen Sozialworte der Kirchen gewinnen ihre Überzeugungskraft erst aus dem tätigen Einsatz, und nicht weil sie höhere Einsichten in die politische Wahrheit hätten.

Ein anderes Feld, auf dem die Kirchen gleichzeitig zur ethischen Orientierung und zur Gewissensbildung beitragen, ist der Einsatz für das ungeborene Leben. Die klare und eindeutige Position der Kirchen zur Frage des ungeborenen Lebens, die ja keineswegs eine beliebige Privatmeinung darstellt, ist ein notwendiges Korrektiv zu gegenläufigen gesellschaftlichen Strömungen. Wenn die Kirchen daran erinnern, daß Straffreiheit kein Recht auf Abtreibung bedeutet, wenn sie unzweideutig darlegen, daß menschliches Leben grundsätzlich nicht disponibel ist, dann sprechen sie nicht nur für sich selbst, sondern sie verteidigen die humanen Grundlagen der Gesellschaft, so wie sie diese Grundlagen sehen.

Der von Gesetz und Verfassungsgericht gesetzte Rahmen bringt die Kirche in der Beratungsfrage immer wieder in Schwierigkeiten. Mit großem Respekt verfolge ich deshalb das ernste Ringen, in dem die Kirche ihre Position angesichts der gegebenen Gesetzeslage sucht. Ich möchte bei dieser Gelegenheit auch meiner persönlichen Hochachtung Ausdruck geben für die unermüdliche und vorbildliche Integrationsleistung des Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz. Gerade weil die grundsätzliche Position der Kirche so klar und gleichzeitig so unverzichtbar ist, wünsche ich mir - und zwar auch hier nicht nur als Person, sondern als Bundespräsident -, daß sie ihrer wertvollen Aufgabe innerhalb des staatlichen Beratungssystems weiterhin nachgehen kann. Es wird hier nach aller menschlichen Erfahrung keine ideale, sondern nur eine bestmögliche Lösung geben. Doch kompromißloser Rigorismus, der mir theoretisch als durchaus nachvollziehbar erscheint, würde faktisch weniger Lebensschutz mit sich bringen als bisher.

Ein anderes Feld, in dem die Kirche in öffentlicher Verantwortung steht, ist der Religionsunterricht an den Schulen. Dieser staatliche Religionsunterricht hat primär nichts mit einem Missionsauftrag der Kirchen zu tun. Er hat vielmehr damit zu tun, daß dieser Staat selber keine Ideologie oder Weltanschauung produziert. Das ist gut so. Von staatlich monopolisierter Weltanschauung haben wir in diesem Jahrhundert wahrhaftig genug gehabt. Auf der anderen Seite aber ist der moderne, weltanschaulich neutrale Staat ein Nutznießer der Werte und Orientierungen, die u. a. auch die religiöse Tradition bereitstellt. Den Sätzen der Synode der deutschen Bistümer von 1975 kann ich mich nur anschließen: "Der Religionsunterricht hilft, die richtigen Fragen zu stellen. Er will Scheinsicherheiten aufbrechen, vermeintlichen Glauben ebenso wie gedankenlosen Unglauben. Er wehrt einer Verkümmerung des Pluralismus zu wohliger Indifferenz. Er hilft jungen Menschen, in Hinsicht auf existenzielle Fragen sprach- und urteilsfähig zu werden."

Ein zentraler Punkt der öffentlichen kirchlichen Einmischung wird immer das Thema der Gerechtigkeit sein.

Gerechtigkeit war das große Thema, als sich die Katholiken 1848 die Ideen der deutschen Demokratiebewegung zu eigen machten - zunächst natürlich auch, weil sie selbst davon zu profitieren hofften. Gerechtigkeit war das große Thema das Sozialkatholizismus des späten 19. Jahrhunderts und sie war auch das Thema der katholischen Verbände in der frühen Bundesrepublik. Gerechtigkeit muß das Thema des gesellschaftlich engagierten Christentums bleiben. Der Staat, sofern er nicht zum augustinischen "latrocinium", also zur Räuberbande, werden will, ist auf die Zumutungen einer solchen Botschaft angewiesen.

Auch hier wird die Kirche wissen, daß sie nicht in jeder Einzelfrage die absolute Wahrheit gepachtet hat. Wenn sie ehrlich ist, wird sie sogar zugeben, daß auch das Evangelium auf die sehr konkreten Fragen der Gegenwart keine direkte Antwort gibt. Trotzdem, ja gerade deshalb ist die Stimme der Kirche hier unverzichtbar. Die Politik wird ihr nicht immer folgen können, aber sie schadet sich selbst, wenn sie nicht wenigstens aufmerksam zuhört und mitdenkt.

Das erweist sich auch am zentralen Schlagwort der Gegenwart, der Globalisierung. Für eine Kirche, die seit je schon in Urbs und Orbis präsent ist, ist das eigentlich ein alter Hut. Universale Vernetzung ist ja geradezu das Wesensprinzip der katholischen Kirche. Deswegen aber hat die Kirche dem Globalisierungsdenken von heute ein wesentliches Element hinzuzufügen: Es geht nicht nur um globales Wirtschaften, sondern auch um globale Verantwortung. Für das weltweite kirchliche Netzwerk sind fremde Länder nicht bloß Standortfaktoren oder Billiglohnländer. Es gibt viele persönliche Beziehungen, Gemeindepartnerschaften, regen Austausch mit Partnern in Asien, Afrika und Südamerika. Die in kirchlichen Kreisen vorhandene Kenntnis dortiger Zustände relativiert viele unserer eigenen Probleme und bewahrt vor einem selbstbezogenen Provinzialismus.

Gerechtigkeit ist für Christen ein weltweites Thema. Die kirchliche, konkret vor Ort situierte und auf hohem professionellen Niveau organisierte Entwicklungsarbeit ist immer mehr auch zum Modell staatlicher Entwicklungspolitik geworden. Es gehört übrigens auch zum Thema "Staat und Kirche", daß die deutschen Katholiken mit ihren Hilfswerken "Adveniat", "Misereor" und dem in jüngster Zeit für die Länder Osteuropas gegründeten "Renovabis", nicht zuletzt das gute Bild Deutschlands in der Welt, gerade bei den Ärmsten, mitbestimmen. Gleiches gilt natürlich auch von den evangelischen Werken wie "Brot für die Welt".

150 Jahre Deutscher Katholikentag: Die Kirchen, die katholische Kirche zumal, haben viele Reiche und Staaten kommen und gehen sehen. Die Kirche hat eine lange Vergangenheit und eine Zukunft, die ihr bis zum Ende der Zeiten verheißen ist. Das sollte sie nicht davon abhalten, an diesem deutschen Staat weiter mitzuarbeiten, der - nicht zuletzt durch ihr Engagement - der beste ist, den wir bisher hatten.

- Es gilt das gesprochene Wort. -