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Rede von Bundespräsident Roman Herzog auf dem IT-Forum

Zukunftsforscher haben Hochkonjunktur, und die Jahrtausendwende trägt zusätzlich dazu bei, die Phantasie der Menschen zu beflügeln. Wie schon bei früheren Wechseln des Jahrhunderts ist das Anlaß für Hoffnung als auch für Angst. So fürchteten die Menschen früher Pest und Cholera oder andere Strafen Gottes, wenn nicht gar den Weltuntergang. Heute, in unserer durch und durch vom Computer abhängigen Welt, fürchten wir uns vor dem - wie es neuhochdeutsch so schön heißt- "millenium bug", der Unverdaulichkeit der Jahreszahl 2000 für die Software unserer künstlichen Gehirne. Ganze Heerscharen von Programmierern sind zur Zeit damit beschäftigt, das neue Jahrtausend nicht mit einem Computercrash beginnen zu lassen. Ich bin aber von Natur aus Optimist und deshalb fest überzeugt, daß auch am 1. Januar 2000 Flugzeuge fliegen, Fahrstühle fahren und die Guthaben - ich fürchte: auch die Defizite - auf unseren Bankkonten vorhanden sein werden.

Daß wir heutzutage unsere "Jahrhundertängste" mit Computern verbinden, ist psychologisch leicht zu erklären. Von kaum einem anderen Gegenstand hängt das Funktionieren unseres Alltags mittlerweile so sehr ab wie von den kleinen Siliziumchips, ohne daß wir - abgesehen von ein paar Spezialisten - wirklich verstehen könnten, was sich auf den mikroskopisch feinen Leiterbahnen abspielt. Es ist vielleicht ganz beruhigend zu wissen, daß auch in früheren Zeiten der technische Fortschritt Ängste ausgelöst hat, die späteren Generationen unbegreiflich sind: Man denke an die Angst vor der Geschwindigkeit, die es bei der Einführung der Eisenbahn gab, oder an die Angst vor den alles durchdringenden elektromagnetischen Wellen des Rundfunks. Übrigens lohnt es sich auch, einmal nachzulesen, welche Prognosen qualifizierte Wissenschaftler am Ende des 19. Jahrhunderts gemacht haben. Wernher von Siemens beispielsweise glaubte damals nicht einmal daran, daß die Glühbirne je das Gaslicht würde verdrängen können, und einen regulären Flugverkehr über den Atlantik konnten sich damals höchstens einige Phantasten vorstellen, die niemand so recht ernst nahm.

Der Vergleich der Sorgen und Prognosen jener Zeit mit der tatsächlichen Entwicklung zeigt zwei Dinge ganz deutlich:

  • Erstens hat die technische Entwicklung die kühnsten Vorhersagen meist weit übertroffen. Wer den Pionieren des Industriezeitalters unsere heutige Welt beschrieben hätte, wäre vor hundert Jahren als neuer Münchhausen verspottet worden.
  • Zweitens: Viele der Sorgen, die man sich damals machte, haben sich im nachhinein als falsch erwiesen.

So nimmt der Mensch nicht - wie man damals befürchtete - dauerhaften psychischen Schaden, wenn er sich in motorgetriebenen Fahrzeugen schneller als mit 25 Kilometern pro Stunde bewegt. Und die durch die neuen Technologien ausgelöste Industrielle Revolution hat auch nicht zwangsläufig zu Massenarbeitslosigkeit und Armut geführt, wie manche Auguren jener Tage prophezeiten. Im Gegenteil: Sie eröffnete uns - eine in der Menschheitsgeschichte noch nie dagewesene Chance auf Wohlstand für alle. Allerdings war das eine Perspektive, die nur unter der Voraussetzung eines freiheitlichen gesellschaftlichen Ordnungsrahmens, der sozialen Marktwirtschaft, Realität werden konnte.

Im Rückblick erkennt man, daß die wirklichen Gefahren der ersten industriellen Revolution in Wirklichkeit von versäumten gesellschaftlichen Erneuerungen ausgingen. Wo soziale und politische Reformen mit dem technischen und in dessen Folge dem ökonomischen Wandel nicht mithielten, dort waren gefährliche Krisen programmiert. Der Rückblick zeigt: Deutschland befand sich schon am Ende des 19. Jahrhunderts in einem enormen Reformstau, auch wenn das Wort damals noch unbekannt war.

Wir sollten uns deswegen nicht nur mit den technischen Perspektiven des Informationszeitalters befassen, sondern auch mit ihren Konsequenzen für die Gesellschaft. Bei der letzten Cebit, die zu eröffnen ich das Vergnügen hatte, stand ein Mikrowellenherd mit eingebautem Internet-Anschluß im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Das mag ja eine ganz nützliche Angelegenheit sein, aber sie darf uns nicht von den wahren Dimensionen der informationstechnischen Revolution ablenken.

Das Informationszeitalter verspricht neue Märkte, Ausweitung des Welthandels und neue Produktivitätssprünge. Neues Wachstum, neue Arbeitsplätze, Fortschritte in der Medizin, in der Verkehrstechnik, im Umweltschutz werden möglich. Es trägt in sich den Kern für neue Freiheiten und neuen Wohlstand, so wie frühere industrielle Revolutionen auch. Alle diese Versprechen sind aber nicht selbstverständlich; wir werden schon etwas tun müssen, um die Früchte des Informationszeitalters zu ernten und seinen Gefahren zu trotzen.

Wenn ich vom Informationszeitalter rede, so meine ich damit nicht in erster Linie Äußerlichkeiten wie den Einzug des PC in die privaten Wohnzimmer oder die unaufhaltsame Vermehrung der Fernseh-Kanäle. Denn wie einst bei der Erfindung des Buchdrucks, von Dampfmaschine und Elektrizität gehen die Wirkungen der technologischen Revolution tiefer und weiter.

Wir müssen uns umfassend mit der Frage beschäftigen, wie wir in der Informationsgesellschaft leben, lernen und arbeiten wollen. Da ist zunächst die Sorge in den Betrieben, daß scheinbar unaufhaltsam immer mehr Arbeitsplätze der Konkurrenz des "Kollegen" Computer zum Opfer fallen. Darauf müssen wir den Menschen eine Antwort geben; denn das Informationszeitalter darf nicht ein Zeitalter der Massenarbeitslosigkeit werden. Im Grunde geht es hier um eine ähnliche Herausforderung wie bei der ersten Industriellen Revolution, als die Erfindung des mechanischen Webstuhls die Weber brotlos machte. Es ist keine einfache Aufgabe den Menschen zu erklären, daß die neuen Technologien mehr Arbeitsplätze schaffen können, als zugleich verlorengehen, wenn - ich wiederhole : wenn - wir die Weichen richtig stellen. Es geht also um nicht mehr und nicht weniger als den Aufbau einer "sozialen Marktwirtschaft für das Informationszeitalter".

Aber eines können wir nicht: Wir können das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen und den technologischen Fortschritt ungeschehen machen. Die zeitgleiche Verfügbarkeit von Wissen, wie sie die neue Technik selbstverständlich macht, hat unsere Wirtschaft in neue Dimensionen des Wettbewerbs geführt, und wir haben noch gar nicht erkannt, was da auf uns zu kommt. Was heißt es beispielsweise für den Buchhandel, daß man künftig jede Neuerscheinung bequem vom Wohnzimmer aus bestellen kann? Oder, daß das einzelne Buch als "book on demand" erst gedruck wird, wenn ein Käufer es ordert? Und was heißt es für das Filialnetz der Banken, was bedeutet es für die Reisebüros, daß man deren Geschäfte genauso gut am heimischen PC erledigen kann, und das rund um die Uhr?

Die Diskussion um das Ladenschlußgesetz erscheint vor diesem Hintergrund seltsam antiquiert. Und auch die langsam in Gang kommende Debatte über unser Bildungssystem dreht sich angesichts neuer Studienangebote im Internet meist noch um alte Themen. Statt dessen stellen sich aber ganz neue Fragen: Wo kann der Staat noch mit der Besteuerung ansetzen, wenn man ein Flugticket, die Aufnahme einer Mozartoper oder die neueste Software irgendwo auf der Welt direkt über das Internet ordern kann? Wenn Dienstleistungen durch den Telefondraht ins Haus geliefert werden? Der Server, der den Auftrag entgegennimmt, steht dann ja vielleicht auf den Fidschi-Inseln.

Von Gesetzesmaterien wie dem Verbraucherschutz, dem Schutz des geistigen Eigentums, der Produkthaftung oder dem Datenschutz will ich in diesem Zusammenhang gar nicht erst reden. Sie sind aber wichtig und müssen den Realitäten des neuen Zeitalters ebenfalls angepaßt werden. Denn: die soziale Marktwirtschaft, so haben wir in den letzten 50 Jahren gelernt, funktioniert nicht ohne den richtigen Ordnungsrahmen.

Ein solcher Ordnungsrahmen aber, der die Regeln des freien und fairen Wettbewerbs festlegt, wird im Informationszeitalter nicht mehr allein von den Nationalstaaten gesetzt werden können. Wir sollten uns über die Möglichkeiten, durch nationale Gesetzgebung unsere Gesellschaft künftig zu gestalten, keine Illusionen machen: Bits und Bytes, so weiß man, nehmen keine Rücksicht auf nationale Grenzen. Wie soll zum Beispiel ein einzelner Staat noch sein Medienrecht durchsetzen, wie die Pluralität der Meinungen sicherstellen, wenn sein Einfluß auf sein Territorium beschränkt ist, Texte und Bilder aber irgendwo im weltweiten Netz generiert werden können? Wo ist das Weltkartellamt, das das Entstehen von Monopolen auf den globalen Märkten verhindern kann?

Die Spielregeln der sozialen Marktwirtschaft werden in Zukunft zum großen Teil international vereinbart werden müssen. Umgekehrt heißt das: Wir müssen möglicherweise auch auf den Versuch verzichten, durch ein immer komplizierter werdendes Geflecht nationaler Vorschriften jeden Einzelfall optimal zu regeln.

Der Staat mit seinen - teilweise noch von der Gedankenwelt des 19.Jahrhunderts geprägten - Verwaltungsstrukturen wird sich folgerichtig ebenfalls nach neuen Organisationsformen umschauen müssen. Jederzeit verfügbare Information verträgt sich nicht mit steilen Hierarchien und mit zentralisierter Führung, die nach dem Grundsatz des Herrschaftswissens arbeiten. Wer als passiver Befehlsempfänger nur auf Anweisungen von oben wartet, verschenkt sein kreatives Potential. Die kameralistische Buchführung der öffentlichen Verwaltung hat ebensowenig eine Zukunft wie die scheinbar in Erz gegossenen Ochsentouren der Staatsdiener. Dezentrale, multinationale Strukturen erweisen sich im neuen Zeitalter umfassender und gleichzeitiger Information als überlegen.

In der Politik, in der Wirtschaft, in den wissenschaftlichen Organisationen machen wir dieselbe Erfahrung: Die immer komplexer werdenden, immer stärker in sich vernetzten Systeme sind zentral nicht mehr steuerbar. Sie ahnen, welche politischen Debatten von heute sich hinter dieser Beobachtung verbergen: Ich nenne nur die Auseinandersetzung um mehr Subsidiarität in Europa und die Diskussion über die Zukunft des Föderalismus in Deutschland.

Vor allem unser Ausbildungssystem gerät im Informationszeitalter unter einen gewaltigen Veränderungsdruck. Das Internet verändert die gesamte Welt des Wissens. Nicht mehr die Beschaffung von Information, sondern das "Wissensmanagement", die Auswahl und Bewertung der Informationen sind das Problem. Manche befürchten sogar, daß die Überfütterung mit Information zu einem Verlust an Selbsterfahrung führen könnte, daß die Vermittlung sinnstiftender Werte in dieser Kakophonie also gar nicht mehr durchdringen kann. Wenn wir von Kindesbeinen an einer ungeheuren Datenflut - manche sprechen schon vom Datenmüll - ausgesetzt sind, wird der Umgang mit Information tatsächlich zu einer zentralen Fähigkeit, die zu vermitteln eine wichtige Aufgabe ist. Und niemand kann heute noch erwarten, daß in Zukunft das im ersten Lebensdrittel erworbene Wissen ein Leben lang trägt. Unsere Arbeitswelt verändert sich mit zunehmender Geschwindigkeit und entsprechend verändern sich die geforderten Qualifikationen. Es geht um den Umbau unseres gesamten Bildungswesens zu einem flexiblen System lebenslangen Lernens.

Vor uns liegt eine Zeit, in der Wissen und Kreativität die wirklich knappen Güter in der globalen Ökonomie sein werden. Wo früher Rohstoffe und menschliche Arbeitskraft die das Wachstum limitierenden Faktoren waren, dort ist es heute die Fähigkeit, Wissen und Kreativität zu produzieren. Unser Bildungssystem wird auf lange Sicht zum entscheidenden Faktor im Wettbewerb der Nationen werden.

Im 21.Jahrhundert werden wir daher unsere nationalen Strukturen erneuern und regionale und globale Institutionen ausbauen müssen. Der Siegeszug der Chips, der durch die Informati-onstechnik ausgelöste Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft verlangt in der Konsequenz also eine neue Qualität politischer Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit. Denn es geht um mehr als nur um eine neue Technik, mit neuen Bequemlichkeiten und neuen Konsumprodukten. Es geht um tiefgreifende Veränderungen der Lebens- und Arbeitswelt, die neue Spielregeln der Gesellschaft fordern und alte überflüssig machen, die einen neuen Aufbruch in der Bildungspolitik notwendig machen. Mit einem Wort: Unser Land muß sich ganz bewußt fit machen für die neue Zeit.

Damit bin ich beim Stichwort: "Fit fürs Informationszeitalter" nennt sich die Initiative, zu der sich eine Reihe führender deutscher Unternehmen der Informations- und Kommunikationsbranche zusammengefunden haben. Wir werden heute in der Ausstellung noch im Einzelnen studieren können, wie die Zusammenarbeit der Unternehmen mit Lehrern, Schülern und Kultusministerien funktioniert hat und wie man Existenzgründern unter die Arme hat greifen können. Lassen Sie mich an dieser Stelle nur grundsätzlich anmerken: Wir können die Verantwortung für den Sprung in die Informations- und Wissensgesellschaft nicht allein beim Staat abladen, ebenso wenig aber beim Einzelnen. Es handelt sich hier zum Teil auch um eine Verantwortung der Wirtschaft.

Ich erinnere daran, daß die soziale Verpflichtung des Eigentums einer der Grundpfeiler des wirtschaftlichen Erfolgs unseres Systems ist. Im Informationszeitalter haben die Unternehmen auch eine Mitverantwortung für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Ich finde es daher richtig, wenn - zum Beispiel - eine Computerfirma mit hilft, Lehrer beim Umgang mit der neuen Technik fortzubilden. Und ich finde es durchaus sozial, wenn man Schulen, aber auch älteren Menschen, denen sonst die Mittel oder Möglichkeiten fehlen, den Zugang zum Internet ermöglicht.

Ich wünsche mir also eine neue "Partnerschaft für den Wandel", eine Partnerschaft für das Informationszeitalter, die Bürger, Staat und Unternehmen zusammenbringt. Die heutige Veranstaltung ist ein Beispiel dafür.

- Es gilt das gesprochene Wort. -