Bundespräsident Steinmeier schreibt dem Präsidenten der Französischen Republik zum Mord an Samuel Paty

Schwerpunktthema: Pressemitteilung

20. Oktober 2020


Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat dem Präsidenten der Französischen Republik, Emmanuel Macron, zum Mord an Samuel Paty geschrieben:

Der feige Mord an Samuel Paty in Conflans-Sainte-Honorine am Freitag hat mich wie unzählige meiner Landsleute tief erschüttert und bewegt.

Dass ein Lehrer aufgrund seines Unterrichts über die Meinungs- und Pressefreiheit ins Fadenkreuz von Extremisten gerät und Opfer einer solch abscheulichen Gewalttat wird, ist in höchstem Maße verstörend und rührt an den Grundfesten unserer freiheitlichen Gesellschaften.

Unsere Gedanken sind in diesen schweren Stunden und Tagen bei den Angehörigen des Opfers, bei seinen Schülerinnen und Schülern und bei allen Lehrerinnen und Lehrern der Französischen Republik. Ich möchte Ihnen versichern, Deutschland steht fest an der Seite Frankreichs im Kampf gegen Terrorismus und Extremismus und gegen eine gesellschaftliche Spaltung, auf deren Nährboden nur Hass und Gewalt gedeihen.

Ich habe mit großer Aufmerksamkeit und Sympathie Ihre Rede vom 2. Oktober verfolgt, in der Sie Ihre Agenda gegen islamistische Radikalisierung und den gesellschaftlichen Separatismus vorstellen. Unsere offenen Gesellschaften tun sich nicht leicht im Umgang mit radikalen Extremisten, die unsere Freiheiten für sich ausnutzen, um eben diese zu untergraben und zu bekämpfen. Wir stehen dabei vor der großen Herausforderung, Freiheit zu bewahren und gleichzeitig Sicherheit zu gewährleisten. Diese Balance von Freiheit und Sicherheit ist gerade im religiösen Umfeld besonders schwierig, denn sie berührt den Kern unserer Identitäten und Verfassungen. Der von Ihnen skizzierte Weg stärkerer gesetzlicher Regelungen und eines parallelen Angebots der Kooperation unter Einbeziehung aller gesellschaftlichen Gruppen anstelle von Ausgrenzung und Stigmatisierung stellt sich dieser komplexen Herausforderung.

Ich wünsche Ihnen und dem französischen Volk auf diesem Weg gutes Gelingen. Sie gehen ihn nicht allein. Wir alle sind dafür verantwortlich, für Toleranz und Meinungsfreiheit einzustehen. So kostbar unsere Grundwerte sind, so zerbrechlich sind sie auch, wenn wir sie nicht unserer Jugend lebendig vermitteln können. Es ist mir ein besonderes Anliegen, dass Deutschland und Frankreich zu diesen Themen im Gespräch bleiben, um voneinander zu lernen und gemeinsam den Werten der Aufklärung auch in Zukunft Geltung zu verschaffen.