Navigation und Service

Rede von Bundespräsident Roman Herzog anläßlich des Karlsfestes 1999 der Europäischen Stiftung für den Aachener Dom

Aachen ist die vielleicht europäischste Stadt Deutschlands. Wenn für Europa jemals so etwas wie ein Taufschein ausgestellt wurde, dann ist es vor annähernd 1200 Jahren an dieser Stelle geschehen.

Natürlich hat Europa die verschiedensten Wurzeln. Sie finden sich in Sizilien wie in Irland, in Polen wie in Frankreich, in Tschechien wie in Spanien. Aber viele dieser Spuren führen zu Karl dem Großen. Er war der große Ordner der westlichen Welt, die mit dem Untergang des Weströmischen Reiches ihre Konturen verloren hatte. Karl wurde zu einem neuen Ankerpunkt ? politisch wie kulturell. Deshalb gibt es viele Historiker, die das Jahr 800, das Jahr der Kaiserkrönung, zur eigentlichen Geburtsstunde Europas erklären.

Aachen wurde durch Karl zum entscheidenden politischen und kulturellen Zentrum seiner Zeit, zu einem geistigen und geistlichen Kraftfeld, das sich bis in die letzten Winkel seines Herrschaftsgebietes auswirkte. Seine Akademie brachte die führenden Geister Europas zu einer ersten Universitas Litterarum des nördlichen Europa zusammen. Seine Leistungen für das Christentum sind bis heute spürbar.

Sein Streben nach Einheit wurde auch nicht zum Todesurteil über die Vielfalt, die sein Reich prägte. Er machte das "semper reformanda" zu einem geistigen Schlachtruf, der zwar vor allem dem Ziel der Herrschaftssicherung diente, der aber eben auch die Beseitigung von Mißständen bezweckte und stets das Wohl der Untertanen im Auge behielt. Seine Herrschaftsverordnungen ? die Kapitularien - waren frühe Kodifikationen zur Regelung rechtlicher, wirtschaftlicher, politischer und kirchlicher Angelegenheiten, die befriedend wirkten. Manche seiner Reformen sind selbst heute noch wirksam.

Natürlich eignet sich das Wesen und Wirken Karls kaum für allzugroße Lobpreisungen, wenn man heutige Maßstäbe an ihn anlegt. Seine Kriege waren grausam und alles andere als gottgefällige Taten, auch wenn etwa die Sachsenkriege den kirchlichen Segen erhielten, weil sie gegen heidnische Götzendiener geführt wurden. Und Karls persönlicher Lebenswandel hätte nach der Gründung der Römischen Ritenkongregation im Jahre 1588 wohl nicht mehr den Ansprüchen für eine Heiligsprechung genügt: Vier Ehen und zumindest sechs weitere Konkubinate sind überliefert. Das ist schon relativ viel für einen weltlichen Imperator, aber erst recht für das Ideal des christlichen Herrschers, zu dem Karl nach seiner durch Friedrich Barbarossa veranlaßten Heiligsprechung im Jahre 1165 erklärt wurde.

Die Faszination, die von Karl noch heute ausgeht, erklärt sich vielleicht am ehesten durch seinen gelungenen Versuch, das antike Erbe mit christlicher Religion und germanischer Gedankenwelt zu verbinden.

Aachen war der Krönungsort von 30 deutschen Königen; sie wurden bis 1531 ohne Ausnahme hier gekrönt, und wer es ? wie Friedrich II von Hohenstaufen - mit einer Inthronisation in Frankfurt bewenden lassen wollte, dem wurde von den Fürsten sofort bedeutet, daß man erst eine Aachener Krönung als wirksam betrachte. Immerhin verdankt die Stadt dieser Tatsache den Karlsschrein. Ohne Krönungstradition wäre Aachen wohl auch nicht zu seiner historischen Bedeutung aufgestiegen.

Karl der Große begleitet noch heute jeden Besucher Aachens auf Schritt und Tritt. Das "caroli praesentia" der alten Aachener Stadthymne ist in einem übertragenen Sinne unverändert Wirklichkeit. Und der Aachener Dom, dieses erste zum Weltkulturerbe ernannte deutsche Bauwerk, wacht darüber mit ernster Würde. Das Karlsfest wie die alljährliche Verleihung des Karlspreises lenken immer wieder die Aufmerksamkeit ganz Europas auf die Stadt.

Natürlich gibt es für die Aachener unserer Tage auch viel profanere europäische Bezüge. Keine andere Stadt in unserem Land ist mit größerer Selbstverständlichkeit international. Die Menschen der Region bewegen sich Tag für Tag in drei Ländern und nehmen die Grenzen kaum mehr wahr. Hier ist der Begriff Euregio kein politisches Etikett - hier ist eine Region über die Jahrzehnte durch die Bevölkerung selbst zu europäischer Einheit verschweißt worden. Die hier verwurzelte europäische Tradition liefert also ein gutes Fundament für eines der kühnsten Projekte der Gegenwart: die endgültige Festigung des einigen Europa.

Tradition und Gegenwart begegnen einander in Aachen symbiotisch. Zwar wäre die Stadt vermutlich heute auch ohne ihre Vergangenheit, allein schon durch ihre geographische Lage, eine europäische. So aber kommt bei den Aachener Bürgern das wache Bewußtsein ihrer europäischen Herkunft hinzu. Es macht durchaus einen Unterschied, ob man aus purer Einsicht in das Nützliche oder Notwendige ja zum europäischen Gedanken sagt, oder ob man sich geistig und emotional in eine lange Generationenfolge europäischer Gesinnung eingebettet sieht.

Deshalb wird man in Aachen kaum erleben, was einen anderswo so oft schmerzt: den geschichtslosen Pragmatismus und die vordergründige Kosten-Nutzen-Betrachtung, die Europa zur ökonomischen oder gar monetären Vorteilsgemeinschaft schrumpfen läßt.

Sie wissen: Ich bin kein Anhänger emphatischer Utopien, die der Wirklichkeit philosophische Planungsgebäude überstülpen und die Realität dann nur noch kümmerlich erscheinen lassen; denn Utopie und Illusion liegen meist nahe beieinander. Aber die europäische Idee ist das blanke Gegenteil einer Utopie. Sie ist auch nie eine gewesen. Sie ist eine konkrete Vision, die ihre Kraft aus ihrer eigenen Erfahrung speist und schon große Wegstrecken hinter sich gebracht hat. Europa ist keineswegs nur ein Zukunftsplan, sondern es ist vor allem ein existenter Pfeiler unserer Geschichte. Jede europäische Zukunft ist daher zugleich immer eine Renaissance. So war es übrigens schon bei Karl.

Gewiß: Die erste Hälfte dieses Jahrhunderts mit ihren zwei Weltkriegen, mit nationalistischer Hybris und ideologischem Wahn hat die Erinnerung an unsere europäische Vergangenheit zeitweilig verblassen lassen. Als aber nach dem Grauen und den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges die europäische Idee Politik und Bürger zu begeistern begann, war es doch vor allem ein Anknüpfen an Vergangenes. Vielleicht hat Europa auch deshalb die Herzen der Menschen so sehr bewegt. Gefühl und Verstand waren in Einklang miteinander.

Heute ist die europäische Euphorie verflogen. In gewisser Hinsicht war das zwangsläufig. Denn heute begegnet uns Europa häufiger in Gestalt von Milchquoten, Richtlinien oder Subventionen als in seiner politischen und kulturellen Dimension. Aber so wie ein Ehealltag kein ewiger Honeymoon ist, so muß sich auch Europa im Klein-Klein der täglichen Probleme bewähren und darauf achten, daß man sich nicht in der Nähe entfremdet. Ich meine nicht, daß fortlaufend rituelle Liebesschwüre fällig werden; nein: gelegentlich sind auch einmal klare Worte darüber nötig, was einen stört. Konflikte unter den Teppich zu kehren, löst bekanntlich keine ihrer Ursachen. Man darf also durchaus einmal die Finanzierungsusancen oder die Strukturen der europäischen Institutionen hinterfragen, ja man muß es vielleicht sogar um ihrer Effizienz und Zukunftsfähigkeit willen tun. Aber das lustvolle Streiten im Detail darf nicht die Kernfragen verdecken. Vor allem darf man darüber nicht vergessen , weshalb man zusammengefunden hat. So wie eine eheliche Partnerschaft mehr ist als die Wohngemeinschaft von Zeitabschnittsgefährten, so ist Europa mehr als ein befristeter Kooperationsvertrag der beteiligten Staaten.

Ich habe schon oft gesagt, daß ich im gemeinsamen Europa nicht das Ende unserer Nationalstaaten sehe. Sie bleiben nötig als identitätsstiftende und auch als politisch-administrative Körperschaften. Aber sie sind nur eine ? wenngleich gewichtige ? Facette unserer politischen und kulturellen Existenz. Unterhalb der nationalstaatlichen Ebene bleibt die Bedeutung der Regionen, und oberhalb wächst das Gewicht des Supranationalen, des Europäischen. Manche unserer politischen Herausforderungen sind national gar nicht mehr zu lösen, sondern bedürfen einer internationalen Antwort, andere wiederum sind unterhalb der europäischen Ebene weit besser aufgehoben als in Brüssel oder Straßburg. Man ist kein schlechter Europäer, wenn man darauf besteht, daß manche Kompetenzen nicht auf Europa übergehen dürfen, ja vielleicht sogar von dort zurückgeholt werden sollten. Der uns Deutschen so vertraute Grundsatz der Subsidiarität ist eine Vorfahrtsregelung zugunsten der kleineren und damit automatisch bürgernäheren Körperschaften. Daß wir ihn mit allen anderen gemeinsam nunmehr auch zum europäischen Prinzip erhoben haben, ist eine Verbeugung vor der wichtigsten europäischen Mitgift: der Vielseitigkeit. Auch aus ihr wächst Europas Kraft.

Das ist übrigens ein Denken, das wir schon bei Karl dem Großen finden können. Sein Reich wurde nicht durch Sprachgrenzen definiert wie viele der späteren Nationalstaaten. Er ließ die Volksrechte in seinem Herrschaftsgebiet aufzeichnen und verhalf ihnen dadurch zu mehr, nicht zu weniger Wirksamkeit. Er kannte nicht die kulturelle Enge, in der sich manche heutigen Zeitgenossen verschanzen. Selbst die gemeinsame Währung, der wir uns doch zunächst mit viel Skepsis genähert haben, hatte bei Karl schon ihren Vorfahren: die gemeinsam mit Pippin vollzogene Neuordnung des Geldwesens führte zum einheitlichen, im gesamten Reich umlaufenden Silberdenar.

Karl wurde zu einem wesentlichen Teil unserer Geschichte, war aber zugleich prägend für die Geschichte unserer Nachbarn. Bis zur Revolution feierten die Franzosen alljährlich sein Namensfest. Deshalb taugt Karl auch nicht für nationalistische Fehldeutungen. Ein Lehrbeispiel dafür sind die Schwierigkeiten, die die Nationalsozialisten mit seiner Einordnung hatten. Da gab es einerseits Beifall für Karls Niederwerfung der deutschen Stämme, die als notwendig für die deutsche Staatswerdung angesehen wurden. Aber da gab es zugleich - für denselben Vorgang - das Propagandabild vom katholischen Sachsenschlächter, der damit für die nationale Ahnentafel unbrauchbar wurde.

Tatsächlich ist Karl nicht mit platten Stereotypen beizukommen. Er war ein Mann der Bildung und Erneuerung, der zivilisatorischen Prägekraft, und es war schon ein Glücksfall, daß eine Persönlichkeit dieses geistigen Zuschnitts zugleich dieses Ausmaß an Umsetzungsmacht bekam. Denn Karl war gewissermaßen ein multifunktionaler Herrscher: er war Oberhaupt seines Reiches und hatte zugleich ? mit heutigen Begriffen beschrieben ? das Amt des Präsidenten einer europäischen Kommission inne; überdies war er militärischer Oberbefehlshaber und Inhaber der höchsten richterlichen Gewalt. Schließlich war er zu guter Letzt auch geistiges Oberhaupt einer Vielvölkergemeinschaft. Eine bemerkenswerte Allmacht, die ihn jedoch nicht dazu verführte, die Kultur der Völker seines Reiches einzuschmelzen, oder ? wie man später sagte ? gleichzuschalten. Im Gegenteil: er stärkte sie, indem er sie zur Vielfalt ermutigte - und nutzte zugleich das Gemeinsame als Kraftquelle.

Der Blick auf Karl den Großen zeigt uns Deutschen übrigens auch, daß unsere Vergangenheit eine zutiefst europäische ist. Unsere Zukunft steht auf den Schultern des Bisherigen. Die Furcht, wir könnten uns in Europa verlieren, ist nicht begründet. Viel eher können wir uns dort finden ? zumindest aber vieles von dem, was wir uns heute als prägend zurechnen.

Wer heute den Versuch machen würde, unsere Geistesgeschichte, unsere Wissenschaftsgeschichte, unsere Musik oder unsere Architektur ausschließlich in ihren deutschen Komponenten zu beschreiben, müßte unweigerlich scheitern. Ähnlich erginge es jedem, der diesen Versuch aus französischer, englischer oder spanischer Sicht unternehmen würde. Unser deutsches Rechtssystem nimmt Anleihen beim römischen Recht, schon unsere Urverfassung von 1848 spiegelt englische, französische oder belgische Einflüsse wider. Und: Hat Heinrich Heine das deutsche oder das französische Geistesleben mehr befruchtet? Wo überall waren Montesquieus Ideen wirksam? Baustile wurden durch Epochen stärker geprägt als durch Staaten. Und die Musik hat noch nie Grenzen gekannt und würde sie auch nie akzeptieren können.

Das alles sind keine Erkenntnisse aus den Erfahrungen der weltweiten Informationsgesellschaft, in der sich Nachrichten in Sekundenbruchteilen über den Erdball verbreiten, sondern sie entstammen der Zeit der Pferdekutschen, in der Neuigkeiten oft erst nach Wochen oder gar Monaten ihr Ziel erreichten. Erst recht finden sie Bestätigung in unserer Zeit der internationalen Vernetzung, der unmittelbaren Teilhabemöglichkeit an allen wissenschaftlichen, geistigen und kulturellen Entdeckungen. Je mehr wir voneinander wissen, desto mehr können und wollen wir voneinander lernen.

Damit plädiere ich nicht für eine ununterscheidbare Multikulturalität. Jeder Mensch braucht ein inneres Gleichgewicht, das er nicht an jedem beliebigen Ort oder in jeder beliebigen Gemeinschaft finden wird. Der Mensch braucht die Sprache als Mittel der Kommunikation, er braucht eine Wertegemeinschaft, die er innerlich mitzutragen vermag, er braucht die Einbettung in ein Umfeld, das ihm Heimat sein kann. Aus diesen Wurzeln zieht er seine Kraft, aber erst der Blick auf das Neue, auch auf das Andere öffnet ihm die Welt mit ihren Möglichkeiten.

Mir ist es wichtig, das nicht nur als Perspektive einer akademischen Welt zu begreifen, in der kollegialer Austausch schon immer selbstverständlich und unbestritten notwendig war. Die Universitäten des Mittelalters waren so europäisch wie die "République des Lettres", die sich im 17.Jahrhundert als Austragungsort des nationenübergreifenden gelehrten Diskurses herausbildete. Heute ist das Netz internationaler Bindungen in Europa längst viel weitreichender und engmaschiger geworden. Schüleraustausch, kommunale Partnerschaften, grenzüberschreitende Zweckverbände, das tägliche Arbeiten im Nachbarland, die millionenfachen persönlichen Freundschaften, auch das inzwischen selbstverständliche Reisen in alle Welt - dies alles sind Beweise eines Zusammenwachsens, das keine Beschränkung mehr auf Gilden, Stände oder Klassen akzeptieren würde.

Natürlich ist Erfolg immer der wirksamste Propagandist einer Idee. Das war nach Einführung der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland so ? wo die Mehrzahl der Menschen sicher nicht durch eine bestechende Theorie überzeugt wurden, sondern durch die meßbaren positiven Auswirkungen auf ihre persönlichen Lebensumstände. Und das ist auch bei der europäischen Einigung so, wo ökonomischer Nutzen und private Lebenserfahrung zu einem doch insgesamt überzeugenden europäischen Konsens geführt haben ? bei allen Vorbehalten im Detail. Es ist gut, daß politische und ökonomische Argumente Europa erzwingen. (Dabei beziehe ich durchaus die Betrittskandidaten mit ein, bei denen ja ebenfalls nicht das Ob, sondern allenfalls das Wann strittig ist. Europa ist mehr als die heutige EU, und die durch die kommunistische Diktatur erzwungene Teilung unseres Kontinents hätte niemals auch eine Option für die gemeinsame demokratische Zukunft sein können.)

Das alles ist freilich die eher pragmatische Seite der europäischen Medaille. Europa ist mehr als eine Wirtschaftsunion oder ein Währungsgebiet, mehr als ein Joint Venture zur politischen Nutzenmaximierung. Europa ist ein kulturelles Dach, unter dem die europäischen Völker in ihrer Verschiedenheit ihre gemeinsame Heimat finden. Deshalb wird es in Europa auch keine Einheitskultur geben. Es geht um die Stärkung des Gemeinsamen, nicht um ein Streben nach kultureller Konformität.

Miteinander leben, untereinander im Gespräch sein, voneinander lernen ? in diesem Dreiklang wollen wir Europa fortentwickeln. Offenheit und Neugier sind dabei hilfreiche Tugenden. Wenn wir in Aachen auf Karl den Großen zurückblicken, erkennen wir, daß wir uns dabei nicht auf Neuland bewegen. Wir müssen nur unser europäisches Erbe annehmen und in ihm zugleich den Gestaltungsauftrag für die Zukunft sehen.

- Es gilt das gesprochene Wort. -