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Rede von Bundespräsident Roman Herzog bei der 455. Schaffermahlzeit

Meine Herren, zum zweiten Mal bin ich heute Gast der Schaffermahlzeit. Das ist offenbar eine Besonderheit. Denn eigentlich dürfen Auswärtige nur ein einziges Mal teilnehmen, und ich hatte bereits in meiner Zeit als Verfassungsgerichtspräsident die Ehre. Aber man braucht nur Bundespräsident zu werden - schon gilt eine Ausnahmeregelung.

Übrigens will ich es mit schonungsloser Offenheit bekennen: Für meinen Entschluß zur Übernahme des Bundespräsidentenamtes hat die Aussicht auf ein zweites Schaffermahl keine Rolle gespielt. Aber ich freue mich doch sehr, daß ich Ihr ebenso ehrwürdiges wie fröhliches Beisammensein noch einmal miterlebe. Und sicherlich spreche ich im Namen aller heutigen Gäste, wenn ich den Schaffern herzlich für ihre Gastfreundschaft danke.

Mein Verhältnis zur Seefahrt ist vielschichtig. Was die seemännische Praxis angeht, so habe ich mich eher ein wenig zurückgehalten in meinem Leben. Aber immerhin bin ich in jüngerer Zeit mit der "Alexander von Humboldt" und der "Gorch Fock" gesegelt, und anders als manche meiner Bonner und Berliner Mitarbeiter reagiere ich auf den Anblick von Labskaus durchaus nicht mit dem Ruf: "Alles in die Boote!" Aber mein Seefahrtsbuch ist dünn, und ein Patent strebe ich schon überhaupt nicht an.

Das heißt freilich nicht, daß es meiner beruflichen Tätigkeit und meiner Amtsführung an nautischen Bezügen fehlte - im Gegenteil!

An der Universität habe ich mich der Staats- und Verfassungslehre gewidmet und gesehen, wie wichtig für die Klassiker der Staatsphilosophie die Schiffsmetapher gewesen ist. Von Platon bis Cicero verglichen sie alle das politische Gemeinwesen mit einem Schiff und gebrauchten Bilder aus der Seefahrt, um den nötigen Gemeinschaftsgeist, die rechte Bürgertugend und die Klugheitsregeln politischer Führung zu erläutern. So ist es gewiß auch kein Zufall, daß in den romanischen Sprachen und im Englischen das Wort für Regierung auf den lateinischen Ausdruck für das Steuern eines Schiffes zurückgeht.

Am Bundesverfassungsgericht sodann hatte ich Gelegenheit zur Prüfung des Satzes: "Auf hoher See und vor Gericht ist man in Gottes Hand." Und als Bundespräsident schließlich habe ich die bekannte "Hol durch, die lose!" - Rede gehalten. Es stimmt, sie ist unter dem Namen "Ruck-Rede" bekannter geworden. Aber ihr gebührt auch ein Titel in der Seemannssprache, denn im Kern behandelt sie das "Wagen und Winnen", wie es gerade hier in Bremen allen Kapitänen und Kaufleuten vertraut ist.

Seefahrt und Handel bedeuten seit je Risiko und Wagnis, freilich um der Chance und des Gewinnens willen. Ständig wandeln sich die Bedingungen, ständig müssen neue Techniken und Verfahren gelernt und angewandt werden, und immer ist selbständiges, beherztes Handeln geboten. Und zugleich gibt es keine bessere Schule der Weltoffenheit. Bremen zum Beispiel ist jährlich durch zehntausend Schiffe mit über tausend internationalen Häfen verbunden - das weitet den Horizont und schärft den Blick für die weltweiten Veränderungen in Technik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Und diese Veränderungen sind dramatisch! Sie stellen nicht nur alle Staaten und also auch Deutschland vor enorme Herausforderungen, sondern sie betreffen darüber hinaus jeden einzelnen von uns. Meistern werden wir sie nur, wenn wir uns wieder viel stärker auf die Tugenden der Eigenverantwortung und Selbständigkeit, der Eigeninitiative und einer vernünftigen Bereitschaft zum Wagnis besinnen. Ich möchte diese Überzeugung ein wenig näher begründen, und ich möchte das in fünf Schritten tun.

Erstens: Wenn die deutschen Unternehmen im internationalen Wettbewerb weiterhin Erfolg haben wollen, müssen sie noch viel stärker die unternehmerischen Talente ihrer Mitarbeiter wecken, fördern und zur Geltung bringen.

Die wirtschaftliche Globalität ist längst Unternehmensalltag. Der Welthandel und die grenzüberschreitenden Investitionen wachsen seit Jahren schneller als die Volkswirtschaften der allermeisten Einzelstaaten. Die moderne Informationstechnik und Logistik bewirken, daß fast von jedem Standort aus mit allen anderen konkurriert werden kann und muß. Die Preise für ein Telefonat zwischen New York und London sind in den letzten dreißig Jahren auf ein Zwanzigstel geschrumpft. Die Kosten für die Verarbeitung, Speicherung und Verteilung von Informationen sind allein in diesem Jahrzehnt um vier Fünftel zurückgegangen. Die Frachtraten im See- und Lufttransport haben sich in vielen Regionen halbiert. Und immer mehr Länder in der Europäischen Union, in Ost und Mitteleuropa und in Übersee ziehen mit Deutschland in puncto Wissen, Kapitalausstattung und Produktivität gleich. So bildet sich immer deutlicher eine Weltwirtschaft heraus, in der es statt der früher gewohnten wenigen Zentren viele bedeutende Leistungsträger gibt.

Dabei ist das Tempo der technischen Leistungssteigerung atemberaubend. Das zeigt etwa das Beispiel der Informationstechnologie: Heutzutage sorgen für die Sicherheit und Bequemlichkeit einer einzigen Luxuslimousine Computerchips mit der gleichen Rechenleistung, die vor dreißig Jahren die NASA insgesamt zur Verfügung hatte, um Apollo 11 zum Mond zu expedieren - jedenfalls behauptet das der Hersteller in meiner bayerischen Heimat. Die Leistungsfähigkeit der modernsten Mikroprozessoren ist gewaltig, aber in wenigen Jahren schon wird sie erneut um ein Zig-faches übertroffen werden. Auch die Medienlandschaft wird durch immer neue Leistungssteigerungen völlig verändert. Das Fernsehen, der Computer und das Internet werden künftig auf demselben Bildschirm verfügbar sein und auch in den Anwendungen mehr und mehr zusammenwachsen; so wird es immer leichter, sich von überallher das Wissen der Welt wirklich ins Haus zu holen. Durchbrüche von immenser Bedeutung stehen auch im Bereich der Biomedizin bevor, wo bereits seit langem an künstlichen Organen, hochwirksamen Medikamenten, ja selbst an der Verzögerung des menschlichen Alterungsprozesses gearbeitet wird.

Diese Wissensrevolution und der scharfe internationale Wettbewerb setzen weltweit die Unternehmen unter einen immensen Innovationsdruck. Wieder nur ein Beispiel: Die Firma Siemens erzielte in einem erst jüngst vergangenen Geschäftsjahr drei Viertel ihres Umsatzes mit Produkten, die nur fünf Jahre alt oder noch jünger waren. Das bedeutet also aller Voraussicht nach: Drei Viertel der Produkte, die das Unternehmen im Jahr 2005 auf dem Markt anbieten will, sind heute noch gar nicht entwickelt. Natürlich muß man genau hinschauen, was da im Einzelfall als "Innovation" mitgezählt wird. Aber die Tendenz ist klar, und gerade bei international besonders erfolgreichen Mittelständlern ist die Innovationsrate genauso hoch. Deshalb muß man so viel Erfindungsreichtum eigentlich allen deutschen Unternehmen wünschen, denn sie alle werden sich immer mehr mit Konkurrenten aus der Europäischen Union und aus aller Welt messen müssen.

Die entscheidende Quelle dieses Erfindungsreichtums aber sind die Mitarbeiter! Sie sind es, die in aller Regel die Ideen für bessere Produktionsabläufe, neue Erzeugnisse und mehr Kundennähe haben. In einem großen thüringischen Automobilwerk kamen 1998 auf jeden Beschäftigten 20 Verbesserungsvorschläge. In einem großen Automobilwerk hier in Bremen sind es jährlich rund 10.000, von denen über den Daumen gepeilt rund ein Drittel umgesetzt wird. Erfolgreiche Betriebe sorgen deshalb dafür, daß ihre Mitarbeiter möglichst viel Freiraum für selbständiges Handeln und möglichst viel Mitverantwortung für die Firmenpolitik erhalten.

Das beginnt schon bei der Gestaltung der Arbeitsabläufe; es geht aber weiter mit der Beteiligung an der Entwicklung und Vermarktung: Gerade besonders erfolgreiche Unternehmen achten darauf, daß ihre Mitarbeiter mit den Kunden ins Gespräch kommen - und zwar am besten mit den anspruchsvollsten und schwierigsten Kunden - und die dabei gewonnenen Erkenntnisse in die Fortentwicklung der Produkte einbringen. In der Unternehmensforschung wird die interdisziplinäre Zusammenarbeit ermutigt, bis hin zur Finanzierung von Produktideen, die noch gar nicht ins eigene Geschäftsfeld passen - und es wird eine systematische Talentförderung und Fortbildung betrieben. Bei alledem werden die Unternehmenshierarchien immer flacher - die Struktur eines großen deutschen Softwarehauses wurde deshalb lange Zeit anerkennend als "Pfannkuchen mit zwei Rosinen" beschrieben, wobei mit den Rosinen die beiden Vorstandssprecher gemeint waren (und nicht etwa das, was sie im Kopf hatten).

Daß im Interesse des Wettbewerbserfolgs so umfassend auf die unternehmerischen Qualitäten der Mitarbeiter gesetzt werden muß, bedeutet einen wirklich epochalen Zuwachs an Mitverantwortung und Einfluß auf Seiten der Arbeitnehmer. Es ist mit Recht festgestellt worden, daß sich dieser Vorgang nicht mehr in irgendein traditionelles Links-Rechts-Schema einordnen läßt, und mit derlei ideologischem Treibholz sollten wir uns auch gar nicht mehr aufhalten. Wichtig ist allein, daß das enorme Potential, das da in vielen Unternehmen noch schlummert, in Zukunft besser und konsequenter genutzt wird.

Zweitens: Immer mehr Menschen werden für ihren Erfolg auf dem Arbeitsmarkt und für ihre gesamte Lebensgestaltung sehr viel stärker als bisher auf die Fähigkeit angewiesen sein, selbständig und eigenverantwortlich zu handeln.

Nicht nur im Berufsalltag werden unternehmerische Tugenden für jeden immer wichtiger. Unser Land kämpft mit hoher Arbeitslosigkeit. Ob das so bleiben muß, darauf komme ich gleich noch einmal zu sprechen. Das Volumen an hochproduktiver und entsprechend gut bezahlter Erwerbsarbeit nimmt jedenfalls derzeit tendenziell ab, weil - insbesondere - unsere Exportwirtschaft international nicht über die Arbeitskosten konkurrieren kann, sondern allein über Produkte, die mit viel Wissen und Kapital und mit relativ wenig Arbeitseinsatz erzeugt werden. Dagegen nimmt der Anteil von Teilzeit-, gering und befristet Beschäftigten beständig zu. In den 70er Jahren betrug er etwa ein Fünftel, in den 80ern etwa ein Viertel und in den 90ern ein Drittel aller Arbeitnehmer.

Diese Entwicklungen werfen für die sozialen Sicherungssysteme und insbesondere für die Rentenkassen ihre Probleme auf. Ich will im hier gegebenen Zusammenhang aber etwas anderes hervorheben: Die geschilderten Entwicklungen bedeuten auch, daß für immer mehr Menschen die Wahrscheinlichkeit sinkt, auf Lebenszeit einen "full-time-job" zu finden. Die berufliche Vita wird immer mehr zu einer Kette aus mehreren Anstellungen, ja aus mehreren Berufen werden. Deshalb sind Flexibilität und die Fähigkeit wichtig, neue Chancen zu erkennen und zu nutzen.

Auch die Verfügbarkeit staatlicher Daseinsvorsorge wird abnehmen. Natürlich muß es eine Absicherung der existenziellen Lebensrisiken auch weiterhin geben - wie auch immer sie genannt wird. Aber jeder wird mehr als bisher selber vorsorgen müssen. Auch das verlangt eigenständiges, selbstverantwortliches Handeln.

Weiter: Die Bedeutung der Erwerbsarbeit als Lebensmittelpunkt wird zurückgehen - der Anteil des Arbeitslebens an der Lebenszeit betrug 1910 noch zwei Drittel, im Jahr 2010 wird er nur noch bei zwei Fünfteln liegen. Eine Konsequenz daraus lautet, daß die meisten Menschen ihr Selbstbild und ihr Selbstbewußtsein immer weniger allein am Beruf und an der Karriere werden ausrichten können. Übrigens liegt hier auch eine Chance für die Familie; denn ich kann und mag nicht glauben, daß der erweiterte zeitliche Freiraum nur hedonistischen Zielen dienen wird. Die Menschen werden sich aber auch über den Familienkreis hinaus neue Bezugspunkte schaffen müssen - vom ehrenamtlichen Engagement bis zur Nachbarschaftshilfe, in der man sich gegenseitig mit Rat und Tat zur Seite steht. Auch für diese Neuorientierung außerhalb der Berufswelt kommt es für den einzelnen darauf an, selbst etwas zu unternehmen. Kurz und gut: Man kann mit Fug und Recht voraussagen, daß künftig immer mehr Menschen viel stärker zu Unternehmern ihrer eigenen Arbeitskraft und Daseinsvorsorge, ja ihres ganzen Lebens werden müssen.

Drittens: Unser Land braucht noch viel mehr mutige Unternehmensgründer, und sie müssen auch weiterhin energisch unterstützt werden.

Der beste Ausdruck unternehmerischer Tugenden ist es, sich selbständig zu machen. Neue Unternehmen spielen für die Zukunft unseres Landes eine Schlüsselrolle. Sie verjüngen im wahrsten Sinne des Wortes die Wirtschaft, denn sie bringen neue Köpfe, neue Ideen und neue Produkte ins Spiel. Und was am wichtigsten ist: Sie schaffen neue Arbeits- und Ausbildungsplätze! Allein im Jahre 1997 haben Neugründer in Deutschland rund 200.000 Arbeitsplätze geschaffen. Und die OECD hat ermittelt, daß in ihren Mitgliedstaaten rund 70 % aller Arbeitsplatzgewinne den Gründern und Mittelständlern zu verdanken sind.

Selten waren die Chancen für Unternehmensgründer so günstig wie heute. In den Biowissenschaften und in der modernen Informationstechnik zum Beispiel sind es häufig die Marktneulinge und unter ihnen gerade die kleinen und mittleren Unternehmen, die den Großkonzernen Tempo machen. "Firmen unserer Größe werden hier als Dinosaurier betrachtet," sagt der Chefwissenschaftler von Rank Xerox, und er unterstreicht aufgrund seiner Erfahrungen in den Vereinigten Staaten, daß der Erfolg schon lange nicht mehr von der Belegschaftszahl, sondern vor allem von Kreativität und schneller Umsetzung abhängt. Auch auf dem Feld der Dienstleistungen - von den Pflegeberufen bis zum Export von Ingenieurwissen für Infrastrukturvorhaben im Ausland - ist noch sehr viel Platz für Existenzgründer. Immer mehr Menschen in Deutschland wagen denn auch den Schritt in die Selbständigkeit. Ihr Anteil an der Erwerbsbevölkerung, der viele Jahre dramatisch zurückgegangen ist, steigt langsam, aber stetig wieder. Die Zahl der deutschen Biotechnologieunternehmen hat sich zwischen 1995 und 1997 sogar vervierfacht.

Und wer als Gründer mit Einsatzfreude und einem zündenden Konzept antritt, der kann mittlerweile auch auf das nötige Kapital zählen, denn der Markt und die staatlichen Förderinstrumente sind inzwischen viel besser auf die Finanzierungserfordernisse junger Unternehmen eingestellt. Dabei ist interessant, daß sich die Begrifflichkeiten ändern: Früher war immer nur von "Risikokapital" die Rede. Dann sprach man auch von "Wagniskapital". Und neuerdings heißt es immer öfter "Chancenkapital". Das mag Semantik sein, aber sie zeigt einen Einstellungswandel, und ich meine: zum Besseren.

Viertens: Die Menschen in unserem Land sind wieder bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen. Diese Bereitschaft muß ermutigt und gefördert werden.

In mittelalterlichen Verträgen finden sich für das, was heutzutage "unternehmerisches Risiko" heißt, zwei verschiedene Bezeichnungen: einerseits "Angst" und andererseits "Abenteuer". Das erste klingt für unsere Ohren nach gelähmter Erstarrung, das zweite nach Unternehmungsgeist. Läßt man die Deutschen von heute für ihre Zukunft zwischen den beiden wählen, dann entscheiden sie sich eindeutig wieder für den Unternehmungsgeist!

Die Arbeitnehmer begrüßen ein Mehr an Verantwortung am Arbeitsplatz. Gerade weil der Wunsch nach Selbstverwirklichung wichtiger geworden ist, geht es ihnen auch um berufliche Selbstentfaltung. Bei den Erziehungszielen liegt "Selbständigkeit" an der Spitze - in Westdeutschland hat sie in diesem Jahrzehnt von allen Werten am meisten an Bedeutung hinzugewonnen. Bei den jungen Leuten ist die "Null-Bock"-Ära vorbei. Ihre Hinwendung zum Ideal einer realistischen, aktiven Eigenverantwortung wird als geradezu "erdrutschartig" beschrieben. Hinzu kommt - quer durch alle Altersschichten - eine enorme Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement. Auch sie geht letztlich auf den Wunsch zurück, das Leben eigenverantwortlich und sinnvoll zu gestalten. Nur wird diese Form der Leistungsbereitschaft bislang gutteils noch gar nicht abgerufen. Offenbar verlangen wir gerade von unseren jungen Leuten weniger, als diese bereit wären zu geben.

Alle diese guten Kräfte brauchen Ermutigung. Sie muß damit beginnen, daß wir die Debatte über die Globalisierung und den weltweiten Wettbewerb versachlichen: Beide beruhen im Kern auf einem Zuwachs an Freiheit, beide werden den Wohlstand weltweit - und gerade in den bisherigen Schwellenländern - steigern, und beide sind keine ausgerechnet den Deutschen angetane Gemeinheit, sondern müssen von allen Völkern gemeistert werden.

Sodann müssen wir das Bewußtsein für die Chancen stärken, die in der unternehmerischen Freiheit und in der Herausforderung zum Wettbewerb stecken: Wenn wir uns nur selber etwas zutrauen, dann können wir für uns und unser Land aus eigener Kraft eine gute Zukunft sichern. Ich finde, das ist für mündige Menschen viel mehr wert als eine sanfte Gefangenschaft im Käfig umfassender Betreuung und Versorgung.

Und schließlich müssen wir klar machen, daß eine Gesellschaft der Selbständigkeit nicht eine Horde von Zeitgenossen ist, deren wichtigster Körperteil der Ellenbogen ist: Freiheit, auch unternehmerische Freiheit, kann immer nur wertgebundene Freiheit sein und muß sich deshalb in der Solidarität des Stärkeren mit dem Schwächeren bewähren.

Aber Ermutigung und Bestärkung des Willens zur Selbstverantwortung und Eigeninitiative reichen allein nicht.

Deshalb gilt fünftens: Wir müssen unser Land konsequent so modernisieren, daß seine Bürger auch wirklich fähig sind, mit mehr Selbständigkeit, Eigenverantwortung und Bereitschaft zum Wagnis zu leben. Dazu nur einige Stichworte:

  • Ebenso wichtig wie das erwähnte "Chancenkapital" für Unternehmensgründer ist mehr Chancenkapital für die Arbeitnehmer und die mittelständischen Unternehmen: Sie müssen von den Früchten ihrer Arbeit wieder mehr behalten dürfen, denn nur dann können sie investieren und vorsorgen. Deshalb muß die Steuer- und Abgabenlast deutlich sinken!
  • Das bedeutet, daß die Staatsquote und damit auch die Staatsausgaben gesenkt werden müssen. Das wird sicher keine vergnügungsteuerpflichtige Veranstaltung, denn es heißt auch Abschied nehmen von so mancher liebgewonnenen Subvention. Außerdem gilt es, das Dickicht von Regulierungen und Vorschriften zu lichten, die den Unternehmen und den Bürgern das Leben oft unnötig schwermachen. Das ist freilich längst keine rein nationale Aufgabe mehr, sondern ebensosehr ein dringlicher Wunsch an die Europäische Union.
  • Auch das Bildungswesen muß einen noch größeren Beitrag leisten. Der Bedarf ist riesig - beispielsweise wurde bei dem Wettbewerb "Start up" für Unternehmensgründer, über den ich die Schirmherrschaft übernommen habe, das vorzügliche Teilnehmerhandbuch binnen kurzem 50.000 mal angefordert. Die Universitäten beginnen sich auf die starke Nachfrage nach handfester Information zum Thema Selbständigkeit einzustellen. An immer mehr Hochschulen entstehen nach amerikanischem Vorbild Lehrstühle zum Thema Existenzgründung. Auch die hier in Bremen geplante Internationale Universität wird sicher ihren Beitrag zur besseren Vorbereitung unserer Akademiker auf unternehmerisches Handeln leisten, und ich wünsche dieser Institution wirklich von Herzen alles Gute.

Aber diese Vorbereitung darf nicht erst an der Universität beginnen. Sie gehört schon in den Schulunterricht. Zwar sehen überall die Rahmenrichtlinien vor, daß die Schüler an die Wirtschafts- und Arbeitswelt herangeführt werden und das nötige Rüstzeug für die Berufswahl und die eigene Haushaltsführung erhalten sollen. Aber in der Praxis hat solide wirtschaftliche Grundbildung noch Seltenheitswert, die Unterrichtsinhalte sind auf viele Fächer aufgespalten, und meist fehlt es an Gelegenheit, praktische Erfahrungen zu sammeln.

Daß es anders geht, zeigt eine Reihe von Projekten, bei denen junge Leute aus allen Schulformen eigene Unternehmen gründen und führen. Die Bilanz dieser Versuche ist weit überwiegend positiv: kreative Geschäftsideen, die nicht selten den Schulalltag verbessern - etwa weil endlich wieder Schulmilch und belegte Brötchen angeboten werden, Teamgeist und Verantwortungsbewußtsein, harte Verhandlungen mit Zulieferern und skeptischen Behörden, gelungene Werbung und sogar der Stabwechsel von der Gründergeneration zu den nachfolgenden Jahrgängen. Die Teilnehmer wollen später natürlich längst nicht alle Unternehmer werden. Aber für alle ist es ein Gewinn, durch eigenes Handeln am eigenen Leibe zu erfahren, wie unsere Wirtschaftsordnung funktioniert und welche Chancen selbständiges Handeln eröffnet.

Ein Schülerunternehmen an der 3. Mittelschule Bautzen erzielte 1996 einen stattlichen Reingewinn. Ein Teil wurde als Dividende ausgezahlt, bewährte Mitarbeiter erhielten eine Gratifikation, und es wurden Rücklagen gebildet. Die Aktionärsversammlung beschloß aber auch, daß 10 % des Gewinns für einen guten Zweck eingesetzt werden sollten. Die Schüler haben ein Geschenk gekauft und es einer schwer erkrankten Mitschülerin gebracht...

Und genau das gehört eben auch zum Lernziel Soziale Marktwirtschaft - daß Leistung, Erfolg und Freigebigkeit für Mitmenschen, die in Not sind, zusammengehören. Die Bremer haben diesen Zusammenhang stets verstanden und mit Leben erfüllt. "Aus Freigebigkeit von Kaufleuten und Schiffern", so lautet die Inschrift am Portal des Seefahrtshofes. Die Freie Hansestadt Bremen - die nach meiner Überzeugung nicht aufgelöst werden muß! - hat viele stolze Traditionen. Die Schaffermahlzeit, die aus der Verbindung von unternehmerischer Tugend und sozialer Verantwortung entstand, ist eine der besten.

- Es gilt das gesprochene Wort. -