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Ansprache von Bundespräsident Roman Herzog zur Eröffnung der Pressekonferenz zur Vorstellung der Initiative "Fit fürs Informationszeitalter" in Schloss Bellevue

Meine Damen und Herren,

die Informationstechnik und das Internet sind schon in aller Munde, so daß es eigentlich nicht des Bundespräsidenten bedurft hätte, Sie für dieses Thema zu interessieren. Nun geht es mir auch nicht um Bits und Bytes, und auch die Vertreter der Wirtschaft sind hier nicht zusammengekommen, um Ihnen den neuesten Computer oder eine revolutionäre Software zu präsentieren.

Mir geht es heute um einen breiteren Ansatz: Die Informationstechnik ist im Begriff, unsere Gesellschaft tiefgreifend zu verändern. In vielen Unternehmen hat sie eine regelrechte "Effizienzrevolution" ausgelöst, die auch Schattenseiten hat: Lange Zeit kam das Wachstum der Wirtschaft ohne zusätzliche Arbeitsplätze aus. Andererseits haben die Informations- und Kommunikationstechnik auch ganz neue Branchen mit zukunftssicheren Jobs geschaffen. So erfuhr ich heute morgen wieder einmal, daß auch in Deutschland trotz hoher Arbeitslosigkeit schon wieder händeringend nach Fachleuten gesucht wird.

Die neue Technik hat viele Gesichter: Sie beeinflußt unser Freizeit- und unser Konsumverhalten ebenso wie unsere Sprache. Digitales Fernsehen und Internet sind Stichworte einer neu entstehenden Medienwelt, deren Wirkung auf die Prozesse demokratischer Meinungsbildung und politischer Partizipation wir erst erahnen können. Die Möglichkeiten moderner Kommunikation lassen geographische Entfernungen schrumpfen und machen die Informations- und Kommunikationstechnik zu einer der Triebfedern der Globalisierung.

Es geht also um eine Technik, die mit atemberaubender Geschwindigkeit voranschreitet und die alle, die nicht schnell genug sind, hinter sich zurückläßt. Nicht nur ganze Computer-Generationen veralten in wenigen Jahren, sondern auch das dazu gehörige technische Wissen.

Mit einem Wort: Wir haben es mit einen Umbruch zu tun, der nur mit der Erfindung von Dampfmaschine und Elektrizität und der ihr folgenden industriellen Revolution des letzten Jahrhunderts zu vergleichen ist. Für uns heißt das: Wenn wir bei den Gewinnern dieses Umbruchs sein wollen, müssen wir in Sachen Informationstechnologie in der ersten Weltliga mitspielen.

Wenn das so ist, muß sich unser Land aber auch mit den gesellschaftlichen Folgen der informationstechnischen Revolution auseinandersetzen. Das beginnt mit dem Umbruch in der Arbeitswelt. Die Zeit der klassischen Arbeitsverhältnisse, bei denen der Arbeitnehmer seine im ersten Lebensdrittel erworbene Qualifikation einbringt und dafür lebenslange Beschäftigung erwartet, ist wohl vorbei. Heute zeichnet sich eine Palette ganz neuer Arbeitsbeziehungen ab, mit denen wir experimentieren müssen; das gilt ganz besonders für die Verzahnung von Beruf und Weiterbildung. Wer neue Chancen nutzen will, darf nicht an überholten Strukturen, überholten Bildungsinhalten und unzeitgemäßen Ansprüchen festhalten.

Wir müssen die Chancen der neuen Technik also ergreifen, aber wir müssen auch unser Wertesystem, unsere Vorstellungen von falsch und richtig, in die neue Epoche einbringen. Die Informationsgesellschaft darf nicht eine kalte Ellbogengesellschaft sein, von der nur einige wenige profitieren und in der der Umgang zwischen den Menschen parzelliert oder zu virtuellen Beziehungen reduziert wird.

Wir brauchen eine Diskussion darüber, wie die Informationsgesellschaft aussehen kann und soll, und wie wir uns auf sie vorbereiten wollen. Das ist nicht nur eine Sache der Experten und der Computer-Freaks. Die Herausforderungen gehen alle an: Sie betreffen unsere Schulen, unsere Universitäten, die Tarifpartner, die Strukturen staatlicher Verwaltung. Auch die Wirtschaft ist aufgerufen, unsere Gesellschaft auf das neue Zeitalter vorzubereiten, nicht nur durch technische Entwicklungen, sondern durch eigene Beiträge zu einer echten Informationsgesellschaft. Die gemeinsame Initiative der heute hier vertretenen Unternehmen soll ein Schritt in diese Richtung sein, dem sich andere anschließen mögen.

Aus den USA ist jetzt zu hören, daß der Mangel an Fachleuten für Informationstechnik der entscheidende Engpaß für das weitere Wachstum sei. Ich denke, daß unser Land hier über ein großartiges Potential verfügt. Wir müssen den jungen Menschen dann aber auch sagen, wo ihre Chancen liegen, und ihnen Ausbildungsangebote machen, die diese Chancen auch eröffnen - auf allen Ebenen, von der Berufsausbildung bis zur Universität.

Das geht nicht ohne tiefgreifende Veränderungen der Lehrpläne, der Studiengänge und der Curricula der Lehrerausbildung. Schon jetzt heißt es ja, daß die Schüler mehr über das Internet wüßten als die Lehrer. Ich halte es jedenfalls für geboten, die Grundfertigkeiten für den Umgang mit dem Computer an jeder Schule künftig genauso nachhaltig zu lehren wie heute Lesen und Schreiben. Ich begrüße es, daß die hier vorgestellte Initiative einen Schwerpunkt bei der Aus- und Fortbildung setzt. Daß dabei auch die älteren Menschen nicht vergessen werden, hat mich besonders beruhigt. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, mir den hier angebotenen "Führerschein fürs Internet" noch einmal aus der Nähe anzusehen. Daß das Bundespräsidialamt schon seit längerem im Internet vertreten ist, sehen Sie übrigens, wenn Sie unsere Homepage aufrufen. Diese enthält weitere Information über die hier vorgestellte Initiative.

Genauso wichtig ist mir die von der Initiative geplante Unterstützung junger Existenzgründer. Gerade die Informations- und Kommunikationstechnik kennt viele Erfolgsgeschichten von Erfinder-Unternehmern, die in wenigen Jahren aus eigener Kraft weltumspannende Unternehmen aufbauten und dabei hunderte, wenn nicht tausende von Arbeitsplätzen schufen. Ich freue mich, daß diese Initiative jungen Leuten, die sich selbständig machen wollen, durch Beratung und Qualifizierung helfen will.

Die Initiative ermutigt nicht zuletzt durch die Beispiele ihrer Mitglieder: Wir haben hier nicht nur die Vertreter von großen Konzernen versammelt, sondern auch Pioniere des Informationszeitalters, die es aus eigener Kraft geschafft haben. Ich freue mich, daß die hier vertretenen großen Unternehmen sich sehr schnell einig waren, einen der jungen Gründerunternehmer zu ihrem Sprecher zu machen. Herr Börries, Sie haben das Wort.

- Es gilt das gesprochene Wort. -